Die Volkswirtschaft

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Die Quartalserhebung des Schweizerischen Baumeisterverbandes (SBV) ist ein wichtiger und repräsentativer Indikator für den Gang der gesamten Bauwirtschaft. Das Baugewerbe stellt einen der sensiblen Sektoren unserer Volkswirtschaft dar, da es zwar verzögert, aber mit umso deutlicheren Ausschlägen auf das konjunkturelle Auf und Ab reagiert. Die Erhebung umfasst die fünf Subindikatoren Bautätigkeit, Auftragseingänge, Arbeitsvorräte, Bauvorhaben und Investitionen ins Baubetriebsinventar. In einer Gesamtschau ergeben diese ein realitätsnahes Bild der jeweiligen Baukonjunktur.

Im November 1970 fasste die Delegiertenversammlung des SBV den Beschluss, bei seinen Mitgliedern periodisch konjunkturstatistische Erhebungen durchzuführen mit dem Ziel, das gesamte Bauhauptgewerbe möglichst umfassend und mit vertretbarem Aufwand zu erfassen. Man entschied sich bewusst für ein so genanntes Vollerhebungsverfahren, da nur dieses den sowohl politisch als auch gesamtwirtschaftlich wichtigen Ausweis repräsentativer absoluter Werte ermöglicht. Entscheidend dafür ist jedoch eine hohe Teilnahmequote der befragten Firmen.

Simple Methodik – hohe Güte der Statistik

Die Firmen liefern ihre Angaben in nominellen Werten und für den jeweiligen Firmensitz. Diese Zahlen werden mit Hilfe der totalen Lohnsummen für die betreffenden Gebietseinheiten auf die gesamte Schweiz sowie die Sektionen und Kantone hochgerechnet. Die das gesamte Bauhauptgewerbe (Mitglied- und Nichtmitgliedfirmen) umfassenden Lohnsummen werden dem SBV von der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) in Luzern zur Verfügung gestellt und jährlich aktualisiert. Die Methode beruht auf der Annahme, dass die an der Erhebung teilnehmenden Firmen im Durchschnitt dieselbe Umsatzentwicklung aufweisen wie die übrigen (ceteris paribus). Diese Variante der Hochrechnung ist methodisch sehr einfach, bedingt aber einen grossen Aufwand bei den Vorbereitungen. Denn einerseits müssen die Daten über die teilnehmenden Mitgliedfirmen immer aktuell sein. Besondere Schwierigkeiten bereiten hier Mutationen in der Firmenstruktur (Fusionen, Konkurse, neue Tochterfirmen usw.), die jedes Quartal frisch aufbereitet werden müssen. Andererseits gilt es, für die Herkunftsgebiete über aktuelle Lohnsummen zu verfügen. Die SBV-Vollerhebung mit absoluten Werten hat entscheidende Vorteile gegenüber einer auf Stichproben basierenden Befragung. So erlaubt sie nicht nur den Ausweis absoluter Werte, sondern auch eine weitgehende spartenweise (siehe Grafik 1) und vor allem auch regionale Gliederung nach Kantonen und Sektionen. Zudem fallen psychologische Einflüsse sowie gefühlsmässige Antworten und Einschätzungen in den Antworten weg. Damit verfügt das Bauhauptgewerbe – dank der anhaltenden aktiven Unterstützung der SBV-Mitglieder – über eine selbst im internationalen Vergleich einzigartig differenzierte Konjunkturstatistik.

Plausibilisierung ein statistisches Muss

Einzelne Grossaufträge in kleinen Kantonen könnten dazu führen, dass die Umsatzentwicklung über die Hochrechnung überzeichnet wird. Um dies zu vermeiden, darf die Ceteris-paribus-Klausel in solchen Fällen nicht angewendet werden. Sondereinflüsse werden deshalb aus der Hochrechnung herausgenommen und tel quel hinzuaddiert. «Ausreisser» in den Angaben der Mitglieder werden zusätzlich durch persönliche Nachfrage überprüft. Gute Branchenkenntnisse sind deshalb unabdingbar, um Anomalien in den Firmenangaben zu bereinigen.

Hohe Repräsentativität

Dank der hohen Beteiligungsquote betrug der Hochrechnungsfaktor für die ganze Schweiz im letzten Jahr durchschnittlich rund 1,8. Diese Quote konnte durch die Einführung einer elektronischen Datenübergabe über einen gesicherten Bereich in den letzten Jahren erhöht werden. Konkret heisst dies, dass – gewichtet nach Lohnsummenanteilen – die Beteiligung aktuell bei über 55% des gesamten Bauhauptgewerbes der Schweiz liegt. Es nehmen regelmässig über 1000 Firmen an der Quartalserhebung des SBV teil. Somit erreicht die SBV-Statistik eine sehr hohe Repräsentativität, welche dem Vergleich mit öffentlichen Statistiken durchaus standhält. Durch die Nähe des SBV zu seinen Mitgliedern scheuen sich die Unternehmen auch nicht, strategisch wichtige Angaben (z.B. Quartalsumsätze) zu machen.

Fünf Subindikatoren – detailliertes Bild der Bauwirtschaft

Im Rahmen der Quartalserhebung werden die fünf Subindikatoren Bautätigkeit, Auftragseingänge, Arbeitsvorräte, Bauvorhaben und Investitionen in das Baubetriebsinventar erhoben. Bei der Interpretation der Quartalszahlen müssen diese fünf Grössen unbedingt gesamtheitlich betrachtet werden, da die alleinige Fokussierung auf einzelne Subindikatoren irreführend sein könnte. Obwohl sich einzelne Indikatoren – vornehmlich Bauvorhaben und Auftragsbestand – auch für Prognosen eignen würden, ist der SBV mit Prognosen relativ vorsichtig und lässt sich nur auf kurzfristige Aussagen ein. Er konzentriert sich auf die nominellen Grössen aus dem Vorquartal und kommentiert in erster Linie diese. Von einer Deflationierung wird bisher abgesehen. Es sind jedoch Abklärungen im Gange, ob sich eine Deflationierung mittels Baupreisindex des Bundesamtes für Statistik (BFS) eignen würde.

Branche mit starken saisonalen Effekten

Die Statistiken des SBV spiegeln seit ihren Anfängen in den 1970er-Jahren alle baurelevanten Entwicklungen. Tendenziell kann ein starker Rückgang der Bedeutung der Baubranche konstatiert werden. Erst in den letzten Jahren der Hochkonjunktur konnte der Trend zu weniger Baupersonal und tieferem Anteil an der Wertschöpfung gebrochen werden. Die Baubranche ist stark durch saisonale Effekte geprägt. Um diese Effekte teilweise zu glätten, wird ein Vergleich mit den Vorjahresquartalen gewählt. Eine reine empirische saisonale Glättung ist schwierig, da die saisonalen Effekte auch innerhalb der Quartale stark sein können (milder vs. hartnäckiger Winter). Die nominellen Umsätze im Schweizer Bauhauptgewerbe beliefen sich im 1. Quartal 2009 auf rund 3,1 Mrd. Franken, das sind rund 13,3% weniger als im 1. Quartal 2008 (siehe Grafik 2). Dieser deutliche Rückgang ist auf den hartnäckigen Winter zurückzuführen. Der Rückgang der Bautätigkeit betrifft den Hoch- und den Tiefbau in etwa gleich stark (-14,1% bzw. -12,2%). Dagegen ist der Auftragsbestand Ende März im Vergleich bedeutend höher (+13,2%), was für die nächsten Quartale auf hohe Investitionen sowohl im Hochwie im Tiefbau hindeutet. Die hohen Arbeitsvorräte und das Anlaufen der Konjunkturmassnahmen des Bundes dürften dem Tiefbau ein volumenstarkes Jahr 2009 verschaffen.

Weiter Geltungsbereich der Statistik

Inzwischen sind die SBV-Statistiken für verschiedene offizielle Ämter, zahlreiche Politiker, Investoren, Journalisten und andere an der bauwirtschaftlichen Entwicklung interessierte Kreise ein unverzichtbares Instrument zur Darstellung und objektiven Beurteilung der Lage der schweizerischen Bauwirtschaft geworden. Auch für die SBV-Publikation «Schweizerische Bauwirtschaft in Zahlen» bilden die verschiedenen Erhebungsergebnisse eine wichtige Grundlage für Langfristvergleiche. Im «Bauwirtschaftsspiegel», einer Publikation von bauenschweiz, werden die Ergebnisse zusätzlich mit der vorgelagerten Planung und dem zeitlich nachfolgenden Ausbaugewerbe sowie den Zulieferindustrien in Beziehung gebracht. Nicht zuletzt leisten die Daten auch den Mitgliedfirmen bei ihrer betriebswirtschaftlichen Unternehmensanalyse wertvolle Hilfe. Anhand des Umfrageberichts können die Unternehmen ihre eigene Performance mit jener ihres Absatzmarktes vergleichen.

Grafik 1 «Umsatzanteile der Sparten im Bauhauptgewerbe, 1986-2008»

Grafik 2 «Umsätze (Bautätigkeit) und Auftragseingänge im Bauhauptgewerbe (Januar-März), 1996-2009»

Kasten 1: Der Schweizerische Baumeisterverband
Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) besteht seit 1897. Er ist die gesamtschweizerische Berufs-, Wirtschafts- und Arbeitgeberorganisation der Unternehmungen des Hoch- und Tiefbaus sowie verwandter Zweige des Bauhauptgewerbes. Der SBV ist als Verein organisiert und hat seinen Sitz in Zürich. Die rund 2700 Mitglieder des SBV machen ca. 80% des Marktvolumens und 60% aller Betriebe des schweizerischen Bauhauptgewerbes aus. Die Umsätze im Bauhauptgewerbe beliefen sich im Jahre 2008 auf fast 18 Mrd. Franken.

Kasten 2: Volkswirtschaftliche Bedeutung der Baubranche
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Baubranche insgesamt (Bauhaupt- und -nebengewerbe) wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unterschätzt. Obwohl seit dem Höhepunkt in den 1970er-Jahren ein Rückgang zu verzeichnen ist, werden mit rund 23,2 Mrd. Franken für das Jahr 2008 immerhin noch fast 5% der realen gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung im Baugewerbe erwirtschaftet. Noch höher fällt der Anteil bei den Erwerbstätigen aus. Dieser lag gemäss der letzten Betriebszählung (2005) des BFS bei ca. 8%. Im Jahr 2005 zählte das Baugewerbe 299000 Beschäftigte, was 30% der im sekundären Sektor Beschäftigten entsprach. Das Baugewerbe ist einer der bedeutendsten Arbeitgeber der Schweizer Wirtschaft (4. Rang) und sogar der wichtigste im sekundären Sektor. Eine Besonderheit des Baugewerbes ist, dass eine ganze Reihe von Wirtschaftssektoren direkt von der Baubranche abhängen. Zu diesen gehören die Immobilienwirtschaft, der Projektierungssektor oder auch die Zulieferer von Baustoffen und der Handel mit Baumaschinen.

Kasten 3: Quellen
– BAK Basel Economics (2007): Hochbauprognose 2007-2013.- Körber, Alexis und Philippe Kaufmann (2007): Die Schweizer Bauwirtschaft – zyklische Branche mit strukturellen Problemen, in: Die Volkswirtschaft 11-2007, S. 36-40.- Bundesamt für Statistik (2007): Bau- und Leerwohnungsstatistik der Schweiz, Neuenburg.- Bundesamt für Statistik (2007): Die Betriebszählung 2005: Branchenporträt Baugewerbe, Neuenburg.- Schweizer Baumeisterverband (2009): Zahlen und Fakten 2008, Zürich.- Staatssekretariat für Wirtschaft SECO (2008): Die Lage auf dem Arbeitsmarkt September 2008.

Leiter Wirtschaftspolitik, Politik + Kommunikation, Schweizerischer Baumeisterverband (SBV), Zürich

Leiter Wirtschaftspolitik, Politik + Kommunikation, Schweizerischer Baumeisterverband (SBV), Zürich