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Berufslehre bietet bessere Lohnaussichten für Männer

Fallen Personen mit Berufsbildung dem Strukturwandel zum Opfer, weil ihr Wissen zu spezifisch ist und einen Jobwechsel erschwert? Durchgehend hohe Erwerbsquoten sprechen dagegen. Bei den Löhnen ist das Bild komplexer – vor allem bei den Frauen.

Eine Matura lohnt sich für Mädchen: Sie verdienen damit mehr als mit einem Lehrabschluss. (Bild: Keystone)

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Eine Lehre bereitet Jugendliche gut auf den Beginn ihrer Berufslaufbahn vor. Doch vor dem 20. Altersjahr erworbene, berufsspezifische Kompetenzen können sich bei einem 50-Jährigen als obsolet erweisen. Ein Vergleich mit Personen mit gymnasialer Matura zeigt, dass Personen mit einer Berufslehre nicht vom technologischen Wandel überrollt werden: In allen Altersgruppen ist die Arbeitslosenquote der Personen mit einem Lehrabschluss niedrig. Bei den Löhnen zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Bei den Männern mit Berufsbildung wachsen die Löhne zwar weniger schnell als bei Gleichaltrigen mit Matura, dennoch liegt ihr kumulierter Lohn über die gesamte Erwerbskarriere 3 bis 7 Prozent höher. Anders bei den Frauen: Hier liegt der kumulierte Lohn mit gymnasialer Matura rund 5 bis 8 Prozent höher als mit Berufslehre.

Länder mit einem gut ausgebauten Berufsbildungssystem haben tendenziell eine niedrigere Jugendarbeitslosigkeitsquote als Länder, die stärker auf Allgemeinbildung setzen. Offensichtlich bereitet die Lehre Jugendliche gut auf den Anfang ihrer Berufslaufbahn vor. Weniger klar ist, ob dies auch danach der Fall ist. Berufsspezifische Kompetenzen, die man vor dem 20. Altersjahr erworben hat, können sich im Alter von 50 Jahren als obsolet erweisen.

Untersucht man die Beschäftigungs- und Lohnaussichten einer Lehre während der gesamten Berufslaufbahn in der Schweiz, stehen sich zwei Hypothesen gegenüber: Die erste schreibt einem guten Einstieg in den Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle zu. Denn dank dem Erlernen eines Berufs erleichtert eine Lehre den Zugang zu einer ersten Anstellung. Im Vergleich dazu ist das Risiko, nach Abschluss einer Allgemeinbildung arbeitslos zu werden, höher. Zudem kann eine lange Periode der Arbeitslosigkeit auch in den folgenden Etappen des Lebenslaufs Spuren hinterlassen: durch den Verlust des Selbstvertrauens, eine Abwertung des Humankapitals sowie eine geringere Bereitschaft zu arbeiten.

Die zweite Hypothese sieht hingegen Nachteile in einer Berufslehre, denn berufsspezifisches Wissen erschwert es, mit einem schnellen technologischen Wandel mitzuhalten.[1] Die Bildungspläne der Lehren werden für spezifische Berufe wie etwa Uhrmacher, Innendekorateure oder Milchtechnologen entwickelt. Doch die Durchlässigkeit zwischen diesen verschiedenen Lehren ist begrenzt. So hinkt die Berufsbildung in der Schweiz dem Strukturwandel hinterher: In der Industrie und im Bau, wo die Beschäftigung seit 25 Jahren kaum wächst, beläuft sich der Anteil der Lehrlinge auf 12 Prozent. Im Dienstleistungssektor, wo die Beschäftigung kontinuierlich zunimmt, machen Lehrstellen nur 4 Prozent aus.[2] Grundsätzlich bilden die Unternehmen ihre Lehrlinge für die spezifischen, momentanen Anforderungen aus und nicht für Aufgaben, die sich erst in Zukunft stellen.

Die zwei Hypothesen lassen sich mittels der Lohn- und Beschäftigungsentwicklung für die unterschiedlichen Bildungsniveaus während der Erwerbskarriere testen. Die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (Sake) und das Schweizer Haushalt-Panel (SHP) bieten entsprechende Daten dazu (siehe Kasten).

Beschäftigungsaussichten über die gesamte Berufslaufbahn gut

Eine Berufslehre erleichtert den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Tatsächlich hat keine andere Bildungsgruppe zwischen 20 und 30 Jahren bei den Männern und zwischen 20 und 25 Jahren bei den Frauen eine höhere Erwerbs- und eine niedrigere Arbeitslosenquote (siehe Abbildung 1). Ganz offensichtlich entsprechen die beruflichen Kompetenzen der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und ermöglichen so einer Mehrheit der Personen, die eine Lehre abgeschlossen haben, schnell eine Stelle zu finden.

Eine Berufslehre erleichtert jedoch nicht nur den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Personen mit einer Lehre werden auch in der zweiten Hälfte ihrer Erwerbskarriere nicht vom technologischen Wandel überrollt. In allen Altersgruppen ist die Erwerbsquote hoch und die Arbeitslosenquote niedrig. Ihre Beschäftigungsaussichten sind bis Anfang 30 besser als jene der Leute mit gymnasialer Matura – und sie bleiben auch danach mindestens ebenso gut.

Abb. 1: Erwerbsquote nach Alter und Ausbildung

Anmerkung: Die Abbildung zeigt nur Wochenpensen von 20 Stunden oder mehr.

Quelle: Sake 1991–2014, eigene Berechnungen Korber und Oesch (2016) / Die Volkswirtschaft

Schlechtere Lohnentwicklung als bei Personen mit Matura

 

Bis zum Alter von 26 Jahren für die Frauen und 33 Jahren für die Männer verdienen Erwerbstätige mit einer Berufslehre höhere Jahreslöhne als Gleichaltrige mit einer gymnasialen Matura (siehe Abbildung 2). Nach diesem Alter findet eine Trendwende statt, und die Jahreslöhne der Gruppe mit nur einer Matura – und folglich ohne Tertiärausbildung – steigen schneller. Im Alter von 45 Jahren liegt der Medianlohn mit Matura bei den Männern um 12 Prozent und bei den Frauen um 14 Prozent höher als mit beruflicher Grundbildung. Im Laufe der Erwerbskarriere vergrössert sich dieser Abstand noch stärker: Im Alter von 60 Jahren liegt der Medianlohn mit Matura bei den Männern um 39 Prozent und bei den Frauen um 62 Prozent höher.

Personen mit einer Berufslehre müssen ihre Kollegen mit einer gymnasialen Matura keineswegs um ihre Beschäftigungsaussichten beneiden. Ihre Karrieren verlaufen jedoch bezüglich Lohnanstiegs weniger günstig. Dieses Ergebnis bestätigt sich auch dann, wenn wir Berufslehren nach verschiedenen Sektoren unterscheiden – und erst recht, wenn wir statt der Jahreslöhne die Stundenlöhne vergleichen.[3]

Abb. 2: Jährlicher Medianlohn nach Alter und Ausbildung

Anmerkung: Der Medianlohn wurde zu Preisen von 2011 berechnet.

Quelle: Sake 1991–2014, eigene Berechnungen Korber und Oesch (2016) / Die Volkswirtschaft

Kumulierte Löhne nur bei Männern höher

Für die Berufslehre steht die etwas höhere Wahrscheinlichkeit, erwerbstätig zu sein, dem etwas schwächeren Lohnanstieg gegenüber. Mittels kumulierter Löhne lassen sich diese beiden gegensätzlichen Effekte verrechnen, denn sie gewichten die Löhne mit der Wahrscheinlichkeit, beschäftigt zu sein. Über die Erwerbskarriere hinweg eröffnet eine Berufslehre Männern einen leichten Vorteil bei den kumulierten Löhnen. Gemäss den Daten der Sake entspricht dieser Vorteil einem Plus von 3 Prozent. Nach den Daten des Schweizer Haushalt-Panels (SHP) sind es sogar 7 Prozent. Umgekehrt liegen die kumulierten Löhnen bei Frauen mit gymnasialer Matura höher als bei Frauen mit Berufsbildung. Gemäss der Sake liegen die Löhne rund 5 Prozent höher. Gemäss der SHP sind es sogar 8 Prozent.

Bei den Männern kann eine gymnasiale Matura folglich den Einstiegsvorteil, den die Berufsbildung auf dem Arbeitsmarkt bietet, nicht ganz ausgleichen. Bei den Frauen ist es umgekehrt: Inhaberinnen einer Matura überholen ihre Kolleginnen mit Berufslehre bezüglich ihrer kumulierten Löhne.

Berufslehre bringt Männern mehr als Frauen

Unsere Ergebnisse widersprechen der Hypothese, dass Erwerbstätige mit einer Berufsbildung Opfer des Strukturwandels werden: Für alle Alterskategorien sind die Arbeitslosenquoten für Personen mit beruflicher Grundbildung niedrig, und ihre Erwerbsquote bleibt auch nach dem 50. Altersjahr hoch. Das Erlernen eines spezifischen Berufs stellt in der Schweiz kein Risiko für die langfristige Beschäftigungsfähigkeit dar. Personen mit einer gymnasialen Matura haben keine höhere Wahrscheinlichkeit, nach 50 beschäftigt zu sein, als Personen mit einer beruflichen Grundbildung.

Weniger gut ist die Bilanz der Berufslehre bei den Löhnen: Zwar erleichtert sie den Einstieg in den Arbeitsmarkt, doch eine alleinige gymnasiale Matura führt während der Erwerbskarriere zu einem steileren Lohnanstieg. Im Durchschnitt verläuft der Lohnanstieg nach einer Berufslehre deutlich flacher als mit einer Allgemeinbildung auf Sekundarstufe II. Die Achillesferse der beruflichen Grundbildung ist somit nicht die Beschäftigungsfähigkeit, sondern die Entwicklung der Löhne im Laufe der Erwerbskarriere.

Ein weiteres beachtenswertes Ergebnis betrifft die Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Gewichtet man die Löhne mit der Wahrscheinlichkeit, beschäftigt zu sein, so zeigt sich, dass für die Männer eine berufliche Grundbildung ebenso vorteilhaft ist wie eine gymnasiale Matura. Für die Frauen sind im Gegenteil die kumulierten Löhne über die Erwerbskarriere hinweg bei einer Matura klar höher als bei einer Berufslehre. Das schweizerische System der Berufslehren eröffnet folglich Männern Perspektiven, die auf lange Frist denjenigen der gymnasialen Maturität mindestens gleichwertig sind. Für Frauen ist die Matura jedoch vorteilhafter. Diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern schlagen sich auch in der Entwicklung der Maturitätsquote nieder: 1990 zogen die Frauen mit einer Maturitätsquote von 13,5 Prozent erstmals mit den Männern gleich. Seither ist die Quote bei den Frauen kontinuierlich gestiegen und erreicht heute 23,5 Prozent. Bei den Männern stagniert sie hingegen bei 17 Prozent. Frauen schätzen die Rendite einer Allgemeinbildung höher ein als die einer Berufsbildung zum Zeitpunkt, in dem sie sich für eine nachobligatorische Ausbildung entscheiden.[4] Unsere Ergebnisse zu den Löhnen deuten darauf hin, dass diese Einschätzung korrekt ist.

  1. Hanushek et al. (2017). []
  2. Sheldon (2008). []
  3. Korber und Oesch (2016). []
  4. Glauser (2015). []

Doktorandin am Institut für Sozialwissenschaften, Universität Lausanne

Professor für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lausanne

Die Studie im Detail

Die Analyse basiert auf den 24 Erhebungen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) von 1991 bis 2014, die in einer einzigen Datenbank zusammengeführt wurden. Dies ergibt insgesamt 323’850 Einzelbeobachtungen und etwa 7000 Beobachtungen pro Altersjahr (von 20 bis 64 Jahren). Um die Robustheit unserer Resultate zu erhöhen, reproduzieren wir die Ergebnisse mit den Längsschnittdaten des Schweizer Haushalt-Panels (SHP) 1999–2013. Unser Augenmerk liegt auf Personen, deren höchstes Ausbildungsniveau auf Sekundarstufe II liegt – und folglich nicht über eine Berufslehre oder die gymnasiale Matura hinausgeht. In der Schweiz trifft das auf die Hälfte der Bevölkerung zu.

Literatur

  • Glauser, D. (2015). Berufsausbildung oder Allgemeinbildung? Soziale Ungleichheiten beim Übergang in die Sekundarstufe II in der Schweiz. Wiesbaden: Springer.
  • Hanushek, E. A., Schwerdt, G. Woessmann, L., und Zhang, L. (2016). General Education, Vocational Education, and Labor-Market Outcomes over the Life-Cycle, in: Journal of Human Resources, doi: 10.3368/jhr.52.1.0415-7074R.
  • Korber, M. and Oesch, D. (2016). Does Vocational Training Give a Happy Start and a Lousy End to Careers? Employment and Earnings over the Life Course, LIVES Working Papers.
  • Sheldon, G. (2008). Die Rolle der Berufsbildung in der Bekämpfung des Fachkräftemangels. Basel: Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik der Universität Basel.

Doktorandin am Institut für Sozialwissenschaften, Universität Lausanne

Professor für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lausanne