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Berufsbildung: Das Erfolgsrezept der Schweiz

Das Schweizer Berufsbildungssystem kann sich international zu Recht sehen lassen: In einem neuen KOF-Index, der die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren der Arbeitswelt und der Bildung misst, erzielt das Land hohe Werte. Dennoch gibt es Verbesserungspotenzial – beispielsweise bei den systematischen Firmenbefragungen.

Praxisnähe ist eine ausschlaggebende Zutat des Schweizer Bildungssystems. (Bild: Alamy)

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Die Berufsbildung der Schweiz rückt stärker in den Fokus ausländischer Staaten. Diese möchten verstehen, warum die Schweiz die Jugend erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert. Dabei wird oft die Verbundpartnerschaft, also die Koppelung zwischen Akteuren des Bildungs- und des Beschäftigungssystems, als wichtige Determinante für die Qualität von Berufsbildung genannt. Allerdings besteht wenig Evidenz zur Frage, wie und wo Akteure aus dem Beschäftigungssystem sich im Bildungsprozess beteiligen sollten. Der «KOF Education-Employment Linkage Index» basiert auf einem neuen Ansatz, der die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteurgruppen in Berufsbildungsprozessen misst. Dadurch soll eine Diskussion über Stärken und Schwächen der Berufsbildungssysteme angeregt werden. Die Forschungsergebnisse zeigen: Die Schweiz steht im internationalen Vergleich insgesamt sehr gut da. Verbesserungspotenzial gibt es beispielsweise bei der Verfügbarkeit von Information bezüglich der Auswirkungen von Ausbildungen auf dem Arbeitsmarkt.

Das internationale Interesse am dualen Bildungssystem der Schweiz ist gross. Ausschlaggebend für den Erfolg ist nicht zuletzt die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Berufsschulen. Was bedeutet diese «Koppelung» von Akteuren des Arbeitsmarktes und der Berufsbildung? Wie kann sie gemessen werden? Antworten liefert der «KOF Education-Employment Linkage Index»: Er basiert auf einem systemtheoretischen Ansatz und misst die Koppelungsintensität anhand einer Expertenbefragung in ausgewählten Ländern.

Die Koppelung der Bildungs- und Beschäftigungssysteme bezieht sich auf die Qualität der Kommunikation zwischen den jeweiligen Akteuren. Daraus ergibt sich eine Relation zwischen dem Machtverhältnis von Bildungs- respektive Beschäftigungssystem und der Koppelungsintensität. Wenn das Bildungssystem alleine für Berufsbildung zuständig ist, stimmen die in der Berufsbildung erlernten Fähigkeiten nicht mit der im Beschäftigungssystem nachgefragten Fähigkeiten überein, sodass ein sogenannter Skills Mismatch entstehen kann.[1] Wenn hingegen das Beschäftigungssystem alle Macht aufweist, kippt die Balance, und es werden zu einseitig firmenspezifische Fähigkeiten vermittelt. Folglich ist die Koppelungsintensität am höchsten, wenn Bildungs- und Beschäftigungssystem die Macht teilen, indem die Kommunikation zwischen den beiden Systemen optimiert wird.

Um die Koppelungsintensität zu messen, müssen die Prozesse identifiziert werden, in denen Akteure des Bildungs- und Beschäftigungssystems miteinander kommunizieren können und sollen. Dafür wird das Konzept einer Wertschöpfungskette über den Bildungsprozess hinweg verwendet. Diese sogenannte Curriculum Value Chain unterteilt den Bildungsprozess in drei Phasen: In der ersten – der Designphase – werden der Lerninhalt, die Qualifikationsstandards sowie die Prüfungsform definiert. In der darauf folgenden Anwendungsphase findet die Ausbildung statt. Daraus resultieren beobachtbare Ergebnisse im Arbeitsmarkt, welche schliesslich in der dritten Phase, der Feedbackphase, in den Bildungsprozess einfliessen.

Koppelungsintensität anhand von 11 Prozessen gemessen

Das Konzept erlaubt es, in jeder Phase der Wertschöpfungskette die für die Koppelungsintensität relevanten Bildungsprozesse zu identifizieren (siehe Abbildung 1). So werden in der Designphase die Prozesse untersucht, durch welche die Ausbildungsinhalte und die Prüfungsform definiert werden. Zudem wird die Qualität der Koppelung geprüft, zum Beispiel anhand des Anteils repräsentierter Firmen und ob einzelne Firmen involviert sind oder ob Organisationen der Arbeitswelt die Informationen von Firmen aggregiert einbringen.

Abb. 1: Prozesse in den drei Phasen einer Wertschöpfungskette (mit Beispielen)

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Die Anwendungsphase enthält insgesamt sechs Prozesse: Die ersten beiden erfassen, wie wichtig der Arbeitsplatz als Lernort ist und wie die Qualität der Ausbildung am Arbeitsplatz sichergestellt wird. Drei weitere Prozesse messen, inwieweit sich Akteure des Beschäftigungssystems in der schulischen Ausbildung einbringen können. Dies kann durch Kostenteilung, durch Lehrpersonen oder durch das Einbringen von Ausrüstung wie zum Beispiel Maschinen und Werkzeuge geschehen. Der letzte Prozess erfasst, inwieweit Prüfungen sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Schule durchgeführt werden.

In der Feedbackphase wird schliesslich geprüft, inwiefern gute Informationen zur Auswirkung von Ausbildungen auf die Arbeitsmarktsituation von Jugendlichen vorliegen. Dies gewährleistet eine evidenzbasierte Überarbeitung der Curricula. Ebenfalls untersucht wird, wer die Entscheidung trifft und wann ein Curriculum überarbeitet werden soll.

Vergleich mit den Besten

Um die Koppelungsintensität empirisch zu untersuchen, wurden Berufsbildungsexperten aus dem Bildungssystem, dem Beschäftigungssystem und der Wissenschaft in 20 Ländern befragt. Die Länder dieser Pilotuntersuchung wurden anhand zweier Indikatoren[2], welche auf erfolgreiche und arbeitsmarktorientierte Bildungssysteme hindeuten, ausgewählt: Einerseits sind dies Länder oder Gebiete wie Schanghai, Singapur, Hongkong und Südkorea, die in der Pisa-Studie 2012 die besten Ergebnisse erzielt haben, also ein gut funktionierendes Grundbildungssystem haben. Andererseits wurden Staaten wie die Schweiz, die Niederlande, Dänemark und Deutschland gewählt, welche Höchstwerte im KOF Jugendarbeitsmarktindex aufweisen.[3]

In den sechs Fokusländern Dänemark, Hongkong, Niederlande, Singapur, Südkorea und Schweiz wurden im Durchschnitt 20 Experten befragt. In 12 Ländern gab es jedoch nur je ein bis zwei Befragungen – weshalb diese Ergebnisse mit Vorsicht zu geniessen sind. In zwei Ländern haben gar keine Experten geantwortet. In der Schweiz liegen Antworten von 59 Experten vor, was einer Rücklaufquote von 57 Prozent entspricht. Sie stammen zu 39 Prozent aus dem Bildungssystem, zu 53 Prozent aus dem Beschäftigungssystem und zu 8 Prozent aus der Forschung.

Um einen Index der Koppelungsintensität zu berechnen, ist es nötig, jeder Phase und jedem Prozess ein Gewicht zuzuordnen. Aufgrund der explorativen Natur der Untersuchung ist es a priori unklar, wie hoch diese Gewichte sein sollten, weshalb sie aufgrund der Antworten der befragten Bildungsexperten bestimmt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Designphase im Durchschnitt mit 42 Prozent das höchste Gewicht erhält, gefolgt von der Anwendungsphase mit 34 Prozent und der Feedbackphase mit 24 Prozent. Bei den einzelnen Prozessen  wurde der Aufdatierungszeitpunkt (22,5%) am stärksten gewichtet, gefolgt von der Definition der Ausbildungsinhalte (15,8%). Ebenfalls ein hohes Gewicht erhielten die Koppelungsqualität (14,3%) und der Zeitanteil, welche Studierende am Arbeitsplatz anstelle der Schule verbringen (13,2%).

Schweiz überall über dem Durchschnitt

Das höchste Gesamtergebnis hat Österreich erzielt. Allerdings ist das Resultat nur bedingt aussagekräftig, da für das Nachbarland nur eine Beobachtung vorliegt. Nur unwesentlich tiefer ist die Koppelungsintensität der Schweiz, gefolgt von Dänemark und Deutschland – alles Länder mit einem ausgeprägten dualen Berufsbildungssystem. Hingegen liegen die südostasiatischen Pisa-Spitzenreiter Hongkong, Singapur, Südkorea und Japan bezüglich der Koppelungsintensität am Ende der Skala. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass gute Schulleistungen in der Grundbildung zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine erfolgreiche Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt ist.

Für die Schweiz zeigen die Ergebnisse: Das Land liegt in den meisten der 11 Prozesse weit über dem Durchschnitt (siehe Abbildung 2). Ausnahmen sind die Bereitstellung von Ausrüstung in der schulischen Ausbildung sowie die Informationssammlung. Hier schliesst die Schweiz lediglich durchschnittlich ab, und der Abstand zur höchsten Ausprägung innerhalb der untersuchten Länder ist sogar relativ hoch.

Ebenfalls deutlich unter dem Höchstwert liegt die Schweiz bei der Koppelungsqualität in der Designphase. Dies deutet darauf hin, dass das schweizerische Berufsbildungssystem dahin gehend möglicherweise noch Verbesserungspotenzial hat. So sollte zum Beispiel eruiert werden, wie die Verknüpfung von administrativen Daten, die das Bundesamt für Statistik neuerdings bereitstellt, dazu genutzt werden kann, bessere Informationen bezüglich der Auswirkungen von Ausbildungen zu gewinnen. Zudem sollte untersucht werden, inwieweit Verbesserungspotenzial bezüglich des Einbezugs von Firmen in der Auswahl und Bereitstellung von Ausrüstung, Werkzeugen und Maschinen im schulischen Unterricht besteht. Bei der Koppelungsqualität sehen die befragten Experten mögliche Verbesserungen in Bezug auf den Anteil repräsentierter Firmen.

Abb. 2: Koppelungsintensität des Bildungs- und Beschäftigungssystems der Schweiz im Vergleich (nach Prozessen)

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Allerdings werden die Schwächen im Direktvergleich mit Dänemark relativiert, welches ebenfalls sehr gut abgeschnitten hat und für welches genügend Expertenantworten vorliegen, um eine Analyse dieses Detaillierungsgrades zu ermöglichen: Ausser bei der Qualität der Koppelung in der Designphase und bei der Bestimmung des Aufdatierungszeitpunktes des Curriculums in der Feedbackphase schlägt die Schweiz Dänemark in allen Dimensionen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Der «KOF Education-Employment Linkage Index» leistet einen wichtigen Beitrag, die Koppelungsintensität zwischen den Akteuren des Bildungs- und Beschäftigungssystems zu messen. Bildungsverantwortliche aus dem In- und Ausland erhalten dadurch ein Werkzeug. Der Index schafft somit eine Diskussionsgrundlage für die Schwächen und Stärken von Berufsbildungssystemen.

  1. Renold und Bolli (2014). []
  2. Renold et al. (2015). []
  3. Renold et al. (2014). []

Dr. phil., Leiterin Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Dr. sc., Post-Doc, Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Literatur

  • Renold, Ursula; Thomas Bolli; Maria Esther Egg und Filippo Pusterla (2014). On the Multiple Dimensions of Youth Labour Markets. A Guide to the KOF Youth Labour Market Index. ETH Zürich.
  • Renold, Ursula und Thomas Bolli (2014). Die Arbeitsmarktsituation von Jugendlichen
  • im internationalen Vergleich, in: Die Volkswirtschaft Nr. 9.
  • Renold, Ursula; Thomas Bolli; Katherine Caves; Ladina Rageth; Vipul Agarwal und Filippo Pusterla  (2015). Feasibility Study for a Curriculum Comparison in Vocational Education and Training Intermediary Report I: The 20 Top Performers. KOF Studies No. 70. ETH Zürich.
  • Renold, Ursula; Thomas Bolli; Katherine Caves; Jutta Bürgi; Maria Esther Egg; Johanna Kemper und Ladina Rageth (2016). Feasibility Study for a Curriculum Comparison in Vocational Education and Training Intermediary Report II: Education-Employment Linkage Index. KOF Studies No 80. ETH Zürich.

Dr. phil., Leiterin Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Dr. sc., Post-Doc, Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich