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Espace Mittelland – Verwaltungszentrum und Technologiestandort

Die Region Espace Mittelland umfasst die Kantone Bern, Freiburg, Neuenburg, Solothurn und Jura. Mit 1,7 Mio. Einwohnern und 1 Mio. Erwerbstätigen erwirtschaften die fünf Kantone zusammen knapp 20% der nationalen Wertschöpfung. Im Espace Mittelland wohnt gut ein Viertel der französischsprachigen Bevölkerung der Schweiz. Somit hat der Espace Mittelland eine wichtige Scharnierfunktion zwischen deutsch- und französischsprachiger Schweiz, was mit dem zweisprachigen Namen verdeutlicht wird. Der Espace Mittelland hat kein klares urbanes Zentrum wie manche andere Grossregion, sondern ist vorwiegend als Städtesystem (Bern, Biel, Thun, Freiburg, Neuenburg) mit jeweiligem Umland zu verstehen.

Leicht unterdurchschnittliche Wirtschaftskraft

Im Espace Mittelland erwirtschaften 22% aller Erwerbstätigen der Schweiz knapp 20% der nationalen Wertschöpfung. 23% der Schweizer Bevölkerung sind in dieser Grossregion wohnhaft. Anhand dieser drei zentralen volkswirtschaftlichen Indikatoren lassen sich bereits erste Schlüsse über die Wirtschaftskraft im Espace Mittelland ziehen: Die Arbeitsproduktivität sowie das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf liegen leicht unter dem Schweizer Durchschnitt (siehe Tabelle 1).  Der Blick auf die BIP-Entwicklung im Espace Mittelland von 1990 bis 2007 im Vergleich zur nationalen Ebene zeigt, dass in wirtschaftlich schlechten Zeiten – zum Beispiel 1990 bis 1997 und 2001 bis 2003 – mit der nationalen Dynamik der Wirtschaftsentwicklung mithalten konnte (siehe Grafik 1). Hier wirkt der im Espace Mittelland stark ausgeprägte öffentliche Sektor stabilisierend. In wirtschaftlich guten Zeiten – 1997 bis 2001 und 2003 bis 2007 – wurde der Abstand zur Entwicklung der Schweizer Gesamtwirtschaft jedoch immer grösser. Die Branchenstruktur des Espace Mittelland erlaubt es anscheinend nicht, in Phasen kräftigen Wachstums die gesamtschweizerische Dynamik aufzunehmen oder gar überdurchschnittlich davon zu profitieren. Die Erwerbstätigkeit hat sich seit 1990 im Espace Mittelland erfreulich entwickelt: Die Zahl der Arbeitsplätze konnte um rund 10% gesteigert werden. Bei einer gleichzeitig unterdurchschnittlichen BIP-Entwicklung besteht dadurch jedoch die Problematik einer unterdurchschnittlichen Produktivitätsentwicklung. Trotz gesamthaft unterdurchschnittlicher wirtschaftlicher Entwicklung darf nicht vergessen werden, dass auch im Espace Mittelland einzelne sehr produktive Industriezweige und Unternehmen zu finden sind. Im weiteren Verlauf dieser Analyse sollen deshalb diese ,,Stars“ erkannt und darauf eingegangen werden, wie der Espace Mittelland zu einer dynamischeren Wirtschaftsentwicklung übergehen kann.

Öffentlicher Sektor und Technologiesektor sind Schwergewichte

Das anteilsmässig bedeutendste Branchenaggregat im Espace Mittelland ist der öffentliche Sektor, welcher die öffentliche Verwaltung, das Gesundheitswesen und die Bildungsinstitutionen umfasst (siehe Grafik 2). In diesen Branchen werden zusammen rund 24% der regionalen Wertschöpfung generiert. Ebenfalls von zentraler Bedeutung sind der Technologiesektor (Uhren- und Investitionsgüterindustrie mit 14%) und der Handel (11%). Eine deutlich positive Abweichung zwischen regionalem und nationalem Branchenanteil an der Gesamtwirtschaft ist im öffentlichen Sektor, im Technologiesektor (Uhren- und Investitionsgüterindustrie) und im Branchenaggregat Verkehr und Kommunikation zu erkennen. Die Branchenstruktur des Espace Mittelland wird von diesen Branchen überdurchschnittlich geprägt. Im Vergleich zur Schweizer Branchenstruktur untervertreten sind im Espace Mittelland der Finanzsektor, die chemisch-pharmazeutische Industrie, die unternehmensbezogenen Dienstleistungen sowie der Handel. Innerhalb des Espace Mittelland sind gewisse Branchen geografisch sehr stark konzentriert. Aus diesem Grund werden in der folgenden Betrachtung die volkswirtschaftlichen Eigenheiten der fünf Kantone im Espace Mittelland näher analysiert.

Kanton Bern dominiert den Espace Mittelland

Bezogen auf das BIP und die Bevölkerung hat der Kanton Bern die grösste Bedeutung für den Espace Mittelland (siehe Grafik 3). Im Kanton Bern wohnen 56% der Bevölkerung des Espace Mittelland, und es werden 61% der Wertschöpfung der Grossregion generiert. Der öffentliche Sektor, stark geprägt von der Bundesverwaltung, macht im Kanton Bern über ein Viertel der Branchenstruktur aus. Im Vergleich zur Schweizer Branchenstruktur sind Verkehr und Kommunikation, Landwirtschaft und Gastgewerbe im Kanton Bern überdurchschnittlich stark vertreten. Unterdurchschnittlich vertreten sind dafür die chemisch-pharmazeutische Industrie und der Finanzsektor. Nach dem Kanton Bern folgen in der Bedeutungsreihenfolge von Wirtschaftskraft und Bevölkerung die drei Kantone Freiburg, Neuenburg und Solothurn, die einen ähnlich grossen Anteil am Espace Mittelland ausmachen. Die Kantone Freiburg und Solothurn, wo der Bevölkerungsanteil den Wertschöpfungsanteil übersteigt, weisen einen negativen Pendlersaldo auf. Im Kanton Freiburg wohnhafte Personen pendeln vorwiegend in die Kantone Bern und Waadt, im Kanton Solothurn wohnhafte Personen vor allem in die Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Aargau und Zürich. Der Kanton Neuenburg weist einen deutlich positiven Pendlersaldo auf, da viele Grenzgänger aus Frankreich in der Region arbeiten. Die Landwirtschaft ist vor allem im Kanton Freiburg wichtig. Im sekundären Sektor ist im Kanton Freiburg vor allem die Nahrungsmittelindustrie, die Investitionsgüterindustrie und die Chemie- und Pharmabranche von Bedeutung; im Kanton Solothurn ist es die Papierindustrie und der Technologiesektor und im Kanton Neuenburg vor allem die Präzisions- und Uhrenindustrie. Typische Dienstleistungsbranchen sind in diesen drei Kantonen eher untervertreten. Eine eher geringe Bedeutung hat der Kanton Jura für den Espace Mittelland. Viele im Jura wohnhafte Erwerbstätige arbeiten in den Kantonen Bern, Basel-Stadt, Basel-Landschaft oder Neuenburg. Der Arbeitsmarkt im Kanton Jura wird durch eine grosse Anzahl von Grenzgängern aus Frankreich bereichert, sodass der Pendlersaldo des Kantons Jura positiv ist. Im Kanton Jura ist der Industriesektor sehr ausgeprägt. Wichtig sind vor allem die Metall- und die Uhrenindustrie.

Wachstumsbranchen sind im Espace Mittelland untervertreten

Die typischen Schweizer Wachstumsbranchen – wie die chemisch-pharmazeutische Industrie und der Finanzsektor – haben sich auch im Espace Mittelland von 1990 bis 2007 dynamisch entwickelt (+8,4% bzw. +3,8% pro Jahr). Sie sind jedoch in der Branchenstruktur des Espace Mittelland unterdurchschnittlich vertreten und tragen deshalb nicht so stark zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der Region bei (siehe Grafik 4). Dagegen haben sich in der Wirtschaftstruktur des Espace Mittelland anteilsmässig wichtige Branchen weniger dynamisch entwickelt als auf nationaler Ebene. Beispiele dafür sind der Handel und der Technologiesektor. Eine Erklärung für die unterdurchschnittliche Entwicklung dieser Branchen ist der Strukturwandel, von welchem der Espace Mittelland in der betrachteten Zeitperiode stärker betroffen war als andere Schweizer Regionen. In jüngster Zeit haben sich jedoch Technologiebranchen wie die Uhrenindustrie oder die Medizinaltechnik auch im Espace Mittelland erfreulich entwickelt. Der öffentliche Sektor, der knapp ein Viertel der Wertschöpfung des Espace Mittelland ausmacht, ist von 1990 bis 2007 durchschnittlich um 1,8% pro Jahr gewachsen, was ungefähr dem Schweizer Durchschnitt entspricht.

Wachstumszentren entlang der Hauptverkehrsachsen

Die subregionalen Unterschiede in der Branchenstruktur wirken sich auch auf die subregionale BIP-Entwicklung aus. Insgesamt sind die wachstumsstarken Regionen weit über den Espace Mittelland verteilt (siehe Grafik 5). Die Wachstumszentren in der Grossregion sind entlang der Hauptverkehrsachsen auszumachen. So weisen viele Gemeinden entlang der Autobahn A1 von Härkingen bis Estavayer-le-Lac, der A12 von Bern bis Châtel-Saint-Denis und der A6 von Biel bis Thun eine dynamische Wirtschaftsentwicklung auf. Eine wirtschaftlich schwache Entwicklung ist in vielen Gemeinden im Arc Jurassien, im Berner Oberland sowie im Oberaargau und im Emmental zu erkennen. Bern als Hauptstadt des Espace Mittelland zeigt eine mittelmässige Wertschöpfungsentwicklung. Unter anderem ist dafür der stark ausgeprägte öffentliche Sektor verantwortlich, der andere, produktivere Branchen in umliegende Agglomerationsgemeinden verdrängt.

Dynamische Bevölkerungsentwicklung im Kanton Freiburg

Im Vergleich zur Bevölkerungsentwicklung auf nationaler Ebene ist im Espace Mittelland seit 1990 eine wenig dynamische Entwicklung der Bevölkerung zu beobachten. In den einzelnen Gemeinden hat sich die Bevölkerung jedoch sehr unterschiedlich entwickelt (siehe Grafik 6). Eine äusserst dynamische Bevölkerungsentwicklung ist in vielen Gemeinden des Kantons Freiburg zu beobachten. Dies ist einerseits auf die attraktive geografische Lage des Kantons mit guten Verkehrsanbindungen an Zentren wie Bern und Lausanne sowie auf günstiges Bauland zurückzuführen. Diese Aspekte machen den Kanton Freiburg zu einer attraktiven Wohnregion, die vor allem junge Familien anzieht. Eine negative oder nur wenig dynamische Bevölkerungsentwicklung ist in den Gemeinden der strukturschwachen Regionen sowie in der Stadt Bern und ihren umliegenden Agglomerationsgemeinden auszumachen. Die Hauptstadt und die umliegenden Gemeinden sind als Wohnorte zurzeit nur wenig gefragt. Offensichtlich werden hier strukturelle Defizite wie die mittelmässige wirtschaftliche Entwicklung der Region und die wenig attraktiven steuerlichen Rahmenbedingungen durch andere Annehmlichkeiten nur unzureichend kompensiert.

Ernüchternder internationaler Vergleich

Zur internationalen Positionierung der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit des Espace Mittelland zeigt Grafik 7 eine Gegenüberstellung der Wirtschaftskraft (gemessen am BIP pro Kopf) und des realen BIP-Wachstums für elf Vergleichsregionen. Bei den Vergleichsregionen handelt es sich um Regionen mit einer ähnlichen Industriestruktur wie im Espace Mittelland, vor allem einer Branchenkonzentration im Bereich Technologie. Um die internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten, sind die Werte zu Kaufkraftparitäten (PPP) umgerechnet. Der Wirtschaftsraum Espace Mittelland schneidet in beiden Dimensionen nicht besonders gut ab. Das BIP pro Kopf und das Wirtschaftswachstum sind in den meisten anderen Regionen höher. Die Wirtschaftskraft sowie die wirtschaftliche Entwicklung in Regionen wie Zürich oder Öresund werden vom Espace Mittelland von 1990 bis 2006 bei weitem nicht erreicht. Diese Regionen haben jedoch neben dem Technologiesektor noch weitere wertschöpfungsstarke Branchen wie den Finanzsektor (Zürich) oder die chemisch-pharmazeutische Industrie (Öresund) aufzuweisen. Das BIP pro Kopf im Espace Mittelland entspricht ungefähr dem Durchschnitt von Westeuropa. Dass der Espace Mittelland im Schweizer Vergleich bezüglich Wirtschaftskraft unterdurchschnittlich abschneidet, liegt an der Branchenstruktur (hochproduktive Branchen haben anteilsmässig eine unterdurchschnittliche Bedeutung) und am negativen Pendlersaldo der Region. Bezüglich Wirtschaftswachstum schneidet der Espace Mittelland ähnlich schlecht ab wie andere Schweizer Regionen. Die Wachstumsschwäche der Schweizer Regionen hängt jedoch vom betrachteten Zeitraum ab. In die Zeitperiode 1990 bis 2006 fällt eine ausgeprägte Wachstumsschwäche der Schweiz. In jüngster Vergangenheit konnte diese Wachstumsschwäche überwunden werden, was für die Zukunft ein optimistischeres Bild für die Schweizer Wirtschaft und den Espace Mittelland erwarten lässt.

Potenzial zu dynamischer multipolarer Metropolitanregion

Wie die Analyse zeigt, ist der Espace Mittelland ein heterogener Wirtschaftsraum, in dem zwei Sprachen gesprochen werden und verschiedene Kulturen vorhanden sind. Daraus lässt sich berechtigterweise die Frage ableiten: Wie sinnvoll ist die Zusammenfassung der fünf Kantone zu einer Metropolitanregion überhaupt? Aus der Analyse geht hervor, dass in den fünf Kantonen grundsätzlich alles vorhanden ist, was eine erfolgreiche Metropolitanregion ausmacht. Einzig ein klares urbanes Zentrum fehlt. Doch auch das stellt kein unüberwindbares Problem dar, denn eine Eigenheit der Grossregion Espace Mittelland kann durchaus die Multipolarität sein. Damit der Espace Mittelland als eigenständiger Wirtschaftsraum zwischen den Regionen Nordwestschweiz, Zürich und Bassin Lémanique bestehen kann, ist aber eine stärkere Vernetzung der Städte Bern, Freiburg und Neuenburg unabdingbar; die Zusammenarbeit zwischen den fünf Kantonen muss ausgebaut und institutionalisiert werden. Nur so können innerhalb des kantonsübergreifenden Wirtschaftsraumes die Kompetenzen sinnvoll verteilt werden, und nur so kann von Synergien profitiert werden. Damit einer wirtschaftlich erfolgreichen Entwicklung nichts im Wege steht, müssen auch die Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet werden. In dieser Beziehung sind die Kantone des Espace Mittelland durch den Steuerwettbewerb herausgefordert. Denn steuerliche Attraktivität begünstigt Neuansiedlungen, welche mit der Zeit die eher wachstumshemmende Branchenstruktur im Espace Mittelland verändern könnten. Um den Espace Mittelland auch als Wohnraum attraktiver zu machen, sollte in gewissen Subregionen auch über eine Senkung der Steuerbelastung für natürliche Personen nachgedacht werden.

Grafik 1 «Entwicklung des realen Bruttoinlandprodukts und der Erwerbstätigen im Espace Mittelland,1990-2007»

Grafik 2 «Regionale Branchenstruktur des Espace Mittelland, 2007»

Grafik 3 «Kantone des Espace Mittelland»

Grafik 4 «Regionales Branchenwachstum des Espace Mittelland, 1990-2007»

Grafik 5 «Reales BIP-Wachstum im Espace Mittelland nach Gemeinden, 1990-2007»

Grafik 6 «Bevölkerungswachstum im Espace Mittelland nach Gemeinden, 1990-2006»

Grafik 7 «Espace Mittelland im Vergleich mit anderen Regionen»

Tabelle 1 «Espace Mittelland – Kennzahlen 2007»

Kasten 1: Online-Datenportal
Die wichtigsten Grundlagedaten des vorliegenden Artikels sind auf der Homepage von BAK Basel Economics visuell aufbereitet ( www.bakbasel.com ).

Economist, Branchenspezialistin chemisch-pharmazeutische Industrie, BAK Basel Economics

Economist, Branchenspezialistin chemisch-pharmazeutische Industrie, BAK Basel Economics