Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Ökonomische Perspektiven der Berggebiete»

Strategien zur Erschliessung neuer Wertschöpfungsquellen

Der verschärfte Strukturwandel erodiert die wirtschaftliche Basis der Berggebiete. In einer Studie zeigt die Denkfabrik Avenir Suisse, wie bestehende Wertschöpfungsquellen gestärkt und neue aktiviert werden können. Dabei muss jede Region ihre spezifische Strategie und ihr eigenes Standortprofil entwickeln.

Effizientere Strukturen durch Gemeindefusionen: Die Glarner Landsgemeinde stimmte 2006 dafür, die 25 Gemeinden des Kantons auf 3 zu reduzieren. (Bild: Keystone)

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Viele betroffene Regionen haben bereits Lösungen gefunden, den Strukturwandel im Berggebiet innovativ anzugehen. So können etwa Gemeindefusionen helfen, Ressourcen zu bündeln. Mit 43 Fusionen in den letzten 15 Jahren besteht im Berggebiet bereits ein Trend dazu. Zudem braucht es Spezialisierung, um die Wirtschaft zu stabilisieren: Der Aufbau von Innovationssystemen und Branchenclustern sowie eine Neuausrichtung im Bergtourismus sind sinnvoll. Auch die Digitalisierung bietet durch mobiles Arbeiten und digitale Vermarktung regionaler Produkte neue Chancen. Doch eine breite «Ansubventionierung» führt zu nichts. Letztlich liegt es an den Akteuren vor Ort. Diesbezüglich könnte auch die Einbindung von Zweitwohnungsbesitzern helfen, neue innovative Lösungen und Investoren zu finden.

In Standortrankings offenbaren sich die strukturellen Schwächen der gebirgigen Landesteile. So finden sich etwa im «Kantonalen Wettbewerbsindikator» der UBS auf den letzten 10 Rängen ausschliesslich Bergkantone. Auch bei der kleinräumigeren Betrachtung von 108 Schweizer Regionen zeigt sich ein Gefälle bei der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Ober- und Unterland. Betrachtet man die 50 Einzelindikatoren genauer, die dem Ranking zugrunde liegen, so zeigt sich, dass nur ein Teil des schlechten Abschneidens auf das «topografische Schicksal» – d. h. auf die schlechte Erreichbarkeit und die dünne Besiedlung – zurückzuführen ist (siehe Abbildung 1). Standortfaktoren wie Staatsfinanzen und regionale Innovationssysteme lassen sich durch gute Politik auch im Berggebiet verbessern. Wie, zeigt eine Studie der Denkfabrik Avenir Suisse.[1]

Abb. 1: Die Standortstärken und -schwächen ausgewählter Bergkantone

Quelle: UBS (2016) / Die Volkswirtschaft

Indexwerte: Top-Kanton = 100.

Das Berggebiet, das etwa die Hälfte der schweizerischen Landesfläche ausmacht, ist ausgesprochen heterogen. Je nach regionalen Gegebenheiten gibt es unterschiedliche potenzielle Wachstumsmotoren. Einige Bergregionen profitieren von ihrer Nähe zu städtischen Zentren des Mittellandes, in anderen sind Tourismusdestinationen die primären Wertschöpfungsquellen. Anderswo ergeben sich Potenziale zur wirtschaftlichen Entwicklung durch Verkehrsknoten oder durch grosse Unternehmen und ihre Zuliefernetzwerke. Geeignete Strategien für die wirtschaftliche Entwicklung muss jede Region basierend auf ihren spezifischen Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken entwickeln.

Berggemeinden müssen Kräfte bündeln

Um den Strukturwandel zu meistern, müssen im Berggebiet Kräfte gebündelt und kleinteilige Strukturen überwunden werden. Es bedarf insbesondere einer besseren Zusammenarbeit in funktionalen Räumen wie Agglomerationen und Tourismusdestinationen, etwa durch Agglomerationsprogramme und Destinationsstrategien. Der wichtigste Typus funktionaler Räume im Berggebiet ist jedoch die Talschaft, denn diese Landschaftskammern bilden auch wirtschaftliche und soziale Einheiten. Die unterschiedlichen Raumansprüche auf dem Talboden, die durch Siedlung, Verkehr und Landwirtschaft entstehen, führen zu Nutzungskonflikten. Deshalb besteht Bedarf, die Raumplanung über die Gemeindegrenzen hinweg zu koordinieren (sogenannte Talbodenproblematik).

Zwischen 2000 und 2015 gab es im Berggebiet 43 Gruppenfusionen ganzer Talschaften oder Talabschnitte mit durchschnittlich 5,5 Gemeinden. Die Hälfte der Talschaftsfusionen entfiel auf nur zwei Kantone: Graubünden (15) und Tessin (8). Die meisten Fusionsprojekte entstanden auf lokale Initiative, aber Kantone können hierfür geeignete Voraussetzungen schaffen, etwa durch die Beseitigung von Fehlanreizen im innerkantonalen Finanzausgleich. Alternativen zu Talschaftsfusionen sind regionale Zweckverbände und raumplanerische Koordinationsinstrumente wie regionale Richtlinien.

Bergtourismus neu denken

Der Tourismus ist eine tragende Säule der Wirtschaftsstruktur im Berggebiet, und in vielen Regionen kann er aufgrund seiner Bedeutung für andere Branchen gar als systemrelevant angesehen werden. Der klassische Bergtourismus befindet sich gegenwärtig im Strukturwandel, der durch die Frankenaufwertung noch forciert wird. Ein wichtiger Bestandteil des Anpassungsprozesses sind der Marktaustritt schwacher Unternehmen und das Wachstum erfolgreicher Firmen. So nahm etwa die Zahl der Hotels zwischen 2005 und 2015 um 12 Prozent ab, aber die Gesamtbettenzahl blieb gleich.

Ähnlich ist es bei den Wintersportorten: Während kleine Skigebiete geschlossen wurden, investierten grosse Bergbahnbetriebe teils massiv. Einige Topdestinationen können dem hohen Kostenniveau in der Schweiz durch Spezialisierung auf das Luxussegment begegnen. Auch andere Tourismusorte sollten sich spezialisieren und entsprechende Destinationsstrategien verfolgen. Beispiele für solche Nischenstrategien sind Vals als Wellnessort oder Grächen als Familienferienort. Eine weitere Stossrichtung sind Zusammenschlüsse regionaler Marketingorganisationen wie im Oberengadin oder die Promotionsgesellschaft im Wallis sowie Dachmarken wie «Graubünden». Wichtig sind auch Produktinnovation und Produktbündelung, wie das Beispiel der Weissen Arena Flims illustriert. Der Bund fördert den Strukturwandel im Tourismus unter anderem durch ein Impulsprogramm im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) und das Innovationsprogramm Innotour.

Zweitwohnungssektor als Chance

Der Bau von Zweitwohnungen war in weiten Teilen der Schweizer Alpen lange Haupttreiber der Baukonjunktur, kam aber infolge der Zweitwohnungsinitiative weitgehend zum Erliegen. Um Wertschöpfung in der Bauwirtschaft zu erhalten, müssen Investitionen in die Erneuerung des Bestandes umgelenkt werden, und dazu bedarf es entsprechender Strategien. Die grosszügige Regelung zur Umwandlung von Erst- in Zweitwohnungen ist wirtschaftlich sinnvoll, kann jedoch unter bestimmten Umständen zur Abwanderung der einheimischen Bevölkerung aus dem Dorfzentrum an den Ortsrand führen (sogenannter Doughnut-Effekt). Aber der grosse Bestand von 350’000 bis 400’000 Zweitwohnungen im Schweizer Berggebiet (siehe Abbildung 2) bringt nicht nur Herausforderungen mit sich, sondern auch Chancen.

Neue Geschäftsmodelle in der Parahotellerie, Online-Vermietungsplattformen, aber auch Vermietungsanreize im Rahmen von Zweitwohnungsabgaben könnten helfen, «kalte» Betten in «warme» umzuwandeln und so zusätzliche Wertschöpfung im Tourismussektor zu generieren. Zweitwohnungsabgaben sollten allerdings nur eingeführt werden, wenn sie in eine klare Strategie eingebettet sind. Die zweite grosse Chance besteht darin, Zweitwohnungsbesitzer und ihre Familien – die insgesamt rund eine Million Personen ausmachen – als Investoren, Ideengeber und Miliztätige zu gewinnen. Sie verfügen über all jene Kapazitäten, die für den Strukturwandel benötigt werden, und sind dem Berggebiet emotional verbunden. Ein Instrument, um diese Personen zu mobilisieren und in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen, könnte z. B. ein «Rat der Zweitwohnungsbesitzer» auf Gemeindeebene sein. Die gleiche Wirkung hätte ein Ansprechpartner für Zweitwohnungsbesitzer, der mit ähnlichen Aufgaben wie Alumni-Beauftragte an Hochschulen betraut wäre.

Abb. 2: Anteil und Anzahl Zweitwohnungen nach Kanton (2015)

Anmerkung: Die Zahlen beinhalten auch bewirtschaftete Zweitwohnungen und solche von Wochenaufenthaltern. Sie sind daher höher als nach der enger gefassten Definition des Zweitwohnungsgesetzes.

Quelle: BFS, Müller-Jentsch (2017) / Die Volkswirtschaft

Branchencluster und Innovationssysteme fördern

Die räumliche Ballung wirtschaftlicher Aktivitäten steigert die Wettbewerbsfähigkeit einer Region durch Vernetzungseffekte. Solche Clusterstrukturen sind auch im Berggebiet zu finden – vielfach jedoch erst auf den zweiten Blick. Eine Kategorie stellen städtische Agglomerationen dar. Auch in der Tourismusbranche haben sich um grössere Destinationen solche regionale Branchencluster entwickelt. Konzentrationen in der industriellen Produktion findet man beispielsweise im Alpenrheintal, und mit der Uhrenindustrie im Jura gibt es sogar einen exportstarken Technologiecluster innerhalb des Schweizer Berggebietes. Innovationspotenzial existiert aber gerade auch im Berggebiet, im Handwerk und in der Landwirtschaft. Dies zeigen internationale Fallbeispiele wie der Holzbaucluster in Vorarlberg und der Obstanbau in Südtirol.

Tertiäre Bildungseinrichtungen sind wichtige Ankerinstitutionen regionaler Innovationssysteme. Im Berggebiet gibt es einige Initiativen zu ihrer Stärkung. So gelang etwa dem Tessin der Aufbau einer eigenen Universität. Der Kanton Wallis hat mit der EPFL Lausanne eine starke externe Partnerin gefunden, um in Sitten ein Campusareal zu entwickeln, auf dem bereits vorhandene Institutionen zusammengeführt werden. Da es den tertiären Bildungsinstitutionen im Berggebiet jedoch häufig an kritischer Masse mangelt, sollten sie sich stärker auf Kompetenzen mit Relevanz für das Berggebiet spezialisieren, um innerhalb der Schweizer Bildungslandschaft ein klareres Profil zu gewinnen.

Neue Lösungen suchen

Periphere und dünn besiedelte Regionen werden auch als potenzialarme Räume bezeichnet. Sie leiden oft unter Überalterung, Abwanderung und einer Erosion wirtschaftlicher Strukturen. Ein schlichtes «Ansubventionieren» gegen solche Schrumpfungsprozesse ist teuer und wenig effektiv. Die Tabuisierung dieser Probleme erschwert die Suche nach neuen Lösungsansätzen. So bedarf es etwa pragmatischer Ansätze für einen kostengünstigen Service public, wie Rufbus-Systeme oder Postagenturen in Dorfläden. Zudem bedarf es Strategien zur Aktivierung spezifischer Wertschöpfungspotenziale.

So gibt es durchaus Dienstleistungen, für die Abgeschiedenheit ein Standortvorteil ist, wie Internate oder Rehabilitationskliniken. Auch die Digitalisierung schafft neue Potenziale, beispielsweise in Form von Telearbeit oder dem Onlinevertrieb regionaler Produkte. Zahlreiche neu gegründete Regionalpärke sind eine Chance, die Landschaft in Wert zu setzen und Wertschöpfungsketten im sanften Tourismus zu entwickeln. Peripheren Räumen mangelt es häufig nicht an Potenzialen, sondern an handlungsfähigen Akteuren, die die Potenziale erschliessen. Entsprechend wichtig ist gerade auch für diese Gebiete die Mobilisierung von Zweitwohnungsbesitzern als Akteure des Wandels.

Aber es gibt auch Regionen, in denen Schrumpfungsprozesse so weit fortgeschritten sind, dass es Strategien für einen «geordneten Rückzug» bedarf. Die Angst davor scheint übertrieben, denn extensive Nutzungsformen haben in den Bergen eine lange Tradition, wie Maiensässe oder «Teilzeit-Täler», die nur im Sommer genutzt werden, zeigen. Zudem gibt es auch innovative Beispiele hierfür: etwa die Umnutzung von Rustici zu Zweitwohnungen, die nur unter der Bedingung gewährt wird, dass auch die dazugehörige Kulturlandschaft gepflegt wird. Durch eine Umschichtung von Mitteln innerhalb der NRP könnten innovative Lösungsansätze für potenzialarme Räume gezielter gefördert werden.

Alle Akteure vor Ort sind gefordert

Um den wirtschaftlichen Strukturwandel im Berggebiet erfolgreich zu bewältigen, sind verschiedene Akteure gefordert. Seitens des Bundes scheint eine Weiterentwicklung der bislang eher vagen Berggebietspolitik geboten, um diese strategisch fokussierter und operativ relevanter zu machen. Aber auch die Vertreter des Berggebietes sollten ihre Rollen überdenken: Sinnvoll scheinen eine stärkere Ausrichtung der Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK) auf Strategien zur Bewältigung des Strukturwandels sowie der Aufbau eines nationalen Kompetenzclusters zu Berggebietsfragen – beispielsweise durch den Aufbau eines «Hauses der Berge» in Bern. Eine Kompetenzlücke gibt es derzeit auch hinsichtlich ökonomischer Themen: Auf nationaler Ebene fehlt eine wirtschaftliche Instanz zum Berggebiet – vergleichbar mit dem Wirtschaftsforum Graubünden.

Am Ende jedoch muss der eigentliche Strukturwandel im Berggebiet selber erfolgen, und diesbezüglich sind die Akteure vor Ort gefordert. Unternehmer müssen alte Geschäftsmodelle anpassen und neue entwickeln, z. B. im Tourismus oder in der Bauwirtschaft. Kantone und Gemeinden können durch Gebietsreformen und die Zusammenarbeit innerhalb von funktionalen Räumen handlungsfähige politische Strukturen schaffen. Die Einwohner des Berggebietes müssen als Stimmbürger, Miliztätige und Arbeitnehmer bereit sein für den Wandel althergebrachter Strukturen. Und die Zweitwohnungsbesitzer sollten sich in diesen Prozess aktiv einbringen. Ihre Investitionen, ihr Engagement und ihr Know-how sind entscheidender für die wirtschaftliche Zukunft des Berggebietes als föderale Finanztransfers.

  1. Der folgende Artikel basiert auf der Studie «Strukturwandel im Schweizer Berggebiet». Siehe Müller-Jentsch (2017). []

Dr., Senior Fellow, Avenir Suisse, Zürich

Dr., Senior Fellow, Avenir Suisse, Zürich