Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «25 Jahre Schweizer Mitgliedschaft bei der Weltbank»

«Wenn 189 Länder zusammenarbeiten, dann ist das Multilateralismus pur»

Im schriftlichen Interview mit der «Volkswirtschaft» spricht der Weltbank-Präsident Jim Yong Kim über die aktuellen Herausforderungen der Institution und ihre Rolle in der globalen Entwicklungsfinanzierung. Für die Zukunft des multilateralen Weges bleibt er zuversichtlich.

Weltbankpräsident Jim Yong Kim: «Die Weltbankgruppe leistet heute weltweit die meisten Klimainvestitionen.» (Bild: Weltbank)

Die Weltbankgruppe ist eine der grössten Institutionen für die Entwicklungsfinanzierung und die Wissensvermittlung in ärmeren Ländern. Wie hat sich ihre Rolle in den letzten 25 Jahren verändert?

Die Weltbank wurde ursprünglich für den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Staaten gegründet. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich unser Auftrag jedoch verändert. Heute arbeiten wir in fast allen Bereichen der Armutsbekämpfung, um eine nachhaltige und bessere Lebensqualität der Menschen zu sichern: Wir unterstützen inklusives Wirtschaftswachstum, investieren in Menschen und stärken die Widerstandsfähigkeit gegen Bedrohungen wie Klimawandel, Pandemien, Flucht und Zwangsvertreibung.

In diesen kritischen Themen haben wir mit unseren 189 Mitgliedsländern und einer grossen Vielfalt von Partnern eine führende Rolle. Wir können Krisen bewältigen und gleichzeitig das Fundament für eine längerfristige, nachhaltige Entwicklung legen.

Nirgends sieht man die Veränderung deutlicher als in der Vielfalt unserer Angestellten: Bei der Weltbankgruppe arbeiten Ökonominnen, Sozialwissenschaftler sowie Experten und Expertinnen in Politikwissenschaft und anderen Fachthemen aus 170 Ländern. Mehr als ein Drittel der Angestellten arbeitet in einem der weltweit 120 Länderbüros.

Die Weltgemeinschaft hat 2015 die Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Wie trägt die Weltbankgruppe zur Umsetzung dieser wichtigen Agenda bei?

Mit dem Jahr 2030 hat sich die Weltgemeinschaft erstmals eine Frist gesetzt, um die extreme Armut zu beenden. Die Bekämpfung der Armut ist das erste der 17 UNO-Ziele für nachhaltige Entwicklung. Auch für die Weltbankgruppe ist dies das oberste Ziel.

Die UNO-Nachhaltigkeitsziele stehen im Einklang mit unserem Doppelziel, die extreme Armut bis 2030 zu beenden und den Wohlstand der ärmsten 40 Prozent zu steigern. Dabei unterstützen wir Empfängerländer bei der Implementierung der Agenda 2030, indem wir ihnen Finanzierungsinstrumente zur Verfügung stellen und sie mit Analysen und Beratung unterstützen.

Wie kann die Weltbankgruppe wirkungsvoll globale Gemeinschaftsgüter in Bereichen wie Klimawandel oder Fragilität bereitstellen, wenn gleichzeitig die Euphorie für den Multilateralismus in vielen westlichen Ländern nachlässt?

Wenn 189 Länder zusammenarbeiten, dann ist das Multilateralismus pur. Die Weltbankgruppe leistet heute weltweit die meisten Klimainvestitionen, und wir haben den ersten Versicherungsschutz gegen Pandemien kreiert. Wir arbeiten mit betroffenen Ländern und Partnern zusammen, um Hungersnöte zu beenden, und benutzen jedes uns zur Verfügung stehende Instrument, um auch in Zukunft Hungersnöte zu vermeiden.

Zudem führen wir unsere Arbeit in der globalen Flüchtlingskrise weiter: Die Internationale Entwicklungsorganisation (IDA) – der Fonds für die ärmsten Länder – stellt 2 Milliarden Dollar für Länder mit niedrigem Einkommen, die Flüchtlinge aufnehmen, zur Verfügung. Ausserdem erhalten zum ersten Mal auch Länder mittleren Einkommens wie Jordanien und Libanon, die syrische Flüchtlinge aufnehmen, vergünstigte Mittel der Global Concessional Financial Facility.

Viele Schwellenländer, die im vergangenen Jahrzehnt die treibende Kraft der Weltwirtschaft waren, sind heute mit schleppendem Wachstum sowie nationalen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Wie schätzen Sie die künftige Entwicklung dieser Länder ein, und welche Auswirkung wird das auf ihre Rolle in der multilateralen Arena und insbesondere innerhalb der Weltbankgruppe haben?

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Wirtschaft in den Schwellenländern am schnellsten gewachsen. Diese Länder wurden auch zunehmend in den weltweiten Handel und in die globale Finanzwelt integriert. Die Entwicklung in diesen Ländern betrifft also die gesamte globale Wirtschaft.

Der aktuelle Aufschwung der globalen Wirtschaft ist schwach, und es gibt viele Risiken: erhöhter Protektionismus, hohe Unsicherheit bezüglich der Wirtschaftspolitik, Turbulenzen am Finanzmarkt und schwaches Langzeitwachstum. Das alles beeinflusst unseren Auftrag, die Armut zu bekämpfen und einen gerecht verteilten Wohlstand zu fördern. Dies wirkt sich auch auf unsere Bemühungen aus, den Privatsektor für Investitionen in den Entwicklungsländern zu mobilisieren.

Unsere Mitglieder sind sowohl entwickelte Staaten wie auch Entwicklungsländer, und wir schätzen die starke Partnerschaft mit allen. Die Beteiligungsstruktur muss die globale Wirtschaft und die Bemühungen der Länder in der Umsetzung des Auftrags der Weltbankgruppe widerspiegeln. Für die Überprüfung der Stimmrechts- und Beteiligungsstruktur ist der Gouverneursrat verantwortlich. Und die Gouverneure sind sich bewusst, wie wichtig es ist, dass die Führungsstruktur der Institution die Rolle der Schwellenländer berücksichtigt und adäquat reflektiert.

Stehen neue multilaterale Entwicklungsbanken wie die Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank – die AIIB – oder die New Development Bank, deren oberstes Ziel nicht unbedingt die Reduktion von Armut ist, mit dem Auftrag der Weltbankgruppe in Konflikt?

Multilaterale Entwicklungsbanken spielen bei der Bekämpfung von Armut und der Unterstützung nachhaltiger Entwicklung eine zentrale Rolle, insbesondere beim Schliessen von Lücken in der Finanzierung von Infrastrukturvorhaben in Entwicklungsländern. Rund 5 bis 10 Prozent der jährlichen Ausgaben für Infrastruktur werden von Entwicklungsbanken finanziert.

Seit ihrer Gründung arbeiten wir eng mit der AIIB zusammen und sind in ganz Asien tätig, um den riesigen Infrastrukturbedarf in den Ländern zu decken. Schon Anfang 2014 arbeiteten wir mit dem Multilateralen Interimssekretariat der AIIB zusammen und unterstützten es in Bereichen wie Gouvernanz, Organisationsstruktur, Umwelt- und Sozialstandards sowie Beschaffungsabläufe.

Wenn multilaterale Entwicklungsbanken zusammenarbeiten und die heutigen Herausforderungen anpacken, können wir alle – aber insbesondere die Armen und die verwundbarsten Menschen – davon profitieren.

Die Weltbank hat seit Sommer 2016 mit dem sogenannten Environmental and Social Framework neue Umwelt- und Sozialstandards. Wie können diese Standards der Bank helfen, ihre Tätigkeit den Bedürfnissen der Länder anzupassen und ihre Eigenverantwortung zu fördern?

Das neue Environmental and Social Framework, das 2018 in Kraft treten soll, ist eine von mehreren neuen Weltbank-Initiativen zur Verbesserung von Entwicklungsergebnissen. Diese neuen Standards erhöhen den Schutz vor potenziell nachteiligen Auswirkungen bankenfinanzierter Projekte und fördern die nachhaltige Entwicklung. Mit den neuen Standards werden Transparenz, Nichtdiskriminierung, soziale Inklusion, öffentliche Partizipation und Rechenschaftslegung erhöht. Die Standards unterstützen die Empfängerländer, ihre eigenen Kompetenzen für Umwelt- und Sozialthemen zu erhöhen und diese komplexen Fragen selbstständig anzugehen.

Wie würden Sie die Rolle der Schweiz beschreiben, und wie kann die Schweiz die Weltbankgruppe in den nächsten 25 Jahren am besten unterstützen?

Die Schweiz hat in den vergangenen 25 Jahren die Weltbankgruppe und die Entwicklungsagenda im Allgemeinen massgeblich geprägt. Wir schätzen die konstruktive, kritische Stimme der Schweiz sehr. Aber auch ihr Engagement für Effizienz, Wirksamkeit und Qualität sowie ihre Unterstützung für eine starke Weltbankgruppe.

Wir sind der Schweiz auch für ihre finanziellen Beiträge, insbesondere an die Internationale Entwicklungsorganisation (IDA), zutiefst dankbar. Dadurch konnten Millionen Menschen der Armut entgehen. Wir arbeiten in vielen wichtigen Bereichen eng zusammen: insbesondere in der Privatsektorförderung, bei der Schaffung von Arbeitsplätzen und bei Themen wie Wasserversorgung, Umwelt, Klimawandel, Fragilität, Konflikten und Gewalt. Wir freuen uns darauf, diese enge Zusammenarbeit mit der Schweiz in den nächsten 25 Jahren fortzusetzen.

Zur Person

Jim Yong Kim ist seit 2012 Präsident der Weltbankgruppe. Diesen Juli hat er eine weitere fünfjährige Amtsperiode angetreten. Der gebürtige Südkoreaner ist in den USA aufgewachsen und promovierte dort in Medizin. Vor seiner Weltbank-Tätigkeit war Kim Präsident des Darthmouth College und Professor an der Medical School sowie an der School of Public Health in Harvard.  Zuvor war er Berater für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Direktor der WHO-Abteilung  HIV/Aids.