Die Volkswirtschaft

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Strukturwandel dank hoch qualifizierten Arbeitskräften gut gemeistert

Angesichts des Strukturwandels sind hoch qualifizierte Arbeitskräfte in der Schweiz immer gefragter. Bildungsinvestitionen im Inland und die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte haben die Anpassungsfähigkeit des Arbeitsmarktes gestärkt.

Gesucht auf dem Arbeitsmarkt: Ingenieur an der ETH Lausanne. (Bild: Keystone)

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Technologischer Wandel und internationaler Wettbewerb verändern die Arbeitsmärkte in den Industrieländern. In der Schweiz äusserte sich der Strukturwandel über die letzten Jahre vor allem in einer raschen und signifikanten Bedeutungszunahme bildungsintensiver Tätigkeiten. Neben hohen Bildungsinvestitionen war es vor allem der offene Arbeitsmarkt, der diese Dynamik begünstigte. 15 Jahre nach Einführung der Personenfreizügigkeit scheint klar: Ohne den Zugang zum Arbeitskräftepotenzial in der EU hätte die Schweiz von den Chancen des Strukturwandels nicht im selben Ausmass profitieren können.

Unter dem Einfluss von technologischem Wandel und internationalem Wettbewerb hat sich die Arbeitskräftenachfrage in der Schweiz stark verändert. In den letzten 15 Jahren stieg die Zahl der erwerbstätigen ständigen Wohnbevölkerung insgesamt um rund 650’000 Personen oder um durchschnittlich 1 Prozent pro Jahr. Besonders stark zum Beschäftigungswachstum beigetragen haben diejenigen Berufsgruppen mit den höchsten Qualifikationsanforderungen: Führungskräfte, akademische Berufe sowie technische Berufe (siehe Abbildung 1).

Für Berufsgruppen im Bereich der mittleren und tiefen Qualifikationen war die Entwicklung demgegenüber nicht gleichgerichtet. Während auch bei den Dienstleistungs- und Verkaufsberufen ein deutlicher und bei den Hilfsarbeitskräften ein moderater Beschäftigungszuwachs zu verzeichnen war, entwickelte sich die Beschäftigung vor allem für Bürokräfte und verwandte Berufe, aber auch für Personen in Handwerksberufen, für Fachkräfte in der Land- und Forstwirtschaft sowie Anlagen- und Maschinenbediener rückläufig.

Abb. 1: Beschäftigungsentwicklung nach Berufsgruppen in der Schweiz (2001 bis 2016)

Anmerkung: Absolute Veränderung, jeweils im zweiten Quartal; Berufshauptgruppen gemäss ISCO-Klassifikation.

Quelle: Sake / Die Volkswirtschaft

Treibende Kraft hinter diesen Verschiebungen ist die Verbreitung von Computern und Maschinen im Arbeitsprozess. Besonders deutlich sinkt die Nachfrage nach Arbeitnehmern, welche Routinearbeiten ausüben: Industriearbeiter werden vermehrt durch Roboter ersetzt, Büroassistenten durch Organisationssoftware. Im Gegensatz dazu können Maschinen analytische, kreative oder interaktive Berufe, zu denen etwa Management-, Forschungs- oder Lehrkräfte, aber auch Pflegekräfte, Coiffeure oder Kinderbetreuer gehören, nicht ersetzen, sondern deren Nachfrage teilweise sogar steigern.

Polarisierung des Arbeitsmarktes

Vergleicht man den Wandel der Beschäftigungsstruktur in der Schweiz mit derjenigen in anderen Industriestaaten, so weicht die Schweiz sowohl bezüglich Muster als auch Dynamik vom OECD-Durchschnitt ab:[1] Während der Anteil hoch qualifizierter Erwerbstätiger an der Gesamtbeschäftigung zwischen 1995 und 2015 im OECD-Mittel um 7,6 Prozentpunkte zunahm, wuchs er in der Schweiz um hohe 15,6 Prozentpunkte – die höchste Zunahme aller untersuchten Länder. Gleichzeitig nahm der Anteil Mittelqualifizierter im OECD-Schnitt um 9,5 und in der Schweiz um 15,6 Prozentpunkte ab. Bei den Niedrigqualifizierten stieg der Anteil in der OECD um 1,9 Prozentpunkte; in der Schweiz blieb er konstant.

Insgesamt zeugt diese Entwicklung von einer zunehmenden Polarisierung der Arbeitsmärkte in den OECD-Ländern: Die Beschäftigungsanteile sowohl von hoch wie auch von tief qualifizierten Arbeitskräften gewinnen auf Kosten von Berufen mit mittleren Qualifikationsanforderungen an Bedeutung.

Für die Schweiz gilt: Einerseits fiel der berufliche Strukturwandel besonders stark aus – andererseits bestätigt sich das Muster der Arbeitsmarktpolarisierung in seiner typischen Ausprägung nicht, denn im Gegensatz zur Mehrzahl der OECD-Staaten nahm die Bedeutung von unqualifizierter Arbeit in der Schweiz nicht zu. Die Entwicklung in der Schweiz spiegelt somit vielmehr eine erfolgte generelle, breit abgestützte Höherqualifizierung. In diesem Zusammenhang spricht man oft von sogenanntem Upskilling.

Bildungsinvestitionen machen sich bezahlt

Damit diese tiefgreifenden strukturellen Veränderungen in so kurzer Zeit möglich waren, musste eine rasche, den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes entsprechende Anpassung des Arbeitskräfteangebots erfolgen. Investitionen in die Aus- und Weiterbildung der einheimischen Erwerbsbevölkerung haben hierbei eine zentrale Rolle gespielt.

Die öffentlichen Bildungsausgaben wurden in der Schweiz in den vergangenen 20 Jahren gegenüber anderen öffentlichen Ausgaben priorisiert. So stieg ihr Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) von 5,2 Prozent im Jahr 1995 auf 5,6 Prozent im Jahr 2014. Ihr Anteil an den öffentlichen Gesamtausgaben wuchs im gleichen Zeitraum von 15,0 Prozent auf 17,3 Prozent.

Diese Entwicklung konnte auch über die letzten, wirtschaftlich anspruchsvollen Jahre fortgesetzt werden: So sind die öffentlichen Bildungsausgaben zwischen 2008 und 2013 in der Schweiz mit 14 Prozent deutlich stärker gewachsen als die Ausgaben für übrige öffentliche Dienstleistungen mit 9 Prozent.[2] Zum Vergleich: Im OECD-Mittel wuchsen die Bildungsausgaben mit 5 Prozent weniger als halb so stark wie in der Schweiz und auch langsamer als die Ausgaben für andere öffentliche Dienste mit 7 Prozent. Dass sich die Bildungsinvestitionen bezahlt gemacht haben, zeigt sich in der Beschäftigungsentwicklung der einheimischen Erwerbsbevölkerung nach Ausbildungsniveau (siehe Abbildung 2).

Abb. 2: Beschäftigungsentwicklung nach Ausbildungsniveau und Nationalität in der Schweiz (2003–2016)


Anmerkung: Absolute Veränderung 2003–2016, jeweils im zweiten Quartal.

Quelle: Sake / Die Volkswirtschaft

Zwischen 2003 und 2016 hat die Anzahl schweizerischer Erwerbstätiger mit einem Bildungsabschluss auf Tertiärstufe um über eine halbe Million Personen zugenommen. Gleichzeitig haben die Einheimischen Tätigkeiten mit mittleren und tiefen Qualifikationsanforderungen tendenziell verlassen: Die Zahl schweizerischer Erwerbstätiger, welche lediglich über einen obligatorischen Schulabschluss (Sekundarstufe I) verfügen, hat gegenüber 2003 um 80’000 abgenommen; die Zahl jener mit einem Lehrabschluss oder einer Maturität als höchstem Abschluss (Sekundarstufe II) ging um 160’000 zurück. Insgesamt ist damit eine rasche und signifikante Höherqualifizierung der einheimischen Erwerbstätigen gelungen.

Komplementäre Zuwanderung

Zur Deckung des stark wachsenden Bedarfs an hoch qualifizierten Arbeitskräften war über die Bildungsinvestitionen hinaus auch die Arbeitsmarktöffnung im Zuge der Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU ab 2002 wichtig, wie die qualifikationsspezifische Beschäftigungsentwicklung für EU-Zuwanderer nahelegt. So zählte der Arbeitsmarkt 2016 – zusätzlich zum erwähnten Beschäftigungsausbau bei den Einheimischen – 230’000 hoch qualifizierte EU-Erwerbstätige mehr als 2003. Die hohe Beschäftigungszunahme im Bereich bildungsintensiver Tätigkeiten wurde somit wesentlich unterstützt durch die starke Zuwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte.

Der EU-Raum war – in geringerem Ausmass – auch von Bedeutung für die Rekrutierung von Niedrigqualifizierten. In der Qualifikationsstruktur der Freizügigkeitszuwanderer zeigt sich dies deutlich: Mit 60 Prozent Hoch- und 16 Prozent Niedrigqualifizierten waren Zuwanderer nicht nur am oberen, sondern an beiden Enden der Qualifikationsskala gegenüber der einheimischen Erwerbsbevölkerung übervertreten. Zum Vergleich: Unter den 2016 erwerbstätigen Schweizern verfügten lediglich 40 Prozent über einen Abschluss auf Tertiärstufe und nur 10 Prozent über keine nachobligatorische Schulbildung.

Die Rekrutierung am unteren Ende der Qualifikationsskala diente dabei vor allem zur Deckung von Ersatzbedarf, welcher aus der Höherqualifizierung und einer «Abwanderung» der Einheimischen aus niedrig qualifizierten Tätigkeiten resultiert. Insgesamt scheint die Zuwanderung damit in hohem Masse komplementär zum inländischen Arbeitskräftepotenzial gewesen zu sein. Dieser Eindruck wird von der mittlerweile umfassenden Literatur zu den Lohn- und Beschäftigungseffekten der Zuwanderung weitgehend bestätigt.[3] Die anhaltend guten Arbeitsmarktergebnisse der Schweiz sprechen zudem insgesamt dafür, dass der wirtschaftliche Strukturwandel und die in dessen Zuge erfolgte erfolgreiche Spezialisierung der Schweiz auf eine wissensintensive Wertschöpfungserbringung breiten Bevölkerungsschichten zugutegekommen sind. So schneidet der Schweizer Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich nicht nur bezüglich des Beschäftigungsniveaus und der Qualität der Arbeitsverhältnisse, sondern auch hinsichtlich dessen Integrationsfähigkeit sehr gut ab.[4]

  1. OECD (2017a): 121. []
  2. OECD (2016): Table B4.2. []
  3. Vgl. Seco et al. (2017) für eine Literaturübersicht. []
  4. OECD (2017b): 19–46. []

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Personenfreizügigkeit und Arbeitsbeziehungen, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Literatur

  • OECD (2016). Education at a Glance: OECD Indicators, Paris.
  • OECD (2017a). How Technology and Globalization Are Transforming the Labour Market, in: OECD Employment Outlook 2017, Paris.
  • OECD (2017b). How Are We Doing? A Broad Assessment of Labour Market Performance, in: OECD Employment Outlook 2017, Paris.
  • Seco et al. (2017). 13. Bericht des Observatoriums zum Freizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU. Auswirkungen der Personenfreizügigkeit auf den Arbeitsmarkt, Bern.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Personenfreizügigkeit und Arbeitsbeziehungen, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern