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Neue Kenngrössen zur Schweizer Stellenmarktentwicklung

Der Stellenmarkt-Monitor Schweiz am Soziologischen Institut der Universität Zürich beobachtet kontinuierlich Umfang und Zusammensetzung des Stellenangebots in der Schweiz. Mit dem im letzten November lancierten Adecco Swiss Job Market Index steht nun erstmals eine quartalsweise Messung des gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots zur Verfügung. Jährliche Stichprobenerhebungen von Stellenangeboten aus Presse und Internet ermöglichen zudem Aussagen über langfristige Verschiebungen in der Struktur des betrieblichen Personalbedarfs von 1950 bis in die Gegenwart.

Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt geniessen zu Recht grosse Aufmerksamkeit: Sie prägen die Chancen für Wohlstand und Fortschritt auf individueller wie auf volkswirtschaftlicher Ebene. Fundierte Informationen zu langfristigen Trends und konjunkturellen Schwankungen auf dem Stellenmarkt sind für Unternehmen, Erwerbstätige und Politik somit gleichermassen von Bedeutung. Unternehmen sind auf die Einstellung hochqualifizierter Arbeitskräfte und Spezialisten und eine entsprechend vorausschauende Personalplanung angewiesen. Zugleich hängen Beschäftigungschancen und Einkommen der Erwerbstätigen von der Entwicklung des betrieblichen Personalbedarfs ab. Auch Politik, Berufsbildung und Konjunkturforschung zeigen ein beträchtliches Interesse an Informationen zur Veränderungen des Stellenangebots und des betrieblichen Qualifikationsbedarfs. In Zeiten der Hochkonjunktur richtet sich die Aufmerksamkeit dabei auf den Fachkräftemangel in manchen Berufsfeldern. Bei einbrechendem Wirtschaftsgang rückt hingegen die Arbeitslosigkeit ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Der Stellenmarkt-Monitor Schweiz hat sich vor diesem Hintergrund zum Ziel gesetzt, die Veränderungen in Umfang und Zusammensetzung des Stellenangebots mit wissenschaftlichen Methoden kontinuierlich nachzuzeichnen, zu analysieren und entsprechende Kenngrössen zur Verfügung zu stellen. Als Datenbasis dient die regelmässige Erhebung von Stellenausschreibungen in Presse und Internet.

Wissenschaftliches Monitoring des Schweizer Stellenmarkts

Öffentliche Stellenausschreibungen sind aus mehreren Gründen ein nahezu idealer Indikator für den betrieblichen Personalbedarf. Öffentlich ausgeschrieben werden in erster Linie Stellen, die mit besonderer Dringlichkeit zu besetzen sind und für die sich anders kaum adäquat qualifizierte Mitarbeiter finden lassen. Die Ausschreibung einer Stelle und die Bewerberauswahl bringen nämlich für die Unternehmen einen erheblichen Aufwand mit sich, so dass offene Stellen entsprechend zurückhaltend und gezielt inseriert werden. Die Unternehmen können dabei den Aufwand für die Bewerberauswahl reduzieren, indem sie die zu besetzende Stelle und ihre Anforderungen bereits im Ausschreibungstext hinreichend genau beschreiben. Erscheinen in grosser Zahl Stellenangebote mit vergleichbaren Anforderungen, so verweist dies auf einen entsprechenden Personalmangel der Unternehmen. Im Aggregat geben Zahl und Art der ausgeschriebenen Stellen somit nicht nur Aufschluss über die individuellen Beschäftigungschancen von Stellensuchenden mit spezifischen Qualifikationen, sondern auch über Umfang und Art des betrieblichen Personalbedarfs. Dies gilt namentlich auch in zeitvergleichender Perspektive. Entsprechend sensibel reagiert das Stellenangebot denn auch auf konjunkturelle Schwankungen: Innerhalb eines Jahres kann das Stellenangebot um bis zu 50% zu- oder abnehmen. Bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts war das Presseinserat der eigentliche «Königsweg» der Personalsuche. Im 21. Jahrhundert gewinnt der Stellenmarkt im Internet rasch an Bedeutung, wobei die Unternehmen neben spezialisierten Internet-Stellenportalen vor allem auch die unternehmenseigenen Webseiten intensiv für die Personalsuche nutzen. So ist die Stellenmarktbeobachtung an der Universität Zürich in den letzten Jahren schrittweise erweitert worden und bildet heute den Stellenmarkt in Presse und Internet umfassend ab. Dabei werden auf gesamtschweizerisch repräsentativer Basis regelmässig detaillierte Angaben zu den personalsuchenden Betrieben, den ausgeschriebenen Stellen, den geforderten Qualifikationen und zur betrieblichen Ausschreibungspraxis erhoben. Die Presseerhebungen reichen bis 1950 zurück, während die Stellenangebote im Internet ab 2001 aufgenommen worden sind. Seit 2008 werden zudem als Grundlage des neuen Stellenmarkt-Index quartalsweise Zählungen von Stellenausschreibungen durchgeführt (zu den Datengrundlagen siehe Kasten 1).

Der Adecco Swiss Job Market Index als volkswirtschaftliche Kenngrösse

Mit dem Adecco Swiss Job Market Index (ASJMI) stellt der Stellenmarkt-Monitor Schweiz seit Herbst 2008 eine neue volkswirtschaftliche Kenngrösse zur Verfügung, die auf Quartalsbasis über die Veränderungen im Umfang des Stellenangebots informiert. Die Indexentwicklung bildet die Zahl der von der Schweizer Wirtschaft (inkl. öffentlicher Sektor) in der Presse, auf Internet-Stellenportalen oder auf Unternehmenswebseiten ausgeschriebenen Stellen ab. Der Index beruht im Wesentlichen auf Inseratezählun-gen, die hochgerechnet und um mehrfach ausgeschriebene Stellen bereinigt werden. Die aktuellen Quartalswerte des Index werden jeweils Anfang Februar, Mai, August und November publiziert. Neben dem umfassenden Index für den Schweizer Stellenmarkt werden auch sprachregionale Indices und Teilindices für die drei erfassten Ausschreibungskanäle ausgewiesen. Eine verfeinerte regionale Untergliederung des ASJMI ist zurzeit in Vorbereitung.Anhand des ASJMI kann erstmals seit dem Aufkommen des Internets die Entwicklung des Stellenangebots der Schweizer Wirtschaft nachgezeichnet werden. Die bestehenden Indexreihen reichen bis ins Jahr 2003 zurück, wobei ab März 2008 Quartalswerte verfügbar sind. Die aktuelle Indexentwicklung belegt, dass das Stellenangebot seit einem halben Jahr stark rückläufig ist. Gegen Jahresende liegt es bereits 18% unterhalb des langjährigen Höchstwerts vom Juni 2008 (siehe Grafik 1). Die seit September erkennbare Trendwende hat sich somit sichtlich verstärkt, auch wenn der Rückgang teils auch auf saisonalen Ursachen beruhen dürfte.1 Nach einem fünfjährigen Aufschwung, der eine Verdreifachung des Stellenangebots mit sich gebracht hat, hinterlässt der weltweite Konjunkturrückgang somit erstmals deutliche Spuren im schweizerischen Stellenmarkt. Allerdings bewegt sich die Zahl der Stellen im langjährigen Vergleich nach wie vor auf hohem Niveau – von einem eigentlichen Einbruch kann vorläufig noch keine Rede sein. Die früheren Erfahrungen mit dem inzwischen eingestellten Manpower-Presseindex lassen indes vermuten, dass das Stellenangebot einen guten Frühindikator für die künftige Beschäftigungsentwicklung abgibt. So gesehen lässt das seit September 2008 rückläufige Stellenangebot für dieses Jahr eine deutlich rückläufige Beschäftigung erwarten.

Entwicklung der Teilindices

Der ASJMI setzt sich additiv aus drei Teil-Indices für die relevanten Ausschreibungskanäle zusammen. Wie deren Entwicklung zeigt, ist der Stellenmarkt im Internet von der jüngsten Konjunkturabkühlung weniger betroffen als die Presse-Inserate. Im letzten Halbjahr beträgt der Rückgang für die Presse 31%, für die Internet-Stellenportale 19% und für die Unternehmens-Webseiten lediglich 13%. Die seit langem zu beobachtende Verlagerung des Stellenmarktes ins Internet hält also weiterhin an. Zudem verzichten die Unternehmen eher auf kostspielige Presseinserate, wenn offene Stellen aufgrund der Arbeitsmarktentwicklung wieder leichter besetzt werden können. Die Unternehmenswebseiten sind als kostengünstigstes Medium vom jüngsten Konjunkturabschwung am wenigsten betroffen; diese haben sich in den letzten Jahren zum mit Abstand wichtigsten Kanal der Personalsuche entwickelt. Die Indexkonstruktion des ASJMI verteilt die zahlreichen Stellen, die mehrfach ausgeschrieben werden, gleichmässig auf die Teilindices der involvierten Kanäle. Diese Teilindices geben somit über das relative Gewicht der Kanäle für den gesamten Stellenmarkt Aufschluss. Sie erlauben aber keine Rückschlüsse hinsichtlich des Stellenvolumens, das in einem gegebenen Kanal erscheint. So haben die Unternehmen im Jahr 2008 immer noch die Hälfte aller ausgeschriebenen Stellen in der Presse inseriert, davon allerdings weniger als einen Drittel ausschliesslich in diesem Medium.

Langfristige Entwicklungstrends auf dem Stellenmarkt

Die Beobachtung des Stellenmarkts beschränkt sich – wie bereits erwähnt – nicht auf die quantitative Entwicklung des Stellenangebots, sondern ermöglicht auch Aussagen über die Art der ausgeschriebenen Stellen. Stellenausschreibungen enthalten detaillierte Angaben zu den Anforderungen an ideale Bewerber, beschreiben den Tätigkeitsbereich und die Ausgestaltung des Anstellungsverhältnisses und informieren über das personalsuchende Unternehmen. Diese Fülle von Angaben machen sie zu einer wertvollen Quelle für sozialwissenschaftliche Studien über die Entwicklung der Struktur der Stellenmarktnachfrage. Dies sei am – fast schon sozialhistorisch zu nennenden – Beispiel der Textilindustrie und anschliessend am aktuellen Beispiel des vieldiskutierten Fachkräftemangels illustriert.

Beispiel Textilindustrie

Der Anteil des Textilsektors (die Unternehmen der Textil-, Leder- und Bekleidungsindustrie) am Stellenmarkt hat über das letzte halbe Jahrhundert drastisch abgenommen (siehe Grafik 2). Parallel zum Rückgang im Stellenvolumen sind die Ausbildungsanforderungen für die verbliebenen Stellen stark gestiegen. Dies spiegelt auch die Veränderungen in der Berufsstruktur. Wurden in den 1950er-Jahren noch in erster Linie Schnei-der, Näherinnen, Stoffzuschneiderinnen und Textilarbeiter gesucht, sind es in den letzten Jahren vor allem Verkäufer, Innenarchitekten, Stoffkontrolleure, Textiltechniker oder Informatiker. Triebkräfte für diese langfristigen Trends sind einerseits die technologische Entwicklung und andererseits die Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland. Im Inland verbleiben in der Mehrheit qualifizierte Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung, Technik sowie Marketing und Verkauf.

Entwicklung des Fachkräftemangels

Von Fachkräftemangel wird gesprochen, wenn die betriebliche Nachfrage nach spezifischen beruflichen Qualifikationen das entsprechende Angebot deutlich übersteigt, was für die Unternehmen entsprechende Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung mit sich bringt. Da die Betriebe aufgrund der Rekrutierungsschwierigkeiten vermehrt Stelleninserate schalten, spiegelt sich ein Fachkräftemangel unmittelbar im Stellenmarkt. Eine kontinuierliche Stellenmarktbeobachtung kann so auch Aufschluss geben, inwieweit es sich bei einem auftretenden Fachkräftemangel um ein eher konjunkturelles oder eher strukturelles Phänomen handelt. Als Indikator bietet sich dabei das Verhältnis zwischen ausgeschriebenen Stellen und registrierten Arbeitslosen im jeweiligen Berufsfeld an: Besteht Fachkräftemangel, so werden zwar viele Stellen ausgeschrieben; es gibt aber kaum Arbeitslose, die deren fachliche Anforderungen erfüllen. Die Grafik 3 illustriert für vier ausgewählte Berufsgruppen, wie sich der Fachkräftemangel – gemessen an diesem Indikator – seit 2001 entwickelt.2 Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Fachkräftemangel in sämtlichen Berufsgruppen in hohem Masse von der Konjunkturlage abhängt: Die weitaus höchsten Indikatorwerte finden sich durchwegs in den beiden Hochkonjunkturjahren 2001 und 2008, während der Tiefpunkt in den Baissejahren 2003 und 2004 erreicht wird. In der Hochkonjunktur liegt die Zahl der ausgeschriebenen Stellen jeweils um ein Mehrfaches höher als die Zahl der Arbeitslosen; in der Baisse gilt erwartungsgemäss das Umgekehrte. Während die Bewegung der übrigen Berufe relativ eng der Arbeitsmarktkonjunktur folgt, fällt seitens der Gesundheitsberufe ein nach 2003 einsetzender und sich bis 2006 hinziehender Rückgang der Indikatorwerte ins Auge. Dies könnte darauf hinweisen, dass die Personenfreizügigkeit im Gesundheitsweisen vermehrt Wirkung entfaltet, was aufgrund des wegfallenden Inländervorrangs allerdings erst ab 2004 richtig spürbar wird.3 Losgelöst von kurzfristigen Schwankungen zeigt sich weiter, dass der Fachkräftemangel in der jüngsten Hochkonjunktur für drei der vier betrachteten Berufsgruppen spürbar weniger ausgeprägt war als in der vorherigen. Sieht man von den Ingenieurberufen ab, so hat sich das Verhältnis zwischen Stellenangebot und Arbeitslosenzahl gegenüber 2001 danach etwa halbiert. Sogar für die in diesem Zusammenhang wohl meistgenannten Ingenieurberufe ist der Fachkräftemangel im letzten Konjunkturhoch leicht schwächer ausgeprägt als noch im Jahr 2001. Gesamthaft lässt sich somit feststellen, dass zumindest in den betrachteten Berufsfeldern keine Anzeichen für eine vom Konjunkturzyklus losgelöste Verschärfung des Fachkräftemangels bestehen.

Dr. Stefan Sacchi

Projektleiter, Soziologisches Institut der Universität Zürich

Dr. des. Alexander Salvisberg

Soziologisches Institut der Universität Zürich

Prof. Dr. Marlis Buchmann

Projektleiterin, Soziologisches Institut der Universität Zürich

1 Die Messreihe ist vorläufig noch zu kurz, um diese abzuschätzen.

2 Bis 2005 fusst die Berechnung auf der Annahme, dass die Verteilung des Stellenangebots auf die Kanäle derjenigen von 2006/2007 entspricht.

3 Vgl. Stalder, P., Personenfreizügigkeit: Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und das Wirtschaftswachstum, in: Die Volkswirtschaft 11-2008, S. 7ff.

Datengrundlagen

Den Kern der SMM-Erhebungsreihen bilden jährliche Zufallsstichproben von Stellenausschreibungen, die im Volltext erfasst und für statistische Analysen aufbereitet werden. Hinzu kommen quartalsweise Inserateauszählungen als Basis des ASJMI. Die Erhebungen werden jeweils in bestimmten Stichwochen durchgeführt. Sie setzen sich aus je drei Teilerhebungen für die wichtigsten Ausschreibungskanäle zusammen:− Die Presseerhebung (seit 1950) berücksichtigt das Stellenangebot aus rund 90 Zeitungen und Anzeigern aus der ganzen Schweiz einschliesslich aller auflagestarken Titel. Kleine und mittlere Zeitungen sind durch eine Stichprobe vertreten. − Die Portalerhebung (seit 2006) deckt die 12 bei der betrieblichen Personalsuche meistgenutzten kommerziellen Internet-Stellenportale sowie das RAV-Portal ab.− Die Webseitenerhebung (seit 2001) erfasst sämtliche Internetseiten einer Zufallsstichprobe von rund 1200 Unternehmen aller Regionen, Branchen und Grössenklassen (inkl. öffentlicher Sektor). Parallel dazu werden die Firmen der Webseitenerhebung seit 2001 jährlich befragt, um Aufschluss über Änderungen der betrieblichen Ausschreibungspraxis sowie die Mehrfachnutzung von Ausschreibungskanälen zu gewinnen.

Kurzporträt Stellenmarkt-Monitor

Der Stellenmarkt-Monitor Schweiz ist aus einem Projekt im Rahmen des Schwerpunktprogramms «Zukunft Schweiz» des Schweizerischen Nationalfonds hervorgegangen, das sich mit der Entwicklung des Stellenangebots in der Deutschschweizer Presse seit 1950 befasst hat. Dieses retrospektiv angelegte Projekt ist ab 2001 nach und nach ausgebaut und in eine kontinuierlich angelegte Dauerbeobachtung des Stellenmarktes unter Einbezug des Internets überführt worden. Detaillierte Informationen zu Forschungsansatz, Ergebnissen und Publikationen finden sich unter: www.stellenmarktmonitor.uzh.ch.

Der Stellenmarkt-Monitor Schweiz hat zum Ziel, die Veränderungen in Umfang und Zusammensetzung des Stellenangebots wissenschaftlichen zu untersuchen. Als Datenbasis dienen Stellenausschreibungen in Presse und Internet.

Bild: Keystone

Professorin für Soziologie, Leiterin Stellenmarkt-Monitor Schweiz, Universität Zürich

Dr. phil., Senior Researcher, Transitions from Eduction to Employment (TREE), Soziologisches Institut der Universität Bern

Soziologisches Institut der Universität Zürich

Professorin für Soziologie, Leiterin Stellenmarkt-Monitor Schweiz, Universität Zürich

Dr. phil., Senior Researcher, Transitions from Eduction to Employment (TREE), Soziologisches Institut der Universität Bern

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