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Die Globalisierung verändert das Angebot und die Nachfrage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Zum einen erhöht sie die Konkurrenz zwischen den Arbeitnehmenden. Das führt zu steigendem Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen und macht flankierende Massnahmen notwendig. Zum anderen beschleunigt die Globalisierung den Strukturwandel, was zu einer steigenden Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitnehmenden mit höherem Qualifikationsniveau führt. Damit das vorhandene Arbeitsangebot dieser Entwicklung folgen kann, brauchen wir in der Schweiz ein Weiterbildungsobligatorium. Die Globalisierung macht also eine Stärkung der Arbeitnehmenden nötig.

Bei den Auswirkungen der Globalisierung auf den Schweizer Arbeitsmarkt spielt der freie Personenverkehr mit der EU die Hauptrolle.

Personenfreizügigkeit im Stresstest

Die Einwanderung ausländischer Erwerbstätiger in der Schweiz ist von 2004 bis 2008 stark gestiegen. Im Krisenjahr 2009 war die Zuwanderung zwar rückläufig, aber sie blieb trotz steigender Arbeitslosigkeit auf einem relativ hohen Niveau. Zudem zeigen alle bisherigen Berichte zur Umsetzung der flankierenden Massnahmen (Flam-Berichte), dass der Druck auf die Löhne in der Schweiz zugenommen hat. Diese beiden Tatsachen können leicht zum Eindruck führen, dass die Personenfreizügigkeit die Arbeitslosigkeit erhöht und die Löhne senkt. Ohne Gegenmassnahmen wird dadurch die Akzeptanz der Personenfreizügigkeit bei den Arbeitnehmenden sinken und gleichzeitig die Attraktivität eines gesetzlichen Mindestlohnes bei breiten Bevölkerungsschichten steigen.Bei ungefähr 25% der Kontrollen von paritätischen Kommissionen in GAV-Branchen werden Verstösse gegen bindende Mindestlöhne festgestellt. Dies widerspiegelt den Druck auf die Löhne, der durch die Personenfreizügigkeit ausgelöst wurde. Dieser Druck wird weiter bestätigt durch die neueste Lohnstrukturerhebung, die in verschiedenen Branchen sinkende Löhne bei neu eingestellten Immigranten feststellt. Für Travail.Suisse, den unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, ist klar, dass die Löhne in der Schweiz nicht auf breiter Front ins Rutschen geraten dürfen. Damit dies nicht geschieht, müssen die bestehenden flankierenden Massnahmen zum Schutz gegen Lohn- und Sozialdumping in allen Kantonen konsequent und lückenlos umgesetzt werden. Alle bisherigen Untersuchungen bestätigen zudem, dass verbindliche Mindestlöhne ein wichtiges Element sind im Kampf gegen Lohn- und Sozialdumping. Für Travail.Suisse ist das ein klarer Hinweis darauf, dass für weitere Branchen in allgemeinverbindlichen Gesamt- oder Normalarbeitsverträgen festgelegte Mindestlöhne nötig sind. Im Weiteren zeigt die anhaltende Einwanderung bei steigender Arbeitslosigkeit, dass die flankierenden Massnahmen ergänzt werden müssen. Heute stehen keine Instrumente bereit, um auf diese Entwicklung zu reagieren. Damit eine steigende Sockelarbeitslosigkeit verhindert werden kann, braucht es neue Anreize für die Arbeitgeber, bereits ansässige Arbeitnehmende anzustellen, anstatt neue Arbeitnehmende aus dem Ausland zu importieren. Die ansässigen Arbeitnehmenden müssen also gestärkt werden, wenn die Personenfreizügigkeit nicht in Verruf geraten soll, Arbeitslosigkeit zu produzieren.

Weiterbildungsobligatorium tut not

Eine weitere Herausforderung für den Schweizer Arbeitsmarkt besteht darin, dass die Globalisierung den Strukturwandel beschleunigt und zu einer immer höheren Nachfrage der Unternehmen nach besser qualifizierten Arbeitnehmenden führt. Dadurch hat sich in den letzten Jahren bereits die Zusammensetzung der Zuwanderung stark verändert; der Anteil der hoch qualifizierten Zuwanderer ist massiv gestiegen. Damit auch die bereits ansässigen Arbeitnehmenden – seien es Schweizer oder früher Zugewanderte – dieser Entwicklung folgen können, braucht es neue Anstrengungen auch in der Schweiz. Travail.Suisse fordert dazu unter anderem ein Weiterbildungsobligatorium für alle Arbeitnehmenden. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt die Logik dieser Forderung: Durch die Industrialisierung sind im 19 Jahrhundert die Anforderungen an die Arbeitnehmenden in einer Weise gestiegen, dass für alle Kinder in der Schweiz die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Heute reichen die Grundschule und auch ein Berufsabschluss nicht mehr aus, um ein ganzes Erwerbsleben zu bestehen. Die Globalisierung des 21. Jahrhunderts macht es notwendig, dass in der Schweiz ein Weiterbildungsobligatorium für alle Arbeitnehmenden eingeführt wird. Nur mit einer Weiterbildungsoffensive können die Arbeitnehmenden die Herausforderung der Globalisierung auf dem Schweizer Arbeitsmarkt bewältigen und mit ihrer Arbeit den Wohlstand in der Schweiz auch in Zukunft sicherstellen.

Dr. phil., Leiter Politik und Public Affairs, Caritas Schweiz, Luzern

Dr. phil., Leiter Politik und Public Affairs, Caritas Schweiz, Luzern