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Die unbegründete Angst vor einer Verknappung der Arbeit

Woher kommt die tiefsitzende Angst vor einer bevorstehenden Verknappung der Arbeit? (Bild: Keystone)

Starten wir mit einem aktuellen Beispiel: Eine Erhöhung des Rentenalters wäre angesichts der steigenden Lebenserwartung eigentlich die mit Abstand effektivste Massnahme zur Sicherung der Altersvorsorge. Eine solche Massnahme hat es in der Schweiz allerdings ausserordentlich schwer, wie man in der politischen Debatte rund um die Altersvorsorge 2020 wieder beobachten konnte. Ein Hauptgrund dafür ist die Befürchtung, dass es nicht genügend Arbeitsplätze für ältere Personen habe. Dabei handelt es sich um die jüngste Variante eines Dauerbrenners der ökonomischen Fehlüberlegungen, der in verschiedensten Zusammenhängen immer wieder auftaucht: Seien es neue Technologien wie bei der Roboterisierung, die ausländische Konkurrenz durch China oder die Verdrängung inländischer Arbeitskräfte durch Immigration – immer wieder hört man die Befürchtung, dass die Anzahl Arbeitsplätze wegen Veränderungen nicht genügen könnte.

Seit Jahrzehnten wächst die Beschäftigung

Woher kommt diese tiefsitzende Angst vor einer bevorstehenden Verknappung der Arbeit? Ein Grund dafür ist sicher, dass Stellenabbau öffentlich stärker wahrgenommen wird, während Stellenaufbau kaum Beachtung findet. Streicht ein Unternehmen in einer bestimmten Region 200 Stellen, dann ist dies eine Nachricht mit regionalem, oft auch nationalem Echo. Der Aufbau neuer Stellen dagegen erfolgt in der Regel verstreut über viele einzelne Unternehmen und über einen längeren Zeitraum – deshalb bleibt er medial meist unbeachtet. Dadurch entsteht der Eindruck, viel öfter mit Stellenabbau als mit Stellenaufbau konfrontiert zu sein. Tatsächlich zeigt aber ein Blick in die Statistik, dass dieser Eindruck täuscht. Die Beschäftigung in der Schweiz steigt seit Jahrzehnten an. Gab es 1996 noch knapp 4 Millionen Erwerbstätige, so waren es zwanzig Jahre später schon über 5 Millionen! Die Menge an Arbeit erhöhte sich auch in Zeiten starker technologischer Umbrüche und intensivierter Globalisierung laufend. Auch die starke Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit hat die Beschäftigung der Männer nicht reduziert – ein schlagendes Argument dafür, dass die Arbeitsmenge nicht fix oder gar rückläufig ist.

Trotzdem ist diese statistische Realität für viele nicht überzeugend genug – es könnte ja immer noch sein, dass es diesmal anders ist. Deshalb ist es wichtig, die ökonomische Begründung für diese statistischen Fakten zu verstehen. Der Grund für die Fehlüberlegung, dass eine Verknappung der Arbeit droht, stammt daher, dass man sich meist nur auf die Effekte in Einzelsektoren beschränkt. Die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft werden dabei zu wenig berücksichtigt. Nehmen wir das Beispiel der Schreibmaschine, die durch den Computer verdrängt wurde. Analysiert man nur die Situation der Schreibmaschinenproduzenten, dann hat die neue Textverarbeitungstechnologie in der Tat zu einem bedeutenden Abbau von Arbeitsplätzen geführt. Doch wir müssen auch die Wirkung auf andere Sektoren mitberücksichtigen.

Zusätzliches Einkommen führt zu mehr Konsum

In der gesamten Wirtschaft führte der Einsatz von Computern zu einem Produktivitätsgewinn und damit zu zusätzlichen Einkommen. Und diese Einkommen können genau drei Gruppen zufliessen: den jetzt produktiveren Arbeitskräften in Form von Lohnerhöhungen, den Eigentümern der Unternehmen in Form höherer Gewinne oder den Konsumenten in Form niedrigerer Preise. Diese drei Gruppen werden aber das zusätzliche Einkommen verwenden, um zusätzliche Waren und Dienstleistungen nachzufragen. Und diese wiederum müssen von jemandem produziert werden. Das bedeutet, dass zusätzliche Arbeit geleistet werden muss, wodurch die Nachfrage nach Arbeit und damit die Beschäftigung ansteigen.

Historische Erfahrung, Statistiken sowie ökonomische Theorie kommen einmütig zum gleichen Resultat: Funktioniert der Arbeitsmarkt – wie es in der Schweiz ohne Zweifel der Fall ist –, spricht nichts für eine bevorstehende Verknappung der Arbeit.

Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie, Universität Bern; Vorsitzender Beirat Zukunft Finanzplatz

Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie, Universität Bern; Vorsitzender Beirat Zukunft Finanzplatz