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Der starke Franken trifft besonders die ländliche Hotellerie

Gemäss einer Studie leiden vor allem die auf den Tourismus ausgerichteten Gemeinden unter dem starken Franken. Besonders betroffen sind die Sommerferienorte. Die Städte zeigen sich dagegen weitgehend immun.

Schöne Aussicht, aber ausbleibende Touristen: Die Frankenstärke macht Beatenberg im Berner Oberland zu schaffen. (Bild: Keystone)

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Die Frankenstärke trifft die Schweizer Hotellerie sehr unterschiedlich. In stark auf den Tourismus ausgerichteten Gemeinden führt eine Aufwertung des Frankens zu deutlich weniger Hotelübernachtungen von ausländischen Gästen. In den Städten ist der Effekt des starken Frankens auf die Anzahl Logiernächte dagegen gering. Die Gründe dafür dürften im hohen Anteil von Geschäftsreisenden und in der kürzeren Aufenthaltsdauer der Gäste liegen. Der Wechselkurs hat insbesondere einen stark negativen Effekt auf die Anzahl Hotelübernachtungen von Gästen aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Dagegen reagieren die Logiernächte von Besuchern aus Italien und insbesondere Frankreich nur schwach auf Wechselkursschwankungen.

Rund 11 von 20 Übernachtungen in Schweizer Hotels stammen von Gästen aus dem Ausland. Wird der Schweizer Franken stärker, verteuert sich für diese Besucher der Aufenthalt in der Schweiz. Preisbewusste Gäste werden sich in diesem Fall überlegen, ob sie anstatt in die Schweiz woandershin fahren wollen. Der Wechselkurs hat daher sowohl einen beträchtlichen Einfluss auf die Tourismusindustrie als Ganzes als auch auf die Hotellerie- und Beherbergungsbetriebe im Besonderen. Das trifft grundsätzlich auf jede exportorientierte Industrie zu, für die Tourismusindustrie verstärkt sich der Wechselkurseffekt jedoch durch ihre Standortgebundenheit. Denn der Sektor generiert naturgemäss nahezu die gesamte Wertschöpfung im Inland. Bei einer Aufwertung des Frankens profitiert der Tourismus daher nur wenig von günstigeren Importen aus dem Ausland. Zudem besteht auch nicht die Möglichkeit, wesentliche Teile der erbrachten Dienstleistungen ins Ausland auszulagern.

In der Schweiz führt das Bundesamt für Statistik im Rahmen der Beherbergungsstatistik eine Vollerhebung der Logiernächte in Schweizer Hotels durch. Mittels dieser Daten haben bereits frühere Studien einen Zusammenhang zwischen dem Wechselkurs und der Anzahl Logiernächte von ausländischen Gästen nachgewiesen.[1] Diese Analysen berücksichtigten indes nicht, dass die Hotel- und Beherbergungsbetriebe je nach Standort sehr unterschiedlich von Wechselkursschwankungen betroffen sind. Eine neue Studie des Genfer Hochschulinstituts für internationale Studien und Entwicklung hat die Auswirkungen von Wechselkursänderungen auf die Anzahl Logiernächte daher erstmals auch auf Gemeindeebene untersucht. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Städten und touristischen Gemeinden.

Deutlicher Rückgang in den Gemeinden

Die Studie beruht auf sehr detaillierten Daten zur Anzahl der Hotelübernachtungen in Schweizer Gemeinden. Die Daten sind dabei zusätzlich nach dem Herkunftsland der Gäste aufgegliedert. Aus Vertraulichkeitsgründen verwendete die Studie nur Daten von Gemeinden, in welchen während des Untersuchungszeitraumes von Januar 2005 bis Dezember 2014 durchgehend mindestens 3 Hotels geöffnet waren. Dies traf auf lediglich 141 der gut 2300 Gemeinden in der Schweiz zu. Allerdings zählen diese 141 vorwiegend touristischen Gemeinden und Städte mehr als drei Viertel aller Hotelübernachtungen von Gästen aus dem Ausland.

Vergleicht man die Entwicklung des inflationsbereinigten Wechselkursindexes mit den saisonal bereinigten Ausländerlogiernächten in touristischen Gemeinden und Städten[2], fallen grosse Unterschiede auf (siehe Abbildung 1). In touristischen Gemeinden haben nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 die Ausländerübernachtungen mit einer zeitlichen Verzögerung zum stetig teurer werdenden Franken stark abgenommen. Dieser Rückgang endete erst mit der Einführung des Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank im September 2011. Ganz anders verlief die Entwicklung in den Städten. Dort haben sich die Ausländerlogiernächte relativ unabhängig vom Wechselkurs entwickelt.

Die Resultate der empirischen Studie bestätigen dies weitgehend. Um den reinen Effekt des Wechselkurses auf die Hotelübernachtungen zu schätzen, wurden statistisch zahlreiche weitere Einflussfaktoren isoliert, welche die Übernachtungszahlen ebenfalls beeinflussen können. Dazu zählen beispielsweise Preisanpassungen durch die Hotelbetriebe, Eröffnungen und Schliessungen von Hotels sowie die Einkommensentwicklung in den Herkunftsländern der Gäste. Die Studie kommt zum Schluss, dass in vorwiegend auf den Tourismus ausgerichteten Gemeinden eine Aufwertung des Schweizer Frankens um 10 Prozent einen Rückgang der Logiernächte um 14 Prozent zur Folge hat. In Städten ist der Einfluss bescheidener. Eine Aufwertung des Frankens um 10 Prozent führt hier lediglich zu einem Rückgang der Logiernächte um rund 2 Prozent.

