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Die Rolle der Berufsbildung in der Bekämpfung des Fachkräftemangels

Der Schweizer Arbeitsmarkt galt in letzter Zeit als stark angespannt. So fehlten etwa nach Meinung der Lehrmeistervereinigung Informatik rund 8000 Informatiker. Und laut Schätzung des Engineering-Branchenverbands Swissmem benötigt die Maschinenindustrie weitere 1500 bis 2000 Ingenieure. Trotz des scheinbaren Fehlbedarfs weiss niemand genau, wie viele Fachkräfte es gegenwärtig und in der Zukunft in der Schweiz tatsächlich braucht. Vor diesem Hintergrund betrachtet der folgende Beitrag die Marktlage näher und untersucht, inwiefern die Berufsbildung zur Bekämpfung der Knappheit beitragen könnte.1

Ausmass des Arbeitskräftemangels

Blickt man auf die amtliche Statistik über den von den Firmen gemeldeten Fachkräftemangel bis 1980 zurück, ist festzustellen, dass der Arbeitsmarkt in den letzten Jahren weniger stark angespannt war als etwa Anfang der 1990er- oder der 2000er-Jahre. Zwar waren Fachkräfte zuletzt knapp, doch frü-her war der Fehlbedarf noch grösser. Zudem ist anhand der Daten zu erkennen, dass das Ausmass des derzeitigen Arbeitskräftemangels mit dem Niveau der gesuchten Qualifikation steigt. Demnach waren Akademiker in letzter Zeit am schwersten zu finden. Dieser Eindruck wird durch den Vergleich der Qualifikationsprofile neu rekrutierter ausländischer Arbeitskräfte und entsprechender einheimischer Erwerbstätigen bestätigt. Geht man davon aus, dass die Firmen in der Schweiz in erster Linie solche ausländischen Arbeitskräfte rekrutieren, deren Qualifikationen in der Schweiz relativ knapp sind, dann lässt sich durch einen Vergleich der Bildungsstände der zuwandernden und einheimischen Arbeitskräfte bestimmen, um welche Qualifikationen es sich dabei handelt. Grafik 1 zeigt die Anteilsunterschiede zwischen den Bildungsprofilen der in den jeweils vorausgegangenen fünf Jahren zugewanderten Vollzeiterwerbstätigen und vergleichbaren Einheimischen in Prozentpunkten. Ein positiver Wert bedeutet, dass die Ausländer einen höheren Anteil in der jeweiligen Bildungskategorie aufweisen als die Einheimischen. Demnach bestand zuletzt vor allem bei den Akademikern ein Fehlbedarf. Ein Mangel an Lehrabsolventen hingegen scheint nicht vorgelegen zu haben. Die Zahlen deuten eher auf eine wachsende Überversorgung in diesem Bereich hin. Während vor 1990 scheinbar vor allem Ungelernte in der Schweiz knapp waren, hat sich seit 1990 die Lage grundlegend verändert.

Bildungsstand der Schweizerinnen und Schweizer

Angesichts der steigenden Nachfrage der Wirtschaft nach Höherqualifizierten stellt sich naturgemäss die Frage nach dem Angebot an höheren Berufsqualifikationen. Reicht das künftige Angebot, um die Bedürfnisse der Wirtschaft zu befriedigen? Gemäss der Bevölkerungsprognose des Bundesamtes für Statistik (BFS) scheint dies zumindest tendenziell der Fall zu sein (siehe Grafik 2).2 Anhand der Grafik ist zu erkennen, dass der Bildungsstand der Schweizer schon seit 1970 ständig zunimmt. Dies zeigt sich zum einen am starken Rückgang des Anteils an Personen mit lediglich einem obligatorischen Schulabschluss auf der Sekundarstufe I und zum anderen am steilen Anstieg des Anteils der Personen mit einem tertiären Abschluss (vor allem Akademiker). Ferner nimmt das Angebot an Personen mit einem Sekundarabschluss, die in erster Linie Lehrabsolventen darstellen, seit 2000 leicht ab. Wie die Grafik zeigt, werden sich nach Auffassung des BFS die Trends auf allen drei Bildungsstufen in Zukunft fortsetzen.

Schrumpfende Erwerbsbevölkerung

Obwohl der Bildungsstand der Schweizerinnen und Schweizer sowie der neu zuwandernden Ausländer trendmässig steigt, dürfte das Arbeitskräfteangebot insgesamt in Zukunft eher abnehmen. Allerdings wird die Erwerbsbevölkerung nach Massgabe der Bevölkerungsprognosen – wenn überhaupt – erst ab 2020 zu schrumpfen beginnen. Die Ungewissheit resultiert aus dem nicht genau bekannten Ausmass der künftigen Zuwanderungen. Je nachdem könnte die Erwerbsbevölkerung bis 2050 zwischen 12% zunehmen und 22% abnehmen.

Ausbildungsbereitschaft der Firmen

Angesichts der steigenden Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften stellt sich auch die Frage, ob die Betriebe genügend Lehrstellen bereitstellen. Eine Antwort darauf liefert ein Vergleich der Anzahl der besetzten Lehrstellen mit der Anzahl Personen, die den entsprechenden Beruf auch ausüben. Diese sogenannte Lehrlingsquote misst die Bildungsintensität der Firmen. Betrachtet man die Entwicklung der Lehrlingsquote nach Berufsgruppen (siehe Grafik 3), ist festzustellen, dass die Bildungsintensität der Firmen bei den landwirtschaftlichen und gewerblich-industriellen Berufen seit 1970 stark zugenommen hat. Nur bei den Dienstleistungsberufen, bei denen die Berufslehre nie stark verbreitet war, ist die Lehrlingsquote etwas gefallen. Da aber die überwiegende Mehrzahl der Erwerbstätigen einen Dienstleistungsberuf ausübt, nimmt auch die Lehrlingsquote im Durchschnitt aller Berufe seit 1980 ab und liegt inzwischen auf dem Niveau von 1970.Wie der niedrigeren Bedeutung der Lehre in den Dienstleistungsberufen berufsbildungspolitisch zu begegnen ist, ist allerdings unklar. Für einen Ausbau der Lehre bei den Dienstleistungsberufen spricht grundsätzlich ihre Praxisbezogenheit. Allerdings können durch Praxissemester auch schulische Berufsausbildungen praxisorientiert gestaltet werden. Dazu ist zu bedenken, dass möglicherweise eine grössere Anzahl von Dienstleistungsberufen Berufsqualifikationen erfordert, die sich nur schwerlich praktisch – bzw. mittels «Learning by Doing» – vermitteln lassen. In diesem Zusammenhang ist an die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zu denken, deren Beherrschung ein höheres Mass an Abstraktionsvermögen erfordert als das, was in einer Lehre typischerweise vermittelt wird. Ferner ist die Arbeitsmarktfähigkeit allfällig neu geschaffener Lehrabschlüsse zu beachten. Ein Lehrabschluss, der vom Arbeitsmarkt nicht angenommen wird, dient niemandem.

Ungelernte jugendliche Ausländer

Trotz des allgemeinen Anstiegs des Bildungsstands der Wohnbevölkerung und der weiterhin deutlich vorhandenen Ausbildungsbereitschaft der Firmen gibt es eine Personengruppe hierzulande, die zunehmend ins Hintertreffen zu geraten droht, nämlich der wachsende Anteil junger Ausländer, die ohne einen Berufsabschluss das Bildungssystem verlassen. Nach der amtlichen Statistik belief sich deren Anteil zuletzt auf 20%, verglichen mit 5% bei Schweizer Jugendlichen. Angesichts der steigenden Nachfrage der Firmen droht Ungelernten in Zukunft vermehrte Arbeitslosigkeit. Soll dem Betroffenen dieses Schicksal erspart bleiben, sind vorbeugende Massnahmen zu ergreifen. Dies kommt der Gesellschaft weniger teuer zu stehen, als spätere Arbeitslosigkeit zu finanzieren.

