Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Schweizer Volkswirtschaft und der harte Franken»

Der Franken als Ausdruck der Stärke

Ein sich aufwertender Franken widerspiegelt die Stärke der Schweizer Volkswirtschaft. Der damit verbundene Strukturwandel ist jedoch schmerzhaft – besonders wenn der Kursanstieg abrupt ist.

Der Franken gewinnt seit Jahrzehnten an Wert. Kupferdruckplatte einer Fünfzigernote. (Bild: SNB)

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Der reale Frankenkurs ist seit den Siebzigerjahren stetig gestiegen. Diese Aufwertung ist ein Abbild der Stärke der Volkswirtschaft und hat die Kaufkraft der Bevölkerung stark erhöht. Für viele Schweizer Unternehmen stellt die starke Währung allerdings eine Herausforderung dar. Dies gilt im Besonderen für die Aufwertungsphasen nach der Weltwirtschaftskrise. Sechs Studien der Strukturberichterstattung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) haben die Auswirkungen untersucht. Die zentralen Fragen lauten: Wieso waren die Schweizer Exporte so robust? Führte die Aufwertung zu höherer Exportqualität oder einer Konzentration der Exporte? Was waren die Auswirkungen auf die Beschäftigung? Und wie beeinflusste die Aufwertung die Investitionen und die F&E-Tätigkeit der Firmen?

Eine starke Währung ist nichts Neues für die Schweiz. Wer nach 1973 geboren wurde, kennt nichts anderes als einen stetig stärker werdenden Franken. Seit dem Ende des Bretton-Woods-System hat sich der inflationsbereinigte Aussenwert des Frankens um die Hälfte erhöht (siehe Abbildung 1). Dies ist generell ein positives Zeichen, denn eine nachhaltig starke Währung fällt nicht einfach so vom Himmel: Temporäre Schwankungen können zwar von kurzfristigen Kapitalflüssen getrieben sein. Stetig und nachhaltig aufwerten kann sich jedoch nur die Währung einer im internationalen Vergleich erfolgreichen Volkswirtschaft. Davon profitiert auch die Bevölkerung: In den letzten 45 Jahren hat sich insbesondere die Kaufkraft – und dadurch der Wohlstand – wesentlich erhöht.

Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille. So drückt die Aufwertung konstant auf die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen, welche auf den internationalen Märkten mit einer immer günstiger werdenden Konkurrenz konfrontiert sind. Insbesondere die Aufwertung ab Anfang 2010 bis zur Einführung des Mindestkurses um nominal fast 25 Prozent sowie nach der Aufhebung des Mindestkurses um 10 Prozent stellten die Schweiz als stark vernetzte und exportlastige Volkswirtschaft vor grosse Herausforderungen.

Insgesamt scheint die Schweizer Volkswirtschaft überraschend gut durch diese Periode gekommen zu sein. Den aktuellsten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zufolge wuchs das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) seit 2010 im Durchschnitt um rund 1,7 Prozent pro Jahr – wobei die Wachstumsrate auch im Jahr 2012 noch 1 Prozent betrug. Zumindest im Vergleich mit den damals äusserst pessimistischen Konjunkturprognosen überrascht diese Entwicklung.

Abb. 1: Wechselkursindex des Frankens (1973–2017)

Quelle: SNB / Die Volkswirtschaft

Strukturberichterstattung des Seco

Klar ist: Die Entwicklung auf aggregierter Ebene verdeckt die spezifischen Entwicklungen in den einzelnen Unternehmen, Branchen und Regionen. Diese reagieren je nach Exponiertheit gegenüber dem Wechselkurs unterschiedlich, wie sechs Studien im Rahmen der Strukturberichterstattung des Seco zeigen.[1] Grundsätzlich kann dabei zwischen drei potenziellen Wirkungskanälen einer Währungsaufwertung unterschieden werden.

Erstens führt eine Aufwertung zu einem Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit im Ausland. Zweitens steigt auch die Importkonkurrenz für Schweizer Produzenten auf dem Binnenmarkt. Und drittens führt die Aufwertung zu einer Vergünstigung von Vorleistungen und Investitionsgütern, welche in der Schweiz verarbeitet oder genutzt werden.

Wie stark nun ein Unternehmen, eine Branche oder eine Region von einer Aufwertung des Frankens betroffen sind, hängt damit zusammen, wie sie gegenüber diesen drei Kanälen ausgesetzt ist. So leidet beispielsweise die Tourismusbranche relativ stark unter der Aufwertung, da sie einerseits eine hohe Exponiertheit gegenüber ausländischer Konkurrenz durch Tourismusdestinationen in den Nachbarländern aufweist und andererseits kaum von ausländischen Vorleistungen profitieren kann.

Diese unterschiedliche Betroffenheit der Unternehmen schlägt sich sowohl in der Export- und der Beschäftigungsentwicklung als auch in den Investitionen oder den Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) nieder. Die Grundfrage der aktuellen Strukturberichterstattung lautet deshalb, inwiefern die anhaltende Frankenaufwertung die strukturellen Veränderungen in der Schweizer Wirtschaft miterklärt und inwiefern die Aufwertungsphasen 2010/2011 und nach der Aufhebung des Mindestkurses im Januar 2015 den Strukturwandel beschleunigten.

Hat die Frankenaufwertung beispielsweise zur Konzentrationstendenz in den Warenexporten beigetragen? Seit der Jahrtausendwende haben Exporte aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie stark zugelegt: Betrug ihr Exportanteil im Jahr 2000 noch 28 Prozent, kletterte er bis 2016 auf 45 Prozent (siehe Abbildung 2). Im gleichen Zeitraum nahm der Anteil der Maschinen, Apparate und Elektronik um fast 15 Prozentpunkte ab. Diese Verschiebung in der Exportstruktur könnte darauf zurückzuführen sein, dass Pharmazeutika gegenüber einer Aufwertung schwächer exponiert waren als Maschinen, Apparate und Elektronik.

Abb. 2: Exporte der Schweiz nach Warengruppen (2000 und 2016)

Auch eine Spezialisierung auf Exporte hoher Qualität könnte durch die Aufwertung verursacht sein. Neben einer natürlichen Absicherung von Wechselkursschwankungen durch einen hohen Anteil an Vorleistungen kann eine Erhöhung der Exportqualität oder eine Verschiebung hin zu qualitativ hochwertigen Produkten mit wenig preissensitiven Kunden zudem eine weitere Erklärung sein, wieso sich die Exporte trotz der Aufwertungstendenzen des Frankens langfristig als ausserordentlich widerstandsfähig erwiesen haben.

Robuster Arbeitsmarkt

Von besonderem Interesse ist die Auswirkung auf die Beschäftigung: Konnte der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit durch die Vorteile aufgrund günstigerer Vorleistungen kompensiert werden? Dies legt die Beschäftigungsentwicklung bis 2015 zumindest nahe. Die starke Abschwächung des Beschäftigungswachstums nach der Aufhebung des Mindestkurses im Januar 2015 könnte hingegen darauf hindeuten, dass eine solche Kompensation bei schockartigen Aufwertungsphasen schwieriger ist.

Für das langfristige Wachstumspotenzial der Wirtschaft sind zudem die Investitionen der Unternehmen und ihre Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten zentral. Hier ist die Reaktion eines Unternehmens auf eine Frankenaufwertung von vornherein nicht eindeutig festzulegen. Einerseits könnte erwartet werden, dass Unternehmen bei einer Aufwertung und damit einhergehenden Margenverlusten und getrübten Wachstumsaussichten ihre Investitionen reduzieren oder ins Ausland verlagern. Anderseits ist auch vorstellbar, dass Unternehmen auf eine Aufwertung gerade mit stärkeren F&E-Aktivitäten und Massnahmen zur Kostensenkung reagieren, um die Margenverluste wieder wettzumachen.

Huhn oder Ei?

Wie eingangs erwähnt, ist die Frankenaufwertung selbst immer auch ein Abbild des Erfolgs und der Stärke der Volkswirtschaft. Was nun Ursache und was Wirkung ist – also ob nun die Frankenaufwertung zu höherer Exportqualität führte oder der Erfolg der Volkswirtschaft aufgrund der hohen Exportqualität in einer Aufwertung des Frankens resultierte –, bleibt letztendlich schwer zu eruieren. Schliesslich ist daran zu erinnern, dass die Aufwertung des Frankens nicht der einzige langfristige Trend ist, welcher den Strukturwandel beeinflusst. Für eine Identifikation des Aufwertungseffekts sind daher auch den Auswirkungen des technologischen Wandels oder der Globalisierung angemessen Rechnung zu tragen.

Somit gilt: Wenn die Volkswirtschaft weiterhin besser abschneidet als das Ausland, würde langfristig gesehen eine Abwertung des Frankens überraschen. Der Fokus der Wirtschaftspolitik sollte daher darauf liegen, die strukturellen Veränderungen der Volkswirtschaft nicht allzu stark zu behindern, damit diese mit zukunftsfähigen Strukturen nachhaltig erfolgreich sein kann.

  1. Die Studien sind Thema des aktuellen Schwerpunkts der «Volkswirtschaft». Sie sind unter Seco.admin.ch abrufbar[]

Dr. rer. oec., Leiter Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. oec., Leiter Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern