Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Bis heute gab es in der Schweiz keinerlei Informationen über die Ausgaben im Bereich der Weiterbildung, obwohl die Finanzierung der Weiterbildung ein politischer Dauerbrenner ist. Eine Hochrechnung – basierend auf dem Weiterbildungsmodul der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake), ergänzt um eine Erhebung bei Weiterbildungsanbietern – zeigt ein grosses Marktvolumen in der Höhe von rund 1% des Bruttoinlandproduktes (BIP) oder 5,3 Mrd. Franken. Rund die Hälfte dieses Volumens wird von den Nachfragenden selbst bezahlt; für den Rest kommen die Arbeitgeber oder staatliche Institutionen auf. Die Autoren danken dem Bundesamt für Statistik für den Gebrauch der Sake-Daten sowie dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie und der Eidgenössischen Steuerverwaltung für die finanzielle Unterstützung.

Zum ersten Mal geschätzt

Dass eine Erhebung zu den Weiterbildungsausgaben für die Schweiz bisher fehlt, hat vor allem damit zu tun, dass eine solche Erhebung – wie immer sie auch durchgeführt würde – mit erheblichen Schwierigkeiten und Lücken verbunden ist (siehe

Kasten 1
Weiterbildungsausgaben werden bislang in keiner Statistik der Schweiz erhoben. Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass eine solche Erhebung nicht nur schwierig wäre, sondern je nach Erhebungsmethode immer Lücken aufweisen würde. Eine Erhebung, die über die Anbieter laufen würde, ist nicht möglich, weil es kein Verzeichnis von Weiterbildungsanbietern gibt. Somit könnten zwar bei den erfassten Anbietern verlässliche Umsatzzahlen erhoben werden; aber über die Lücken – d.h. die quantitative Bedeutung der nicht erfassten Anbieter – könnte keine Aussage gemacht werden. Angesichts des auch bei den Anbietern sehr heterogenen Marktes wäre eine solche Erhebung als untauglich zu bezeichnen.Mit einer Erfassung bei den Weiterbildungsnachfragenden – sei es spezifisch zum Weiterbildungsverhalten ähnlich des hier gewählten Vorgehens oder über die Haushaltsausgaben – könnten zwar persönliche Ausgaben erfasst werden, nicht jedoch die Ausgaben, die durch die Arbeitgeber direkt bezahlt worden sind. Eine Erhebung bei den Arbeitgebern hätte das umgekehrte Problem. Beide Verfahren würden also mindestens die Hälfte der gesamten Weiterbildungsausgaben ausblenden.).  Die vorliegende Schätzung basiert auf dem Nachfrageverhalten, welches über das Weiterbildungsmodul der Sake 2006 erhoben wurde. Mit diesem repräsentativen Datensatz erhält man ein verlässliches Bild über Frequenz, Inhalte, Volumen (Weiterbildungsstunden) und Finanzierungsquellen der Weiterbildung der über 20-jährigen Wohnbevölkerung in der Schweiz während der 12 Monate vor dem Befragungstermin. Was allerdings fehlt, sind Kostenangaben: Es bleibt unbekannt, wie viel die Weiterbildung gekostet hat. Dieses in der Sake fehlende Element wurde durch eine eigene Erhebung ergänzt, welche bei rund 500 verschiedenen Weiterbildungsanbietern in der Schweiz Preisangaben zu fast 3000 verschiedenen Weiterbildungskursen sammelte. Die Schätzung der Weiterbildungsausgaben, welche auf Preisangaben der Anbieter fusst, kann eine Unterschätzung unbestimmten Ausmasses mit sich bringen. Dies ist dort der Fall, wo der Staat Weiterbildungsaktivitäten subventioniert, sodass die von den Anbietern verlangten Preise nicht kostendeckend sind. Mit diesen Preisangaben können Weiterbildungsausgaben für das Jahr 2007 abgeschätzt werden. Das Muster der Weiterbildung wurde aus dem Weiterbildungsmodul der Sake 2006 berechnet und anschliessend auf das Volumen des Jahres 2007 hochgerechnet. Diese Vorgehensweise empfiehlt sich, weil die Sake 2006 eine im Vergleich zum langfristigen Mittel nicht erklärbare Unterschätzung des Weiterbildungsvolumens zeigt. Die Hochrechnung zeigt ein Marktvolumen von rund 5,3 Mrd. Franken, was knapp 1% des BIP entspricht. Wenn als weitere Vergleichsgrösse die staatlichen Bildungsausgaben für das ganze Bildungswesen (vom Kindergarten bis zur Universität) herangezogen werden, entsprechen die Weiterbildungsausgaben fast einem Fünftel der bislang in der Bildungsfinanzierungsstatistik ausgewiesenen Beträge.

Die Schweiz lernt Sprachen

Fasst man die Weiterbildungsinhalte in Gruppen zusammen (siehe Grafik 1), stechen die Sprachkurse als drittgrösste Ausgabenkategorie nach den berufsbezogenen Kursen und Arbeitgeberkursen In der Kategorie «berufsbezogene Kurse» werden verschiedenste Weiterbildungsinhalte zusammengefasst, bei denen die grosse Mehrheit der Befragten angab, dass diese Kurse berufsbezogen waren, die Kurse aber nicht der Kategorie Sprachkurse oder IT-Kurse zugeordnet werden können. Entsprechend sind in der Rubrik «freizeitorientierte Kurse» all jene Kurse zusammengefasst, bei denen die Befragten angaben, dass diese Kurse nicht aus berufsbezogenen Gründen besucht wurden. Unter der Rubrik Arbeitgeberkurse wurden weitere Kursinhalte zusammengefasst, bei denen die Befragten mehrheitlich angaben, dass diese Kurse vollständig durch die Arbeitgeber bezahlt wurden. hervor. Rund 1 Mrd. Franken werden gemäss dieser Hochrechnung jährlich in das Erlernen von Sprachen investiert. Gerade die Sprachkurse zeigen die Heterogenität der Weiterbildungslandschaft und somit teilweise auch die Schwierigkeiten beim Erfassen der Ausgaben.  Viele der sich weiterbildenden Personen besuchen ihre Sprachkurse nicht bei den wenigen sehr grossen Anbietern, sondern bei selbstständig erwerbenden Sprachlehrerinnen und Sprachlehrern. Letztere wären über eine Anbieterstatistik schwer abzudecken. Ein weiterer wichtiger Teil der Kurse wird in Sprachschulen im Ausland absolviert. Dadurch kommt es zu einer potenziellen Überschätzung des gesamten Weiterbildungsmarktes in der Schweiz, wenn die Mittel ins Ausland fliessen. Wie hoch die Fehlschätzung ist, lässt sich nicht beziffern, zumal die gewählte Erhebungsmethode auch die Ausgaben von Ausländern nicht erfasst, die für eine Weiterbildung in die Schweiz kommen. Schliesslich kann bei Sprachkursen praktisch nie klar zwischen berufsbezogener und freizeitorientierter Weiterbildung unterschieden werden. Eine Sprache, die zur Zeit des Erlernens noch als reine Freizeitaktivität bezeichnet wurde, kann sich schon während dieser Zeit zur berufsbezogenen Tätigkeit wandeln, wenn sich beispielsweise ein Arbeitgeber findet, der diese Sprachkompetenz sucht. Diese praktische Unmöglichkeit der Einteilung in berufsbezogene und eher freizeitorientierte Tätigkeiten spielt nicht zuletzt für die steuerliche Behandlung von Weiterbildungsausgaben eine wichtige Rolle.

Wer bezahlt?

Eine Schätzung der Bedeutung der jeweiligen Finanzierungsquellen über die konsumierte Weiterbildung ergibt im Total, dass rund 50% aller Weiterbildungsausgaben in der Schweiz von den Nachfragenden selbst finanziert werden (siehe Grafik 2). Rund 10% der Ausgaben können mangels Angaben nicht einer eindeutigen Finanzierungsquelle zugeordnet werden. Der Einfachheit halber, und weil sich keine Alternative zum gewählten Vorgehen aufdrängt, wird bei der Bestimmung des Anteils der bekannten Finanzierungsquellen angenommen, dass die fehlenden Angaben keinen Einfluss auf diese Anteile haben. Es folgen die Arbeitgeber mit rund einem Drittel der Weiterbildungsausgaben. Bei den durch die Arbeitgeber gedeckten Weiterbildungsausgaben spielt es keine Rolle, ob es sich um Weiterbildungen inneroder ausserhalb des Betriebes handelt, da bei der Berechnung des Finanzierungsvolumens alle Weiterbildungsaktivitäten mit einem Preis bewertet wurden, den man auch einem externen Anbieter bezahlen müsste. Das wahre Mass der finanziellen Beteiligung der Arbeitgeber an den Weiterbildungsausgaben wird in dem Sinne unterschätzt, als diese nur Finanzierungsgutschriften an erwerbstätige Personen leisten. Betrachtet man nur die erwerbstätigen Personen, so steigt der Anteil der arbeitgeberfinanzierten Weiterbildung auf rund 50%. Weiter ist bei der Unterteilung in selbst- und arbeitgeberfinanzierte Weiterbildung auch der Faktor Zeit einzuschliessen, der bei einer rein monetären Betrachtung häufig unbeachtet bleibt. Viele Arbeitnehmende würden eine Beteiligung des Arbeitgebers an den Weiterbildungsaktivitäten in Form von Arbeitszeit gegenüber einer Rückerstattung der Kursgebühr vorziehen. Schliesst man die Kurszeit als weitere Finanzierungsform in die Analyse ein, ergibt sich, dass im Jahre 2006 lediglich 34% der Weiterbildungskurse von Erwerbstätigen keine Beteiligung der Arbeitgeber in Form von Arbeitszeit, Geld oder beidem kannten. Im Jahr 1996 lag dieser Anteil noch bei 40%.

Frauen zahlen häufiger selber

Betrachtet man die Finanzierungsmuster von erwerbstätigen Personen nach Geschlecht, wird ein hohes Mass an Ungleichbehandlung von Frauen und Männern deutlich. Erwerbstätige Frauen und Männer geben zwar ungefähr gleich viel Geld für Weiterbildung aus (je rund 1,8 Mrd. Franken); der Arbeitgeberanteil ist jedoch spiegelbildlich anders verteilt. Der selbstfinanzierte Anteil liegt bei den Frauen bei 60% (berechnet am Ausgabevolumen), während die Arbeitgeber bei den Männern über 60% finanzieren. Sucht man Erklärungen für diesen Unterschied, gibt es drei verschiedene Quellen: – Erstens arbeiten Frauen viel häufiger Teilzeit. Teilzeitarbeitende erhalten generell weniger arbeitgeberfinanzierte Weiterbildung. Berücksichtigt man nur die vollzeiterwerbstätigen Personen, liegt jedoch der Eigenfinanzierungsgrad bei den Frauen immer noch bei fast 60%, während bei den Männern 65% der Kosten von den Arbeitgebern übernommen werden.  – Zweitens verteilen sich die Mittel der Arbeitgeber höchst unterschiedlich auf die Mitarbeitenden in Abhängigkeit ihrer beruflichen Stellung (Hierarchie), der Dauer der Betriebszugehörigkeit, der Branche, der Ausbildung und anderen Merkmalen. Berücksichtigt man diese Merkmale als mögliche Erklärungen für den Unterschied, stellt man fest, dass rund 60% der geringeren Arbeitgeberfinanzierung bei Frauen dadurch nicht erklärt werden können.  – Bleibt als dritte Erklärung, dass Frauen beim Zugang zu Finanzmitteln der Arbeitgeber für Weiterbildung diskriminiert werden.

Eine Ausbildungs- und Einkommensfrage

Weniger gebildete Personen und Perso-nen mit tiefen Einkommen geben weniger für Weiterbildung aus. Diese Feststellung ist wenig überraschend, da sie mit dem Mus-ter der Weiterbildungsbeteiligung übereinstimmt. Geht man allerdings der Frage nach, ob sich die tieferen Ausgaben lediglich durch die tiefere Beteiligung begründen lassen, erkennt man, dass dies den Unterschied nur teilweise erklärt. Quantilsregressionen zeigen, dass bei den sehr hohen Ausbildungsausgaben (also nur unter den Personen, die sich überhaupt weiterbilden) Personen mit tertiärem Bildungsabschluss signifikant häufiger zu finden sind. Interessanterweise befinden sich unter den Spitzenausgebern in der Weiterbildung auch signifikant häufiger nicht erwerbstätige als erwerbstätige Personen. Zu den signifikant sparsameren Konsumenten gehören bei den sich weiterbildenden Personen hingegen vor allem Leute mit kleinen Kindern. Die verfügbare Zeit hat zwar einen Einfluss darauf, dass sich die eine Gruppe häufiger ausbildet als die andere; die Ausgabenunterschiede bei den Aktiven kann sie aber nicht vollständig erklären. Mit anderen Worten: Bei jungen Familien sind wohl eher anders gelagerte Finanzierungsprioritäten und -verpflichtungen dafür verantwortlich, dass selbst die weiterbildungsaktiven Familienväter und -mütter relativ wenig Geld für Weiterbildung ausgeben.

Auch Rentner bilden sich weiter

Nicht nur Nichterwerbstätige im erwerbsfähigen Alter sind für den Weiterbildungsmarkt eine lukrative Zielgruppe (Ausgaben von ca. 1 Mrd. Franken pro Jahr). Die nicht mehr im erwerbsfähigen Alter stehenden Personen – d.h. die Rentnerinnen und Rentner – geben zwar im Durchschnittsvergleich nur 18% der Ausgaben eines Durchschnittsschweizers für Weiterbildung aus (siehe Grafik 3); ihre Ausgaben summieren sich aber immer noch auf stolze 700 Mio. Franken jährlich. Gleichzeitig darf angenommen werden, dass diese Ausgaben aufgrund des demografischen Wandels weiter wachsen werden. Die Marktrelevanz der Pensionierten wird dann deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Rentnerinnen und Rentner rund das Vierfache des jährlichen Umsatzes der Migros-Klubschulen für Weiterbildung ausgeben.

Bildungs- und wirtschaftspolitische Bedeutung

Weiterbildungsstatistiken haben bislang Auskunft über die unterschiedlichen Beteiligungsmuster an Weiterbildung gegeben sowie die grosse Vielfalt der Inhalte und der Anbieter aufgezeigt. Die fehlenden Angaben über die Ausgaben haben es aber verunmöglicht, die bildungs- und wirtschaftspolitische Bedeutung der bekannten Tatsachen vollständig zu erfassen. Wenn sich derzeit Verwaltung und Gesetzgeber – nicht nur im Bildungsbereich, sondern beispielsweise auch bei den Steuerbehörden – sehr intensiv mit dem Thema Weiterbildung auseinandersetzen, muss man die bisherigen Diskussionen vor dem Hintergrund des Fehlens solcher Daten kritisch hinterfragen: Diese haben praktisch im luftleeren Raum stattgefunden. Staatliche Marktregulierungen oder Steuerabzugsmöglichkeiten in einem Milliardenmarkt sehen quantitativ und qualitativ in ihren Konsequenzen ganz anders aus als in einem überschaubaren Anbietermarkt mit wenigen Mio. Franken Umsatz. Investitionen in die Weiterbildungsstatistik würden sich deshalb schon alleine hinsichtlich der Effektivität und Effizienz staatlichen Handelns in der Weiterbildungspolitik lohnen.

Grafik 1 «Weiterbildungsausgaben nach Kursarten»

Grafik 2 «Finanzierungsquellen der Weiterbildung»

Grafik 3 «Weiterbildungsausgaben nach Altersstufen»

Kasten 1: Wie erheben?
Weiterbildungsausgaben werden bislang in keiner Statistik der Schweiz erhoben. Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass eine solche Erhebung nicht nur schwierig wäre, sondern je nach Erhebungsmethode immer Lücken aufweisen würde. Eine Erhebung, die über die Anbieter laufen würde, ist nicht möglich, weil es kein Verzeichnis von Weiterbildungsanbietern gibt. Somit könnten zwar bei den erfassten Anbietern verlässliche Umsatzzahlen erhoben werden; aber über die Lücken – d.h. die quantitative Bedeutung der nicht erfassten Anbieter – könnte keine Aussage gemacht werden. Angesichts des auch bei den Anbietern sehr heterogenen Marktes wäre eine solche Erhebung als untauglich zu bezeichnen.Mit einer Erfassung bei den Weiterbildungsnachfragenden – sei es spezifisch zum Weiterbildungsverhalten ähnlich des hier gewählten Vorgehens oder über die Haushaltsausgaben – könnten zwar persönliche Ausgaben erfasst werden, nicht jedoch die Ausgaben, die durch die Arbeitgeber direkt bezahlt worden sind. Eine Erhebung bei den Arbeitgebern hätte das umgekehrte Problem. Beide Verfahren würden also mindestens die Hälfte der gesamten Weiterbildungsausgaben ausblenden.

Forschungsassistentin an der Forschungsstelle für Bildungsökonomie der Universität Bern

Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF), Aarau; Professor für Bildungsökonomie, Universität Bern

Forschungsassistentin an der Forschungsstelle für Bildungsökonomie der Universität Bern

Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF), Aarau; Professor für Bildungsökonomie, Universität Bern