Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Förderung und Finanzierung von Start-ups in der Schweiz»

Potenzielle Start-up-Gründer haben andere Karrierepläne

In der Schweiz sind die Rahmenbedingungen für Jungunternehmer gut, wie ein internationaler Vergleich zeigt. Trotzdem wagen nur wenige diesen Schritt – nicht zuletzt, da sie andere Karrierepläne verfolgen.

Möglichst keine Risiken eingehen. Potenzielle Jungunternehmer wählen beruflich meist den bequemen Weg. (Bild: Keystone)

Innovative Australierin: Jodie Fox, Co-Gründerin von Shoes of Prey, erobert die Welt mit massgeschneiderten Schuhen. (Bild: Alamy)

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Wie steht es um den Unternehmergeist in der Schweiz? Gemäss dem Global Entrepreneurship Monitor (2015) liegt das Land bei der Wahrnehmung unternehmerischer Gelegenheiten und der Einschätzung eigener unternehmerischer Fähigkeiten im Durchschnitt innovationsbasierter Volkswirtschaften. Die Angst zu scheitern ist hingegen in der Schweiz ausserordentlich gering und liegt sogar tiefer als in den USA. Dennoch sind die unternehmerischen Absichten bescheiden, und die Gründung eines neuen Unternehmens gilt kaum als Karriereoption. Trotz guter Rahmenbedingungen liegen die Ergebnisse in Bezug auf die Gründungsaktivität unter dem Durchschnitt innovationsbasierter Volkswirtschaften. Verschiedene Faktoren erklären diesen Befund: Ein hohes Pro-Kopf-Einkommen, eine hohe Erwerbsbeteiligung, vergleichsweise geringe Arbeitslosigkeit und gute Verdienstmöglichkeiten in den meisten Berufsgruppen führen dazu, dass Gründungen aus Not in der Schweiz im internationalen Vergleich de facto vernachlässigbar sind.

Die für Unternehmertum spezifischen Rahmenbedingungen beurteilen Experten in der Schweiz allgemein als gut.[1] Das Land ist politisch stabil und verfügt über einen dynamischen Binnenmarkt. Weitere Pluspunkte sind der Wissens- und Technologietransfer sowie Forschung und Entwicklung. Die Tertiärausbildung seitens der Universitäten, Hochschulen und Berufsausbildungen bereiten zudem angemessen auf die Gründung und den Aufbau neuer Unternehmen vor.

Obwohl auch das finanzielle Umfeld in der Schweiz im internationalen Vergleich überdurchschnittlich ist, kommen Start-ups nur ungenügend an Risikokapital. Ebenfalls Verbesserungspotenzial birgt die Erziehung: In der Primar- und der Sekundarbildung werden Leadership, Kreativität, Innovation, Selbstständigkeit und Eigeninitiative kaum thematisiert. Schliesslich herrscht in der Schweiz keine Risikokultur wie beispielsweise in den USA.

Um ein Unternehmen zu gründen, sind eine Idee und Fachkompetenz unabdingbar. Die Anzahl und Art der wahrgenommenen Geschäftsgelegenheiten sowie die Einschätzung der Kompetenzen für eine unternehmerische Aktivität sind dabei von länderspezifischen Gegebenheiten abhängig, etwa vom ökonomischen und demografischen Wachstum, von der Kultur und den politischen Unterstützungsmassnahmen für Unternehmertum. Ausserdem spielt die mediale Berichterstattung über Entrepreneurship (siehe Abbildung 1) als Motivator eine wichtige Rolle.

Abb. 1: Entrepreneurship-Prozess

Baldegger

Im Sinne der Prozesssicht von Entrepreneurship ist die unternehmerische Aktivität in verschiedene Phasen zu kategorisieren. Zu differenzieren ist zwischen potenziellen Gründern, werdenden Unternehmern, Jungunternehmern sowie etablierten Unternehmern. Der Gesamtumfang der Gründungsaktivität (Total Entrepreneurial Activity, TEA) ergibt sich aus der Summe von werdenden und neuen Unternehmern. Ferner werden Individuen erfasst, die in den letzten zwölf Monaten eine unternehmerische Tätigkeit beendet haben.

Quelle: Reynolds P. et al. (2005). Global Entrepreneurship Monitor: Data Collection Design and Implementation 1998–2003, Small Business Economics, 24: 205–231.

Laut der weltweiten Studie Global Entrepreneurship Monitor (GEM) aus dem Jahr 2015 (siehe Kasten) sind die Einwohner in der Schweiz relativ positiv gegenüber Entrepreneurship eingestellt. Allerdings zeigen sie im Vergleich zu anderen innovationsbasierten Volkswirtschaften wie Israel, Portugal und Australien weniger Absichten, unternehmerisch tätig zu werden (siehe Tabelle). Erstaunlich gering ist in der Schweiz hingegen die Angst vor einem Misserfolg.

In Bezug auf die Wahrnehmung von Geschäftsgelegenheiten liegt die Schweiz leicht über dem Durchschnitt. Die nordischen Länder Schweden und Finnland sowie Staaten wie Israel, Kanada, Australien, die USA und die Niederlande schneiden diesbezüglich deutlich besser ab. Ebenfalls leicht überdurchschnittlich werden in der Schweiz die wahrgenommenen Fähigkeiten eingeschätzt. Auch hier liegt die Eidgenossenschaft jedoch klar hinter den Ergebnissen für die USA.

Die Erkenntnisse hinsichtlich der Gründungsgelegenheiten und Fähigkeiten können mit Bedacht als Signal eines gesteigerten Selbstvertrauens für unternehmerisches Verhalten interpretiert werden. Allerdings werden sie nicht von den Resultaten betreffend unternehmerische Absichten bestätigt.

Unternehmerische Einstellungen und Wahrnehmungen in ausgewählten innovationsbasierten Volkswirtschaften (2015)

Innovationsbasierte Volkswirtschaften
Wahrgenommene Gelegenheiten
Wahrgenommene Fähigkeiten
Angst zu scheitern
Unternehmerische Absichten
Entrepreneurship als gute Karrierechance
Hoher Status von erfolgreichen Unternehmern
Medienaufmerksamkeit von Entrepreneurship
Australien 48,9 48,2 41,7 14,4 56,4 70,1 72,3
Belgien 40,3 31,9 48,5 10,9 54,2 54,5 54,7
Finnland 48,6 37,4 32,6 10,9 33,2 84,9 68,1
Deutschland 38,3 36,2 42,3 7,2 50,8 75,7 49,8
Israel 55,5 41,6 47,8 21,6 64,5 86,2 54,8
Italien 25,7 30,5 57,5 8,2 60,9 69,0 48,5
Südkorea 14,4 27,4 38,1 6,6 38,0 53,5 61,5
Niederlande 48,4 40,6 33,2 9,4 79,2 64,5 57,7
Portugal 28,1 48,9 40,8 16,2 63,4 62,9 71,6
Schweden 70,2 36,7 36,5 8,4 52,7 69,8 61,3
Schweiz 41,8 44,0 33,8 7,0 40,0 66,5 59,5
Grossbritannien 41,6 43,6 34,9 8,2 57,8 79,2 61,1
USA 46,6 55,7 29,4 12,4
Durchschnitt (Innovationsbasierte Volkswirtschaften) 39,8 41,4 39,5 11,4 54,7 68,4 58,8

Quelle: Global Entrepreneurship Monitor (2015) / Die Volkswirtschaft

Markante Unterschiede prägen die generellen Einstellungen zu Entrepreneurship. Nur rund 40 Prozent der Befragten in der Schweiz erachten Unternehmertum als gute Karrierewahl – in den Niederlanden ist dieser Wert fast doppelt so hoch. Das deutet darauf hin, dass eine unternehmerische Karriere in der Schweiz weiterhin nicht etabliert ist. Der soziale Status des erfolgreichen Unternehmers hat sich hingegen in den letzten Jahren verbessert, allerdings liegt er weiterhin leicht unter dem Durchschnitt. Ein weiterer Indikator evaluiert die mediale Aufmerksamkeit für Entrepreneurship. Hier liegt die Schweiz leicht über dem Durchschnitt.

Unterdurchschnittliche Gründungsquote in der Schweiz

Der Global Entrepreneurship Monitor 2015 zeigt für die Schweiz gegenüber dem Vorjahr ein leicht höheres – aber im internationalen Vergleich weiterhin unterdurchschnittliches – Potenzial bezüglich der erwarteten Schaffung neuer Arbeitsstellen durch Jungunternehmer. Auch hinsichtlich der Gründungsaktivität (Total Entrepreneurial Activity, TEA) – also der Quote der Jungunternehmer sowie derjenigen, die an der Schwelle dazu stehen, Unternehmer zu werden – ist das Land weiterhin unterdurchschnittlich (siehe Abbildung 2). Obwohl die Schweiz hierin die Nachbarländer Italien und Deutschland schlägt, ist der Abstand zu Kanada, Australien, den USA sowie Israel markant.

Abb. 2: Gründungsaktivität (TEA) ausgewählter innovationsbasierter Länder (2015)

Die Gründungsaktivität (TEA) setzt sich aus der Quote der Jungunternehmer sowie der Quote der Personen, die an der Schwelle dazu stehen, Unternehmer zu werden, zusammen. Die vertikalen Balken repräsentieren das Konfidenzintervall von 95 Prozent und indizieren die Genauigkeit der Schätzungen.

Global Entrepreneurship Monitor (2015) / Die Volkswirtschaft

Die Erhebungen zu den unternehmerischen Einstellungen untermauern die tiefe Gründungsaktivität (3,1%) der 18- bis 24-jährigen Personen. Mögliche Erklärungen sind die fehlende Bereitschaft, die Komfortzone einer unselbstständigen Erwerbstätigkeit zu verlassen, weil sich die jungen Leute aufgrund der Zufriedenheit schlechterdings nicht dazu veranlasst fühlen. Folgerichtig drängen sich nachstehende Fragen auf: Sollten nicht bereits während der obligatorischen Schulzeit fundiert Unternehmergeist und innovatives Verhalten vermittelt werden? Sollten nicht Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft mit Kindern und Jugendlichen intensiver und altersgerecht über Entrepreneurship kommunizieren?

Für die wirtschaftliche Dynamik ist ein gewisses angemessenes Niveau an Gründungsaktivität zentral. Nichtsdestotrotz gilt es, die Jungunternehmer, die nach der Start-up-Phase noch aktiv sind, ebenfalls nicht aus den Augen zu verlieren. Die Rate der etablierten Unternehmer (11,3%) ist in der Schweiz überdurchschnittlich und über die Jahre stabil. Freilich bleibt bemerkenswert, dass rund die Hälfte aller Geschäftsaktivitäten aufgrund bürokratischer Hürden ad acta gelegt wurde. Komplizierte regulatorische Systeme als Barrieren für Unternehmensgründungen sowie Unternehmensexite sind deshalb unbedingt zu vereinfachen.

Ein Einblick in das Branchenprofil illustriert schliesslich die offenkundige Betonung wissens- und dienstleistungsorientierter Branchen in Europa und Nordamerika, derweil in der Schweiz nur wenige Neugründungsprojekte (5,4%) diesen Domänen zuzuordnen sind. Gesundheit, Erziehung und soziale Dienstleistungen (27,2%) fungiert als wichtigster Sektor für Neugründungen in der Schweiz. Während Finanzen, ICT und Produktion Männerdomänen sind, finden sich Unternehmerinnen vorrangig bei den persönlichen Dienstleistungen wie Coaching oder Stilberatung sowie im Einzelhandel und in der Gastronomie.

Genügende Beschäftigungsmöglichkeiten dämpfen Unternehmergeist

Abschliessend lässt sich konstatieren: Die Bevölkerung der Schweiz erkennt in ausreichendem Mass unternehmerische Geschäftsgelegenheiten und glaubt, über genügend Erfahrungen und Kompetenzen zu verfügen, um ein Unternehmen zu gründen. Nur ein Drittel würde aus Angst zu scheitern kein Unternehmen gründen. Trotz guter allgemeiner und spezifischer Rahmenbedingungen ist ein zögerliches Verhalten nachweisbar, konkret unternehmerisch aktiv zu werden. Dieser Befund wiederholt sich von Jahr zu Jahr.

Gemessen an der totalen Gründungsaktivität, wird das existente unternehmerische Potenzial nicht vollends ausgenutzt; dies trifft vor allem auf die jüngere Generation zu. Zum einen gilt indes zu bedenken, dass die meisten Gründungen aufgrund der Wahrnehmung einer guten Geschäftsidee, nicht wegen fehlender alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten erfolgen. Zum anderen sind kulturelle und soziale Normen hinsichtlich des Unternehmertums, des Images und der Reputation des Unternehmers in der Gesellschaft und die Attraktivität des Arbeitsmarktes zu berücksichtigen.

  1. SBFI (2016). Forschung und Innovation in der Schweiz. []

Direktor und Professor für Strategie, Entrepreneurship & Innovation an der Hochschule für Wirtschaft Freiburg (HSW-FR)

Global Entrepreneurship Monitor

Der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) bietet einen umfassenden Überblick über das Unternehmertum auf der Welt. Dafür werden Einstellungen und Charakteristika der Individuen, die in verschiedenen Phasen und Arten an unternehmerischen Aktivitäten beteiligt sind, gemessen. Der GEM identifiziert und quantifiziert u. a. die Faktoren, welche die unternehmerische Tätigkeit von Individuen fördern oder hindern. Damit unterscheidet sich die Studie massgeblich von anderen Erhebungen im Bereich Entrepreneurship, die vor allem auf offiziellen Registereinträgen von Unternehmensgründungen basieren.

Seit 2002 nimmt die Schweiz am GEM-Projekt teil. 2015 wurde der elfte Länderbericht Schweiz publiziert. Die Hochschule für Wirtschaft Freiburg (HSW-FR) hat als Projektleiterin in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich und der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana (Supsi) die Datenerhebung 2015 in der Schweiz durchgeführt. Mittels 2000 Telefon- und 36 Experteninterviews wurden die unternehmerischen Einstellungen, Aktivitäten und Ambitionen sowie die Einflussfaktoren erhoben.

2015 nahmen 62 Länder an der Studie teil, womit sie das gesamte Spektrum des wirtschaftlichen Entwicklungsniveaus von den innovationsbasierten Ländern über die auf Effizienz fussenden Ökonomien von Schwellenländern bis hin zu den faktorenbasierten Volkswirtschaften der sogenannten Dritten Welt abdeckt.

Direktor und Professor für Strategie, Entrepreneurship & Innovation an der Hochschule für Wirtschaft Freiburg (HSW-FR)