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Welche Faktoren beeinflussen die Wiedereingliederung von Arbeitslosen?

Je länger eine Arbeitslosigkeit dauert, desto schwieriger wird es für die Betroffenen, eine Stelle zu finden. Ein besonders hohes Risiko, stellenlos zu bleiben, weisen ältere Arbeitslose sowie Personen ohne Berufsabschluss auf.

Die Druckbranche ist vom Strukturwandel stark betroffen. Entsprechend sind die Chancen für Angestellte auf dem Arbeitsmarkt gesunken. (Bild: Keystone)

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Das Risiko einer nicht erfolgreichen Reintegration auf dem Arbeitsmarkt steigt mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit. Damit die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) die Betroffenen bei der Wiedereingliederung gezielt unterstützen können, ist es wichtig, zu wissen, bei welchen Bevölkerungsgruppen und unter welchen Umständen dieses Risiko besonders hoch ist. Eine Studie der Berner Fachhochschule hat deshalb im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) die Erwerbsintegration nach einer Phase der Arbeitslosigkeit untersucht. Wie sich zeigt, kann ein Drittel der Arbeitslosen nur unvollständig ins Erwerbsleben integriert werden. Für eine nachhaltige Erwerbsintegration ist entscheidend, dass die erste Phase der Arbeitslosigkeit nur kurz dauert. Gross ist das Risiko beispielsweise bei Personen ohne Berufsabschluss, bei älteren Arbeitslosen sowie bei Angestellten in Risikoberufen des Strukturwandels (zum Beispiel Drucker, Metallarbeiter, Verkäufer). Positiv auf die nachhaltige Erwerbsintegration wirken sich sowohl ein Zwischenverdienst als auch eine Umschulung aus.

Es ist ein Teufelskreis: Wiederholte Absagen auf Bewerbungen drücken auf das Selbstwertgefühl und auf die Motivation von Arbeitslosen. Der zunehmende Verlust an beruflichem Wissen schmälert die Aussichten auf einen neuen Job. Eine Studie[1] der Berner Fachhochschule hat im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) die Erwerbsintegration nach der Arbeitslosigkeit analysiert. Bei Personen, die 2005 arbeitslos geworden sind, wurde untersucht, wie oft und wie lange sie in den folgenden fünf Jahren Sozialleistungen (Arbeitslosenentschädigung, ALE, oder Sozialhilfe) bezogen haben und wie gut sie wieder ins Erwerbsleben integriert werden konnten. Die Erwerbsintegration wurde zweieinhalb Jahre nach dem ersten ALE-Bezug untersucht, da spätestens ab diesem Zeitpunkt die Berechtigung auf Arbeitslosentaggelder ausläuft.

Für jede Person wurde pro Monat ermittelt, ob sie erwerbstätig war und ob das Erwerbseinkommen mehr als 2500 Franken betrug. Dieser Schwellenwert wurde gewählt, da damit das Existenzminimum eines Einpersonenhaushalts ungefähr gedeckt ist. Die verfügbaren Daten lieferten allerdings keine Angaben darüber, ob diese Grenze aufgrund eines tiefen Lohnsatzes oder einer Teilzeitbeschäftigung nicht erreicht wurde. Das Einkommen sagt zudem wenig über die effektive wirtschaftliche Lage des Haushaltes der Person aus, weil weder das Einkommen von weiteren Personen im Haushalt noch weitere Einkommensquellen, wie beispielsweise Vermögenseinkünfte, berücksichtigt werden konnten.

Nachhaltige Integration gelingt nur teilweise

Um die Art der Erwerbsintegration charakterisieren zu können, wurden abhängig von der Dauer der Erwerbstätigkeit und der Höhe der erzielten Erwerbseinkommen fünf verschiedene Erwerbsverlaufstypen gebildet (siehe Abbildung 1): Die Typen reichen von einer nachhaltigen Erwerbsintegration bis zu keiner Erwerbstätigkeit.

Abb. 1: Erwerbsverlaufstypen der neuen Arbeitslosengeldbeziehenden von 2005

Anmerkung: Beobachtungsdauer 31. Monat bis 60. Monat ab dem ersten ALE-Bezug. Grundgesamtheit: ALE Neubeziehende 2005, N=141’450.

BSV SHIVALV 2005 bis 2013; Berechnungen BFH, Soziale Arbeit / Die Volkswirtschaft

Von allen 2005 arbeitslos gewordenen Personen waren neun von zehn in der Zeit vom 31. bis zum 60. Monat nach dem ersten ALE-Bezug zumindest zeitweise wieder erwerbstätig. In rund drei Vierteln der Zeit erzielten sie ein Erwerbseinkommen von über 2500 Franken. Erwerbsunterbrüche von mehr als vier Monaten wurden bei jeder fünften Person festgestellt.

Nach zweieinhalb Jahren war gut die Hälfte der 2005 arbeitslos gewordenen Personen wieder nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert. Erwerbsunterbrüche, Phasen ohne Erwerbseinkommen oder ein Sozialleistungsbezug kommen bei diesen Personen kaum vor. Teilweise integriert waren 14 Prozent: Sie waren während durchschnittlich 60 Prozent der Zeit mit einem Erwerbseinkommen von über 2500 Franken erwerbstätig; gleichzeitig wiesen sie aber relativ häufig Erwerbsunterbrüche von mehr als vier Monaten oder Perioden von Teilarbeitslosigkeit auf. Diese Personen sind somit ebenfalls auf dem Arbeitsmarkt integriert, die Erwerbstätigkeit ist jedoch weniger stabil als bei der Gruppe der nachhaltig Integrierten.

Zur Gruppe der «nicht existenzsichernd integrierten Personen» zählen 17 Prozent. Sie waren zwar teilweise erwerbstätig, ihr Erwerbseinkommen allein war jedoch zu gering, um die Existenz einer erwachsenen Person zu decken. Für die Existenzsicherung waren diese Personen auf das Einkommen eines weiteren Haushaltsmitglieds oder auf Sozialleistungen angewiesen.

Die übrigen Personen waren nur minimal erwerbstätig (5%) oder zogen sich vom Arbeitsmarkt zurück (11%). Es ist unklar, ob sich diese Personen freiwillig zurückzogen, beispielsweise um Kinder zu betreuen, Angehörige zu pflegen, wegen einer Ausbildung oder weil sie die Schweiz verlassen haben. Ob der Rückzug vom Arbeitsmarkt unfreiwillig geschah – etwa aufgrund mangelnder Chancen oder wegen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung –, müsste genauer untersucht werden.

Ältere Arbeitslose mit höherem Risiko

Welche Bevölkerungsgruppen weisen ein hohes Risiko für eine gefährdete und nicht nachhaltige Erwerbsintegration auf? Um Antworten darauf zu finden, wurde für die Studie ein Modell geschätzt, welches alle Einflussfaktoren simultan berücksichtigt. Darin sind neben den persönlichen soziodemografischen und sozioprofessionellen Merkmalen der Personen auch Merkmale des wirtschaftlichen Umfeldes (Beschäftigung in einem Risikoberuf, regionale Arbeitslosenquote) berücksichtigt. Ebenfalls einbezogen wurden Massnahmen der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) sowie Angaben zum Sozialleistungsbezugsverlauf – beispielsweise die Dauer des ALE-Bezugs, das Vorliegen einer Sozialhilfeunterstützung, die Anzahl ALE-Perioden. Die Erwerbsintegration wurde dabei für den Zeitraum zwischen dem 49. und dem 96. Monat nach dem ALE-Bezugsbeginn 2005 geschätzt (siehe Abbildungen 2 und 3).

Abb. 2:  Soziodemografische Einflussfaktoren bei der Erwerbsintegration

Abb. 3: Sozioprofessionelle, raum- und verlaufsbezogene Einflussfaktoren

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Anmerkung zu Abb. 2 und 3: Dargestellt sind die Parameter des Modells zur Erklärung des Anteils der Erwerbsmonate mit einem Erwerbseinkommen über 2500 Franken im Zeitraum vom 49. bis zum 96. Monat ab dem ersten ALE-Bezugsmonat im Jahr 2005. In den Grafiken sind nur die signifikanten Parameter (p<0,05) wiedergegeben. N=107’497.

Lesebeispiel: Personen mit einer tertiären Ausbildung haben einen um 2,9 Prozentpunkte höheren Anteil Erwerbsmonate im Vergleich zu Personen mit einer Berufsausbildung (Sek II = Referenzkategorie). Personen ohne Berufsausbildung, also ohne nachobligatorische Ausbildung, haben gegenüber Personen mit einem Berufsabschluss einen um 5,7 Prozentpunkte tieferen Anteil an Erwerbsmonaten, wenn alle anderen Faktoren ebenfalls einbezogen werden, d. h. bei Kontrolle aller anderen Einflussfaktoren.

Junge Erwachsene sind gemäss Modellschätzung nach der Arbeitslosigkeit vergleichsweise oft nachhaltig oder teilweise im Arbeitsmarkt integriert, während dies Personen ab 45 Jahren wesentlich seltener gelingt. Entsprechend ist der Anteil der Erwerbsmonate bei den 18- bis 24-Jährigen um 5 Prozent höher als bei der Referenzgruppe der 35- bis 44-Jährigen. Personen ab 55 Jahre haben einen um ein Fünftel tieferen Anteil an Erwerbsmonaten als die Referenzgruppe.

Die Erwerbsverläufe nach der Arbeitslosigkeit unterscheiden sich deutlich zwischen den Geschlechtern. Frauen weisen gemäss Modellschätzungen einen um fast 10 Prozent tieferen Anteil an Erwerbsmonaten mit Einkommen über 2500 Franken auf als Männer. Aufgrund der nach wie vor häufig klassischen Rollenverteilung in der Familie sind verheiratete Frauen mit Kindern nach der Arbeitslosigkeit weniger stark oder nur mit geringem Beschäftigungsgrad beruflich integriert.

Insbesondere die Kinderbetreuung erweist sich als relevant für die Erwerbsintegration. So lässt sich feststellen, dass die Unterhaltspflicht für Kinder bei den Frauen zu einem um 6 Prozent tieferen Anteil an Erwerbs­monaten führt, während bei Männern die Unterhaltspflicht die Erwerbsintegration nach einer Phase der Arbeitslosigkeit verstärkt. Insgesamt überwiegt der positive Effekt der Unterhaltspflicht, vermutlich auch, weil sie den Erwerbsdruck erhöht.

Berufslehre als Jobgarantie

Klare Unterschiede zeigen sich bei der Nationalität. Personen, welche aus Nord- und Westeuropa stammen, weisen nach einer Arbeitslosigkeit im Durchschnitt knapp 9 Prozent weniger Erwerbsmonate in der Schweiz auf. Dieses Resultat deutet darauf hin, dass Personen dieser Länder nach der Arbeitslosigkeit häufig wieder zurückwandern.

Relativ schlecht ins Erwerbssystem integriert sind Personen aus Staaten im Osten der EU oder aus aussereuropäischen Ländern. Berücksichtigt man zusätzlich zur Nationalität auch sozioprofessionelle Merkmale, dann sind die Unterschiede zu Schweizern allerdings nicht mehr so gross. Die geringeren Erwerbschancen bei diesen Personengruppen sind somit insbesondere auf Merkmale wie die geringe berufliche Integration zurückzuführen und hängen nicht direkt mit der nationalen Herkunft zusammen.

Eine Schlüsselrolle bei der nachhaltigen Erwerbsintegration nach der Arbeitslosigkeit spielt die Ausbildung. So haben Arbeitslose ohne Berufsausbildung erheblich geringere Chancen, sich wieder nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren (siehe Abbildung 3). Es ist dabei jedoch von Bedeutung, ob die Personen in einem sogenannten Risikoberuf des Strukturwandels ausgebildet wurden. Durch den wirtschaftlichen Wandel sind bestimmte Berufsbilder wie beispielsweise Schriftsetzer verschwunden, oder die Nachfrage nach Personen mit bestimmten Fähigkeiten (zum Beispiel Drucker, Grafiker) ist deutlich gesunken. Diese Personen verfügen über einen Berufsabschluss, der jedoch durch den Strukturwandel entwertet wurde. Ebenfalls einen starken Einfluss auf die Reintegration hat die Branche: Personen, welche in strukturschwachen Branchen wie der Land- und Forstwirtschaft oder dem Gastgewerbe arbeiten, haben deutlich mehr Mühe, einen Job zu finden, als beispielsweise Angestellte des Gesundheitswesens oder Informatiker.

Der Verlauf des Sozialleistungsbezugs nach Beginn der Arbeitslosigkeit hat ebenfalls einen Einfluss auf die Erwerbsintegration: Je länger ein ALE-Bezug in den ersten vier Jahren nach der Arbeitslosigkeit dauert, desto schlechter sind die Integrationschancen. Dies verdeutlicht die Wichtigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden und zu bekämpfen. Besonders ausgeprägt ist der negative Effekt, wenn in den ersten vier Jahren auch ein Sozialhilfebezug vorliegt. So ist der Anteil an Erwerbsmonaten mit einem monatlichen Einkommen über 2500 Franken bei Personen, die Sozialhilfe bezogen haben, um über ein Fünftel tiefer als jener bei Personen ohne Sozialhilfebezug.

Zielgruppenspezifische Massnahmen

Weshalb verlieren arbeitslos gewordene Personen ihre Arbeitsmarktfähigkeit, verharren lange in der Arbeitslosigkeit und können nicht mehr, nur noch vorübergehend oder mit prekären Arbeitsbedingungen in den Arbeitsmarkt integriert werden? Entscheidend für die nachhaltige Erwerbsintegration ist der Verlauf in der ersten Phase der Arbeitslosigkeit. Personen mit langen Phasen von Arbeitslosigkeit und einem Sozialhilfebezug haben deutlich geringere Integrationschancen als Personen mit kürzeren Arbeitslosenepisoden.

Insbesondere Personen ohne Berufsausbildung und ältere Arbeitslose weisen ein höheres Risiko auf, nach der Arbeitslosigkeit nicht mehr vollständig im Arbeitsmarkt integriert zu sein. Deshalb ist es wichtig, gezielt Massnahmen für solche Risikogruppen bereits zu Beginn der Arbeitslosigkeit einzusetzen, um die Wirksamkeit der Reintegrationsbemühungen zu erhöhen. Es ist eine grosse Herausforderung, solche wirksame zielgruppenorientierte Massnahmen zu entwickeln. Potenzial für eine Verbesserung der Erwerbsintegration gibt es auch bei Frauen mit Betreuungspflichten. Attraktive und flexible Betreuungsangebote (zum Beispiel zu Randzeiten) könnten ihre Erwerbschancen deutlich verbessern.

Deutlich positive Wirkungen zeigen sich bei zwei Massnahmen: Sowohl ein Zwischenverdienst als auch eine Umschulung verbessern die Chancen auf eine nachhaltige Erwerbsintegration. Beim Besuch eines Beschäftigungsprogramms zeigt sich hingegen ein leicht negativer Effekt. Hier ist die Ursache möglicherweise eine negative Selektion oder ein stigmatisierender Effekt bei der anschliessenden Jobsuche.

  1. Fluder, Robert; Salzgeber, Renate; Fritschi, Tobias; Von Guten, Luzius (2016). Berufliche Integration von arbeitslosen Personen. Schlussbericht im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco); aufgeschaltet auf Soziale-arbeit.bfh.ch unter Forschung/Publikationen []

Dr. phil. I, Dozent und Projektleiter, Berner Fachhochschule, Soziale Arbeit

Dozentin und Projektleiterin, Berner Fachhochschule Soziale Arbeit

Dozent, Berner Fachhochschule, Soziale Arbeit

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Dozentin und Projektleiterin, Berner Fachhochschule Soziale Arbeit

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