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eHealth – den Zug in die Zukunft nicht verpassen!

Die Anwendungen von Informations- und Kommunikationstechnologien im Gesundheitswesen, die heute unter eHealth zusammengefasst werden, sind auf dem Vormarsch und werden das Schweizer Gesundheitswesen der Zukunft mitbestimmen. Die Schweiz muss entscheiden, ob sie bei eHealth zu den Leadern oder zu den Nachvollziehern gehören will. Die Versichertenkarte, welche in der eHealth-Strategie der Schweiz einen wichtigen ersten Schritt darstellt, muss eine Authentifizierung mittels digitaler Identität für jeden Versicherten ermöglichen. Nur so können eHealth und das Gesundheitswesen in der Schweiz vorankommen und ein wichtiges Ziel der eHealth-Strategie des Bundes umgesetzt werden.

Die Schweiz verfügt über alle Voraussetzungen, um im Bereich eHealth eine Führungsrolle zu übernehmen: beste medizinische Forschung, modernste Spitäler, eine starke Life-Science-Industrie, die in Therapie und Diagnostik weltweit führend ist. Gleichzeitig besteht eine hervorragende Abdeckung bezüglich IT-Infrastruktur unserer Bevölkerung (Breitbandanbindungen und PC-Dichte).  Ebenso wichtig für eine neue Technologie ist aber auch die ihr entgegengebrachte Akzeptanz. Will die Schweizer Bevölkerung eHealth überhaupt? Eine kürzlich publizierte Studie des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung beantwortet diese Frage klar mit ja: Unsere Bevölkerung ist offen für neue Technologien im Gesundheitswesen, speziell für elektronische Patientendossiers. Vgl. Für ein effizienteres Gesundheitswesen – Bericht zum Dialogverfahren eHealth Publifocus und Patientendossier, Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung TA Swiss, August 2008. Deshalb wäre es für die Schweiz eigentlich eine Selbstverständlichkeit, in Sachen eHealth eine weltweite Führungsrolle zu beanspruchen. Stattdessen legen uns wir zu viele unnötige Steine in den Weg – trotz einer ambitionierten und zumindest teilweise zielführenden eHealth-Strategie von Bund und Kantonen.

Versichertenkarte als wichtiger erster Schritt

Der Bundesrat hat in der eHealth-Strategie für die Jahre 2007 bis 2015 als Hauptziel die Einführung eines elektronischen Patientendossiers festgelegt. Dieses soll Ärzten und Spitälern von überall aus Zugriff auf die relevanten Daten der Krankengeschichte bieten, nachdem die verstreuten Informationen bislang meistens nur bei Überweisungen von Ärzten und Spitälern mitgeliefert wurden. Die Einführung des elektronischen Patientendossiers soll schrittweise erfolgen; der erste Schritt dazu soll die Einführung der Versichertenkarte sein. Diese ist jedoch bis heute leider nicht so konzipiert, dass sie ein echter «Schlüssel» zum elektronischen Dossier sein kann. Wesentliche prozessuale und sicherheitstechnische Vorgaben fehlen in den Spezifikationen. Eine parlamentarische Initiative von Nationalrat Ruedi Noser (FDP ZH) will dies ändern: Durch eine Änderung des Art. 42a KVG soll der Grundsatz verankert werden, dass jeder Kassenpflichtige eine digitale Identität erhält, die als eindeutiger und sicherer Identifikator – u.a. für die Rechnungsstellung der KVG-Leistungen sowie für medizinische Zwecke – verwendet werden kann. Zudem sollen finanzielle Anreize für die Anwendung von eHealth-relevanten Leistungen geschaffen werden. Mit dieser Änderung des KVG soll das Hauptziel der eHealth-Strategie Schweiz, nämlich ein wirksames Patientendossier für jedermann, unterstützt und beschleunigt werden. Eine eindeutige digitale Identität kann zum Beispiel durch die Ergänzung der Versichertenkarte mit einem digitalen Identifikationsmerkmal (Zertifikat) erreicht werden, oder aber mit einer neuen Gesundheitskarte, auf deren Chip für jeden Inhaber seine behördlich zugeordnete und registrierte digitale Identität enthalten ist. Was in der realen Welt der Pass oder die Identitätskarte, ist in der digitalen Welt die digitale Identität für alle, welche es dem Inhaber des Identifikationsmediums (z.B. eID-Karte, Gesundheitskarte, Führerausweis usw.) erlaubt, seine Identität elektronisch zweifelsfrei gegenüber einer Drittperson oder einem System zu beweisen, ein Dokument elektronisch zu signieren oder vertrauliche für ihn bestimmte Daten zu entschlüsseln. Die IG eHealth unterstützt diese für die eHealth-Entwicklung in der Schweiz wichtige Initiative, würde sie doch den dringend nötigen «Schlüssel» und anonymisierbaren Personenidentifikator für das elektronische Patientendossier bilden. Damit ist ein Behandlungsprozess und ein institutionenübergreifendes Patientendosser erst realisierbar. Dieser Schritt kann in der Schweiz den dringend nötigen Schub im Bereich eHealth auslösen.

Mehr Transparenz – nicht nur bei eHealth

Die Einführung einer Versichertenkarte und später eines elektronischen Patientendossiers führt nur zu den angestrebten und überall postulierten Rationalisierungsgewinnen, wenn man den Ärzten im Notfall den Zugriff auf alle Daten erlaubt oder wenn man verlangt, dass ein Arzt auf den Diagnosen der Vorgänger aufbauen muss und nicht alle Diagnosen noch einmal neu erstellen darf. Auch heute schon könnte mehr Transparenz herrschen, wenn der Wille dazu vorhanden wäre – ohne zusätzlichen Technologieeinsatz. Nachhaltige Rationalisierungsgewinne durch eHealth werden indes nur möglich sein, wenn dadurch mehr Transparenz im Gesundheitssystem geschaffen wird. Doch steht der Forderung nach mehr eHealth-Technologien ein System gegenüber, das sich selten für zusätzliche Transparenz stark gemacht hat. Es wird daher schwierig sein, allein mit dem Kostenargument die Akteure des Gesundheitswesens zu raschen Investitionen in eHealth zu motivieren.

Für Patienten – aber auch für die Wirtschaft

Rund um eHealth gilt es auch den volkswirtschaftlichen Aspekt zu beachten: Die Schweiz wird nur zu einer Wissensgesellschaft, wenn wir Wissenstechnologien auch real einführen. Gesundheit wird zu den Wachstumsträgern der Zukunft gehören. Wir verfügen in diesem Bereich über eine Industrie, die weltweit führend und von ausserordentlicher volkswirtschaftlicher Bedeutung ist. In Zukunft wird sich die Gesundheitsindustrie aber dort ansiedeln und entwickeln, wo Länder eHealth einführen und umsetzen. Es ist jedoch heute schon klar, dass eHealth zu Produktivitäts- und Rationalisierungsgewinnen führen wird. Unter den Leistungserbringern wird es folglich nicht nur Gewinner geben. Und wie so oft in der Schweiz haben die Strukturerhalter die stärkste Lobby. Es besteht die Gefahr, dass wir nur die Risiken sehen und eine defensive Diskussion führen. Die aktuellen Diskussionen um die «richtige» Versichertenkarte, um den «gläsernen Patienten» und um die Frage, wer welche Kosten bei eHealth-Projekten übernimmt, widerspiegelt diese defensive Haltung.

Wie viel Zeit bleibt?

Die schweizerische Antwort auf die Frage, wie viel Zeit wir für die Einführung von eHealth noch haben, lautet: Wir müssen die Umsetzung in kleinen Schritten angehen. Ein Blick über die Grenze zeigt, dass wir mit diesem Vorgehen den Anschluss verlieren werden: In Deutschland steht – mit Problemen und Startschwierigkeiten – die flächendeckende Einführung einer Gesundheitskarte kurz bevor. Österreich hat bereits eine Bürgerkarte eingeführt. Dänemark hat ein beeindruckendes nationales eHealth-Portal. Es gibt zudem viele europäische eDiagnostik-Projekte, bei denen die Daten der Patienten lokal beim Hausarzt erfasst werden und anschliessend zur Analyse an eine Zentralstelle übermittelt werden. Diese Stellen verwalten bereits Millionen von Patientendaten. Viele dieser Projekte beginnen jetzt zu greifen und werden eine Dynamik entwickeln.  Können wir uns es also leisten, unser eigenes Tempo zu gehen? Wo kann die Schweiz heute beginnen, um in Zukunft bei eHealth führend zu sein? Beginnen wir dort, wo eHealth beginnen muss, nämlich beim Patienten. Zum Beispiel mit der Forderung, dass jeder Patient über alle seine Daten in elektronischer Form verfügen kann, wenn er dies will: Ein erster Schritt dazu ist eine zukunftsgerichtete Versichertenoder Gesundheitskarte.

Kasten 1: Die IG eHealth
Die im Mai 2008 gegründete «Interessengemeinschaft eHealth» (IG eHealth) hat zum Ziel, das Potenzial von eHealth im Gesundheitswesen besser zu nutzen. Die IG will einen Beitrag leisten, um die Effizienz, Qualität, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens in der Schweiz zu verbessern.

Präsident Interessensgemeinschaft eHealth (IG eHealth), Bern

Präsident Interessensgemeinschaft eHealth (IG eHealth), Bern