Abb. 1: Wechselkurs und Ausländerlogiernächte nach Städten und touristischen Gemeinden in der Schweiz (2005–2014)

Quelle: Stettler (2017) / Die Volkswirtschaft

Geschäftsreisende in Städten reagieren kaum

Einer der wichtigsten Gründe für den unterschiedlichen Einfluss des Wechselkurses auf Gemeinden und Städte dürften die unterschiedlichen Aufenthaltsgründe der Gäste sein. So haben mehrheitlich in Städten logierende Geschäftsreisende eine tiefere Preissensibilität, da sie die Kosten für den Aufenthalt meistens nicht selber bezahlen müssen. Dass, umgekehrt, Gäste in touristischen Gemeinden stärker auf Wechselkursschwankungen reagieren, dürfte an ihrer vergleichbar langen Aufenthaltsdauer liegen. In den Städten verbringt ein ausländischer Gast nur 1,9 Nächte wie etwa in Bern oder 1,8 Nächte wie in Zürich. In den touristischen Gemeinden wie Zermatt sind es hingegen durchschnittlich 3,8 Nächte oder 3,6 Nächte wie in Grindelwald. Für diese Gäste lohnt es sich daher eher, das Preisniveau verschiedener Destinationen zu vergleichen.

Gemeinden, die auf den Sommertourismus spezialisiert sind, wie Ascona oder Beatenberg, trifft der starke Franken im Durchschnitt wesentlich stärker als Wintersportorte. Eine Aufwertung des Frankens um 10 Prozent führt dort gar zu einem Rückgang der Logiernächte um mehr als 20 Prozent. Eine Erklärung für diese sehr hohe Elastizität bietet möglicherweise die grosse Anzahl preisgünstiger Sommertourismus-Destinationen im nahe gelegenen Ausland.

Europäer reagieren am sensitivsten auf Wechselkursänderungen

Der stärker werdende Franken hat zudem je nach Herkunftsland der Gäste einen anderen Effekt. Vergleicht man den Euro-Franken-Wechselkurs mit der saisonbereinigten Entwicklung der Logiernächte von Gästen aus Deutschland, Frankreich und Italien, fällt die rasche und starke Reaktion der Übernachtungen von Gästen aus Deutschland auf (siehe Abbildung 2). Deutschland war 2016 mit 3,7 Millionen Logiernächten nach wie vor das mit Abstand wichtigste Herkunftsland. Die Italiener mit 0,9 Millionen Logiernächten und insbesondere die Franzosen mit 1,2 Millionen Übernachtungen reagierten dagegen viel schwächer und erst mit beträchtlicher Zeitverzögerung auf den teurer werdenden Franken. Umso bemerkenswerter ist dies, wenn man bedenkt, dass die konjunkturelle Entwicklung in den Jahren nach dem Ausbruch der Finanzkrise in Deutschland sehr viel besser ausfiel als in Frankreich und Italien.

Abb. 2: Veränderung der Logiernächte nach Herkunftsland der Gäste (2005–2014)

Quelle: Stettler (2017) / Die Volkswirtschaft

Ein ähnlich starker Rückgang wie aus Deutschland zeigt sich auch bei den Übernachtungen von Besuchern aus den Niederlanden und Belgien. Insgesamt nahmen die Übernachtungen aus europäischen Ländern, aus denen im Verhältnis zur Bevölkerung überproportional viele Gäste die Schweiz besuchen, am stärksten ab. Dies deutet auch auf die unterschiedliche sozioökonomische Komposition der Gäste hin: Die Logiernächte aus Ländern, aus denen traditionell eine breite Bevölkerungsschicht die Schweiz besucht, verzeichneten demnach den stärksten Rückgang.

Eine Analyse der Herkunftsländer zeigt, dass die Übernachtungen aus geografisch der Schweiz nahe gelegenen Ländern stärker auf Wechselkursschwankungen reagieren. So führt eine Aufwertung des Schweizer Frankens um 10 Prozent zu fast 10 Prozent weniger Hotelübernachtungen von Gästen aus Europa, aber nur zu einem Rückgang von 7 Prozent aus Nordamerika. Noch geringer ist der Rückgang bei den Asiaten: Die gleiche Aufwertung macht hier nur 5 Prozent weniger Logiernächte aus. Dies dürfte auch daran liegen, dass viele Gäste aus anderen Kontinenten die Schweiz als Teil einer Europareise besuchen. Für diese Besucher ist daher nicht nur der Wechselkurs zum Franken entscheidend, sondern auch derjenige zum Euro.

  1. Vgl. Abrahamsen, Yngve, und Simmons-Süer, Banu (2011). Die Wechselkursabhängigkeit der Schweizer Wirtschaft, KOF Studien, no. 24. Sowie Ferro Luzzi, Giovanni, und Flückiger, Yves (2003). An Econometric Estimation of the Demand for Tourism: The Case of Switzerland, in: Pacific Economic Review, 8(3), S. 289–303. []
  2. Die Aufteilung der Gemeinden erfolgte gemäss der 9-stufigen Gemeindetypologie des Bundesamtes für Statistik. []

Doktorand, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Von der Forschung in die Politik

Die «Volkswirtschaft» und die ­«Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik» verbessern den Wissenstransfer von der For­schung in die Politik: Aktuelle wissen­schaftliche Studien mit einem starken Be­zug zur schweizerischen Wirtschafts­poli­tik erscheinen in einer Kurzfassung in der «Volkswirtschaft».

Literatur

  • Stettler, C. (2017). How Do Overnight Stays React to Exchange Rate Changes? In: Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik, 153(2), S. 123–165.

Doktorand, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich