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Der Detailhandel hat in den letzten 20 Jahren den Wandel von einer «Lowtech»- in eine moderne Informationsbranche vollzogen. Mit Hilfe von überdurchschnittlichen Produktivitätsgewinnen konnte die Wachstumslücke zum westeuropäischen Durchschnitt der Branche geschlossen werden. Dazu beigetragen haben die Effizienzgewinne infolge der Technologisierung der Branche, der Realisierung von Skaleneffekten durch den Wandel der Formatstruktur sowie die gestiegene Wettbewerbsintensität.

Hohe volkswirtschaftliche Bedeutung

Der Detailhandel spielt neben seiner gesellschaftlich wichtigen Versorgerfunktion auch für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der Schweiz eine wichtige Rolle. Trotz einer seit 1980 tendenziell leicht abnehmenden Bedeutung trug der Detailhandel im Jahr 2005 immer noch rund 5% zum Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) bei. Hierzu beschäftigte der Detailhandel rund 350000 Erwerbstätige, was einem Anteil von rund 8% entspricht.  Die effektive volkswirtschaftliche Bedeutung wird allerdings mittels einer solchen reinen Partialbetrachtung unterschätzt. Der Detailhandel als klassischer Intermediär zwischen Produzenten und Verbrauchern weist eine sehr hohe Verflechtung mit anderen Branchen der Schweizer Wirtschaft auf. Diese Verflechtungen führen dazu, dass die effektive volkswirtschaftliche Bedeutung des Detailhandels deutlich grösser ausfällt, als die Zahl der Erwerbstätigen oder die Bruttowertschöpfung der Branche vermuten lassen.  Neben der grossen wirtschaftlichen Bedeutung kommt dem Detailhandel zusätzlich für bestimmte soziodemografische Gruppen eine wichtige soziale Rolle zu: Der Detailhandel weist die höchste Teilzeit- und Frauenerwerbsquote aller Branchen des privaten Sektors auf und stellt die meisten Ausbildungsplätze. Zudem übt der Detailhandel eine wichtige soziale Integrationsfunktion aus, indem er vielen niedrig Qualifizierten und ausländischen Einwohnern eine berufliche Chance gibt.

Branchenstruktur

Der Lebensmitteldetailhandel stellt den bedeutendsten Sektor im Detailhandel dar. Rund 36% der Beschäftigten sind im Detailhandel mit Hauptausrichtung Nahrungs- und Genussmittel beschäftigt. Hinzu kommen jene Beschäftigten in Geschäften, bei denen Lebensmittel nur einen kleinen Teil des Sortiments ausmachen. Hierzu gehören Warenhäuser und kleinere Gemischtwarenläden, deren Anteil an der gesamten Beschäftigung im Detailhandel insgesamt 7% beträgt. Im Non-Food-Sektor ist der Detailhandel mit Textilien, Bekleidung und Schuhen der grösste Arbeitgeber: Rund 12% der Angestellten im Schweizer Detailhandel finden hier eine Beschäftigung. Daneben sind die Segmente elektronische Konsumgüter (7%), Print-Medien (5%), Möbel und Wohnungseinrichtungsgegenstände (4%), Do-it-yourself (3%) sowie Körperpflegeprodukte (2%) bedeutend vertreten.

Regionale Verteilung: Starke Konzentration in den Agglomerationen

Die regionale Bedeutung des Detailhandels hängt entscheidend mit der räumlichen Siedlungsstruktur zusammen. In grossen Zentren und deren inneren Agglomerationsgürteln liegt der Beschäftigungsanteil des Detailhandels über dem gesamtschweizerischen Durchschnitt, da sie eine hohe Versorgungsdichte für ein grosses Einzugsgebiet sicherstellen müssen. In den ländlichen Gebieten spielt der Detailhandel eine weniger wichtige Rolle. Eine Ausnahme bilden diesbezüglich die touristischen Gemeinden, wo der Anteil des Detailhandels an der Gesamtwirtschaft überdurchschnittlich hoch ausfällt. Die regionale Verteilung des Detailhandels erfolgt gemäss der Logik der Versorgungsfunktion: Rund drei Viertel der Schweizer Bevölkerung wohnen in den fünf grossen metropolitanen Agglomerationen Basel, Bern, Genf/Lausanne, Lugano und Zürich. Dementsprechend ist auch der Hauptanteil der Beschäftigung im Detailhandel in diesen Grossagglomerationen konzentriert. Insgesamt sind in den metropolitanen Agglomerationen rund 75% der Arbeitsplätze im Schweizer Detailhandel angesiedelt.

Überwindung der Wachstumsschwäche

Zwischen 1980 und 2000 lag der Zuwachs der realen Bruttowertschöpfung im Schweizer Detailhandel signifikant unterhalb des gesamtwirtschaftlichen Wachstums. Die Gründe hierfür sind zum einen Sättigungstendenzen beim Konsum von Gütern des täglichen Bedarfs sowie eine überdurchschnittliche Betroffenheit von der Rezession in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre. Zum anderen führte der grosse Erfolg der Schweizer Exportbranchen in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre zu einer ansteigenden Wachstumsdivergenz zwischen Binnen- und Exportsektor.  Zwischen 2000 und 2005 kam es im Detailhandel infolge einer beschleunigten Produktivitätsentwicklung seit der Jahrtausendwende zu einem ansteigenden realen Bruttowertschöpfungswachstum. Damit lag das Wachstum sogar leicht über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt, bei dem sich das Platzen der Dotcom-Blase und der darauf folgende Einbruch bei einigen Exportbranchen deutlich bemerkbar machte.

Wachstumslücke zum westeuropäischen Durchschnitt geschlossen

Die Wachstumsschwäche des Detailhandels in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre fiel in der Schweiz überdurchschnittlich stark aus. Dies zeigt ein internationaler Vergleich der realen Wertschöpfungsentwicklung im Detailhandel. Mit Ausnahme Italiens konnte in den grössten Ländern Westeuropas ein deutlich höheres Wachstum erreicht werden. Der westeuropäische Durchschnitt lag bei 1,8%, der durchschnittliche Wachstumsbeitrag zum nationalen BIP-Wachstum bei 0,1%. Herausragend präsentierte sich der US-amerikanische Detailhandel mit einem durchschnittlichen jährlichen Zuwachs um 5,4% und einem Wachstumsbeitrag von 0,3 Prozentpunkten pro Jahr. Für den Schweizer Detailhandel ergibt sich für die Periode 1990 bis 2000 ein leichter Rückgang von 0,4% und ein Wachstumsbeitrag von minus 0,02 Prozentpunkten. Seit der Jahrtausendwende konnte der Schweizer Detailhandel wieder das Wachstumsniveau des westeuropäischen Durchschnitts erreichen. Im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2005 betrug der jährliche Zuwachs 1,2%. Einige grosse kontinentaleuropäische Länder – wie beispielsweise Deutschland oder Frankreich – wurden damit überflügelt. Wie eine Wachstumszerlegung zeigt, konnte der Schweizer Detailhandel die Wachstumslücke der Neunzigerjahre gegenüber dem westeuropäischen Durchschnitt durch eine überdurchschnittliche Produktivitätsentwicklung schliessen. Im Trendverlauf der realen Stundenproduktivität zeigt sich hier seit der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre ein Wachstumsvorsprung des Schweizer Detailhandels.  Die Steigerung der Produktivität erweist sich auch in den anderen – insbesondere den erfolgreichen – Ländern als zentrale Quelle für mehr Wachstum. In den USA kam es beispielsweise in den letzten 15 Jahren zu einem regelrechten «Produktivitätswunder», welches in den meisten Ländern Westeuropas ausblieb, insbesondere in den grossen süd- und mitteleuropäischen Ländern.

Technologische Transformation ist Erfolgsfaktor Nummer 1

Als kritischer und wichtigster Erfolgsfaktor für steigende Produktivitätszuwächse im Detailhandel erwies sich in den erfolgreichen Ländern der technologische Fortschritt. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) verwandelten den Detailhandel in den letzten zwei Dekaden von einer «Lowtech»-Branche in eine moderne Informationsindustrie. Ein Vergleich der Wachstumsperformance im Detailhandel zeigt, dass dieser unter Berücksichtigung struktureller Faktoren (Marktstruktur, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, allgemeine Konsumnachfrage usw.) in jenen Ländern am erfolgreichsten war, in denen am frühesten und stärksten in die Anwendung der IKT investiert wurde.  Die Erfahrungen anderer Länder zeigen zudem, dass das Produktivitätspotenzial nur dann optimal ausgeschöpft werden konnte, wenn – verbunden mit den technologischen Weiterentwicklungen – auch ein Wandel in der Organisationsstruktur der Handelsunternehmen stattfand. Für die Realisierung der Effizienzgewinne durch die Anwendung der IKT sind also – komplementär zu Investitionen in IKT-Kapital – Investitionen in «Organisationskapital» und Humankapital notwendig. Vgl. BAK Basel Economics (2007d). Insbesondere in den USA kamen weitere Produktivitätsgewinne durch den strukturellen Wandel hin zu grösseren Formaten zustande.

Überdurchschnittliches Produktivitätsniveau im internationalen Vergleich

Neben der Analyse des realen Produktivitäts- und Wertschöpfungswachstums spielt für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit das Niveau der Stundenproduktivität eine zentrale Rolle. Hier liegt der Schweizer Detailhandel im internationalen Vergleich mit einem Wert von 42,5 Franken pro Stunde im Jahr 2005 deutlich über dem westeuropäischen Durchschnitt, welcher bei rund 26 Franken pro Stunde liegt. Dieser Vorsprung bleibt im Durchschnitt auch dann bestehen, wenn man die Umrechnung der nationalen Werte in Schweizer Franken anstatt mit Devisenwechselkursen mit Konvertierungsfaktoren durchführt, welche den spezifischen Preisen im Detailhandel Rechnung tragen (so genannte «Industry-of-Origin-PPP»).

Hohe Kostennachteile im internationalen Vergleich

Die Abschottung der Schweizer Märkte vom Ausland gilt als Hauptgrund für das hohe Kosten- und Preisniveau im Schweizer Detailhandel. Tatsächlich hat der Schweizer Detailhandel im internationalen Vergleich mit Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien (EU4) beim Warenimport die grössten Kostennachteile. Im Durchschnitt liegen die Warenbeschaffungskosten beim Import in den vier analysierten Ländern um 39% tiefer als in der Schweiz. Über die Hälfte der Preisunterschiede von 15% zwischen dem Schweizer Detailhandel und dem EU4-Durchschnitt im Jahr 2005 kann mit diesem Kostennachteil erklärt werden. Vgl. BAK Basel Economics (2006). Für die höheren Beschaffungskosten des Schweizer Detailhandels beim Warenimport gibt es eine Vielzahl von Ursachen, die teilweise unmittelbar mit dem staatlichen Eingriff im Bereich der Warenbeschaffung zusammenhängen: Hierzu gehören Zölle, zollrechtliche Deklarationsbestimmungen, technische Handelshemmnisse oder patentrechtliche Regelungen. Hinzu kommt die Problematik, dass sich allfällige Sanktionen der Schweizer Wettbewerbsbehörden im Falle internationaler Vertikalabreden kaum durchsetzen lassen. Gemäss Simulationsrechnungen Vgl. BAK Basel Economics (2007c). würde die komplette Beseitigung sämtlicher Importbarrieren beim Schweizer Detailhandel zu einem Kostensenkungspotenzial von rund 4% führen. Betrachtet man lediglich Nahrungsmittel, beträgt der Kostensenkungsspielraum 8%. Hiermit werden allerdings lediglich die komparativ-statischen Effekte einer Liberalisierung des Warenhandels gemessen. Zusätzliche dynamische Effekte entstünden durch den verstärkten Markteintritt ausländischer Anbieter und damit verbundener Wettbewerbseffekte.  Weitere Kosten- und Preissenkungen lassen sich bei einer zusätzlichen Deregulierung des Schweizer Binnensektors erwirken. Bei einer parallel zur Liberalisierung des Warenverkehrs durchgeführten umfänglichen Liberalisierung der Schweizer Produktmärkte beträgt das Preissenkungspotenzial gemäss den durchgeführten Simulationsrechnungen im Schweizer Detailhandel 15%.

Wachstumspotenzial: Beschränkte Impulse von der Nachfrageseite

Das Potenzial für das Nachfragewachstum im Detailhandel ist auch in Zukunft begrenzt. Zum einen wird aufgrund soziodemografischer Trends auch in Zukunft eine Verlagerung des Konsums von Gütern hin zu Dienstleistungen zu beobachten sein. Die Ausgabenposten, welche Grundbedürfnisse abdecken, werden in den kommenden Jahren weiterhin eine unterdurchschnittliche Entwicklung aufweisen.  Zum anderen wirkt sich langfristig die abnehmende Bevölkerungsdynamik dämpfend auf den privaten Konsum aus. Mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung nimmt allerdings auch der Beratungs- und Servicebedarf tendenziell zu, wovon der Detailhandel profitieren kann. Die stärkere Fokussierung auf die kommende Zielgruppe der «Generation Gold» stellt diesbezüglich eine besondere Herausforderung und Chance dar. Auf der Seite der Anbieter sind in den kommenden Jahren weitere Produktivitätssteigerungen infolge der fortschreitenden Technologisierung und damit verbundener Effizienzgewinne zu erwarten. Ebenfalls positive Impulse für die Wertschöpfungsdynamik werden von einer zunehmenden Wettbewerbsintensität sowie von sinkenden Beschaffungskosten (s.o.) erwartet, welche sich im Falle einer Liberalisierung des internationalen Warenhandels ergeben würden.

Grafik 1 «Anteil des Detailhandels an der Gesamtwirtschaft, 1980 und 2005»

Grafik 2 «Zahl der Beschäftigten in den einzelnen Sektoren des Schweizer Detailhandels, 2005»

Grafik 3 «Anteil der Bruttowertschöpfung im Detailhandel an der Gesamtwirtschaft in den Schweizer MS-Regionen, 2006»

Grafik 4 «Verteilung der nominalen Bruttowertschöpfung im Detailhandelin den Schweizer MS-Regionen, 2006»

Grafik 5 «Entwicklung der realen Bruttowertschöpfung im Schweizer Detailhandel im Vergleich zur Gesamtwirtschaft (ohne Detailhandel), 1980-2005»

Grafik 6 «Entwicklung der realen Bruttowertschöpfung des Schweizer Detailhandels im internationalen Vergleich, 1990-2005»

Grafik 7 «Nominale Stundenproduktivität im Detailhandel und in der Gesamtwirtschaft im internationalen Vergleich, 2005»

Grafik 8 «Beitrag der einzelnen Konsumuntergruppen am realen Wachstumder privaten Konsumausgaben, 2007-2020»

Kasten 1: Quellen – BAK Basel Economics (2006): Internationaler Vergleich der Kosten und Preis bestimmenden Faktoren im Schweizer Detailhandel, Basel.- BAK Basel Economics (2007a): CH-PLUS – Analysen und Prognosen für die Schweizer Wirtschaft, Basel.- BAK Basel Economics (2007b): CH-KONSUM – Analysen und Prognosen für Konsum und Detailhandel in der Schweiz, Basel.- BAK Basel Economics (2007c): Auswirkungen einer Liberalisierung des internationalen Warenhandels auf den Schweizer Detailhandel, in: Brunnetti, Aymo und Sven Michal (Hrsg.): Services Liberalization in Europe: Case Studies, Bd. 2, SECO Strukturberichterstattung Nr. 35/2.- BAK Basel Economics (2007d): Die Performance des Schweizer Detailhandels im internationalen Vergleich, Basel.

Leiter Branchen- und Wirkungsanalysen sowie Öffentliche Finanzen, BAK Economics, Basel

Leiter Branchen- und Wirkungsanalysen sowie Öffentliche Finanzen, BAK Economics, Basel