Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Exportplattformen sind Industrienetzwerke, an welchen sich kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit ähnlichen Interessen beteiligen können. Mit dem Aufbau solcher Plattformen sollen exportorientierte Unternehmen rasch gestärkt werden, indem das Angebot an Beratungs- und Informationsdienstleistungen für die Erschliessung und Bearbeitung von Absatzmärkten ausgebaut wird. Zudem sollen Unternehmen in innovativen Branchen für die Zeit nach der Krise möglichst vorteilhaft auf internationalen Märkten positioniert werden. Die Exportförderagentur Osec setzt Plattformen in den Bereichen Cleantech, Medizinaltechnik sowie Architektur und Design um.

Blickt man auf die Jahre 2008 und 2009 zurück, zeigt sich deutlich, dass der Export die Achillesferse der konjunkturellen Entwicklung der Schweiz darstellte. Der massive Einbruch der Nachfrage auf den Weltmärkten löste im 4. Quartal 2008 einen Rückgang der Schweizer Waren- und Dienstleistungsexporte um fast 10% aus. Noch nie seit Beginn der Quartalsreihe 1980 war ein so starker Einbruch der Exporte zu verzeichnen (vgl. Grafik 1). Empfindliche und teilweise existenzbedrohende Bestellrückgänge prägten auch 2009 das Bild in zahlreichen Branchen. Insbesondere die Maschinen-, Textil-, Metall- und Kunststoffindustrie hatten sich mit historisch einmaligen Umsatzeinbrüchen auseinanderzusetzen. Angesichts der Wichtigkeit des Exportsektors für die nationale Wohlfahrt – jeder zweite Franken wird im Ausland verdient – war dies eine folgenreiche Entwicklung. Aufgrund der sich deutlich abzeichnenden konjunkturellen Verschlechterungen entschied der Bundesrat im Herbst 2008, mit fiskalischen Massnahmen konjunkturstabilisierend einzugreifen. Wegen der grossen Unsicherheit über die Tiefe und die Dauer des Abschwungs wurde ein stufenweises Vorgehen gewählt. Insgesamt wurden drei Konjunkturpakete geschnürt. Das letzte wurde vom Parlament in der Herbstsession 2009 verabschiedet. Alle drei Pakete enthielten auch Massnahmen zur Exportförderung.

Rasche Reaktion auf die Krise in der Exportwirtschaft

Osec Business Network Switzerland ist als privatrechtlicher Verein vom Bund mit der Exportförderung betraut. Die Organisation wurde aufgrund der Krise mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Während die «exotischen» Märkte aufstrebender Volkswirtschaften vorher eine hohe Attraktivität besassen, richtete sich der Fokus vieler Schweizer KMU in der Krise wieder verstärkt auf die umliegenden Märkte. Dank ihrer Plattformstrategie, welche auf dem Einbezug von privaten Beratern und Experten beruht, konnte Osec ihr Angebot rasch an die geänderten Bedürfnisse anpassen. Zusätzliche Mittel aus dem ersten Stabilisierungspaket – je 5 Mio. Franken für die Jahre 2009 und 2010 – ermöglichten den Ausbau von Informationsveranstaltungen und Länderberatungen für Schweizer KMU. Gleichzeitig begann Osec damit, besonders stark von der Krise betroffene Branchen gezielt über neue Absatzmärkte zu informieren. Nachdem beim zweiten Stabilisierungspaket im Bereich der Exportwirtschaft eine Erweiterung des Angebots der Exportkreditversicherung (Serv) beschlossen worden war, stand im Rahmen des dritten Pakets das Konzept der Exportplattformen im Vordergrund. Neben der unmittelbar anzustrebenden, konjunkturstabilisierenden Wirkung geht es dabei auch darum, Schweizer KMU längerfristig auf Auslandmärkten erfolgreich zu positionieren. Die Vorarbeiten liefen nach dem positiven Parlamentsentscheid vom Herbst 2009 umgehend an. Mit der Freigabe der Budgetmittel konnte das Vorhaben am 1. Januar 2010 formell lanciert werden.

Gemeinsames Dach für Exporte von Schweizer KMU

Zahlreiche KMU verfügen über ein Wachstumspotenzial im Exportgeschäft, sehen sich aber mit erheblichen internen und externen Hürden konfrontiert. Als Teilnehmer an einer Exportplattform sollen Schweizer KMU von umfassenden Synergien profitieren und dank einer gemeinsamen Dachmarke einen starken Auftritt im Ausland erhalten. Exportplattformen enthalten einen eigenen Brand und werden entsprechend vermarktet. Das Ziel besteht darin, innovativen Schweizer KMU den Zugang zu neuen Exportmärkten zu erleichtern und Exporte in bestehende Absatzmärkte zu steigern. Die Exportplattformen setzen beim Umstand an, dass Erfolge im Exportgeschäft Wissen über das Potenzial fremder Märkte und deren regionale und lokale Besonderheiten voraussetzen. Ebenso wichtig sind aber auch Kenntnisse über die Kundenbedürfnisse und über politische beziehungsweise reglementarische Vorgaben in den Exportmärkten (z.B. in Zoll-, Steuer- und Finanzfragen). Oft müssen Produkte, die für den europäischen Markt entwickelt wurden, anders verpackt oder angepasst werden, weil sie beispielsweise robuster sein müssen. Zudem benötigen Schweizer Unternehmen Kontakte und Geschäftspartner vor Ort. Gerade KMU verfügen jedoch häufig nicht über die finanziellen und personellen Ressourcen, Fremdsprachenkenntnisse und Netzwerke, um tragfähige Exportlösungen zu entwickeln. Der Aufwand für Internationalisierung, Markterschliessung und Bewerbung der Produkte übersteigt vielfach ihre Möglichkeiten. Wie eine kürzlich realisierte Umfrage des Branchenverbandes Medical Cluster ergab, favorisieren dessen Mitglieder Unterstützungsmassnahmen von branchennahen Organisationen, die mit den Besonderheiten der Medizintechnikindustrie bestens vertraut sind. Neben Angeboten, die spezifisch auf Herstellerfirmen oder Zulieferunternehmen zugeschnitten sind, wurde allgemein die Möglichkeit eines verstärkten Austausches mit Firmen und Spezialisten gewünscht, welche im Export mit denselben Herausforderungen konfrontiert sind oder bereits über spezifische Erfahrungen in interessanten Märkten verfügen. Für eine solche Vernetzung sind Exportplattformen prädestiniert.

Synergiegewinne und zusätzliche Marktchancen

Sofern die Bereitschaft vorhanden ist, eigene Erfahrungen und Kontakte mit Unternehmen zu teilen, welche auf dem Heimmarkt direkte Konkurrenten sein können, kann die Vernetzung im Exportbereich Transaktionskosten senken. Exportplattformen informieren ihre Teilnehmer über Trends, Chancen und Geschäftsmöglichkeiten in Zielmärkten. Die Teilnehmer erhalten leichter Zugang zu Marktstudien und massgeschneiderten Beratungsdienstleistungen. Weiter besteht die Möglichkeit, sich bei Ausschreibungen zu Syndikaten zusammenzuschliessen. Messeteilnahmen, Fachtagungen, Publikationen, Delegationsreisen und Matchmaking-Missionen sind weitere mögliche Plattformaktivitäten. Besonders hervorzuheben ist, dass ein gemeinsamer Auftritt von innovativen Firmen im Ausland leichter eine «kritische Masse» ergibt, um sich auf dem entsprechenden Markt erfolgreich zu positionieren und als Gruppe von Qualitätsattributen zu profitieren, welche die potenziellen Kunden mit der Schweiz assoziieren. Im Rahmen der zukünftigen Exportplattformen sollen deshalb bewusst Markennamen wie «Cleantech Switzerland» oder «Medtech Switzerland» aufgebaut werden, mit welchen sich die Schweizer KMU assoziieren und so im Ausland eine grössere Visibilität erlangen können. Nicht zuletzt lassen sich Effizienz- und Synergieeffekte bei Osec erzielen, wenn gleichartige Firmen bezüglich derselben Märkte im Pool beraten und gefördert werden.

Eigenes Engagement der Industrie

Insgesamt hat das Parlament für die Schaffung von Exportplattformen einen Betrag von bis zu 25 Mio. Franken gesprochen. Damit verbunden ist die Vorgabe, dass die ausgewählten Branchen beziehungsweise die künftigen Betreiber der Plattformen diese dann später selbständig weiterführen. Die Auswahl der Branchen erfolgt(e) hinsichtlich verschiedener Faktoren: Grundsätzlich in Frage kommen Branchen, die über ein steigerungsfähiges Exportpotenzial und die kritische Grösse verfügen sowie bisher wenig organisiert sind. Seitens der Unternehmen muss ein klares Interesse an Internationalisierung, eine Bereitschaft zum Informationsaustausch und zur Zusammenarbeit sowie der Bedarf an Unterstützung ersichtlich sein. Zudem braucht es einen nachfrageseitigen Bedarf: Der Aufbau einer Exportplattform ist nur dann sinnvoll, wenn in ausgewählten Zielländern für die entsprechenden Produkte ein deutliches Nachfragepotenzial besteht. Besonders interessant sind dabei Zielländer, in welchen beispielsweise neue rechtliche Regelungen grössere Investitionen in bestimmten Bereichen – etwa im Umweltbereich – erwarten lassen. Da die Exportplattformen nur in der Anfangsphase staatlich unterstützt werden sollen, müssen die Nutzniesser zudem über das Potenzial zu einer tragfähigen Partnerschaft verfügen und sich zu einem Engagement im Rahmen eines eigenständigen Weiterbetriebs der Plattformen bekennen.

Drei Bereiche mit grossem Potenzial

Konkret ist vorgesehen, dass die Mittel aus dem dritten Stabilisierungspaket für den Aufbau von Plattformen in den Bereichen Cleantech, Medizinaltechnik sowie Architektur und Design (inklusive Engineering) verwendet werden. Als Cleantech bezeichnet man Verfahren, Güter und Dienstleistungen, die zum Ziel haben, die Umweltbelastung zu reduzieren und eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen zu ermöglichen. Cleantech-Branchen winkt ein grosses Potenzial: Gemäss einer vom Eidg. Volkswirtschaftsdepartement (EVD) in Auftrag gegebenen Studie wird das weltweite Marktvolumen für Cleantech-Anwendungen im Jahr 2020 auf 3352 Mrd. Franken geschätzt; das sind 5,5%–6% der gesamten wirtschaftlichen Tätigkeit weltweit.
Ernst Basler + Partner AG und Nowak Energie & Technologie, Cleantech Schweiz – Studie zur Situation von Cleantech-Unternehmen in der Schweiz, Oktober 2009. Heute liegt dieser Anteil bei 3,2%. Während die höchste Marktdynamik den Segmenten erneuerbare Energien und Materialeffizienz zugeschrieben wird, liegt bei der Energieeffizienz das grösste weltweite Marktvolumen. Als international führender Innovationsstandort hat die Schweiz gute Chancen, vermehrt Cleantech-Produkte und -Dienstleistungen auf dem internationalen Markt abzusetzen. Die entsprechende Exportplattform soll einen Beitrag dazu leisten und dabei auch das Image der Schweiz als umweltfreundliches, naturverbundenes Land nutzen. Heute hängt die Tätigkeit von schätzungsweise 160 000 Beschäftigten (4,5%) in unserem Land mit dem Cleantech-Bereich zusammen, welche einen Anteil von rund 3,5% am Bruttosozialprodukt erwirtschaften. Mit 38% sind bereits überdurchschnittlich viele Schweizer Cleantech-Unternehmen im Export tätig; davon exportieren jedoch 62% nur nach Europa. Die Schweizer Medizinaltechnik-Branche verzeichnete in den letzten Jahren Wachstumsraten, die klar über dem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum der Schweiz lagen. Neben bekannten und etablierten Grossunternehmen sind zahlreiche kleine, sehr innovative, aber noch wenig bekannte Unternehmen in diesem Bereich tätig. Gemäss den Angaben des Medical Cluster umfasst die Schweizer Medizinaltechnik-Industrie rund 250 Unternehmen, welche eigene Produkte herstellen respektive für die Inverkehrbringung verantwortlich zeichnen. Die Zahl der Zulieferbetriebe wird auf weitere 500 Unternehmen geschätzt. Aktuell beschäftigt diese Branche in der Schweiz rund 45 000 Personen. Obwohl dies nur rund 1,2% der erwerbstätigen Bevölkerung entspricht, trägt die Branche rund 2,3% zum BIP bei. Die Unternehmenslandschaft im Architektur- und Designbereich ist sehr heterogen und zumeist wenig organisiert; sie besteht zu grossen Teilen aus Kleinst- und Kleinunternehmen. Daneben sind jedoch auch grosse Industriefirmen – zumindest mit gewissen Produkten – in diesem Sektor aktiv. Insgesamt verfügen 95% aller Unternehmen im Architekturbereich über weniger als 10 Angestellte. Es wird geschätzt, dass in diesem Bereich rund 36 000 Beschäftigte und ca. 11 000 Unternehmen tätig sind. Die Exporteinnahmen tragen heute durchschnittlich erst zu rund 20% zum Unternehmensumsatz bei, wobei grosses Potenzial ungenutzt bleibt. In allen drei Bereichen hat die Osec in Zusammenarbeit mit den künftigen Plattformbetreibern Geschäftsmodelle und Businesspläne ausgearbeitet und ist daran, die notwendigen schlanken Strukturen aufzubauen. Um möglichst rasch auch konjunkturwirksam zu sein, werden bereits Spezialprojekte umgesetzt. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt Masdar City, das insbesondere Unternehmen aus dem Cleantech- und Bausektor anspricht. Das Projekt hilft diesen Unternehmen, sich am Aufbau der abfall- und CO2-neutralen Stadt in Abu Dhabi zu beteiligen. Im Bereich der Medizinaltechnik laufen bereits Vorbereitungen für die Teilnahme an wichtigen internationalen Fachmessen.

Staatliche Förderung gemeinwirtschaftlicher Güter

Die Exportplattformen werden durch die Osec aufgebaut, aber nicht von ihr selbst betrieben. Geführt werden die Exportplattformen im Sinne von Vereinen. Mitglieder des Vereins können Branchenverbände, Handelskammern und bei einzelnen Plattformen auch Firmen werden. Ein Vorstand steht der Plattformgeschäftsstelle vor. Diese wird in der Regel einer Firma oder einer Organisation übertragen, die bereits gut in der entsprechenden Branche vernetzt ist und über die nötigen Kompetenzen verfügt.Eine besondere Herausforderung besteht darin, die staatliche Intervention so zu gestalten, dass sie im Sinne einer Initialzündung einen Projektstart ermöglicht, ohne dass sich die öffentliche Hand längerfristig engagiert. Die Exportplattformen sollen deshalb im Sinne einer Public-Private-Partnership-Vereinbarung umgesetzt werden. Der Bund hat Osec den Auftrag für die Projektumsetzung übertragen. In Zusammenarbeit mit den relevanten Bundesstellen koordiniert und leitet diese den Aufbau und gewährt organisatorische und marketingmässige Unterstützung. Da die öffentliche Unterstützung im Sinne einer Anschubfinanzierung zeitlich begrenzt ist, müssen die Plattformen finanziell selbsttragend werden. Damit kommt den Anreizen für eine rasche Verantwortungsübernahme durch die interessierten Branchen beziehungsweise Vereinigungen ein grosses Gewicht zu. Wie auch in der regulären Exportförderung will der Bund private Unternehmen unterstützen, ohne sich selber unternehmerisch zu betätigen. Grundsätzlich sind die Aktivitäten des Bundes deshalb darauf ausgerichtet sicherzustellen, dass gemeinwirtschaftliche Güter, die vom Markt nicht oder nicht im gewünschten Ausmass erbracht werden, zur Verfügung stehen. Mit der (weitgehenden) Beschränkung der Fördertätigkeit auf gemeinwirtschaftliche Aspekte soll die durch den staatlichen Eingriff entstehende Wettbewerbsverzerrung minimiert werden. Im Bezug auf die Exportplattformen bedeutet dies, dass einzelbetrieblich ausgerichtete Unterstützungsleistungen den Firmen deshalb grundsätzlich in Rechnung gestellt werden. Die entsprechend generierten Einnahmen sollen – neben Sponsoringeinnahmen – die längerfristige Weiterführung von Plattformaktivitäten sicherstellen. Nebst dem Gebot, private Anbieter nicht durch staatliches Handeln zu konkurrenzieren, sollen bei der Unterstützung insbesondere bestehende Strukturen und Synergien mit ähnlichen Aktivitäten genutzt werden. Die Koordination mit den verschiedenen Stakeholdern stellt deshalb ein zentrales Element dar.

Fazit

Die wichtigsten Grundlagen für die Stärke Schweizerischer KMU auf den Auslandsmärkten sind konjunkturresistent: Ihre Erfolge beruhen im Wesentlichen auf Kreativität, Dynamik, Innovation und Leistungsstärke. Mit diesem Rüstzeug können sie im internationalen Wettbewerb bestehen und bei offenen Weltmärkten ihre − nach wie vor verhältnismässig gute − Ausgangslage erfolgreich nutzen.Mit den Exportplattformen wird nun ein Instrument geschaffen, welches KMU in zweifacher Weise zusätzlich helfen soll. Erstens: Unternehmen können unmittelbar von erleichtertem Zugang zu ausländischen Märkten profitieren, indem Aktivitäten vorgezogen werden und – wie beim Projekt Masdar City – parallel zum Aufbau der Plattformen laufen. Zweitens: In einer mittel- und längerfristigen Perspektive soll die Plattformbildung den betreffenden Branchen international zu einer besseren Sichtbarkeit verhelfen und damit zusätzliche Exporterlöse generieren.

Grafik 1: «Schweiz: Warenexporte real, 1999–2009»

Leiter Ressort Exportförderung/Standort­promotion, Staats­sekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Ressort Exportförderung/Standortpromotion, Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

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