Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Ökonomische Perspektiven der Berggebiete»

Zusammenarbeit im Alpenraum: Netzwerke für die Zukunft

Seit 25 Jahren streben die Alpenregionen in den verschiedenen Ländern nach mehr Koordination und engeren Beziehungen. Seither hat die Vielfalt der Themenbereiche laufend zugenommen. Die Schweiz beteiligt sich massgeblich an diesem Prozess.

Im Projekt Alpfoodways setzen sich die Berggebiete mehrerer Alpenländer gemeinsam für eine Aufnahme ihrer Lebensmittelkultur in die Unesco-Liste ein. (Bild: Keystone)

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Die Regionen des Alpenraums stehen über die Grenzen hinweg vor gemeinsamen Herausforderungen. Gerade in Wirtschaftsfragen bietet das Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und zusammenzuarbeiten. In diesem Sinne ist auch die Schweiz in verschiedene transnationale Strukturen eingebunden, die für die Alpenregionen von Bedeutung sind: die Alpenkonvention, das Interreg-B-Alpenraumprogramm und seit Kurzem die Makroregionale Strategie für den Alpenraum. Letztere hat zum Ziel, die Qualität der transnationalen Zusammenarbeit im Alpenraum zu fördern.

Trotz sprachlicher und kultureller Unterschiede besitzen die Regionen der Alpen eine gemeinsame Identität. Bei der Bevölkerungsentwicklung, in Umwelt- oder Wirtschaftsfragen, im Tourismus oder beim Verkehr sind sie mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert. Der Alpenraum beherbergt einige der wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsräume Europas mit hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Dazu gehören insbesondere Bayern, die Lombardei und die französische Region Rhône-Alpes. Sie sind gleichzeitig die bedeutendsten Wirtschaftspartner der Schweiz. In Verkehrsfragen beispielsweise ist die Zusammenarbeit im Alpenraum unverzichtbar geworden. In anderen Bereichen besteht ein grosses Interesse daran.

Die Alpenkonvention als Vorreiterin

Bereits vor 1991 existierten zahlreiche Strukturen für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Sie betrafen allerdings nur kleinflächige Gebiete des Alpenbogens. Mit der Unterzeichnung der Alpenkonvention im Jahr 1991 wurde die erste Plattform für zwischenstaatliche Zusammenarbeit im Alpenraum geschaffen. Sie umfasst die Alpenländer Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Monaco, Österreich, Schweiz und Slowenien sowie die Europäische Union (siehe Abbildung). So deckt die Konvention den gesamten Alpenbogen mit seinen 13 Millionen Einwohnern ab. Obschon sich die Konvention in erster Linie mit Umweltfragen befasst, war sie ein wichtiger Schritt für die Zusammenarbeit im Alpenraum.

Die drei wichtigsten Übereinkommen im Alpenraum

Quelle: ARE / Die Volkswirtschaft

Alpenraumprogramm vertieft die Zusammenarbeit

Im Jahr 2000 wurde das Interreg-B-Alpenraumprogramm unterzeichnet. Es ermöglichte eine Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen der EU und den Alpenländern. Das Programm finanziert transnationale Zusammenarbeitsprojekte und reicht über den Geltungsbereich der Alpenkonvention hinaus. Geografisch umfasst es den Hauptbogen der Alpen sowie das Piemont. Es erstreckt sich über das gesamte Territorium der Schweiz, Österreichs, Liechtensteins und Sloweniens sowie über Teile Deutschlands, Frankreichs und Italiens. In diesem Gebiet leben rund 70 Millionen Menschen.

Das Programm umfasst zahlreiche Themen, darunter auch die wirtschaftliche Entwicklung. Die derzeitigen Programmschwerpunkte sind Innovation, Energie, natürliches und kulturelles Erbe, Biodiversität und Gouvernanz. Ziel ist es, auf gewisse Schwächen des Alpenraums Antworten zu finden: etwa indem die Zusammenarbeit in den Bereichen Forschung und Innovation gestärkt oder die Landflucht eingedämmt wird.

Das Alpenraumprogramm ist flexibel konzipiert. Dank dem Bottom-up-Ansatz bei der Projektentwicklung kann es auch aktuellste Themen aufnehmen. Zwischen 2014 und 2020 werden rund 50 Projekte durchgeführt. Das Budget beläuft sich auf 139 Millionen Euro.

Seit rund zehn Jahren integriert die Schweiz die europäischen Interreg-Programme in die Neue Regionalpolitik (NRP). Den Schwerpunkt legt sie dabei auf die Wertschöpfung und die Wettbewerbsfähigkeit. So anerkennt die Schweiz die Bedeutung des europäischen Programms für die Regionalentwicklung und ermutigt die Wirtschaftsakteure, vermehrt an Zusammenarbeitsprogrammen teilzunehmen. Das Interreg-Programm bietet die Möglichkeit, vollkommen neue Projekte zu lancieren oder regionale Initiativen um eine internationale Dimension zu erweitern. Zusätzlich zur finanziellen Unterstützung des Bundes im Rahmen der NRP werden die Schweizer Projektpartner oft und in bedeutendem Umfang auch durch die Kantone gefördert.

Das Interreg-B-Alpenraumprogramm vernetzt zahlreiche Akteure der Regionalentwicklung. Die Projekte ermöglichen den Austausch über Themen, die für alle Beteiligten von Interesse sind, die Suche nach Lösungen für gemeinsame Probleme, die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe dank innovativer Praktiken und die Einbindung der Schweizer Akteure in internationale Netzwerke (siehe Kasten).

Mehr politische Zusammenarbeit dank Eusalp

Nach rund 15-jähriger Zusammenarbeit im Rahmen des Interreg-Programms wollten die Regionen und Staaten des Alpenraums ihrer auf technischer Ebene fest verankerten Zusammenarbeit auch eine politische Dimension verleihen. Um die öffentlichen Politiken auf den verschiedenen staatlichen Ebenen besser zu koordinieren, wurde 2015 die Makroregionale Strategie für den Alpenraum (Eusalp) verabschiedet.

Oberstes Ziel ist der gerechte Zugang zu Beschäftigungsmöglichkeiten unter Nutzung der hohen Wettbewerbsfähigkeit des Alpenraums. Zu diesem Zweck soll ein wirksames Forschungs- und Innovationsökosystem geschaffen, das wirtschaftliche Potenzial strategischer Branchen gesteigert und Ausbildungsinhalte besser auf den Arbeitsmarkt abgestimmt werden.

Die Umsetzung der Strategie erfolgt in verschiedenen Aktionsgruppen, in denen zahlreiche schweizerische Akteure vertreten sind. Eusalp verfügt nicht über genügend Mittel, um Projekte selbst zu realisieren. Aus diesem Grund stützt sich die Strategie auf bestehende Strukturen wie das Alpenraumprogramm.

Die ersten Eusalp-Projekte werden demnächst anlaufen – sei es im Rahmen des Interreg-Programms oder ausserhalb davon. Sie sind auf die strategischen Schwerpunkte ausgerichtet, die von den Regionen und den Alpenländern festgelegt wurden. Auch Fragen zur Gouvernanz müssten wirksamer angegangen werden.

Alles deutet darauf hin, dass Eusalp die Zusammenarbeit im Alpenraum verbessern wird. Die Regionalentwicklung in der Schweiz kann davon nur profitieren. Darüber hinaus erhoffen wir uns, dass diese Strategie auch die Zusammenarbeit zwischen grossstädtischen und periurbanen Regionen sowie Berggebieten stärkt.

Stellvertretender Delegierter für Internationales, Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), Bern

Projekte des Alpenraumprogramms

Im Rahmen des Alpenraumprogramms werden derzeit 33 Projekte unterstützt. Aus der Schweiz sind 22 Projektpartner beteiligt. Hier einige Beispiele:

Mit Unterstützung der kantonalen Wirtschaftsförderung leitet die Hochschule für Technik und Architektur Freiburg das Projekt S3-4AlpClusters. Dieses zielt darauf ab, in regionalen Clustern die Kapazitäten für die Umsetzung von Innovationsstrategien zu stärken. Das Projekt erlaubt den Austausch und den Aufbau von dauerhaften Beziehungen mit Schlüsselakteuren in den Nachbarländern.

Beim Projekt C-TEMalp arbeitet die Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur mit dem Verein KMU Next zusammen. Das Projekt will Unternehmensnachfolgen kleiner und mittelgrosser Betriebe fördern. Dieses Thema ist für zahlreiche Alpenregionen von grosser Bedeutung, denn jedes Jahr schliessen viele KMU, weil sich kein Unternehmensnachfolger findet.

Dank der Zusammenarbeit im Alpenraum können auch gemeinsame Ressourcen in Wert gesetzt werden. Das Projekt AlpFoodway ist der Lebensmittelkultur in den Alpen gewidmet und wird vom Kompetenzzentrum Polo Poschiavo geleitet. Langfristiges Ziel des Projekts ist die Aufnahme der alpinen Lebensmittelkultur in die Unesco-Liste der immateriellen Kulturgüter.

Stellvertretender Delegierter für Internationales, Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), Bern