Beitrag der Berufsbildungspolitik

Die Trendentwicklungen bewegen sich auf beiden Seiten des Arbeitsmarktes für Fachkräfte in die gleiche Richtung, sodass in Zukunft tendenziell von einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt auszugehen ist. Dennoch können punktuelle Engpässe auftreten. Dagegen kann die Berufsbildungspolitik allerdings wenig ausrichten. Dies liegt zum einen in den Grenzen der Berufsprognostik begründet. Um für die Berufsbildungspolitik nützlich zu sein, müssen Berufsprognosen sowohl einen längeren Prognosehorizont und eine hohe Zuverlässigkeit wie auch grosse berufliche Detaillierung besitzen. Die Berufsprognostik kann aber nur zwei dieser Anforderungen gleichzeitig erfüllen. So sind langfristige Berufsprognosen mit grosser beruflicher Detaillierung nur auf Kosten der Eintreffenswahrscheinlichkeit zu erstellen. Hohe Treffsicherheit und Langfristigkeit lassen sich wiederum nur zu Lasten der beruflichen Detaillierung erzielen.Zum anderen ist zu bedenken, dass berufsbezogene Bedarfsprognosen in besonderer Weise der Selbstzerstörung unterliegen, da sie mögliche Rückkoppelungsmechanismen ausser Acht lassen. Würden sich Jugendliche z.B. streng an die Aussagen von Berufsperspektiven halten und sich ausschliesslich für Berufe entscheiden, bei denen ein Arbeitskräftemangel erwartet wird, könnte ein solches Kollektivverhalten zur Folge haben, dass die relativen Knappheitsverhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt würden: Dort, wo ein Fachkräftemangel erwartet wurde, würden sich Überschüsse einstellen, und dort, wo von Überschüssen auszugehen war, würden Defizite entstehen.Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass in den meisten Berufen ohnehin keine enge Beziehung besteht zwischen der Qualifikation, die eine Person gelernt hat, und der Tätigkeit, die sie ausübt. Eine gegebene Qualifikation kann in einer Vielzahl von beruflichen Tätigkeiten Verwendung finden, wie auch umgekehrt die gleiche Tätigkeit von einer Vielzahl unterschiedlich qualifizierter Personen ausgeführt werden kann. In diesem Zusammenhang ist an die IKT-Berufe zu denken. Schätzungen deuten darauf hin, dass rund 70% der in der Schweiz als IKT-Fachkräfte Beschäftigten sogenannte Quereinsteiger sind, die keinen formalen IKT-Abschluss aufweisen. Vor diesem Hintergrund sind die berufsbildungspolitischen Konsequenzen eines IKT-Fachkräftemangels nicht offensichtlich.

Berufsbildungspolitische Empfehlungen

Trotz dieser Ungewissheit lassen sich einige berufsbildungspolitische Empfehlungen fassen: Angesichts der starken berufsstrukturellen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt liegt es nahe, die Berufsbildung verstärkt zu modalisieren. In einem Modulsystem besteht der Bildungsweg aus einem Sammeln von Zertifikaten, die den erfolgreichen Abschluss von Lerninhalten (Module) bezeugen. Ein Modulsystem erleichtert die Anpassung der Lerninhalte an eine sich ständig ändernde Berufswelt. Überholte Module können einfach ersetzt werden. Auch eine Erhöhung der Durchlässigkeit des Berufsbildungssystems hilft, Engpässe auf dem Arbeitsmarkt zu vermeiden. Zu denken ist an ein Kontinuum an Bildungsgängen, die je nach Bedarf unterschiedliche betriebliche und schulische Anteile umfassen. Ein solches Kontinuum schafft auch einen Anknüpfungspunkt für die berufliche Weiterbildung. Diese Empfehlungen sind nicht neu. Zudem hat das neue Berufsbildungsgesetz eine Vielzahl der Vorschläge bereits umgesetzt. Trotzdem bleiben die Probleme zum Teil weiterhin bestehen. Es gilt, sie mit den Instrumenten des neuen Berufsbildungsgesetzes verstärkt anzugehen.

Prof. Dr. George Sheldon

Extraordinarius für Nationalökonomie, Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik (FAI) am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum (WWZ) der Universität Basel

1 Der Beitrag stützt sich auf eine gleichnamige Studie, die der Autor im Auftrag des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT) erstellte und die von der dortigen Website heruntergeladen werden kann.

2 Die Prognose des BFS beschränkt sich ausschliesslich auf Schweizerinnen und Schweizer.

Prof. em. der Volkswirtschaftslehre und Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Indust-rieökonomik (FAI), Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät (WWZ), Universität Basel

Prof. em. der Volkswirtschaftslehre und Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Indust-rieökonomik (FAI), Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät (WWZ), Universität Basel