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Seit März 2007 wissen wir, dass erdgasbetriebene Kombikraftwerke ihre CO2-Emissionen vollumfänglich kompensieren müssen. Die nach monatelanger Diskussion am 21. Dezember 2007 vom Bundesrat verabschiedete Verordnung verlangt, dass 70% der Emissionen im Inland kompensiert werden. Angesichts der Problematik macht dies aber keinen Sinn: Die Auswirkungen der CO2-Emissionen betreffen die ganze Welt, weshalb eine vernünftige Klimapolitik logischerweise global geführt werden müsste. Der Treibhausgasausstoss der Schweiz ist im internationalen Vergleich äusserst gering. Das Reduktionspotenzial ist entsprechend tief, und die Kosten für Kompensationsprojekte sind besonders hoch. Die Wirtschaftlichkeit von Kraftwerkvorhaben wie jenem von Chavalon ist darum gefährdet. Wozu in unserem Land maximale Sauberkeit erringen, wenn ausländische Projekte zum CO2-Abbau pro investierten Franken deutlich effizienter sind?

Glücklicherweise sieht die vom Bundesrat verabschiedete Verordnung eine Ausnahme gemäss Bundesbeschluss vom 23.März 2006 vor, wonach der Inlandanteil der Kompensationen auf 50% reduziert werden kann. Eine derartige Genehmigung ist aber auf Vorhaben beschränkt, die für die sichere Stromversorgung der Schweiz unerlässlich sind. Die dafür zu erfüllenden Kriterien müssen noch festgelegt werden, obwohl man davon ausgehen kann, dass sämtliche nationalen und internationalen Gremien (VSE, IEA, BFE, Eurelectric, Swisselectric) sowie der Bundesrat selbst das Risiko einer Versorgungslücke bereits für den Winter 2012 als erwiesen betrachten. Im Bericht System Adequacy Forecast 2007-2020 der Union für die Koordinierung des Transports elektrischer Energie (UCTE) wird unterstrichen, dass in der Schweiz die Stromversorgungssicherheit ab 2010 auch bei tieferem Verbrauchswachstum gefährdet ist, wenn keine neuen Erzeugungskapazitäten bereitgestellt werden.

Engpässe im Winter sind bereits Realität

Während sechs der letzten zehn Winter reichte gemäss Daten des Bundesamtes für Energie (BFE) die Inlandproduktion nicht aus, um die Stromnachfrage zu befriedigen. Im Winter 2005/06 belief sich der Importsaldo auf 25,5% der Nettoerzeugung, d.h. an die 7000 GWh! Die Überbrückung derartiger Versorgungsdefizite wird namentlich durch Energiebezugsrechte von rund 2500 GWh auf die französischen Kraftwerke gewährleistet. Einige dieser Verträge laufen jedoch bereits 2012 aus und können angesichts der europaweiten Stromverknappung nicht verlängert werden. Sollte in einem Kernkraftwerk wie jenem von Leibstadt eine Panne auftreten, würde das Defizit um weitere 5000 GWh ansteigen. In einem solchen Fall wäre ein Kraftwerk wie Chavalon für die sichere Stromversorgung der Schweiz unerlässlich. Ohne Gas hängen wir vom Ausland ab – mit allen damit verbundenen Risiken! Die Leitungsengpässe und fehlenden Prioritätsrechte an der Grenze bedeuten, dass keinerlei Lieferungsgarantie für den gekauften Strom besteht. Das Solidaritätsprinzip unter EU-Mitgliedsstaaten führt zu weiteren Problemen beim Bezug: Kommt es in einem EU-Staat zu einem Stromengpass, sind die übrigen Länder zur Hilfe verpflichtet, vorausgesetzt dass der betroffene Staat Massnahmen zur Vermeidung von Defiziten getroffen hat. Wenn die Schweiz nur 60% ihres Stroms im Inland produziert, dürfte ihr die EU im Pannenfall wohl kaum beistehen.

Weiterer Verzug verteuert den Preis der Projekte

Die Unerlässlichkeit von Gaskraftwerken für die Stromversorgung unseres Landes ist also erwiesen. Mit einem Inlandanteil der CO2-Kompensationen von 50% und einem Auslandanteil von 50% könnte Chavalon gebaut werden. Der Bundesrat kann den entsprechenden Entscheid aber erst treffen, wenn die Aktivierungskriterien dieser Ausnahmeklausel festgelegt sind. Der lange Verfahrensweg verzögert die Fristen und erhöht den Preis für den Bau des Kraftwerks – und damit für die den Haushalten und Unternehmen verrechneten kWh – weiter. Und was noch schlimmer ist: Ohne Gaszentrale wird der im Falle einer Verknappung an den europäischen Energiemärkten bezogene Strom extrem teuer – ein nicht von der Hand zu weisender Schaden für die Schweizer Wirtschaft. Die Schweiz ist bereits in Verzug. Seit der Lancierung des Vorhabens von Chavalon im Januar 2006 haben sich die Kosten für den Kraftwerkbau infolge der massiv gestiegenen Nachfrage an den europäischen Märkten beinahe verdoppelt. Gleichzeitig haben sich die Lieferfristen verlängert. Dasselbe gilt für die Bedingungen der Gasversorgung. Hoffen wir, dass unser Land nicht zu spät erwacht und den Zug für eine sichere, wettbewerbsfähige und verantwortungsvolle Versorgung nicht endgültig verpasst.

Generaldirektor EOS, Lausanne

Generaldirektor EOS, Lausanne