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In diesem Beitrag werden Unterschiede im Ausmass und in der Dynamik der Arbeitslosigkeit an der Sprachgrenze zwischen der lateinischen und der deutschen Schweiz sowie an der Landesgrenze zwischen der Schweiz und Österreich diskutiert. Eine empirische Analyse, welche die registrierte Arbeitslosigkeit der Gemeinden dies- und jenseits der Sprach- und Landesgrenzen für den Zeitraum 1997-2003 vergleicht, zeigt auf, dass bedeutende Unterschiede in der Arbeitslosigkeit selbst auf sehr engem geografischem Raum bestehen.

Die Untersuchung geht von zwei zentralen Fragestellungen aus: Entstehen Unterschiede in regional eng abgegrenzten Arbeitsmärkten an einer Sprachgrenze? Gibt es solche Unterschiede in regional eng abgegrenzten Arbeitsmärkten auch an einer Landesgrenze?  Im Rahmen der ersten Fragestellung wird über den Vergleich der Arbeitsmarktlage an den Sprachgrenzen zwischen der französisch- und italienischsprachigen Schweiz mit der deutschsprachigen Schweiz diskutiert. Hinsichtlich der institutionellen Rahmenbedingungen unterscheiden sich die verschiedenen Sprachregionen der Schweiz kaum voneinander. Eine räumlich eng abgegrenzte Analyse kann also die Bedeutung einer unterschiedlichen Arbeitskultur für das Ausmass und die Dynamik der Arbeitslosigkeit herausarbeiten.  Zur Beantwortung der zweiten Fragestellung wird der Kanton St.Gallen mit dem österreichischen Bundesland Vorarlberg verglichen. Diese beiden Regionen unterscheiden sich vor allem in den institutionellen (arbeitsmarktpolitischen) Rahmenbedingungen. So bestehen im Untersuchungszeitraum erhebliche Unterschiede zwischen dem schweizerischen und dem österreichischen Arbeitslosenversicherungssystem bezüglich der Dauer des Bezugs von Arbeitslosenunterstützung. Die maximale Bezugsdauer für Arbeitslosenunterstützung beträgt in diesem Zeitraum 2 Jahre für Stellensuchende in der Schweiz und lediglich 7 Monate für Stellensuchende in Österreich. Hinsichtlich des kulturellen Hintergrundes existieren zwischen diesen beiden Regionen jedoch grosse Gemeinsamkeiten. Die Analyse von kleinräumigen Unterschieden in der Arbeitslosigkeit an der Landesgrenze ist somit komplementär zu jener der Unterschiede an der Sprachgrenze.

Datenbasis und Methode

Die empirische Analyse stützt sich auf detaillierte Informationen über die Arbeitslosenquote sowie die Zugangs- und Abgangswahrscheinlichkeit von 1997 bis 2003. Die Analysen für die Schweiz basieren auf den offiziellen Daten des Informationssystems für die Arbeitsvermittlung und die Arbeitsmarktstatistik (Avam) des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Die Datenquelle für Österreich sind die Daten des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger (ASSD). Diese Daten werden nach Gemeinde und Monat getrennt aufbereitet und im Rahmen einer Regressionsanalyse ausgewertet. Die Regressionsanalyse ist so ausgestaltet, dass die Unterschiede in der Arbeitsmarktlage der Gemeinden beidseits der Sprachoder Landesgrenze ermittelt werden können, welche alleine durch die geografische Lage der Gemeinde bedingt sind. Strukturelle Unterschiede zwischen den Arbeitsmärkten der Gemeinden, welche sich aus Unterschieden in der Gemeindegrösse, der Bildungsstruktur oder der Wirtschaftsstruktur ergeben, werden in einem ersten Schritt bereinigt und fliessen deshalb nicht in die abgebildeten Resultate ein.

Grosse Unterschiede in den Arbeitslosenquoten

Die empirische Analyse zeigt zunächst, dass bedeutende Unterschiede in der Arbeitslosenquote an der Sprach- und Landesgrenze bestehen (siehe Grafik 1). Die Arbeitslosenquote in lateinischsprachigen Grenzgemeinden liegt knapp 3 Prozentpunkte höher als in deutschsprachigen Grenzgemeinden. Detaillierte Analysen weisen nach, dass dieser Unterschied sowohl am «Röstigraben» als auch an der Grenze zwischen der italienischen Schweiz und der Deutschschweiz auftritt. Die regionalen Disparitäten an der Landesgrenze – gemessen auf der Basis eines Vergleichs der Arbeitslosigkeit im Kanton St.Gallen mit jener des österreichischen Bundeslandes Vorarlberg – sind ebenso bedeutend wie die Disparitäten an der Sprachgrenze: St.Gallen weist im Beobachtungszeitraum eine um rund 3 Prozentpunkte geringere Arbeitslosenquote auf als Vorarlberg.

Einfluss der Zu- und Abflusseffekte

Diese regionalen Unterschiede in Arbeitslosigkeit an eng abgegrenzter geografischer Lage entstehen durch Unterschiede im Eintritt in sowie im Austritt aus Arbeitslosigkeit. Die höhere Arbeitslosenquote in der lateinischen Schweiz lässt sich über eine höhere Wahrscheinlichkeit des Eintritts wie auch über eine tiefere Wahrscheinlichkeit des Abgangs aus Arbeitslosigkeit erklären. Die Zugangswahrscheinlichkeit der lateinischen Grenzgemeinden übersteigt die der deutschsprachigen Grenzgemeinden um 0,24 Prozentpunkte. Die Abgangswahrscheinlichkeit liegt in lateinischen Gemeinden um 0,89 Prozentpunkte tiefer als in der deutschsprachigen Schweiz. An der deutsch-französischen Sprachgrenze lässt sich sowohl ein höherer Zugang in Arbeitslosigkeit als auch ein geringerer Abgang aus Arbeitslosigkeit feststellen. An der deutsch-italienischen Grenze entsteht der Unterschied hauptsächlich durch eine geringere Wahrscheinlichkeit, die Arbeitslosigkeit zu verlassen.  An der Landesgrenze entstehen die Unterschiede in der Arbeitslosenquote primär dadurch, dass in jeder Zeitperiode weniger Personen in die Arbeitslosigkeit eintreten. Die niedrigere Arbeitslosigkeit in St.Gallen ist das Resultat eines geringeren Zugangs in Arbeitslosigkeit. Während die monatliche Zugangsrate diesseits der Landesgrenze lediglich etwas mehr als 0,2% pro Monat beträgt, ist diese Rate in Vorarlberg mit etwa 1,3% rund sechsmal höher. Die regionalen Unterschiede an der Landesgrenze werden etwas abgeschwächt durch die im Vergleich mit St.Gallen mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, im Bundesland Vorarlberg die Arbeitslosigkeit zu verlassen. Der Abgang aus Arbeitslosigkeit ist in St.Gallen mit durchschnittlich etwa 8% pro Monat deutlich geringer als in Vorarlberg (21%).

Möglicher Einfluss kultureller Normen an der Sprachgrenze

Die regionalen Unterschiede an der Sprachgrenze könnten unter Umständen durch Normen und soziale Interaktion, die auf Basis kultureller Unterschiede entstehen, erklärt werden. Ein erhöhter Zustrom in Arbeitslosigkeit könnte sich etwa daraus ergeben, dass Personen nach Verlust ihres Jobs in den Neunzigerjahren in verstärktem Mass Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung in Anspruch nehmen und sich daher häufiger bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) registrieren lassen. Es könnte aber auch sein, dass vormals nicht erwerbstätige Personen verstärkt auf den Arbeitsmarkt zurückkommen und aus diesem Grund der Zustrom in Arbeitslosigkeit ansteigt. Schliesslich könnte ein verändertes Verhalten der Firmen (etwa aufgrund verstärkter internationaler Konkurrenz oder aufgrund technologischer Neuerungen) dazu führen, dass bei Nachfrageschocks rascher mit einem Abbau der Beschäftigung reagiert wird. Auch Unterschiede im Abgang aus Arbeitslosigkeit sind das Resultat von mehreren Faktoren. Abgesehen von der Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen wird das Abgangsverhalten aus Arbeitslosigkeit durch institutionelle Faktoren (vor allem die Ausgestaltung der Arbeitslosenversicherung und der aktiven arbeitsmarktlichen Massnahmen) bestimmt. Obwohl formell keine Unterschiede in den institutionellen Rahmenbedingungen diesseits und jenseits der Sprachgrenze existieren, haben die regionalen Arbeitsvermittlungszentren beträchtlichen Spielraum in der Anwendung dieser Regeln. Schliesslich könnten Unterschiede im Abgangsverhalten aus Arbeitslosigkeit auch aus Entmutigungseffekten resultieren.

Dominanz institutioneller Unterschiede an der Landesgrenze

Unterschiede in der Arbeitslosigkeit an der Landesgrenze St.Gallen/Vorarlberg sind zum einen stark determiniert durch jene Faktoren, die zu Unterschieden im Zufluss zu Arbeitslosigkeit führen. Dieser ist diesseits der Grenze sehr viel niedriger und erklärt die deutlich geringere Arbeitslosenquote in St.Gallen im Vergleich zu Vorarlberg. Erklärungsbedürftig ist hier nicht nur die geringe Zugangsrate auf Schweizer Seite, sondern vor allem das hohe Arbeitslosigkeitsrisiko in Vorarlberg, welches mit dem hohen Anteil an saisonalen Berufen zu tun hat. Der Unterschied in der Arbeitslosenquote würde noch wesentlich stärker ausfallen, bestünden nicht auch deutliche Unterschiede im Abgangsverhalten aus Arbeitslosigkeit diesseits und jenseits der Landesgrenze. Die Ursache dafür ist vermutlich vor allem in unterschiedlichen Regeln in der Arbeitslosenversicherung zu suchen. Einer regulären Bezugsdauer von Taggeldern im Zeitraum 1997-2002 in der Schweiz von 2 Jahren steht eine Dauer von nur 7 Monaten in Österreich gegenüber. Tatsächlich unterliegen die Unterschiede in der Abgangsrate aus Arbeitslosigkeit auch deutlichen Schwankungen, die mit der Ausgestaltung des Arbeitslosenversicherungssystems (AVIG-Reform 1997) einher gehen. Das Arbeitslosenversicherungsrecht in der Schweiz scheint daher eine wichtige zusätzliche Determinante der geringeren Dynamik der Arbeitslosigkeit in St.Gallen zu sein.  Zu betonen ist, dass Unterschiede in der Arbeitslosigkeit an der Landesgrenze nicht nur von Unterschieden im Arbeitslosenversicherungsrecht herrühren. An der Grenze ändern auch andere (institutionelle wie ökonomische) Rahmenbedingungen, die einen Einfluss auf das Angebot an sowie die Nachfrage nach Arbeit haben. Eine umfassende Analyse der Unterschiede an der Landesgrenze muss diese Faktoren mit einbeziehen. Schliesslich gilt, dass kulturelle Unterschiede diesseits und jenseits der Landesgrenze zwar gering, jedoch nicht vollkommen vernachlässigbar sind.

Fazit

Die starken Unterschiede in Niveau sowie im Zu- und Abgang aus Arbeitslosigkeit, die an der Sprach- und an der Landesgrenze sichtbar sind, weisen auf die potenzielle Bedeutung kultureller und institutioneller Faktoren hin. Eine detaillierte Analyse der Mechanismen, die diese Unterschiede im Arbeitsmarkterfolg diesseits und jenseits der Sprachgrenze hervorrufen, konnte im Rahmen dieses Beitrages nicht geklärt werden. Unsere Analysen zeigen aber auf, dass Mechanismen zu erforschen sein werden, welche regionale Disparitäten auf geografisch eng abgegrenztem Gebiet erklären können.

Grafik 1 «Regionale Unterschiede der Arbeitslosigkeit sowie der Zu- und Abflusseffekte. Differenzen der verglichenen Regionen in Prozentpunkten, inkl. Kontrollvariablen»

Assistentin am Lehrstuhl für Mikroökonometrie, Universität Lausanne

Volkswirtschaftsprofessor, Universität Lausanne

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich

Assistentin am Lehrstuhl für Mikroökonometrie, Universität Lausanne

Volkswirtschaftsprofessor, Universität Lausanne

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich