Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Arbeitsbedingungen und berufliche Erkrankungen»

Die Flexibilität von Selbstständigerwerbenden hat ihren Preis

Rund jeder Zehnte in der Schweiz ist selbstständig erwerbend. Eine Studie zeigt, dass Selbstständige im Vergleich zu Arbeitnehmenden zwar mehr Flexibilität geniessen, aber auch deutlich mehr und unregelmässiger arbeiten.

Besprechung im Co-Workingspace: Selbstständige arbeiten mehr und unregelmässiger als Arbeitnehmende. (Bild: Keystone)

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Selbstständigerwerbende leisten mit ihrem Einsatz einen ausserordentlich wertvollen Beitrag für die Wirtschaft und für die Gesellschaft. Die Daten des European Working Conditions Survey (EWCS) aus dem Jahr 2015 zeigen, dass Selbstständigerwerbende insgesamt mehr arbeiten als Angestellte. Auf der anderen Seite können Selbstständigerwerbende von einer Vielzahl an arbeitsbezogenen Ressourcen wie etwa einer hohen Selbstbestimmung profitieren, was eine gute Balance schafft und wahrscheinlich zum hohen Engagement der Selbstständigen beiträgt. Allerdings gibt es Unterschiede: Bei einigen Formen der Selbstständigkeit bestehen Hinweise, dass gewisse Arbeitsbedingungen tendenziell schlechter sind als bei anderen Selbstständigen. Das betrifft etwa die sogenannten Contractors und diejenigen Selbstständigen, die kurzfristige Arbeitseinsätze leisten: die Gig Workers.

Die «NZZ am Sonntag» titelte: «Die Festanstellung wird zum Auslaufmodell».[1] Sicher ist diese Prognose übertrieben, dass jedoch ein Trend zur Flexibilisierung besteht und dass dieser zu einer Zunahme selbstständiger Beschäftigung führen kann, ist nicht von der Hand zu weisen.

Im Artikel der «NZZ am Sonntag» heisst es, dass bei der Credit Suisse neben den 47’000 internen Mitarbeitenden auch etwa 23’000 sogenannte Contractors arbeiten. Ebenso beschäftigt die UBS neben den 60’000 Mitarbeitenden rund 30’000 solcher Contractors. Diese Contractors sind entweder fest bei einer Drittfirma beschäftigt oder arbeiten als selbstständige Freelancer im Unternehmen. Ihre Arbeit beschränkt sich dabei keineswegs auf Hilfs- und Nebenaufgaben, sondern umfasst auch Kernbereiche der Geschäftstätigkeit.

Begünstigt wird das Auslagern von Arbeitskräften durch die zunehmende Digitalisierung von Arbeit und Kommunikation. Die Digitalisierung löst regionale, nationale und zeitliche Grenzen auf. Viele Beschäftigte können dank Internet zeitlich unabhängig von jedem Ort der Welt ihre Arbeit verrichten. Ein Beispiel für eine zeitlich flexible Arbeitserbringung sind sogenannte Crowdsourcing-Plattformen. Diese Internetplattformen vermitteln Arbeitskräfte, darunter auch Selbstständigerwerbende, für kurzfristige handwerkliche, persönliche oder auch Onlinedienstleistungen. Ein ebenso bekanntes wie umstrittenes Beispiel hierfür sind die Dienste des Taxikonkurrenten Uber. Diese neue Form der kurzfristigen Beschäftigung über eine Plattform nennt man auch «Gig Work». Untersuchungen[2] aus England und Schweden zeigen, dass in beiden Ländern rund 3 Prozent der Befragten mehr als die Hälfte ihres Gesamteinkommens durch Gig Work bestreiten.

In der Schweiz ist rund ein Zehntel der Erwerbstätigen selbstständig beschäftigt. Im Allgemeinen sind Selbstständige relativ frei bei der Auswahl und bei der Gestaltung ihrer eigenen Arbeit. Allerdings sind sie nicht durch arbeitsrechtliche Bestimmungen oder Gesamtarbeitsverträge geschützt. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft[3] hat die Arbeitssituation der Selbstständigerwerbenden mit jener der Arbeitnehmenden in der Schweiz verglichen. Dabei wurden auch unterschiedliche Formen der Selbstständigkeit untersucht. Die Grundlage für die Studie bildeten die Daten des European Working Conditions Survey (EWCS), der alle fünf Jahre in der EU und den meisten übrigen europäischen Staaten durchgeführt wird.[4] Weil sich die einzelnen Formen von Selbstständigkeit, beispielsweise die Contractors und Gig Workers, in den Daten nicht deutlich isolieren liessen, kann hier nicht von einer trennscharfen Auswertung gesprochen werden. Als Gig Worker gilt nach Definition der Studie, wer selbstständig beschäftigt ist und täglich oder mehrmals in der Woche kurzfristig zum Arbeitseinsatz gerufen wird. Als Contractors gelten in der Studie Selbstständigerwerbende, die mehr als 75 Prozent für den gleichen Auftraggeber arbeiten. Von den in der Studie befragten Personen gehören nur rund 2 Prozent zu den Gig Workers und 2,5 Prozent zu den Contracters. Aufgrund der geringen Fallzahlen sind die nachfolgenden Resultate dieser beiden Gruppen vorsichtig zu werten. Insgesamt kann daher eher von einer Annäherung an das Thema gesprochen werden.

Hohe Arbeitsbelastung bei Selbstständigen

Die Daten zeigen, dass Vollzeit arbeitende Selbstständige pro Woche im Schnitt rund 5 Stunden länger arbeiten als Arbeitnehmende: Bei den Selbstständigen sind es 47,2 Stunden und bei den Vollzeit arbeitenden Arbeitnehmenden 41,9 Stunden pro Woche. Contractors und Gig Workers haben mit 48,8 Stunden (Contractors) und 49,2 Stunden (Gig Workers) einen höheren Wochenschnitt als Selbstständigerwerbende insgesamt.

Selbstständigerwerbende können ihre Arbeitszeiten deutlich freier gestalten als Arbeitnehmende (siehe Abbildung 1). Contractors und Gig Workers haben hierbei jedoch etwas weniger Spielraum als Selbstständigerwerbende. Contractors und insbesondere Gig Workers sind auch sonst stark gefordert. Die grosse Mehrheit der in der Studie analysierten Gig Workers arbeitet regelmässig an mehr als 5 Tagen pro Woche. Bei den Arbeitnehmenden ist es ein knappes Zehntel. Auch bei der Länge der Arbeitstage gibt es Unterschiede. 39 Prozent der oben erwähnten Gig Workers, aber nur 5 Prozent der Arbeitnehmenden arbeiten regelmässig mehr als 10 Stunden am Tag. Zudem gibt mehr als die Hälfte der Gig Workers an, regelmässig in der Freizeit zu arbeiten.

Die Studie enthält also Hinweise darauf, dass die Arbeitszeiten der Gig Workers ungünstig ausfallen. Diese Arbeitszeiten werden nur teilweise durch eine autonome Arbeitszeitgestaltung kompensiert: Weniger als die Hälfte der Gig Workers kann die Arbeitszeit frei einteilen, was wahrscheinlich meist durch die Arbeitsform per se bedingt ist. Bei den Selbstständigen sind es insgesamt über zwei Drittel. Erwartungsgemäss wesentlich tiefer liegt dieser Wert bei den Arbeitnehmenden.

Abb. 1: Arbeitszeiten von Selbstständigen und Arbeitnehmenden in der Schweiz (2015)

Die Balken zeigen den Anteil der Befragten, für welche die entsprechenden Aussagen zutreffen. Anzahl Befragte: Arbeitnehmende (875), Selbstständigerwerbende (130), Contractors (24), Gig Workers (19). Die Stichprobengrössen beziehen sich auf die ungewichtete Schweizer Stichprobe inkl. Landwirtschaft. Die aufgeführten Resultate wurden nach Geschlecht, Alter, Region, Berufsgruppe und Wirtschaftszweig gewichtet, d. h., die Werte wurden mit einem Gewichtungsfaktor verrechnet, um den Einfluss von fehlenden Antworten im Hinblick auf die soziodemografische Struktur der Erwerbsbevölkerung zu korrigieren. Die Werte der Gig Workers und Contractors beruhen auf einer kleinen Anzahl Beobachtungen (<30). Sie geben eine eingeschränkte statistische Zuverlässigkeit an.

Quelle: European-Working-Conditions-Survey-Befragung 2015, eigene Berechnungen der Autoren / Die Volkswirtschaft.

Komplexere Anforderungen bei Selbstständigen

Rund ein Drittel der Arbeitnehmenden muss auch eintönige Arbeiten erledigen – bei den Selbstständigerwerbenden ist dies deutlich seltener der Fall. Selbstständige begegnen insgesamt komplexeren Arbeitsanforderungen als Arbeitnehmende und Contractors. Bei den Gig Workers geben fast alle an, regelmässig komplexe Aufgaben zu bearbeiten (siehe Abbildung 2).

Allerdings ist bei den Gig Workers der Anteil der Befragten, die angeben, dass das Arbeitstempo oft hoch ist und dass sie unter Termindruck und Stress stehen, höher als bei den anderen Beschäftigtengruppen. Lediglich bei den Angestellten ist der Anteil der Gestressten ähnlich hoch.

Bei den Angestellten ist der Präsentismus am verbreitetsten. Knapp ein Viertel ist in den letzten 12 Monaten trotz Krankheit zur Arbeit erschienen. Bei den Contractors ist dieser Anteil tiefer und bei den Gig Workers sogar nur knapp halb so hoch. Die höchste Gefährdung der eigenen Gesundheit und Sicherheit durch die Arbeit nehmen jedoch, mit 22 Prozent der Befragten, die Contractors auf sich.

Bei Arbeitnehmenden und Gig Workers ist das Engagement mit jeweils knapp 70 Prozent etwas tiefer als bei den Contractors und bei den Selbstständigerwerbenden. Von Letzteren geben rund 80 Prozent an, dass sie sich bei der Arbeit voller Energie fühlen und ihrem Beruf mit Begeisterung nachgehen.

Abb. 2: Belastungen und Ressourcen von Selbstständigen und Arbeitnehmenden in der Schweiz (2015)

Die Balken zeigen den Anteil der Befragten, für welche die entsprechenden Aussagen zutreffen. Anzahl Befragte: Arbeitnehmende (875), Selbstständigerwerbende (130), Contractors (24), Gig Workers (19). Die Stichprobengrössen beziehen sich auf die ungewichtete Schweizer Stichprobe inkl. Landwirtschaft. Die aufgeführten Resultate wurden nach Geschlecht, Alter, Region, Berufsgruppe und Wirtschaftszweig gewichtet, d. h., die Werte wurden mit einem Gewichtungsfaktor verrechnet, um den Einfluss von fehlenden Antworten im Hinblick auf die soziodemografische Struktur der Erwerbsbevölkerung zu korrigieren. Die Werte der Gig Workers und Contractors beruhen auf einer kleinen Anzahl Beobachtungen (<30). Sie geben eine eingeschränkte statistische Zuverlässigkeit an.

Quelle: European-Working-Conditions-Survey-Befragung 2015, eigene Berechnungen der Autoren / Die Volkswirtschaft.

Zwischen Engagement und Verausgabung

Die Arbeit der Selbstständigerwerbenden ist durchschnittlich interessanter und abwechslungsreicher als jene von Arbeitnehmenden. Die Selbstständigen haben grösseren Einfluss auf die Ausführung und Planung ihrer Arbeit.[5] Dies macht selbstständige Arbeit für viele attraktiv und stellt gleichzeitig einen Ressourcenpool zur Erhaltung der physischen und psychischen Gesundheit dar. Entsprechend hoch ist auch das Engagement der Selbstständigen für ihre Arbeit.

Weniger attraktiv und potenziell gesundheitsgefährdend sind allerdings die langen Arbeitszeiten: Dreimal so viele Selbstständige wie Arbeitnehmende arbeiten regelmässig in ihrer Freizeit. Hinzu kommen die Arbeit am Wochenende und die langen Wochenarbeitszeiten. Bei dieser sogenannten Entgrenzung der Arbeit werden die Grenzen zwischen Arbeit und dem Rest des Lebens immer durchlässiger.

Doch inwieweit können Selbstständige auch in Zukunft eine Balance zwischen Ressourcen und Belastungen aufrechterhalten? Wie die Untersuchung[6] zeigte, ist das zurzeit für viele Berufsgruppen, die traditionell selbstständig arbeiten – wie Ärzte oder Selbstständige im juristischen Bereich –, selten ein Problem. Auch bei den Contractors scheint insgesamt die Welt noch in Ordnung zu sein.[7] Zwar gibt bei den Contractors ein höherer Anteil an, ihre Gesundheit sei durch die Arbeit gefährdet. Inwieweit dies auf ihren Status als Contractor oder auf ihre Branchenzugehörigkeit oder die Art der Tätigkeit zurückzuführen ist, konnte aufgrund der geringen Fallzahlen nicht untersucht werden. Bei den Gig Workers weisen gewisse Indikatoren auf höhere Belastungen  hin. Zwar finden auch diese ihre Arbeitsaufgaben komplex und wenig eintönig, aber man darf vermuten, dass dies nicht zuletzt durch die Notwendigkeit zur permanenten und kurzfristigen Selbstorganisation bedingt ist.

Der allgemeine Gesundheitszustand der Selbstständigerwerbenden unterscheidet sich insgesamt nur leicht vom Zustand der Arbeitnehmenden. Von den Selbstständigerwerbenden geben 46 Prozent an, bei guter Gesundheit zu sein, und 36 Prozent sagen von sich, bei sehr guter Gesundheit zu sein. Bei Arbeitnehmenden sind beide Anteile nur minim höher (49% bei guter Gesundheit und 40% bei sehr guter Gesundheit). Allerdings berichten 18 Prozent der Selbstständigen von gesundheitlichen Problemen, die sich über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten hinziehen. Das sind mehr als doppelt so viele wie bei den Arbeitnehmenden.[8] Möglicherweise entsteht an dieser Stelle ein neuer gesundheitspolitischer Handlungsbedarf.

  1. In der NZZ am Sonntag vom 11.3.2017[]
  2. Siehe Huws und Joyce (2016a und 2016b). []
  3. Siehe Pekruhl und Vogel (2017). []
  4. Siehe auch den Artikel von Krieger, Graf und Vanis (2017), welcher die Resultate des EWCS für die Arbeitnehmenden mit Europa vergleicht. []
  5. Darauf verweist auch eine Reihe von weiteren Ergebnissen unserer Untersuchung. Siehe Pekruhl und Vogel (2017). []
  6. Pekruhl und Vogel (2017). []
  7. An dieser Stelle soll betont werden, dass im gesamten Beitrag nur die Arbeitssituation, nicht aber die ökonomische und soziale Lage der selbstständig Erwerbstätigen untersucht wurde. []
  8. Pekruhl und Vogel (2017). []

Professor für Human Ressource Management, Institut für Personalmanagement und Organisation, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Olten

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Personalmanagement und Organisation, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Olten

Professor für Human Ressource Management, Institut für Personalmanagement und Organisation, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Olten

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Personalmanagement und Organisation, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Olten