Die Volkswirtschaft

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Wettbewerbsfähigkeit – ein komplexes mikroökonomisches Konzept

Die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft ist Ausdruck ihrer Fähigkeit, ihre – wertmässige – Produktivität pro Investitionseinheit nachhaltig zu steigern. William W. Lewis, The Power of Productivity: Wealth, Poverty, and the Threat to Global Stability, The University of Chicago Press, Chicago und London, 2004. Diana Farrell (Hrsg.), The Productivity Imperative: Wealth and Poverty in the Global Economy, Harvard Business School Press, Cambridge Mass., 2006 Die Produktivität bestimmt den Wohlstand einer Volkswirtschaft, der gewöhnlich mit dem Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Einwohner gemessen wird. Dieser Indikator hat zwar zur Bestimmung des Wohlstands nur beschränkte Aussagekraft, hat aber den Vorteil der internationalen Vergleichbarkeit. Es geht mit anderen Worten darum, einen Test durchzuführen, mit dem die höchstmögliche Wertschöpfung einer Volkswirtschaft (in Bezug auf das BIP) ermittelt wird. Da nur Unternehmen Wertschöpfung generieren können, stehen diese im Zentrum des Wettbewerbsfähigkeitsprozesses. Suzanne Berger, How We Compete, Currency Doubleday, New York, 2006. Der Politik kommt dabei die wichtige Aufgabe zu, optimale Rahmenbedingungen für den Wertschöpfungsprozess zu schaffen.

 

Die Wettbewerbsfähigkeit auf der Ebene einer gesamten Volkswirtschaft zu betrachten, ist erfahrungsgemäss unzweckmässig. Denn kein Land ist in allen Wirtschaftsbranchen wettbewerbsfähig. Verschiedene Staaten verfügen in bestimmten Wirtschaftsbereichen über bedeutende Wettbewerbsvorteile. Dies gilt für die Schweiz etwa im Bereich der Finanzdienstleistungen, der Pharmaindustrie und der chemischen Industrie. In den meisten Ländern weisen die Branchen mit der höchsten Wettbewerbsfähigkeit eine geografische Konzentration von entsprechenden Unternehmen auf (z.B. Schuhindustrie in Norditalien, IKT im Silicon Valley, Finanzdienstleistungen in Singapur). Christian H. Ketels, Microeconomic Determinants of Location Competitiveness for MNEs, in John Dunning und Philippe Gugler, Foreign Direct Investment, Location and Competitiveness, Elsevier, London, 2008, S. 111-132. Wertschöpfung ist somit ein hauptsächlich lokaler Prozess.

Die treibenden Kräfte der Wettbewerbsfähigkeit

Grundsätzlich ist zwischen den makroökonomischen, politischen, rechtlichen und sozialen Bedingungen einerseits sowie den mikroökonomischen Faktoren andererseits zu unterscheiden. Michael E. Porter, Christian Ketels und Mercedes Degaldo, The Microeconomic Foundation of Prosperity: Findings from the Business Competitiveness Index, World Economics Forum, The Global Competitiveness Report 2007-2008, Genf, 2007. Für eine Steigerung der Produktivität und für die Wertschöpfung sind die Ersteren zwar unerlässlich, jedoch nicht hinreichend. Die Effizienz einer Volkswirtschaft wird durch jeden Mangel im Bereich der makroökonomischen Bedingungen – wie etwa monetäre Instabilität – beeinträchtigt. Andererseits sind günstige makroökonomische Bedingungen allein kein Garant für wirtschaftlichen Wohlstand. So erzielen Länder mit ähnlicher Ausgangslage hinsichtlich der makroökonomischen, politischen, rechtlichen und sozialen Voraussetzungen in Bezug auf das BIP pro Einwohner teilweise sehr unterschiedliche Ergebnisse. Die Erklärung ist somit bei den mikroökonomischen Faktoren zu suchen, die für die einzelnen Volkswirtschaften bestimmend sind. Die mikroökonomischen Grundlagen der Wettbewerbsfähigkeit beruhen auf zwei interagierenden Komponenten: einem hohen Entwicklungsstand der Aktivitäten und Strategien der Unternehmen sowie dem geschäftlichen Umfeld. Letzteres wurde von Michael Porter modellhaft in Form eines Diamanten dargestellt und umfasst vier für die Wettbewerbsfähigkeit massgebende Faktoren: die Inputs/Standortfaktoren; die Wettbewerbsbedingungen; die unterstützenden und verwandten Branchen sowie die Nachfragebedingungen. Michael Porter, The Competitive Advantage of Nations, Free Press, New York, 1990. Die politische Ausgestaltung ist von grundlegender Bedeutung, da sie sich auf die relevanten Komponenten und die Dynamik dieses Systems auswirkt. Angesprochen sind insbesondere die Bildungs- und Technologiepolitik, die Leistungsfähigkeit der Infrastrukturen, die Schwerpunktbildung oder die Öffnung der Märkte für den Wettbewerb.

Die zentrale Rolle der Institutionen

Ein solcher Ansatz verdeutlicht die zentrale Rolle der Unternehmen, Branchenverbände, Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie Regierungsstellen. Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit hängt wesentlich vom Beitrag dieser Institutionen zur Realisierung von Innovationen ab. Innovationen generieren wiederum zusätzliche Wertschöpfung, indem die Produktivität erhöht wird. Diese klare Zielvorgabe sollte uns davon abhalten, ineffiziente oder gar kontraproduktive Strategien weiterzuverfolgen. Wer beispielsweise die Wettbewerbsfähigkeit über tiefe Löhne oder eine schwache Währung verbessern will, wählt den falschen Weg. Das Ziel einer Gesellschaft kann schliesslich nicht darin bestehen, eine Verarmung der Bevölkerung in Kauf zu nehmen oder deren Produktion zu Dumpingpreisen abzusetzen. Anzustreben ist genau das Gegenteil. Hohe Löhne und echter wirtschaftlicher Wohlstand können nur mit einer hohen Produktivität gewährleistet werden. Eine Politik zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit muss daher in erster Linie auf mikroökonomische und strukturelle Aspekte ausgerichtet sein, damit die Produktivität wirklich positiv beeinflusst werden kann.

Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg

Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg