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Ressourcenknappheit und Preissignale – eine Übersicht

Finanzkrise und Ressourcenknappheit sind seit Monaten die beiden dominierenden Themen der wirtschaftspolitischen Debatte. Nach jahrelanger weltwirtschaftlicher Schönwetterlage drohen diese Probleme den Konjunkturhimmel nachhaltig einzutrüben. Obwohl die beiden Phänomene oft in einem Atemzug genannt werden, gibt es doch fundamentale Unterschiede: Die Finanzkrise ist Folge zum Teil spektakulärer Fehlleistungen einzelner Banken; hier stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit regulatorischer Antworten auf mögliches Marktversagen. Die Preissteigerungen in den Rohwarenmärkten hingegen haben nichts mit Marktversagen zu tun. Sie sind vielmehr Ausdruck funktionierender Märkte, welche die Knappheiten, die auch aus der boomartigen Entwicklung der Schwellenländer resultieren, korrekt anzeigen. Nicht zusätzliche Regulierungen sind hier die richtige Antwort, sondern vielmehr eine Stärkung der Marktkräfte, so dass die Anpassung an die neuen Knappheitsverhältnisse möglichst rasch und unbehindert erfolgen kann.

Der vorliegende Beitrag beginnt mit einer kurzen Darstellung der jüngsten Preisentwicklungen. Anschliessend wird argumentiert, dass diese Entwicklung massgeblich durch eine boomende Nachfrage ausgelöst wird, die auf ein kurzfristig wenig steigerbares Angebot trifft. Es folgt eine kurze Darstellung der unmittelbaren Effekte der Knappheit auf die Schweiz und auf Entwicklungsländer, bevor einige wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen gezogen werden.

Steigende Preise von Rohwaren und Nahrungsmitteln

Alle Ressourcen, die gehandelt werden, sind knapp; sonst könnte für sie kein Preis erzielt werden. Das volkswirtschaftliche Symptom der Verknappung von Rohstoffen ist ein Anstieg der Preise. Viele Rohstoffe haben sich in jüngerer Zeit stark verteuert. Die Grafik 1 und Grafik 2 stellen die Preisentwicklung im Weltmarkt der letzten drei Jahre für einige ausgewählte Rohstoffe dar. Diese Verteuerung der Rohstoffe betrifft insbesondere: – Energieträger, vor allem Erdöl; – Metalle wie etwa Blei, Kupfer, Zink und Aluminium; – Agrarrohstoffe wie etwa Weizen, dessen Weltmarktpreis sich zwischenzeitlich vervierfachte, aber auch Mais und Soja. Es sollte beachtet werden, dass die Rohstoffpreise nicht durchs Band und monoton gestiegen sind: – Bei den meisten Metallen fand der Preisanstieg in erster Linie im Jahr 2006 statt. Nach einiger Zeit sind die Preise u.a. aufgrund des in der Folge gestiegenen Angebots oder gesunkener Nachfrage nicht mehr wesentlich gestiegen (z.B. Kupfer, Aluminium) oder gar wieder gesunken (z.B. Blei, Zink). Seit ganz kurzem haben sich auch die Erdölpreise wieder zurückgebildet (in der Grafik nicht ersichtlich). – Ebenso blieb die Tendenz bei den Fleischpreisen stabil oder gar sinkend, und auch die Milchpreise zeigten – je nach Zeitpunkt und Region – teilweise gar nach unten.  In der Regel – und deshalb auch in den beiden Grafiken – werden Rohstoffe in US-Dollar quotiert und gehandelt. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass sich der US-Dollar in den vergangenen Jahren stark abgewertet hat. Die Verteuerung der Rohstoffe in US-Dollar widerspiegelt deshalb zu einem Teil auch seine Abwertung.  Trotz dieser Einschränkungen ist es unbestritten, dass zahlreiche Rohstoffe in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden sind. Wie lassen sich derartige Preisentwicklungen erklären?

Ein Schulbeispiel von Angebot und Nachfrage

Selten kann man Konzepte aus dem volkswirtschaftlichen Einführungsstudium derart direkt auf brennende wirtschaftspolitische Fragen anwenden wie in diesem Fall. Mit dem einfachstmöglichen Marktmodell lassen sich die hier relevanten analytischen Fragen diskutieren. Weder braucht es Detailwissen zu den spezifischen Produkten, noch spielt die in diesem Zusammenhang vielgescholtene Spekulation eine relevante Rolle (siehe Kasten 1 In der öffentlichen Diskussion zur Preishausse auf den Rohwarenmärkten hört man oft wenig von Angebot und Nachfrage, dafür aber um so mehr von der Spekulation. Manche amerikanische Kongressmitglieder und nicht wenige europäische Spitzenpolitiker glauben in den Spekulanten die Verantwortlichen gefunden zu haben. Entsprechend machen bereits Vorschläge die Runde, diesen mit wirtschaftspolitischen Massnahmen – etwa Steuern auf entsprechenden Transaktionen – das Handwerk zu legen. Das Problem an diesem Ansatz ist, dass die Spekulation auf den Finanzmärkten nichts mit den hohen heutigen Preisen zu tun hat und dass die vorgeschlagenen Massnahmen mit Sicherheit schädlich wären. Zweifellos gibt es momentan eine grosse Menge von Geldern, die nicht zuletzt wegen der Krise in den Finanzsektoren nach alternativen Anlagemöglichkeiten suchen. Und zweifellos bieten hier die Rohwaren eine attraktive Alternative und entsprechend fliesst viel Kapital in diesen Bereich. Entscheidend ist aber, worin dieses Geld genau investiert wird. Zu Preiserhöhungen käme es, wenn die Spekulanten Erdöl oder Weizen physisch kaufen und dann in Erwartung zukünftiger Gewinne lagern würden. Ein Blick in die Statistiken der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigt aber, dass dies nicht geschieht; gemäss Statistiken gab es keinen Aufbau an Erdöllagern in den letzten Monaten. Ebenso befinden sich die weltweiten Lager von Weizen auf historischen Tiefstständen. Der Grund dafür ist, dass Spekulanten in der Regel nicht physische Rohwaren kaufen, sondern so genannte Terminkontrakte, also Wertpapiere, die auf eine zukünftige Preisentwicklung wetten. Für jeden Käufer zukünftigen Erdöls, der mit einer Preiserhöhung rechnet, braucht es einen Verkäufer, der mit dem Gegenteil rechnet. Die Tatsache, dass es mehr Spekulanten auf diesen Märkten hat – also mehr Käufer und Verkäufer -, ist aber für den heutigen Preis nicht relevant. Das Ergebnis eines Fussballspiels ist schliesslich auch unabhängig davon, wie viele Leute auf seinen Ausgang Wetten abschliessen.Hohe im Markt gebildete Futures-Preise deuten auf erwartete Preisanstiege hin. Diese Erwartungen können zwar den heutigen Preis indirekt beeinflussen, zum Beispiel indem sie ein ölproduzierendes Land dazu verleiten könnten, an einem Tag etwas weniger und am anderen Tag etwas mehr Öl zu produzieren. Aber auch diese Entscheide fliessen wieder in die Erwartungen ein. Wesentlich ist, dass sich diese Erwartungen unabhängig davon bilden, ob es Terminmärkte gibt oder nicht. Solche Märkte machen die Erwartungen lediglich transparenter und erleichtern dadurch den wichtigen Informationsfluss. Entscheidend für den heutigen Ölpreis bleiben aber Angebot und Nachfrage nach physischem Erdöl und nicht der Handel mit «Papieröl» auf Terminmärkten. Wirtschaftspolitische Massnahmen gegen die Spekulation würden nicht nur nichts bringen, sondern einigen Schaden anrichten. Terminmärkte – und damit die Aktivitäten von Spekulanten – sind nämlich nicht eine Spielart von Pferdewetten, sondern haben einen echten volkswirtschaftlichen Nutzen. Neben der Transparenzbildung über Erwartungen erlauben sie es, sich gegen die Unsicherheiten aus Preisschwankungen abzusichern. Eine Fluggesellschaft oder ein Hausbesitzer kann sich über solche Märkte Erdöl zu einem fixierten Preis kaufen und sich dadurch gegen Preissteigerungen absichern. Damit dies möglich ist, braucht es aber eine Gegenpartei, die bereit ist, das Risiko der Preisschwankungen zu tragen. Diese Gegenpartei bilden oft Spekulanten, die mit dem Ziel einer finanziellen Rendite in solche Geschäfte investieren. Wirtschaftspolitische Massnahmen gegen die Spekulation werden nur dazu führen, dass weniger dieser beidseitig vorteilhaften Geschäfte getätigt würden – ein reiner volkswirtschaftlicher Verlust.). Die grundsätzliche Story ist die Folgende: Eine stark steigende Nachfrage – insbesondere aus den rasant wachsenden asiatischen Ländern – trifft auf ein Angebot, das wegen Kapazitätsgrenzen mindestens kurzfristig nicht stark ausgeweitet werden kann. Grafik 3 stellt dies schematisch für den Fall des Erdöls dar. Die gleiche Analyse lässt sich für die anderen Rohstoffe vornehmen, deren Preise jüngst stark angestiegen sind. Wichtig ist hier der Verlauf der Angebotskurve. Ist die Menge sehr klein, so haben die Anbieter leer stehende Kapazitäten, weshalb sie keine Mühe haben, zusätzliche Nachfrage auch ohne starke Preissteigerungen auszudehnen: Die Angebotskurve verläuft bei kleinen Mengen (in der Grafik links) sehr flach. Je stärker die Kapazitäten ausgelastet sind, desto steiler wird die Kurve, d.h., desto stärker wird der Preis auf zusätzliche Nachfrage reagieren, bis irgendwann die höchstmögliche Produktionsmenge erreicht ist. Kurzfristig (!) lässt sich dann bei noch so starker Preissteigerung nicht mehr anbieten. In welchem Bereich der Angebotskurve wir uns in einem Markt befinden, hängt von der Lage der Nachfragekurve ab. Wegen der in den vergangenen Jahren starken Entwicklung der Weltkonjunktur und des schon länger anhaltenden Wachstumsbooms in den Schwellenländern expandiert die Nachfrage nach Rohstoffen seit Jahren stark. Deshalb schneidet die Kurve «Nachfrage alt» die Angebotskurve schon seit längerem im steilen Bereich.  Dies war schematisch die Ausgangslage vor rund zwei Jahren. Da die Konjunktur – insbesondere in den bevölkerungsreichen asiatischen Ländern – weiter boomte, verschob sich die Nachfrage noch weiter nach aussen («Nachfrage neu»). Wegen der bereits stark ausgelasteten Kapazitäten führte diese Nachfrageerhöhung zu einer sehr starken Erhöhung der Preise, aber kaum zu einer Erhöhung der Menge. Die Preiserhöhung war dabei viel grösser, als wenn die Nachfragekurve in der Ausgangslage weiter links gelegen wäre. Eine Ausdehnung der gesamten Marktnachfrage um die gleiche Menge hat also in der momentanen Situation ausgelasteter Kapazitäten eine um Grössenordungen stärkere Auswirkung auf den Preis, als sie es noch vor einigen Jahren gehabt hätte.  Diese Analyse zeigt, dass ein Nachfrageschock sehr starke Preiseffekte haben kann, wenn das Angebot nahe der Kapazitätsgrenze liegt. Worin besteht aber der Nachfrageschock? Im Wesentlichen ist er in der aussergewöhnlichen Boomphase bevölkerungsreicher Länder – allen voran Chinas – begründet. Dass China während eines Jahrzehnts mit jährlichen Raten von 10% wächst, ist historisch sehr aussergewöhnlich. Und weil niemand wirklich damit rechnete, wurden auch die Angebotskapazitäten nicht genügend ausgedehnt. Diese Entwicklung führte in einem Rohstoffsektor nach dem anderen zu einer Situation, wie sie in Grafik 3 dargestellt ist. So stieg der globale Konsum von Erdöl gemäss der US Energy Information Administration von 76 Mio. Barrel pro Tag (mbd) im Jahre 1999 auf 86 mbd im Jahre 2008. In der gleichen Periode sanken die noch nicht ausgelasteten Kapazitäten von 5 mbd Erdöl guter Qualität auf rund 2 mbd Erdöl minderer Qualität (hoher Schwefelanteil).  Auch die kürzlich erfolgten Preisrückgänge auf verschiedenen Rohwarenmärkten lassen sich mit dem Modell leicht erklären: Die tatsächliche oder erwartete Abkühlung der Weltkonjunktur hat zu einer leichten Verschiebung zurück nach links geführt. In der angespannten Situation manifestiert sich das sofort in relativ stark fallenden Preisen.

Wichtige Unterscheidung kurze Frist – lange Frist

Wichtig an dieser Analyse ist, dass wir hier von der kurzen Frist sprechen. Langfristig präsentiert sich die Lage sowohl für die Nachfrage als auch für das Angebot ganz anders. Entscheidend ist hier ein zweites Konzept aus dem volkswirtschaftlichen Einführungsstudium, nämlich die Elastizität. Die so genannte Preiselastizität gibt uns an, um wie viel Prozent die – angebotene oder nachgefragte – Menge steigt oder fällt, wenn sich der Preis um eine Einheit verändert. In der kurzen Frist sind heute sowohl das Angebot als auch die Nachfrage nach Rohstoffen sehr unelastisch: Eine Veränderung des Preises hat kaum Auswirkungen auf die Menge. Wir haben das schon bei der Analyse des Angebots gesehen. Sind die Kapazitäten ausgelastet, so wird selbst eine sehr starke Preiserhöhung die angebotene Menge nicht erhöhen, auch wenn dies die Anbieter noch so gerne möchten. Die Angebotskurve in Grafik 3 ist deshalb im heute relevanten Bereich sehr steil, eben unelastisch. Wie wir sehen, ist aber auch die Nachfragekurve sehr steil, weshalb eine kleine Verschiebung der Nachfrage starke Preiseffekte hat. Auch die Konsumenten sind nämlich kurzfristig kaum in der Lage oder bereit, ihren Verbrauch stark anzupassen. Man fährt dann halt bei steigendem Benzinpreis zähneknirschend etwa gleich häufig mit dem Auto und schränkt sich anderweitig ein.  Ganz anders sieht es in der längeren Frist aus. Ist der Preis hoch, so lohnt es sich für die Anbieter zu investieren – und damit ihre Kapazitäten auszudehnen. Entsprechend ist die Angebotskurve längerfristig deutlich flacher, da sich die Kapazitätsgrenze nach aussen verschiebt. Aber auch die Nachfrage kann sich längerfristig einfacher anpassen: Bleibt der Benzinpreis hoch, so wird man die Fahrgewohnheiten ändern oder schafft sich ein benzinsparendes Auto an. Gewisse Anzeichen für solche Reaktionen kann man etwa in den USA bereits beobachten, wo die gefahrenen Kilometer jüngst deutlich zurückgegangen sind. Auch die Nachfragekurve ist deshalb mittelfristig flacher. Beides führt dazu, dass in der längeren Frist die Effekte der steigenden Nachfrage (Verschiebung der Nachfragekurve) auf die Preise deutlich kleiner sind. Gewisse Unterschiede gibt es hier zwischen erneuerbaren Rohstoffen – wie etwa Nahrungsmitteln – und erschöpfbaren Ressourcen wie etwa Erdöl. Das Angebot kann bei Ersteren deutlich leichter ausgedehnt werden. Doch selbst beim Erdöl könnten die hohen Preise mittelbis langfristig zu einer Ausdehnung des Angebotes führen, etwa bei den schwerer abbaubaren Ölvorkommen, wie dem Ölsand in Kanada. Auch könnten sich die gestiegenen Preise als ein Segen für die Umwelt erweisen und ressourcensparenden Technologien zum Durchbruch verhelfen, wie wir es in Marktwirtschaften bei knapper werdenden Ressourcen schon mehrfach erlebt haben.

Auswirkungen der Ressourcenknappheit

Die rapide steigenden Preise wichtiger Rohstoffe haben in verschiedener Hinsicht starke realwirtschaftliche Auswirkungen. Wir wollen im Folgenden den Blick auf die Schweiz und die Entwicklungsländer (siehe Kasten 2 Weit dramatischer als für die Schweiz sind die Auswirkungen für diejenigen Entwicklungsländer, die grosse Teile ihrer Rohstoffe, – insbesondere der Agrarrohstoffe – importieren. Ihr tiefes Einkommensniveau macht sie sehr empfindlich für starke Preissteigerungen; und ihre Exportstruktur erlaubt es ihnen kaum, von der zusätzlichen Nachfrage der Rohstoffexporteure auf den Weltmärkten zu profitieren. In diesen Ländern haben die steigenden Rohstoffpreise bereits zu grossen Problemen der Lebensmittelknappheit für breite Bevölkerungsschichten geführt – und zwar in einem Ausmass, dass ganze Regionen destabilisiert werden könnten. Die Weltbank identifizierte etwa 30 stark betroffene Länder. Einige dieser Länder (z.B. Senegal) müssen mittlerweile 80% ihres Nahrungsmittelbedarfs importieren. Für diejenigen Entwicklungs- und Schwellenländer, die selbst zu den bedeutenden Rohstoffproduzenten gehören, bieten die steigenden Preise aber auch wirtschaftliche Chancen. Dank höherer Preise können höhere Einkommen generiert werden; und es wird wieder interessanter, in die Landwirtschaft zu investieren, was auch der Landflucht in diesen Ländern entgegenwirkt. Diese Chancen werden allerdings durch den Agrarprotektionismus in Industriestaaten geschmälert.) richten. Grundsätzlich lässt sich sicher sagen, dass die Exporteure der Rohstoffe profitieren und dass die Importeure negativ betroffen sind. Die Schweiz gehört bei praktisch allen Rohstoffen zu den Nettoimporteuren und deckt in vielen Fällen – etwa beim Erdöl – gar ihren gesamten Verbrauch aus Importen. Die Erhöhung dieser Preise führt deshalb zu einem Kaufkraftverlust der Schweizer Haushalte und Firmen. Die unmittelbaren Folgen der Verknappung sind also eindeutig negativ. Ebenso negativ zu beurteilen ist die Wirkung auf die Preisstabilität. Wegen der stark steigenden Rohstoffpreise sind die Inflationsraten in der Schweiz seit einigen Monaten über der Zielgrösse der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Daneben gibt es aber auch indirekte Effekte der Preiserhöhungen, die für die Gesamtbeurteilung berücksichtigt werden müssen. So fliesst ein Teil der steigenden Einnahmen der Rohstoffexporteure in zusätzlichen Konsum und dort – bei sehr grossen Einkommen und deren plötzlicher massiver Erhöhung – auch in den Kauf von Luxusprodukten. Da die Schweiz in diesen Segmenten starke Exporteure aufweist, kann die hiesige Wertschöpfung davon profitieren. Die Exporte von Uhren in die Vereinigten Arabischen Emirate sind etwa im Jahre 2007 um 37% gestiegen, diejenigen nach Russland gar um 57%. Auch wenn die Einnahmen aus den Rohstoffen nicht konsumiert, sondern gespart werden, dürfte die Schweizer Wirtschaft wegen der Dienstleistungsexporte ihrer starken Vermögensverwalter überdurchschnittlich profitieren. Für die Schweiz kommt noch ein weiterer positiver Effekt hinzu, der oft etwas vergessen wird: Genf und Zug, aber auch Winterthur gehören zu den bedeutendsten Standorten des internationalen Rohstoffhandels. Die steigenden Rohstoffpreise stimulieren das Geschäft dieser Unternehmen stark, was sich positiv auf die hiesige Wertschöpfung auswirkt. Ein Indiz für die Bedeutung dieses Effektes ist, dass der Ertragsbilanzüberschuss im Transithandel der Schweiz von etwas mehr als 1 Mrd. Franken im Jahre 2000 auf rund 11 Mrd. Franken im Jahre 2007 hochgeschossen ist.  Insgesamt dürfte der Effekt der Preiserhöhungen der Rohstoffe für die Schweiz als Importeur zwar negativ sein. Doch die genannten indirekten Effekte kompensieren dies zu einem nicht unbedeutenden Teil über den Aussenhandel. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und des hohen Wohlstandes in unserem Lande kann man festhalten, dass die Preissteigerungen für die Schweiz insgesamt verkraftbar sein dürften, auch wenn gewisse Gruppen empfindlich negativ betroffen sind.

Was ist zu tun?

Die Analyse macht klar, dass die stark steigenden Ressourcenpreise ihren Ursprung in einer stark wachsenden Nachfrage bei kurzfristig relativ starrem Angebot haben. Die Preisentwicklung zeigt die Knappheiten korrekt an; und es wäre falsch, mit wirtschaftspolitischen Eingriffen die Preise künstlich senken zu wollen. Die Reaktionen auf die Preishausse sowohl auf der Angebotswie auf der Nachfrageseite werden wegen dieser Preissignale mittelfristig in die richtige Richtung gehen, nämlich einem sorgsameren Umgang auf der Nachfrageseite und zusätzlicher Produktion auf der Angebotsseite. Diese Reaktionen auf Knappheiten sind gerade der Grund, warum eine Marktwirtschaft besser als jede andere Wirtschaftsordnung geeignet ist, mit Ressourcen haushälterisch umzugehen. Jede Politik, welche die Ressourcenpreise künstlich tief hält, wirkt strukturerhaltend und macht die später ohnehin notwendige Anpassung umso teurer. Die Wirtschaftspolitik sollte deshalb versuchen, alle Restriktionen abzubauen, welche diese Preissignale verzerren oder die Reaktion darauf behindern. So sollten gerade im Landwirtschaftssektor Zölle gesenkt und auf Subventionen – etwa zur Förderung von Biotreibstoffen – verzichtet werden. Die in Schwellenländern weit verbreitete Subventionierung des Treibstoffverbrauchs sollte eingestellt werden. Auch die oft geforderte Reduktion der Steuern auf Benzin zur Linderung der Preiserhöhungen wäre ein falsches Signal und würde erst noch die Staatseinnahmen in eine verhängnisvolle Abhängigkeit von volatilen Ressourcenpreisen bringen. Zudem sollten unnötige Regulierungen, welche die Produktion behindern, abgebaut und der Marktzugang – im Inland ebenso wie grenzüberschreitend – erleichtert werden. Ebenfalls vorteilhaft ist der Abbau von Hindernissen für internationale Investitionsströme. Was die Inflation betrifft, so besteht erst dann geldpolitischer Handlungsbedarf, wenn die Preissteigerungen von den Rohstoffen auf andere Güter überschwappen. Die Erhöhung einzelner Preise wegen einer Verknappung kann und soll durch die Geldpolitik auch gar nicht verhindert werden, selbst wenn die betroffenen Güter so wichtig sind, dass ihre Preissteigerungen das gesamte Preisniveau erhöhen. Es handelt sich hier um Anpassungen von relativen Preisen, die, wie oben dargelegt, eine wichtige Lenkungsfunktion erfüllen. Erst wenn die allgemeinen Inflationserwartungen steigen und damit Lohn-Preis-Spiralen losgetreten werden, gilt es, geldpolitisch Gegensteuer zu geben. In einem Bereich ist allerdings die grundsätzliche Philosophie ungenügend, möglichst nicht in funktionierende Märkte einzugreifen – nämlich bei den Effekten auf die Armut in Entwicklungsländern. Wenn Preiserhöhungen unmittelbare Hungersnöte auslösen, kann man nicht einfach auf die mittlere Frist verweisen, sondern es muss Soforthilfe geleistet werden. Allerdings gilt auch hier, dass die unabdingbare Unterstützung wenn immer möglich nicht durch Eingriffe in den Markt – etwa die künstliche Verbilligung der Lebensmittel – erfolgen sollte, da sonst die notwendigen Reaktionen auf die Knappheiten ausbleiben und die Probleme perpetuiert werden.

Grafik 1 «Preisentwicklung (USD) bei ausgewählten Rohstoffen, Juli 2005-Juli 2008»

Grafik 2 «Preisentwicklung (USD) bei ausgewählten Agrarprodukten, Juli 2005-Juli 2008»

Grafik 3 «Kurzfristige Reaktion im Ölmarkt auf die gestiegene Nachfrage»

Kasten 1: Die Rolle der Spekulation In der öffentlichen Diskussion zur Preishausse auf den Rohwarenmärkten hört man oft wenig von Angebot und Nachfrage, dafür aber um so mehr von der Spekulation. Manche amerikanische Kongressmitglieder und nicht wenige europäische Spitzenpolitiker glauben in den Spekulanten die Verantwortlichen gefunden zu haben. Entsprechend machen bereits Vorschläge die Runde, diesen mit wirtschaftspolitischen Massnahmen – etwa Steuern auf entsprechenden Transaktionen – das Handwerk zu legen. Das Problem an diesem Ansatz ist, dass die Spekulation auf den Finanzmärkten nichts mit den hohen heutigen Preisen zu tun hat und dass die vorgeschlagenen Massnahmen mit Sicherheit schädlich wären. Zweifellos gibt es momentan eine grosse Menge von Geldern, die nicht zuletzt wegen der Krise in den Finanzsektoren nach alternativen Anlagemöglichkeiten suchen. Und zweifellos bieten hier die Rohwaren eine attraktive Alternative und entsprechend fliesst viel Kapital in diesen Bereich. Entscheidend ist aber, worin dieses Geld genau investiert wird. Zu Preiserhöhungen käme es, wenn die Spekulanten Erdöl oder Weizen physisch kaufen und dann in Erwartung zukünftiger Gewinne lagern würden. Ein Blick in die Statistiken der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigt aber, dass dies nicht geschieht; gemäss Statistiken gab es keinen Aufbau an Erdöllagern in den letzten Monaten. Ebenso befinden sich die weltweiten Lager von Weizen auf historischen Tiefstständen. Der Grund dafür ist, dass Spekulanten in der Regel nicht physische Rohwaren kaufen, sondern so genannte Terminkontrakte, also Wertpapiere, die auf eine zukünftige Preisentwicklung wetten. Für jeden Käufer zukünftigen Erdöls, der mit einer Preiserhöhung rechnet, braucht es einen Verkäufer, der mit dem Gegenteil rechnet. Die Tatsache, dass es mehr Spekulanten auf diesen Märkten hat – also mehr Käufer und Verkäufer -, ist aber für den heutigen Preis nicht relevant. Das Ergebnis eines Fussballspiels ist schliesslich auch unabhängig davon, wie viele Leute auf seinen Ausgang Wetten abschliessen. Hohe im Markt gebildete Futures-Preise deuten auf erwartete Preisanstiege hin. Diese Erwartungen können zwar den heutigen Preis indirekt beeinflussen, zum Beispiel indem sie ein ölproduzierendes Land dazu verleiten könnten, an einem Tag etwas weniger und am anderen Tag etwas mehr Öl zu produzieren. Aber auch diese Entscheide fliessen wieder in die Erwartungen ein. Wesentlich ist, dass sich diese Erwartungen unabhängig davon bilden, ob es Terminmärkte gibt oder nicht. Solche Märkte machen die Erwartungen lediglich transparenter und erleichtern dadurch den wichtigen Informationsfluss. Entscheidend für den heutigen Ölpreis bleiben aber Angebot und Nachfrage nach physischem Erdöl und nicht der Handel mit «Papieröl» auf Terminmärkten. Wirtschaftspolitische Massnahmen gegen die Spekulation würden nicht nur nichts bringen, sondern einigen Schaden anrichten. Terminmärkte – und damit die Aktivitäten von Spekulanten – sind nämlich nicht eine Spielart von Pferdewetten, sondern haben einen echten volkswirtschaftlichen Nutzen. Neben der Transparenzbildung über Erwartungen erlauben sie es, sich gegen die Unsicherheiten aus Preisschwankungen abzusichern. Eine Fluggesellschaft oder ein Hausbesitzer kann sich über solche Märkte Erdöl zu einem fixierten Preis kaufen und sich dadurch gegen Preissteigerungen absichern. Damit dies möglich ist, braucht es aber eine Gegenpartei, die bereit ist, das Risiko der Preisschwankungen zu tragen. Diese Gegenpartei bilden oft Spekulanten, die mit dem Ziel einer finanziellen Rendite in solche Geschäfte investieren. Wirtschaftspolitische Massnahmen gegen die Spekulation werden nur dazu führen, dass weniger dieser beidseitig vorteilhaften Geschäfte getätigt würden – ein reiner volkswirtschaftlicher Verlust.

Kasten 2: Auswirkungen der hohen Rohstoffpreise auf die Entwicklungsländer Weit dramatischer als für die Schweiz sind die Auswirkungen für diejenigen Entwicklungsländer, die grosse Teile ihrer Rohstoffe, – insbesondere der Agrarrohstoffe – importieren. Ihr tiefes Einkommensniveau macht sie sehr empfindlich für starke Preissteigerungen; und ihre Exportstruktur erlaubt es ihnen kaum, von der zusätzlichen Nachfrage der Rohstoffexporteure auf den Weltmärkten zu profitieren. In diesen Ländern haben die steigenden Rohstoffpreise bereits zu grossen Problemen der Lebensmittelknappheit für breite Bevölkerungsschichten geführt – und zwar in einem Ausmass, dass ganze Regionen destabilisiert werden könnten. Die Weltbank identifizierte etwa 30 stark betroffene Länder. Einige dieser Länder (z.B. Senegal) müssen mittlerweile 80% ihres Nahrungsmittelbedarfs importieren. Für diejenigen Entwicklungs- und Schwellenländer, die selbst zu den bedeutenden Rohstoffproduzenten gehören, bieten die steigenden Preise aber auch wirtschaftliche Chancen. Dank höherer Preise können höhere Einkommen generiert werden; und es wird wieder interessanter, in die Landwirtschaft zu investieren, was auch der Landflucht in diesen Ländern entgegenwirkt. Diese Chancen werden allerdings durch den Agrarprotektionismus in Industriestaaten geschmälert.

Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie, Universität Bern; Vorsitzender Beirat Zukunft Finanzplatz

Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie, Universität Bern; Vorsitzender Beirat Zukunft Finanzplatz