Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Arbeitsbedingungen und berufliche Erkrankungen»

Der Vorsprung schwindet

Die Arbeitsbedingungen in der Schweiz sind im Allgemeinen gut. Doch im Vergleich zu 2005 hat die Schweiz 2015 ihre Spitzenstellung gegenüber Europa teilweise eingebüsst. Insbesondere die physischen Belastungen haben zugenommen und nähern sich dem europäischen Niveau an.

Der Anteil Erwerbstätiger in Berufen mit physischen Belastungen hat in der Schweiz seit 2005 zugenommen. Bauarbeiter erneuern Tramgleise in Basel. (Bild: Keystone)

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Der European Working Conditions Survey 2015 – die neueste Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen – zeigt, dass sich die Arbeitsbedingungen in der Schweiz zwischen 2005 und 2015 teilweise verschlechtert haben. Besonders bei den physischen Belastungen am Arbeitsplatz hat die Schweiz über die Zeit und gegenüber dem europäischen Ausland einen Rückschritt erlitten. Zudem haben auch der Gestaltungsspielraum und die Mitsprachemöglichkeit bei der Arbeit abgenommen. Gegenüber 2005 stufen heute mehr Personen ihre Arbeit als eintönig ein, und weniger Personen erachten ihre Arbeit als sinnvoll. Trotzdem: Immer noch beurteilen hierzulande rund 90 Prozent ihre Arbeitsbedingungen als gut oder sehr gut. Die eigene Gesundheit und die Motivierungsfähigkeit der Führungspersonen werden oft als gut eingestuft. Auch wenn gegenüber dem EU-Durchschnitt den Schweizer Arbeitnehmenden eine hohe Flexibilität abverlangt wird, hat der zeitliche Druck auf die Beschäftigten seit 2005 abgenommen.

Aus Sicht der Arbeitnehmenden waren die Arbeitsbedingungen in der Schweiz im Jahr 2015 gut. Insgesamt sind fast neun von zehn Beschäftigten zufrieden oder sehr zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen. Damit liegt die Schweiz im europäischen Durchschnitt.

Das zeigt die neuste Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen 2015. Dieser sogenannte European Working Conditions Survey (EWCS) wird seit 1990 alle fünf Jahre in allen Ländern Europas durchgeführt (siehe Kasten).[1] Die Studie macht sichtbar, wo die Schweiz stark ist, aber auch, wo im Vergleich mit Europa ihre Schwächen liegen. Im zeitlichen Vergleich zeigt sich, dass die Schweiz an Vorsprung verloren hat: Sie steht nicht mehr so oft an der Spitze wie noch 2005.

Gesunde Schweizer Erwerbstätige

Bei der Gesundheit liegt die Schweiz rund 10 Prozentpunkte über dem europäischen Durchschnitt: Neun von zehn Erwerbstätigen stufen in der Umfrage ihre allgemeine Gesundheit als gut oder sehr gut ein. Die Schweizer Erwerbstätigen fehlen pro Jahr durchschnittlich 5 Tage wegen Krankheit oder Unfall. Das ist wenig im Vergleich zu Europa, wo die Arbeitnehmer im Schnitt 6 Tage fehlen. Aber auch der Umkehrschluss, dass viele Schweizer trotz Krankheit zur Arbeit gehen, trifft nicht zu: Nur 22 Prozent der Schweizer sind am Arbeitsplatz erschienen, obwohl sie krank waren. Im EU-Durchschnitt waren es 38 Prozent.

Auch bei den Gesundheitsbeschwerden, die häufig in Verbindung mit der Arbeit auftreten, steht die Schweiz im Vergleich zur EU häufig besser da. Auffallend ist, dass der Anteil Erwerbstätiger, die an gesundheitlichen Beschwerden leiden, die länger als sechs Monate dauern, hierzulande mit 8 Prozent vergleichsweise tief ist. Der europäische Durchschnitt ist doppelt so hoch (17%). In Österreich (18%), Deutschland (20%) und Frankreich (26%) arbeiten deutlich mehr Erwerbstätige mit solchen chronischen Erkrankungen als in der Schweiz.

Vorgesetzte fördern die Zusammenarbeit

Auch bei wichtigen Aspekten des Führungsverhaltens schneidet die Schweiz im Vergleich zu ihren Nachbarstaaten und Europa besser ab (siehe Abbildung 1). Vier von fünf Arbeitnehmenden in der Schweiz sind der Meinung, dass ihre Führungsperson gute Arbeit mit Lob und Anerkennung honoriert und ein hilfreiches Feedback gibt.

Ausserdem geben die Befragten vergleichsweise häufiger an, dass die Vorgesetzten ihre Arbeitnehmenden zu erfolgreicher Zusammenarbeit motivieren. Drei Viertel der Erwerbstätigen in der Schweiz antworteten, dass sie ihre Organisation motiviere, ihr Bestes zu geben. Damit liegt die Schweiz über dem europäischen Durchschnitt mit 61 Prozent.

Abb. 1: So nehmen Erwerbstätige ihre Vorgesetzten wahr (Schweiz und Europa, 2015)

Die Balken zeigen den Anteil der Arbeitnehmenden (ohne Landwirtschaft), die den Aussagen in Bezug auf ihre Vorgesetzten zustimmen, in Prozent. Anzahl Befragte Schweiz: 871, Anzahl Befragte EU: 28’079.

Quelle: European Working Conditions Survey 2015, eigene Berechnungen der Autoren / Die Volkswirtschaft

Schweizer Arbeitgeber fordern mehr Flexibilität

Schlechter als das europäische Ausland schneidet die Schweiz bei der Arbeitszeit ab – aber nur auf den ersten Blick: Eine Arbeitswoche ist bei Vollzeiterwerbstätigen in der Schweiz mit 42 Stunden länger als im europäischen Durchschnitt, wo sie nur 39 Stunden dauert. Gut ein Viertel der Erwerbstätigen arbeitet in der Schweiz jedoch weniger als fünf Tage pro Woche. Dieser Anteil Teilzeitarbeitender ist deutlich grösser als im europäischen Durchschnitt mit 17 Prozent. Bei der Häufigkeit von Nachtarbeit, der Arbeit an Wochenenden oder während der Freizeit bewegt sich die Schweiz im europäischen Rahmen.

Bei der Arbeitszeitflexibilität müssen zwei Seiten unterschieden werden: die Möglichkeit der Erwerbstätigen, ihre Arbeitszeit flexibel zu gestalten, und die Flexibilitätsanforderungen der Betriebe an die Arbeitnehmenden. So verzeichnet die Schweiz mit 12 Prozent den höchsten Anteil Erwerbstätiger, welche die Arbeitszeit vollständig individuell festlegen können (EU: 6%). Umgekehrt verlangen die Arbeitgeber in der Schweiz aber auch häufiger regelmässige kurzfristige Änderungen der Arbeitszeiten (Schweiz: 18%; EU: 13%).

Solche nicht planbaren Arbeitseinsätze können sich nachteilig auf die Gesundheit auswirken, weil sie die Plan- und Gestaltbarkeit der arbeitsfreien Zeit behindern und die Erholungszeiten beeinträchtigen. Dennoch: Die Vereinbarkeit der Arbeitszeiten mit den familiären oder sozialen Verpflichtungen ausserhalb des Berufs beurteilen 88 Prozent der Erwerbstätigen als gut oder sehr gut.

Im Vergleich zur Befragung vor zehn Jahren hat der Zeitdruck auf die Arbeitnehmer abgenommen. Der Anteil schweizerischer Erwerbstätiger, die angeben, während mindestens eines Viertels der Zeit einem hohen Arbeitstempo ausgesetzt zu sein, ist seit 2005 von 73 auf heute 65 Prozent gesunken. Ähnlich beim Anteil Erwerbstätiger, die unter Termindruck stehen: Dieser hat zwischen 2005 und 2015 von 69 auf 63 Prozent abgenommen und entspricht heute dem europäischen Mittelwert. Eine ähnliche Tendenz beobachtet man auch in Deutschland und Italien, während die Ergebnisse im europäischen Mittel über die Zeit stabil blieben.

Arbeitsqualität und Einflussmöglichkeiten nehmen ab

Ganzheitliche, als sinnvoll erlebte und im richtigen Mass fordernde Aufgaben wirken motivierend. Zudem fördern sie auch die Kompetenzentwicklung und die Gesundheit. Eine sorgfältige Abstimmung der Aufgabenverteilung zwischen Mensch und Maschine ist gerade in Zeiten einer zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung der Arbeit wichtig. Gemäss der Studie verrichten immer mehr Personen eintönige Aufgaben (2005: 22%, 2015: 33%). Der Anteil Erwerbstätiger, die ihre Arbeit als sinnvoll erachten, ist zwar hoch, er nimmt aber tendenziell ab (2005: 92%, 2015: 86%). Ausserdem berichten weniger Personen davon, dass sie komplexe Arbeiten verrichten, dass sie die Qualität der Arbeit selber überprüfen, dass sie unvorhergesehene Probleme selbstständig lösen oder die Möglichkeit erhalten, Neues zu lernen (siehe Abbildung 2). Insgesamt hat die Schweiz hier an Vorsprung eingebüsst und gleicht sich hinsichtlich der Anforderungen der Arbeitsaufgaben dem europäischen Niveau an.

Abb. 2: Arbeitsinhalt aus Sicht der Schweizer Arbeitnehmenden (2005 und 2015)

Die Balken zeigen den Anteil der Arbeitnehmenden (ohne Landwirtschaft), die den Aussagen in Bezug auf ihren Arbeitsinhalt zustimmen, in Prozent. Anzahl Befragte 2005: 845, Anzahl Befragte 2015: 871.

Quelle: European Working Conditions Survey 2005 und 2015, eigene Berechnungen der Autoren / Die Volkswirtschaft

Die Möglichkeit, die Arbeit selber mitzugestalten, ist eine bedeutsame Ressource für die Motivationsförderung und den Gesundheitsschutz. Denn sie erleichtert die Passung von Anforderungen und individuellem Leistungsvermögen. Im Allgemeinen haben schweizweit zwischen 2005 und 2015 mehrere Aspekte des Gestaltungsspielraums und der Partizipation abgenommen. So ist etwa die Möglichkeit, das Arbeitstempo zu gestalten, um 5 Prozentpunkte auf 68 Prozent gesunken. Auch der Gestaltungsfreiraum, um die Reihenfolge von Aufgaben und das Vorgehen beim Erledigen einer Aufgabe zu bestimmen, ist um jeweils 8 Prozentpunkte gesunken. Markant sind die Rückgänge bei den Möglichkeiten, Pausen frei einzuteilen und eigene Ideen in der Arbeit umzusetzen. Auch die Zahl der Personen, die angeben, Einfluss auf die Auswahl von Kollegen zu haben, ist leicht gesunken, während sie im europäischen Durchschnitt gestiegen ist (siehe Abbildung 3). Insgesamt haben sich die Möglichkeiten zum Einfluss auf die Arbeit dem europäischen Durchschnitt angeglichen. Gegenüber der Erhebung 2005 hat die Schweiz ihre Spitzenposition bei wichtigen Ressourcen eingebüsst.

Abb. 3: Einflussmöglichkeiten aus Sicht der Arbeitnehmenden in der Schweiz und in der EU (2005 und 2015)

Die Balken zeigen den Anteil der Arbeitnehmenden (ohne Landwirtschaft), die sagten, dass sie in ihrem Betrieb die entsprechenden Möglichkeiten geniessen. Anzahl Befragte Schweiz: 2005: 845; 2015: 871. Anzahl Befragte EU: 2005: 20’883; 2015: 28’079.

Quelle: European Working Conditions Survey 2005 und 2015, eigene Berechnungen der Autoren / Die Volkswirtschaft

Die Kombination aus fehlendem zeitlichem Gestaltungsspielraum bei der Arbeit und hohem Zeitdruck kann sich besonders ungünstig auf die Gesundheit auswirken. Von dieser ungünstigen Kombination sind rund 11 Prozent der Erwerbstätigen betroffen.

Physische Belastungen nehmen zu

Schmerzhafte Körperhaltung, repetitive Bewegungen und das Tragen oder Bewegen schwerer Lasten bleiben die häufigsten gesundheitlichen Risikofaktoren bei der Arbeit in der Schweiz. Für die meisten dieser Risikofaktoren lässt sich seit 2005 eine Zunahme beobachten. Insbesondere Arbeiten mit repetitiven Bewegungen und mit schmerzhafter Körperhaltung nehmen in der Schweiz stark zu (siehe Abbildung 4). Dieser Trend steht im Gegensatz zur EU, wo der Anteil Erwerbstätiger, die solche Arbeiten verrichten, stabil bleibt. In den Nachbarstaaten nehmen sie sogar ab.

Abb. 4: Physische Belastungen bei der Arbeit in der Schweiz und in der EU (2005 und 2015)

Die Balken zeigen den Anteil der Arbeitnehmenden (ohne Landwirtschaft), die mehr als ein Viertel der Arbeitszeit den genannten Risikofaktoren ausgesetzt sind, in Prozent. Anzahl Befragte: Schweiz: 2005: 845; 2015: 871. Anzahl Befragte EU: 2005: 20’883; 2015: 28’079.

Quelle: European Working Conditions Survey 2005 und 2015, eigene Berechnungen der Autoren / Die Volkswirtschaft

  1. Die Schweiz hat nur 2005 und 2015 voll an der Umfrage teilgenommen. []

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Grundlagen Arbeit und Gesundheit, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. sc. nat., Ressortleiterin Grundlagen Arbeit und Gesundheit, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Grundlagen Arbeit und Gesundheit, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Die Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen (EWCS)

Der European Working Conditions Survey (EWCS) ist die umfangreichste vergleichende Untersuchung zu den Arbeitsbedingungen in Europa. Er erlaubt Ländervergleiche und die langfristige Beobachtung der Risikoentwicklung. Seit 1990 wird er alle fünf Jahre von Eurofound durchgeführt und deckt die EU-Mitgliedsländer sowie interessierte Nichtmitgliedsländer ab. 2015 wurden mehr als 43’000 Erwerbstätige aus 35 Länderna befragt.

 

Die Schweiz nahm 2005 und 2015 direkt daran teil. Die repräsentative Schweizer Stichprobe der Arbeitnehmenden und selbstständigen Erwerbstätigen beinhaltet Personen, die über fünfzehn Jahre alt sind, in einem Privathaushalt leben und in der zurückliegenden Woche während mindestens einer Stunde einer bezahlten Tätigkeit nachgingen (Anzahl Befragte 2005: 1040; Anzahl Befragte 2015: 1006).

aEU-28, Schweiz, Norwegen, Türkei, Mazedonien, Serbien, Montenegro und Albanien

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Grundlagen Arbeit und Gesundheit, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. sc. nat., Ressortleiterin Grundlagen Arbeit und Gesundheit, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Grundlagen Arbeit und Gesundheit, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern