Die Volkswirtschaft

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Der in den letzten zwei Jahren erfolgte massive Anstieg der Erdölpreise weckte schmerzliche Erinnerungen an die einschneidenden makroökonomischen Erfahrungen mit den grossen Ölschocks der Siebzigerjahre. Im Gegensatz zu damals haben indes die hohen Erdölpreise international wie in der Schweiz nur geringe konjunkturelle Bremsspuren hinterlassen. Grund dafür sind strukturelle wirtschaftliche Veränderungen, die den Erdölpreisen ihren Schrecken als «Konjunkturkiller» weit gehend genommen haben.

Nachdem sich die Erdölpreise in den Neunzigerjahren zumeist in relativ ruhigen Bahnen und auf niedrigem Niveau bewegt hatten, änderte sich das Bild seit der Jahrtausendwende markant. Allein in den letzten zwei Jahren haben sich die Ölnotierungen annähernd verdoppelt und seit dem Tiefststand von Ende 1999 sogar versechsfacht. Mit der Marke von 60 US-$ pro Fass Nordsee-Brent, um welche die Preise seit einigen Monaten pendeln, liegen sie auf einem Allzeithoch.

Hohe Erdölpreise in der Vergangenheit oft von Konjunktureinbruch gefolgt…

Ein starker Anstieg der Erdölpreise lässt bei den Konjunkturanalysten traditionell die Alarmglocken läuten. Die Ängste gründen hauptsächlich in den Siebzigerjahren, als sich im Anschluss an die beiden Ölpreisschocks von 1973/74 (Opec-Ölembargo) sowie 1979/80 (Ausbruch des Krieges zwischen Iran und Irak) die Konjunktur in den Industrieländern jeweils dramatisch abkühlte. Auch danach blieb dieses Muster bestehen (siehe Grafik 1). Von Anfang der Siebzigerjahre bis über die Jahrtausendwende hinaus waren sämtliche Phasen ausgeprägter Ölpreisanstiege von einer deutlichen Abschwächung des internationalen Wirtschaftswachstums (G7-Länder) gefolgt.

…aber diesmal offenbar nicht

Für den «Ölpreisschock» der beiden letzten Jahre gilt dies nicht. So hat sich die Konjunktur – international wie in der Schweiz – nur leicht verlangsamt und im zweiten Halbjahr 2005 bereits wieder angezogen. Auch für die nähere Zukunft kündigt sich kein Abschwung an; vielmehr haben sich die konjunkturellen Frühindikatoren in den letzten Monaten weiter verbessert.

Potenzielle Transmissionskanäle von den Erdölpreisen auf die Konjunktur

Für eine (netto) Erdöl importierende Volkswirtschaft wie die Schweiz bedeuten höhere Erdölpreise steigende Importkosten für Erdölprodukte , denen kurzfristig kaum ausgewichen werden kann, sei es durch Energiesparen oder durch Umsteigen auf andere Energieträger. Die gestiegenen Importkosten bedeuten eine Belastung der Volkswirtschaft bzw. eine Verschlechterung der Terms of Trade. Der entsprechende negative Effekt fällt bei stark steigenden Erdölpreisen gesamtwirtschaftlich durchaus ins Gewicht. So haben sich etwa die schweizerischen Energieträgerimporte zwischen dem dritten Quartal 2003 und dem dritten Quartal 2005 preisbedingt fast verdoppelt; das Ausmass entspricht rund 1% des Bruttoinlandprodukts (BIP).  Die damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die Konjunktur können sowohl den privaten Konsum als auch die Unternehmensinvestitionen betreffen. Die Kaufkraft der privaten Haushalte wird durch die Verteuerung erdölnaher Güter – namentlich Treibstoffpreise und Heizkosten – geschmälert. Die Mehrausgaben für diese Positionen können ihre übrigen Konsumausgaben dämpfen. Falls die Unternehmen ihre gestiegenen Kosten für importierte Vorleistungen nicht voll auf die Absatzpreise überwälzen können, sinken ihre Gewinne, was sich negativ auf ihre Investitionstätigkeit auswirken kann.  Falls hingegen die höheren Erdölpreise in grossem Stil auf andere Preise und Löhne überwälzt werden, kann die Inflation angeheizt werden. Derartige Lohn-Preis-Spiralen kamen jeweils in den Siebzigerjahren, die durch generell hohe Inflation und geringe Preisdisziplin gekennzeichnet waren, schnell in Gang und liessen sich schliesslich nur durch eine restriktive Geldpolitik stoppen, womit die durch die hohen Erdölpreise ohnehin schon belastete Konjunktur vollends abgewürgt wurde. Das Ergebnis war häufig eine unschöne makroökonomische Kombination aus schwachem Wirtschaftswachstum und hoher Inflation, d.h. Stagflation. Darüber hinaus sind weitere, eher indirekte Transmissionsmechanismen zu erwähnen. So könnten steigende Erdölpreise wegen der befürchteten negativen Folgen zu einer Verschlechterung des Geschäftsklimas und der Konsumentenstimmung führen und auf diese Weise die Konsum- und Investitionsnachfrage beeinträchtigen. Für eine kleine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz dürften auch negative Rückkopplungseffekte einer Erdölpreisbedingten Abkühlung der Weltkonjunktur eine nicht unwichtige Rolle spielen und die Exportaussichten trüben.

Keine Einbahnstrasse

Die Beziehung zwischen Erdölpreisen und Konjunktur verläuft allerdings nicht nur in eine Richtung; auch der umgekehrte Effekt spielt: Die Konjunktur beeinflusst die Nachfrage nach Öl und damit mittelbar die Erdölpreise. Ein internationaler Konjunkturaufschwung stimuliert die Nachfrage nach Rohstoffen – inklusive Erdöl – und treibt die Preise entsprechend nach oben. Ein gewisser Anstieg der Erdölpreise ist somit als normale Begleiterscheinung eines weltwirtschaftlichen Aufschwungs zu betrachten.  Der Einfluss der Wirtschaftsentwicklung auf die Erdölpreise dürfte gerade in den letzten Jahren verstärkt zum Tragen gekommen sein. So verzeichnete die weltweite Erdölnachfrage 2004 den stärksten Anstieg seit 25 Jahren;3 sie trug erheblich zur anhaltenden Marktanspannung bei. Die Ölpreisschocks der Siebzigerjahre waren hingegen hauptsächlich durch plötzliche Angebotsverknappungen (z.B. Opec-Embargo 1973) und entsprechend abrupte Ölpreissprünge gekennzeichnet.  Tatsächlich scheint sich die kausale Beziehung zwischen Erdölpreisen und Konjunktur über die letzten Jahrzehnte etwas verschoben zu haben. Während in den Siebziger- und Achtzigerjahren die empirischen Daten noch einen klaren einseitigen Einfluss der Erdölpreise auf die konjunkturelle Entwicklung nahe legen, ging seit Anfang der Neunzigerjahre die Wirkung zunehmend stärker von der Konjunktur auf die Erdölpreise aus – als umgekehrt.  Angesichts wechselseitiger Einflüsse und komplexer Transmissionskanäle ist es nicht einfach, die Auswirkungen der Erdölpreise auf die Konjunktur klar herauszufiltern und quantitativ abzuschätzen. Auch der eingangs beschriebene historisch feststellbare Zusammenhang zwischen hohen Erdölpreisen und anschliessenden Konjunkturflauten wird dadurch zumindest relativiert, weil nicht geschlossen werden kann, dass ausschliesslich die Erdölpreise für den Konjunkturabschwung verantwortlich waren. In der Tat dürften in den jeweiligen Episoden oftmals andere Faktoren eine wichtigere Rolle gespielt haben.

Quantitative Schätzungen…

Um die Auswirkungen von den Erdölpreisen auf die Konjunktur abzuschätzen, werden häufig makroökonometrische Modelle verwendet, welche – basierend auf der historischen Entwicklung – die Einflusskanäle und Interdependenzen empirisch fundiert abbilden. In den letzten zwei Jahren wurden, angesichts der haussierenden Ölmärkte, zahlreiche Modellsimulationen durchgeführt. Diese kommen, je nach Modellstruktur und Annahmen über die Wirtschaftspolitik, zwar zu teilweise unterschiedlichen Resultaten, die dennoch von der Grundtendenz und Grössenordnung recht ähnlich sind.  Als Faustformel lässt sich ableiten, dass ein permanenter Ölpreisanstieg um 10 US-$ in den folgenden ein bis zwei Jahren im OECD-Raum folgende Wirkung hat: Das Wirtschaftswachstum wird um rund 0,5 Prozentpunkte gedämpft und die Teuerung um rund 0,5 Prozentpunkte erhöht. Der negative Wachstumseffekt dürfte in der EU kaum geringer sein als in den USA, wo der höheren Erdölabhängigkeit der Wirtschaft eine grössere Bedeutung der heimischen Ölförderung gegenübersteht. In der Schweiz dürften die konjunkturellen Auswirkungen in ähnlicher Grössenordnung wie in der EU liegen. Während der direkte negative Ölpreiseffekt auf die Konjunktur wegen der im internationalen Vergleich hohen Energieeffizienz der Schweizer Wirtschaft relativ gering sein dürfte, würde die Schweiz als stark aussenhandelsabhängige Volkswirtschaft indirekt durch eine Abkühlung der internationalen Konjunktur unter schlechteren Exportaussichten leiden.

…scheinen den negativen Öleffekt auf die Konjunktur zu überschätzen

Vor dem Hintergrund der verschiedenen Modellsimulationen wäre zu erwarten gewesen, dass der Ölpreisanstieg während der letzten beiden Jahre um rund 30 US-$ das Wirtschaftswachstum international und in der Schweiz deutlich hätte dämpfen müssen – und zwar in der Grössenordnung von ein bis zwei Prozentpunkten, was indes nicht passiert ist. Offenbar sind die negativen konjunkturellen Folgen der hohen Erdölpreise deutlich geringer als aufgrund der in den Modellen enthaltenen historischen Erfahrung zu erwarten gewesen wäre. Hierfür gibt es eine Reihe von Gründen, die grösstenteils mit strukturellen wirtschaftlichen Veränderungen zusammenhängen.

Gebändigte Inflation

Eine entscheidende Rolle dürfte spielen, dass der frühere Negativmechanismus «hohe Erdölpreise = hohe Inflation = hohe Zinsen = Rezession» nicht mehr gilt. Zwar machten sich auch diesmal die gestiegenen Erdölpreise in der Konsumteuerung bemerkbar. So erhöhte sich in der Schweiz die hauptsächlich Benzinpreise und Heizungskosten umfassende Komponente «Erdölprodukte» des Landesindexes der Konsumentenpreise (LIK) 2004 und 2005 um rund 50%, was auch die Gesamtteuerung etwas nach oben drückte. Diese erdölbedingten «Erstrundeneffekte» griffen jedoch – im Gegensatz zu früher – bislang nicht in nennenswertem Ausmass auf andere Güter- und Dienstleistungspreise sowie auf die Löhne über. Die Gesamtteuerung blieb moderat. «Zweitrundeneffekte» blieben aus, und Lohn-Preis-Spiralen kamen nicht in Gang. Die so genannte Kernteuerung, welche die Konsumteuerung unter Ausschluss u.a. der Erdölprodukte misst, zeigt keinerlei Beschleunigung (siehe Grafik 2). Dasselbe gilt für die meisten anderen Länder, so auch für die USA. Dort schoss zwar die Konsumteuerung im Herbst 2005 Erdölpreisbedingt kurze Zeit viel beachtet in die Höhe; um diesen Effekt bereinigt blieb die Teuerungstendenz jedoch niedrig.  Die Inflationsgefahr wird auf vielen Märkten durch den erhöhten Konkurrenzdruck gedämpft. Dieser Konkurrenzdruck ist im Zuge von Globalisierung und Liberalisierung entstanden und erschwert die Überwälzung höherer Erdölpreise. Dazu beigetragen hat auch die glaubwürdigere Geldpolitik der letzten Jahrzehnte, nämlich Preisstabilität durch stabilitätsorientierte Geldpolitik zu gewährleisten. Somit sind die Inflationserwartungen trotz höherer Erdölpreise tief geblieben. Neben diesen eher strukturellen Veränderungen dürfte auch die Konjunkturlage zur tiefen Teuerung beigetragen haben. Viele Volkswirtschaften – insbesondere in Europa – befanden sich nämlich in den letzten zwei Jahren erst am Anfang einer Expansionsphase und hatten deshalb noch erhebliche Überkapazitäten.

Gelassene Reaktion der Geldpolitik

Eine positive Folge der geringen Inflationsgefahr ist, dass die monetären Rahmenbedingungen für die Konjunktur für lange Zeit günstig blieben. Angesichts fehlender inflationärer Zweitrundeneffekte konnten die Notenbanken den Ölpreisanstieg ziemlich gelassen nehmen und als das betrachten, was er eigentlich ist – nämlich eine Erhöhung eines einzelnen Preises, welche noch nicht mit Inflation gleichzusetzen ist. Entsprechend blieben – im Unterschied zu früheren Ölpreisschocks – abrupte geldpolitische Bremsmanöver aus. In den USA sind mit fortschreitendem Aufschwung die monetären Zügel zwar nach und nach angezogen worden, was jedoch lediglich einer Normalisierung der zuvor äusserst expansiven Geldpolitik entspricht. In der Schweiz hat dieser zinspolitische Normalisierungsprozess gerade erst begonnen. Auch die langfristigen Zinssätze an den Kapitalmärkten liegen international wie in der Schweiz nach wie vor auf historisch tiefem Niveau.

Vermehrte Kompensationseffekte durch Erdölexporteure

Stabilisierend auf die Konjunktur wirken des Weiteren Kompensationseffekte aus den Erdöl exportierenden Ländern. Diese Länder – zu denen ausser den Opec-Staaten vor allem Russland, Mexiko und Norwegen gehören – profitieren von einer Hausse der Erdölpreise durch zusätzliche Einnahmen. Die über die letzten Jahrzehnte gewachsene Verflechtung der internationalen Waren- und Kapitalmärkte trägt dazu bei, dass die erdölbedingten Mehreinnahmen («Petrodollars») in stärkerem Masse als früher durch Handels- und Finanzströme wieder an die Erdölimporteure zurückfliessen und so deren negative Auswirkungen auf die Konjunktur abmildern. Neuere Studien zeigen, dass rund 60% der höheren Erdöleinnahmen «recycelt» werden und in einer zweiten Runde die Warenimporte der Erdöl exportierenden Länder positiv beeinflussen.10 Für die Schweizer Wirtschaft ist ein derartiger Recyclingeffekt aus den Aussenhandelszahlen für das Jahr 2005 statistisch zwar kaum sichtbar, sind doch die Exporte in die Opec-Länder eher mässig gewachsen. Gleichwohl dürften insbesondere die in der Schweizer Produktionspalette traditionell gut vertretenen Luxusprodukte (Uhren und Schmuck) durchaus profitiert haben. Selbst die Petrodollars, die von den Erdölexporteuren gespart wurden, hatten, wenn auch indirekt, positive Wirkungen, wurden diese doch in den letzten beiden Jahren in beträchtlichem Ausmass auf den internationalen Kapitalmärkten angelegt, insbesondere in US-Staatsanleihen. Auf diese Weise trugen sie zum tiefen Zinsniveau an den internationalen Kapitalmärkten bei, welches die Weltwirtschaft stützte.

Sektoraler Strukturwandel

Dass die Erdölpreise für die Konjunktur in den Industriestaaten eine geringere Bedeutung hatte, ist nicht zuletzt auf den wirtschaftlichen Strukturwandel zurückzuführen. In sämtlichen hoch entwickelten Volkswirtschaften lässt sich ein langfristiger Trend einer relativen Verschiebung der Wertschöpfung, nämlich weg von der Industrie und hin zu Dienstleistungen, feststellen. Dies wirkt dämpfend auf den Erdölverbrauch. Finanz-, Gesundheitsoder Beratungsdienstleistungen brauchen bekanntlich weniger Erdöl als eine Maschinenfabrik oder ein Stahlwerk. Dieser Strukturwandel hat – zusammen mit gesteigerter Energieeffizienz – dazu beigetragen, dass das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern im Vergleich zu früher deutlich weniger Erdölintensiv ist , wodurch die wirtschaftliche Anfälligkeit ebenfalls gemindert wird.

Grafik 1 «Erdölpreise und Weltkonjunktur, 1970-2004»

Grafik 2 «Konsumteuerung Schweiz 2003-2005: Tief trotz hohen Ölpreisen»

Kasten 1: Literatur – Atukeren, E. (2003): Oil Prices and the Swiss Economy, KOF-Arbeitspapier Nr. 77.- Amstad, M.; P. Hildebrand (2005): Erdölpreis und Geldpolitik – ein neues Paradigma, in: SNB Quartalsheft 3/2005, S. 62-81.- Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (2005): Direkte und indirekte Rückwirkungen eines höheren Erdölpreises auf die deutschen Ausfuhren, eine ökonometrische Untersuchung, Wirtschaftsanalysen Nr. 5.- Internationale Energie Agentur (2004): Analysis of the Impact of Higher Oil Prices on the Global Economy, March 2005.- OECD (2004): Oil Price Developments: Drivers, Economic Consequences and Policy Responses, Working Paper Nr. 412.- Staatssekreatriat für Wirtschaft (2004): Steigende Erdölpreise – ein Risiko für die Konjunkturerholung in der Schweiz?, in: Konjunkturtendenzen Sommer 2004, S. 31-39.- Staatssekreatriat für Wirtschaft (2005): Determinanten der Exportdynamik 2005, in: Konjunkturtendenzen Winter 2005/06, S. 31-39.

Ökonom, Ökonomische Analyse und Beratung, Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV), Bern

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