Die Volkswirtschaft

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Wie kann die Privatwirtschaft ihren Einfluss im internationalen Sicherheitsumfeld gestalten und dafür einsetzen, langfristig zu einer sichereren Welt beizutragen? Zur Beantwortung dieser zentralen Frage müssen die Rolle der Privatwirtschaft – insbesondere jene der global operierenden Unternehmen – und deren Verantwortung analysiert und der Handlungsrahmen, in dem sie sich engagieren kann, abgesteckt werden. Als Erstes sollen deshalb verschiedene Sicherheitsrisiken aufgezeigt und anschliessend das betriebliche Engagement im Rahmen verbindlicher Regelungen sowie Optionen eines freiwilligen Engagements erläutert werden.

Wirtschaftsakteure sind verschiedenen Sicherheitsrisiken ausgesetzt und verfügen gleichzeitig über ein grosses Potenzial, diesen entgegenzuwirken. Im folgenden Artikel geht es darum, die Privatwirtschaft dafür zu gewinnen, die Ereignisse des 11. September 2001 und das dadurch ausgelöste Stadium erhöhter Aufmerksamkeit und Sensibilisierung für Risiken als Gelegenheit zu nutzen, sich von einem vorwiegenden Bystander (Zuschauer) zu einem wirkungsvollen und einflussreichen Akteur in der Sicherheitspolitik zu wandeln.

Der Anfang des 21. Jahrhunderts hat gezeigt, dass eine globalisierte und zunehmend vernetzte Welt nicht nur neue Möglichkeiten schafft, sondern gleichzeitig auch zu einem komplexeren sicherheitspolitischen Umfeld und zu einer sensibilisierten Wahrnehmung – insbesondere von Terrorrisiken – geführt hat. Die heutigen Bedrohungsgefühle sind hauptsächlich auf die Terroranschläge des 11. September 2001 zurückzuführen. Vorfälle wie diese haben bewiesen, dass terroristische Attacken – neben grossem menschlichem Leid – auch beträchtliche direkte und indirekte sowie kurz-, mittel- und langfristige ökonomische Verluste verursachen können.  Von den Rückwirkungen des 11. September 2001 besonders hart betroffen waren die Luftfahrt, der Tourismus und die Versicherungsbranche. Ein einzelnes Ereignis – in diesem Falle ein Terroranschlag – zeigte die Bandbreite der betriebs- und volkswirtschaftlichen Kosten auf, die entstehen können. Die Anschläge wurden deshalb als Wake-up Call (Wachrütteln) bezeichnet.  Allerdings wiesen bereits in den Achtzigerjahren erste Publikationen auf die Tatsache hin, dass die Wirtschaft die Hauptzielgruppe des Terrorismus bildet und der überwiegende Teil der terroristischen Anschläge bisher gegen Einrichtungen des Privatsektors gerichtet war. In der Tat ist die Wirtschaft schon seit Jahrzehnten ein Ziel des Terrorismus, da sie nicht nur wirtschaftliche Macht und Stärke symbolisiert, sondern im weiteren Sinne auch die freie Marktwirtschaft und die Werte westlicher Demokratien verkörpert. Die Bezeichnung des Wachrüttelns ist deshalb hauptsächlich in Bezug auf das Ausmass der Anschläge und deren immense ökonomische Konsequenzen richtig. Trotzdem haben diese Ereignisse sowohl auf politischer wie auch auf betriebswirtschaftlicher Ebene zu einer veränderten Wahrnehmung und Einschätzung bestimmter Gefahren geführt. Die Risiken des internationalen Terrorismus sind die gewalttätigste Manifestation jener Verletzlichkeit, denen Staaten, Zivilbevölkerung und Wirtschaftssektor ausgesetzt sind.

Spektrum der Sicherheits- und Verlustrisiken

Neben der direkten Bedrohung durch Terroranschläge untergräbt eine Vielzahl zusätzlicher Risiken das Wirtschaftsleben. Dazu gehören die im militärischen Sinne klassischen Sicherheitsrisiken, die sich aus der potenziellen oder tatsächlichen Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, aus unzureichenden Exportkontrollen (insbesondere der Dual-Use-Güter) und aus dem illegalen Technologietransfer ableiten. Im Visier der Öffentlichkeit stehen Unternehmen, die einen Teil ihrer Einnahmen durch Verkäufe an die Rüstungsindustrie generieren oder selber entsprechende Produkte herstellen und Dienste erbringen. Weitere Risiken entstehen durch den internationalen Drogen-, Waffen-, und Menschenhandel, in den Wirtschaftsakteure verwickelt sein können. Ein schwer einzuschätzendes Gefahrenpotenzial bergen zudem geopolitische Risiken, die vom politischen und ökonomischen Zusammenbruch so genannter Schurkenstaaten oder von nichtstaatlichen Akteuren – wie von radikalisierten religiösen Führern – ausgehen. Innerstaatliche und internationale Konflikte sowie eine damit oft verbundene schlechte Regierungsführung, aber auch fehlende Rechtsstaatlichkeit oder Korruption können negative Auswirkungen auf die Tätigkeit multinationaler Wirtschaftsakteure haben. Andererseits sind auch Unternehmensrisiken in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen zu nennen, die am ehesten in Staaten vorkommen, in denen bewaffnete Konflikte, ein Vakuum an öffentlicher Mitsprache oder ein Mangel an Rechtstaatlichkeit herrschen.  Gleichzeitig hat sich die Verwundbarkeit der Wirtschaftsakteure durch die Folgen zunehmender Abhängigkeit und Vernetztheit der Infrastrukturen erhöht. Betroffen sind vor allem der Energie-, der Telekommunikations-, der IT- und der Transportsektor – alles Sektoren, in denen die Logistik für die Versorgungskette gewährleist wird. Auch Gesundheitsrisiken können beträchtliche wirtschaftliche Schäden verursachen, wie dies der Ausbruch der infektiösen Krankheit Sars oder die Aids-Epidemie in Afrika zeigen. Hinzu kommen die Herausforderungen im Bereich des Umweltschutzes und der Katastrophenprävention, deren Missachtung zu grösseren menschlichen wie auch finanziellen Verlusten führen kann, als der Terrorismus je anzurichten in der Lage sein wird. Die Folgen von Umwelt- und Naturkatastrophen (z.B. Tsunami oder Wirbelstürme) stellen besonders die Direkt- und Rückversicherungsgesellschaften vor immer grössere Probleme.

Zu einseitiger Fokus auf Terrorrisiken

Die hier aufgezählten Risiken bergen ein beträchtliches Schadens- und Kostenverursachungspotenzial. Eine Analyse der Schnittstellen von Wirtschaft und Sicherheit zeigt, dass der derzeitige Fokus der Sicherheitspolitik zu einseitig auf der Terrorbekämpfung liegt. Obwohl es durch die Terrorismusgefahr zu einer Sensibilisierung der Risikowahrnehmung gekommen ist, scheint diese Entwicklung die so genannt konventionellen Sicherheitsrisiken an den Rand zu drängen – dies, obschon Letztere weit mehr Menschenleben fordern und finanzielle Kosten verursachen können als Terroranschläge. Wenn das anzustrebende Ziel mehr Sicherheit für privatwirtschaftliche Unternehmen ist, muss dem gesamten Spektrum bestehender Sicherheitsrisiken Rechnung getragen werden.

Einflussmöglichkeiten in internationalen Organisationen, Wirtschaftsverbänden und NGO

Die Wirtschaft ist ein mächtiger und einflussreicher Akteur, der – insbesondere bei internationalen Tätigkeiten – zahlreichen Sicherheits- und Verlustrisiken ausgesetzt ist und eine besondere Verantwortung für mehr Sicherheit und Stabilität trägt. Ein solches Engagement kann auf verschiedenen Ebenen erfolgen: – Durch die Einhaltung verbindlicher Abkommen (staatliche und internationale Regulierungen); – durch die Unterstützung freiwilliger Initiativen und Vereinbarungen; – durch die Förderung betriebsinterner Standards.

Keine spezialisierten Gremien

Die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie (siehe Kasten 1) zeigen hingegen, dass eine Auslegung der Rahmenbedingungen für ein betriebliches Engagement im Sicherheitsbereich komplex ist. Zwar gibt es verschiedene etablierte internationale Wirtschaftsorganisationen – wie z.B. die Welthandelsorganisation (WTO) oder die Internationale Handelskammer -, informelle Wirtschaftsnetzwerke und -foren, Handelskammern oder Arbeitnehmerverbände, aber auch etliche multilaterale Initiativen wie den UN Global Compact. Dennoch ist keine dieser Institutionen auf sicherheitsrelevante Themen des Privatsektors spezialisiert oder bietet Rahmenbedingungen dafür, sich mit diesen Fragen zu befassen.  Die Studie veranschaulicht indes auch, dass zahlreiche Organisationen in den erwähnten Bereichen tätig sind. Die Verantwortlichkeit des Privatsektors wird in diesem Umfang grundsätzlich anerkannt. Die meisten internationalen Organisationen – wie die UNO, die Weltbank, die Europäische Union (EU), die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Nato – sowie Entwicklungsbanken, Forschungszentren und Nichtregierungsorganisationen (NGO) haben sich auf die eine oder andere Weise mit dem Thema der internationalen Sicherheit beschäftigt. Seitens der Unternehmen reichen die Initiativen von Beratungsfirmen für Risikomanagement über Wirtschaftsräte oder Roundtables bis zu Online-Sicherheitsdiensten. Für Unternehmen bestehen heute zahlreiche Optionen, sich für mehr Sicherheit einzusetzen, und zwar sowohl im Rahmen von internationalen Organisationen wie auch im Rahmen von NGO und Wirtschaftsverbänden.  In vielen Fällen untersuchen Wissenschafts- und Politikinstitute die Auswirkungen von Unternehmensaktivitäten in Bezug auf die Entwicklungshilfe, auf humanitäre Unterstützungsaktivitäten oder auf die nachhaltige Entwicklung, ohne diese aber mit traditionellen Sicherheitsthemen in Verbindung zu bringen. Von Seiten der NGO, aber auch multilateraler Organisationen sind vermehrt Initiativen und Programme zur Rolle von Unternehmen in der Konfliktverhütung, Friedensförderung und im Krisenmanagement zu verzeichnen. Im Finanzsektor sind – angesichts der weltweiten Terrorbekämpfung – bereits vielfältige verbindliche Massnahmen getroffen worden. Dazu gehören internationale Vorschriften in Bezug auf die Geldwäscherei, Sorgfaltspflichten oder Anti-Korruptionsmassnahmen. Andere Themen, die seitens der Öffentlichkeit wie auch des Privatsektors häufig Beachtung finden und heute als Teil der Firmenethik betrachtet werden, sind die soziale Verantwortung, Rechenschaftspflichten oder die gute Unternehmensführung.

Global Compact

Ein globales Instrument zur Verbesserung der hier angesprochenen Themen ist der Global Compact der UNO, der auf freiwilligem Engagement der Firmen basiert. Es handelt sich dabei um ein Abkommen zwischen verschiedenen UN-Behörden und dem Privatsektor zur Einhaltung von zehn Prinzipien im Bereich der Menschenrechte, des Arbeitsrechts, des Umweltschutzes und der Korruptionsbekämpfung. Global Compact hat nicht das Ziel, Firmentätigkeiten zu überprüfen oder die Prinzipien verbindlich durchzusetzen, sondern ist auf das Eigeninteresse der Firmen an der Einhaltung der Verhaltenskodizes angewiesen. Obwohl sich alle diese Bereiche nicht unmittelbar mit der Frage beschäftigen, welche Rolle Unternehmen innerhalb der «neuen Sicherheitsagenda» einnehmen, sind sie vor allem deshalb relevant, weil sie als Bedingungen für ein stabiles Sicherheitsumfeld und für gut funktionierende Wirtschaftsstrukturen gelten. Fortschritte in diesen Bereichen bedeuten deshalb auch einen Beitrag zu einer insgesamt sichereren Welt.

Anreize für Unternehmen

Die Anreize für Unternehmen, zu einem verbesserten Sicherheitsumfeld beizutragen und sich dadurch selbst besser zu schützen, sind vielfältig. Grundsätzlich aber ist von der Formel Business wants to do Business auszugehen. Firmen basieren ihre strategischen Entscheidungen darauf, welches Ergebnis oder welchen Mehrwert sie durch ein solches Engagement erwirtschaften können. Die Schlüsselfrage lautet deshalb, was es einer Firma einbringt, in Sicherheit zu investieren und mit welchem Ertrag und mit welchem Aufwand zu rechnen ist, würde auf solche Anstrengungen verzichtet.  Ein wesentlicher Anreiz ist der Selbstschutz, d.h. der Schutz der eigenen Tätigkeiten, des Personals und der betrieblichen Einrichtungen. Unternehmen werden aber auch durch den zunehmenden Druck von aussen – z.B. durch die Medienberichterstattung – veranlasst, vermehrt betriebliche Verantwortung zu übernehmen und eine aktivere Rolle zu spielen. Es werden zunehmend Wirtschaftsskandale, Versäumnisse sowie die Nicht-Einhaltung verbindlicher Regeln publik gemacht, in deren Rahmen es zu Naming and Shaming (öffentliches An-den-Pranger-Stellen) unkooperativer Akteure kommt. Das eigene Engagement im Sinne der genannten Ziele und Initiativen ist also auch ein Schutz vor negativer Presse, Imageverlust und letztlich wirtschaftlichen Einbussen.

Fazit

Zu einem umfassenden strategischen und organisatorischen Risikomanagement gehört das Engagement von Firmen in den Bereichen der Konfliktprävention, der Einhaltung von Umweltschutz- und Menschenrechtstandards sowie des Arbeitnehmerschutzes. Mit der Integration einer betrieblichen Sicherheitsverantwortung – einer Corporate Security Responsibility -, die sämtliche dieser Aspekte mit einbezieht, leisten Unternehmen einen Beitrag zur eigenen Sicherheit und Stabilität.  Ein breit abgestütztes betriebliches Sicherheitsmanagement, das die hier ausgeführten Sicherheitsrisiken berücksichtigt, wirft selbstverständlich auch Fragen der Prioritäten und der übergeordneten mittel- und langfristigen Ziele der wirtschaftlichen Agenda auf. Letztlich liegt es jedoch im eigenen Ermessen jedes Unternehmens, auf strategischer wie auch auf operativer Ebene zu entscheiden, inwieweit es sich nicht nur im Rahmen verbindlicher Regelwerke, sondern auch auf der Grundlage freiwilliger Initiativen engagieren will. Wie jede bewusste Unternehmensentscheidung und -politik muss diese aber in Zukunft mehr und mehr erklärt und gerechtfertigt werden. Entsprechend wichtig sind Führungspersönlichkeiten, die konventionelles Denken hinterfragen und sich mit neuen Denkansätzen befassen. Das Konzept der Nachhaltigkeit muss auch in der Sicherheitspolitik gelten, und die Wirtschaftsakteure müssen die sich daraus ergebenden Handlungsmaxime als einen Teil der Firmenpolitik integrieren. Der 11. September 2001 kann deshalb als Chance betrachtet werden, auch traditionelle Risiken wieder ernster zu nehmen – insbesondere solche, die erst mitteloder langfristig negative Folgen haben.

Kasten 1: Studie Detaillierte Ausführungen zum Thema sind in den Publikationen «Business and Security. Public-Private Sector Relationships in a New Security Environment» (Eds. Alyson J.K. Bailes, Isabel Frommelt, Oxford University Press) und in einem Arbeitspapier mit dem Titel «Die Rolle der Privatwirtschaft in einem komplexen Sicherheitsumfeld» am Österreichischen Institut für Internationale Politik (51 / Juli 2004) veröffentlicht. Beide Beiträge entstanden im Rahmen eines Forschungsauftrags der Autorin am Stockholmer Friedensforschungsinstitut (Sipri), unterstützt durch die liechten-steinische Regierung.

Diplomatin an der Ständigen Mission des Fürstentums Liechtenstein in Genf

Diplomatin an der Ständigen Mission des Fürstentums Liechtenstein in Genf