Die Volkswirtschaft

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Moderne Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass die Stellung ihrer Mitglieder hinsichtlich Einkommen oder Vermögen nicht mehr von Geburt aus festgelegt ist. In der Diskussion über die Lohnoder Einkommensungleichheit wird diesem Aspekt zu wenig Rechnung getragen. Zu oft noch wird auf statische Verteilungsgrössen fokussiert und zu wenig auf die Einkommensdynamik innerhalb der Verteilung. Der Autor kommt zum Schluss, dass in einer mobilen Gesellschaft ein höherer Grad der Ungleichheit toleriert wird als in einer starren Ordnung, da die Mobilität selbst zu mehr Wachstum führt und diese eine allfällige Zunahme der Ungleichheit letztlich mehr als zu kompensieren vermag.

Die Frage der Einkommensverteilung kann nicht unabhängig vom Wirtschaftswachstum und vor allem von der Einkommensmobilität diskutiert werden. Die Wirtschaftsentwicklung der vergangenen 50 Jahre hat den Industriegesellschaften einen ungeahnten Wohlstand gebracht. So ist zwischen 1950 und 2005 die reale Lohnsumme in der Schweiz um den Faktor 5,8 gewachsen. Im selben Zeitraum hat die Zahl der Erwerbstätigen um das 1,8-Fache zugenommen. Das durchschnittliche Lohneinkommen pro Erwerbstätigen ist somit um mehr als das Dreifache gestiegen. Diese Entwicklung wurde vom Soziologen Ulrich Beck (1986) metaphorisch als «Fahrstuhl-Effekt» bezeichnet: «…Die < Klassengesellschaft > wird insgesamt eine Etage höher gefahren. Es gibt […] ein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität, Recht, Wissenschaft, Massenkonsum.»   Obschon sich somit die wirtschaftliche Lage aller Bevölkerungsschichten in der Nachkriegszeit deutlich verbessert hat, ist anzunehmen, dass in der Schweiz die (Arbeits-)Einkommen in den Fünfzigerjahren noch gleicher verteilt waren als heute. Zu bedenken ist jedoch, dass diese Zunahme der Einkommensungleichheit vor dem Hintergrund einer Ausdifferenzierung der Lebensstile und Erwerbskarrieren sowie einem hohen Zugewinn an Autonomie und Freiheit in der Lebensgestaltung stattgefunden hat. Die frühere Gleichförmigkeit der Berufskarrieren und Lebensläufe ist einem bunten Strauss von Erwerbs- und beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten gewichen.

Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Einkommensverteilung

Die Entwicklung einer Durchschnittsgrösse sagt noch nichts über die Verteilung dieser Grösse aus. Zusätzlich zum Wachstum des Durchschnittseinkommens ist daher die Entwicklung der Streuung bzw. der Varianz und höherer Momente der Einkommensverteilung – wie beispielsweise der oft verwendete Gini-Index – wichtig.   Anhand eines Kuchenbeispiels kann der Zusammenhang zwischen Wachstum und Verteilung veranschaulicht werden: Wächst der Kuchen insgesamt, gibt es im Durchschnitt für alle ein grösseres Kuchenstück. Es ist in diesem Fall auch möglich, dass sich jemand ein grösseres Stück abschneidet, ohne dass sich die Übrigen mit kleineren Stücken bescheiden müssen. In einer stagnierenden Wirtschaft hingegen kann ein grösseres Einkommen nur beansprucht werden, wenn sich andere Mitbürger mit einem kleineren zufrieden geben. In einer stagnierenden Wirtschaft dürfte also die Wahrscheinlichkeit von Verteilungskonflikten zunehmen, da der Zugewinn des einen zwingend zu Lasten der Übrigen geht. In einer wachsenden Wirtschaft wird jedoch aus einem solchen Nullsummenspiel ein Positivsummenspiel.

Geringe Einkommensungleichheit in der Schweiz

Betrachtet man das Ausmass der Einkommensungleichheit, kann festgestellt werden, dass die Schweiz bezüglich des Gini-Index innerhalb der OECD-Ländergruppe eine Mittelstellung einnimmt (vgl. Grafik 1 ). Auch bezüglich der Lohnverteilung und deren Veränderung lässt sich – obwohl immer wieder das Gegenteil behauptet wird – keine Zunahme der Ungleichheit feststellen (vgl. Tabelle 1 ). Die Veränderungen der Lohnspreizung zwischen 1991 und 1995 einerseits und 1995 und 2005 andererseits dürfte wesentlich konjunkturell bedingt sein. In wirtschaftlichen Abschwungphasen kann oft ein Rückgang der Lohnungleichheit konstatiert werden, während diese in Aufschwungphasen wieder zunimmt. Beachtlich ist immerhin, dass in der Schweiz die Ungleichheit über die letzten 15 Jahre – vor allem in der unteren Hälfte der Lohnverteilung – abgenommen hat. In der oberen Einkommenshälfte ist die Ungleichheit hingegen gestiegen, was auf eine bessere Honorierung höherer Ausbildungen zurückzuführen sein dürfte. Insgesamt ergibt sich über den Beobachtungshorizont von 15 Jahren aber ein abnehmender Grad an Lohnungleichheit. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Schweiz im Jahr 2005 bezüglich der Lohnspreizung im internationalen Vergleich unmittelbar hinter den egalitären skandinavischen Staaten Norwegen, Schweden und Finnland, aber noch vor Dänemark, den Niederlanden und den übrigen OECD-Ländern lag. Vgl. OECD (2007).

Konzept der Einkommensmobilität

Die Messung der Einkommensoder Lohnungleichheit bezieht sich jeweils auf eine Momentaufnahme der Verteilung. Dynamische Prozesse – wie der relative Auf- und Abstieg von Haushaltsoder Personengruppen innerhalb der Einkommensverteilung im Zeitverlauf – können durch Ungleichheitsindikatoren nicht erfasst werden. Gerade die Frage von Aufstiegschancen und Abstiegsrisiken innerhalb einer gegebenen Einkommensoder Lohnverteilung gewinnt aber in einer sich zunehmend dynamisierenden Wirtschaft an Bedeutung. Dafür gibt es sowohl ökonomische wie auch weltanschauliche Gründe. Aus ökonomischer Sicht ist es sinnvoll, dass die fähigsten und talentiertesten Personen innerhalb eines gegebenen Einkommensgefüges aufsteigen können und nicht durch ihre familiäre und soziale Herkunft oder sonstige Faktoren, die mit der Leistungsfähigkeit dieser Personen nichts zu tun haben, daran gehindert werden. Es geht hier darum, dass unter gegebenen Anreizkonstellationen knappe Ressourcen (Talente) gesellschaftlich den gewinnbringendsten Einsatz finden. Dieser Effizienzaspekt macht deutlich, dass Einkommensmobilität für das Wirtschaftswachstum mit konstitutiv ist. Daneben sprechen auch weltanschauliche Gründe für eine stärkere Fokussierung auf die Frage der Einkommens- und Lohnmobilität. So bildet die Gewährleistung von Chancengleichheit ein wichtiges Moment der in liberalen Traditionen gründenden Institutionen der Schweiz. Nicht die Ergebnisgerechtigkeit und -gleichheit steht dabei im Vordergrund, sondern vielmehr die Chancengerechtigkeit und -gleichheit.   Bei der Einkommensmobilität geht es im Wesentlichen um die Korrelation der Einkommen zwischen verschiedenen Zeitperioden. Eine positive Korrelation der Einkommen über die Zeit bedeutet beispielsweise, dass Tieflohnempfänger zu einem bestimmten Zeitpunkt auch künftig mit hoher Wahrscheinlichkeit im Tieflohnsegment verbleiben, während eine negative Korrelation jeweils eine Umkehrung der Einkommenspositionen bedeuten würde – Tieflohnempfänger in der ersten Periode werden zu Hochlohnempfängern in der nächsten und umgekehrt.   In Grafik 2 ist das Konzept der Einkommensmobilität schematisch dargestellt. Ausgehend von einer gegebenen Einkommensverteilung zu einem bestimmten Zeitpunkt, werden die Bewegungen von Einzelpersonen oder Haushalten innerhalb der Einkommensverteilung zwischen zwei Zeitpunkten nachgezeichnet. In der Abbildung wird der Einfachheit halber unterstellt, dass sich die Verteilung selbst nicht verändert. Es wird deutlich, dass es Aufsteiger und Absteiger gibt. In der Abbildung sind vier Beispiele möglicher Einkommensverläufe zwischen zwei Zeitpunkten t 0 und t 1 dargestellt, wobei auf der vertikalen Achse das Einkommen (oder der Lohn) y aufgetragen ist und auf der horizontalen Achse die Dichtefunktion f(y).

Lohnmobilität in den Neunzigerjahren

Die in Grafik 2 dargestellten Bewegungen innerhalb der Verteilung können statistisch zu einer Übergangsmatrix wie in Tabelle 2 verdichtet werden. Die Übergangsmatrix ist wie folgt zu lesen: Von denjenigen, die zum Zeitpunkt t 0 im ersten Dezil (dem untersten Einkommenssegment) waren, verbleiben bis zum Zeitpunkt t 1 56,3% im ersten Dezil; die übrigen 43,7% steigen in ein höheres Einkommensdezil auf. Aus der Übergangsmatrix geht hervor, dass die Verbleibswahrscheinlichkeiten am untersten und obersten Ende der Verteilung höher sind als gegen die Mitte der Verteilung (Wahrscheinlichkeiten auf der Diagonalen). Wer im obersten Einkommensdezil angelangt ist, verbleibt mit fast 62% Wahrscheinlichkeit in diesem. Die Abstiegswahrscheinlichkeit beträgt dennoch beachtliche 38%. Demgegenüber ist die Verbleibswahrscheinlichkeit im untersten Dezil mit 56,3% etwas geringer; ein Aufstieg ist also etwas wahrscheinlicher.   Basierend auf solchen Übergangsmatrizen können nun verschiedene Mobilitätsmasse berechnet werden. Ein Ländervergleich dieser Masse zeigt, dass innerhalb der Schweizer Einkommens- und Lohnverteilung eine relativ hohe Mobilität herrscht, die beispielsweise deutlich höher liegt als in den USA. Vgl. De Coulon und Zürcher (2004). Aufgrund dieser Beobachtung spricht etwa Markus Schneider von der «Chancen-Schweiz». Schneider (2007) hat in seinem Buch vor allem mit anekdotischen Evidenzen gezeigt, dass die klassische Tellerwäscherkarriere in der Schweiz keine Seltenheit ist. Interessant ist nun auch herauszufinden, ob bestimmte Faktoren oder persönliche Eigenschaften die individuelle Mobilität innerhalb der Einkommensverteilung beeinflussen.

Wächst in der Schweiz ein Prekariat heran?

Das Bundesamt für Statistik (BFS) publiziert regelmässig Armutsquoten der erwerbstätigen Bevölkerung. Vgl. BFS (2007). Die Armutsquoten haben seit 2001 zwischen 7% und 9% fluktuiert. Bei der Diskussion von Armutsquoten wird jedoch vielfach übersehen, dass Haushalte oder Einzelpersonen, die unter eine bestimmte Armutsgrenze fallen, selten dauerhaft in Armut verharren. Vielmehr gelingt es ihnen oft, nach relativ kurzer Dauer ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern.   Streuli und Bauer (2002) haben für die Schweiz die Wahrscheinlichkeit von Übergängen zwischen den drei Zuständen «nicht arm», «arm» und «Working Poor» (erwerbstätige Arme) geschätzt. Basierend auf ihren Berechnungen ist interessant zu sehen, dass über die Hälfte der «Working Poor» eines bestimmten Jahres im jeweils darauf folgenden Jahr in den Zustand «nicht arm» gewechselt hat. Die Verbleibswahrscheinlichkeit ist zwar relativ hoch; die Wahrscheinlichkeit einer Zustandsverbesserung liegt jedoch in der Regel höher. Eigene Berechnungen basierend auf denjenigen von Streuli und Bauer ergeben, dass die mittlere Verweildauer im Zustand «Working Poor» zwischen 13 und 14 Monaten beträgt. Die Analyse der Übergangswahrscheinlichkeiten beziehungsweise der Mobilität zeigt ferner: Wenn ein Übergang in einen anderen Zustand erfolgt, beträgt die Wahrscheinlichkeit eines anschliessenden Übergangs vom Zustand «Working Poor» in den Zustand «nicht arm» über 85%. Diese Zahlen illustrieren eindrücklich, dass Armut zumeist eine vorübergehende Erfahrung ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Statusbzw. Zustandsverbesserung erzielt werden kann. Aufgrund dieser Untersuchungen scheint daher die Schlussfolgerung irreführend, wonach es in der Schweiz zu einer permanenten gesellschaftlichen Unterschichtung kommt oder dass ein Prekariat heranwächst.   Weshalb gelingt es nun einzelnen Personen oder Haushalten eher als anderen, der Armut zu entrinnen? Mittels statistischer Methoden kann der Einfluss bestimmter persönlicher Attribute (wie etwa Bildungsstand und Berufserfahrung) sowie von Kontextvariablen (z.B. Branchenzugehörigkeit oder Unternehmensgrösse) kontrolliert werden. Die entsprechenden empirischen Untersuchen zeigen immer wieder die überragende Bedeutung einer guten Ausbildung auf. Diese ist der Schlüssel dazu, einerseits einem «Absturz» in die Armut vorzubeugen, andererseits aber auch den Aufstieg aus einer Armutssituation zu fördern.

Fazit

Selbstverständlich konnten im Rahmen dieses Beitrags nicht alle Aspekte der Thematik in der notwendigen Tiefe behandelt werden. So wurde etwa nicht auf die aktuelle Diskussion über die intergenerationelle Einkommensmobilität – also die «Vererbung» von Bildungsstatus und soziale Herkunft von den Eltern auf die Kinder – eingegangen. Siehe dazu Bauer und Riphahn (2007). m

Grafik 1 «Gini-Index der Einkommensungleichheit, 2000»

Grafik 2 «Einkommensmobilität zwischen zwei Zeitpunkten»

Tabelle 1 «Lohnungleichheit, 1991-2005»

Tabelle 2: «Mittlere 2-Jahres-Übergangswahrscheinlichkeiten, Löhne 1994-1998»

Kasten 1: Literatur – Bauer, Philippe C., und Regina T. Riphahn (2007): Intergenerationale Bildungs- und Einkommensmobilität in der Schweiz – ein Vergleich zwischen Schweizern und Migranten, in: Die Volkswirtschaft 7/8, S. 18-21. – Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M.- Bundesamt für Statistik (2007): Armut von Personen im Erwerbsalter. Armutsquoten und Working-Poor-Quote der 20- bis 59-jährigen Bevölkerung in der Schweiz zwischen 2000 und 2005, Neuenburg. – Schneider, Markus (2007): Klassenwechsel. Aufsteigen und Reichwerden in der Schweiz: Wie Kinder es weiterbringen als ihre Eltern. Basel. – Streuli, Elisa, und Tobias Bauer (2002): Working Poor in der Schweiz. Eine Untersuchung zu Ausmass, Ursachen und Problemlage. Bundesamt für Statistik. Neuenburg. – De Coulon, Augustin, und Boris A. Zürcher (2004): Low Pay Mobility in the Swiss Labour Market, in: Minimum Wages, Low Pay and Unemployment, Hrsg. D. E. Meulders, R. Plasman und F. Rycx. Palgrave McMillan. – d’Addio, Anna (2007): Intergenerational Transmission of Disadvantage: Mobility or Immobility across Generations? A Review of the Evidence for OECD Countries. OECD Social Policy, Employment and Migration Working Papers Nr. 52.

Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Arbeit, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Arbeit, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern