Die Volkswirtschaft

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Der Tourismus ist für die Schweizer Volkswirtschaft von grosser Bedeutung. Die Einnahmen beliefen sich gemäss Satellitenkonto Tourismus im Jahr 2008 auf 36 Mrd. Franken. Mit Exporteinnahmen von gut 15,6 Mrd. Franken (2008) ist der Tourismus für die Schweiz der viertwichtigste Exportsektor. Insbesondere für die alpinen Regionen ist er ein Leitsektor mit strategischer Bedeutung. Im Bericht «Wachstumsstrategie für den Tourismusstandort Schweiz» wird die aktuelle Situation des Schweizer Tourismus dargestellt. Die Stärken werden gegen die Schwächen abgewogen und daraus Herausforderungen abgeleitet. Nachfolgend werden die wichtigsten Aussagen zur Lageanalyse des Schweizer Tourismus zusammengefasst.

Entwicklung des Schweizer Tourismus

Zwischen 1950 und 1970 entwickelte sich der Wintertourismus rasch zum lukrativen Geschäft; die Schweizer Alpen wurden damals flächendeckend erschlossen. Die Hotelübernachtungen verdoppelten sich von 15 auf rund 35 Millionen. Dieser Aufschwung wurde vor allem durch die ausländischen Gäste getragen. Seit den frühen 1970er-Jahre stagnieren mengenmässig die Hotelübernachtungen und seit dem Beginn der 1980er-Jahre die Übernachtungen in der vermieteten Parahotellerie. Eine überdurchschnittliche Entwicklung verzeichneten hingegen in den letzten 15 Jahren der Städtetourismus sowie grosse alpine Destinationen, die international ausgerichtet sind (vgl. Kasten 1

Angebotsseitige Definition: Eine Destination ist eine Konzentration mehrerer touristischer Branchen an einem Ort bzw. in einem Raum. Sie kann auch als eine touristische Agglomeration bezeichnet werden, in der touristische Einzelleistungen in Form von Wertschöpfungssystemen zu Aufenthalts-, Reise- und Ferienerlebnissen verschmelzen. Touristische Agglomerationen können auf unterschiedlichen geografischen Massstabsebenen definiert werden. Sowohl ein Ort, eine Region als auch ein Land können eine touristische Agglomeration bzw. eine Destination darstellen. Die angebotsseitige Definition des Destinationsbegriffs legt den Fokus auf die touristischen Unternehmen und Branchen sowie deren Interaktion. Neben der angebotsseitigen Definition existiert auch eine nachfrageseitige Definition des Destinationsbegriffs, welcher insbesondere für das Tourismusmarketing wichtig ist.Nachfrageseitige Definition: Eine Destination wird nachfrageseitig definiert als geografischer Raum, den der jeweilige Gast als Reiseziel auswählt. Sie enthält sämtliche für den Aufenthalt notwendigen Einrichtungen für Beherbergung, Verpflegung und Unterhaltung. Der durch den Nachfrager wahrgenommene Raum stellt ein Leistungsbündel dar, nicht notwendigerweise einen Ort. Die Destination kann für den Gast entsprechend seiner Wahrnehmung ein Ort, eine Region oder ein Land sein.

). Insgesamt entwickelte sich die schweizerische Hotellerie zwischen 2000 und 2008 leicht schwächer als jene unserer Nachbarländer (vgl. Grafik 1).

Schweizer Tourismus mit grossem Potenzial

Die Globalisierung hat den Tourismus stark verändert: 1950 gehörte die Schweiz zu den fünf grössten Tourismusländern. Heute belegt die Schweiz den Rang 27. Der Tourismus ist weltweit mit jährlichen Wachstumsraten von 4% bis 5% einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftssektoren. Gemäss Prognosen der Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) wird der grenzüberschreitende Tourismus in den nächsten 10 Jahren um durchschnittlich rund 4% pro Jahr zunehmen. Das touristische Potenzial der Schweiz ist gemäss der Beurteilung durch das WEF sehr gross.
The Travel & Tourism Competitiveness Report 2009, World Economic Forum. Der Schweizer Tourismus verfügt über viele Stärken. So bietet die Schweiz viele natürliche Vorteile für den Tourismus, wozu insbesondere die attraktive Landschaft zählt. Das touristische Angebot ist vielseitig und attraktiv; das Wissen und Können im Tourismus ist ausgewiesen und auf hohem Niveau.Der Schweizer Tourismus weist aber auch ernst zu nehmende Schwächen auf. Dazu gehören zersplitterte Destinations- und kleingewerbliche Betriebs- und Branchenstrukturen. Zudem hat der Schweizer Tourismus mit Kostennachteilen und einer geringen Arbeitsproduktivität zu kämpfen.

Herausforderungen des Tourismuslandes Schweiz

Ausgehend von den vorhandenen Stärken und Schwächen werden im Folgenden wichtige Herausforderungen für den Schweizer Tourismus abgeleitet. Bedeutende Treiber der zukünftigen Entwicklung sind die Globalisierung, die Veränderung im Nachfrageverhalten, die technologische Entwicklung sowie der Klimawandel. Die vielfältigen Veränderungen, die innerhalb des Tourismus stattgefunden haben, aber auch die veränderten Rahmenbedingungen erschweren das Herausschälen der zentralen Herausforderungen; diese werden auf folgende fünf Herausforderungen reduziert.

Fortschreitende Globalisierung

Angebot und Nachfrage werden in Zukunft weltweit deutlich zunehmen. Die wichtigste Ursache der Globalisierung sind die sinkenden Distanzkosten. Darunter versteht man Transportkosten, Handelshindernisse, aber auch Zeitfaktoren und Ähnliches. Sinkende Distanzkosten verbilligen Waren und Dienstleistungen, erleichtern den Austausch von Ideen und erhöhen die Mobilität der Touristen. Insgesamt wird sich dadurch der Wettbewerbs- und Konkurrenzdruck auf die Schweizer Tourismuswirtschaft erhöhen. Gleichzeitig bietet die Globalisierung aber auch Chancen zur Erschliessung und Bearbeitung neuer Märkte.

Veränderungen im Nachfrageverhalten

Europa- und weltweit verändert sich die Alterspyramide. Im Jahr 2050 wird auf der Erde jeder fünfte Mensch 60 Jahre oder älter sein. Somit werden in Zukunft mehr ältere Menschen reisen. Aufgrund der wachsenden Reiseerfahrung steigen die Ansprüche. Der Trend zur Individualisierung der Gesellschaft macht vor dem Tourismus nicht halt. Insgesamt werden die Gäste anspruchsvoller. Sie werden höhere Erwartungen an die Qualität der touristischen Angebote haben, was einen dauernden Anpassungsdruck auf die Tourismusunternehmen auslöst.

Technologischer Fortschritt

Der technologische Wandel hat den Tourismus in den vergangenen 50 Jahren vor allem über die zunehmende Motorisierung und die Weiterentwicklung der Flugtechnik stark beeinflusst. Diese Dynamik wird weiter auf den Tourismus einwirken. Im Individualverkehr wartet man auf die Verbreitung umweltfreundlicher Technologien, welche die heutigen Unterschiede zwischen dem öffentlichen und privaten Verkehr nivellieren könnten. Im Flugverkehr vollzieht sich ein weiterer Schritt in Richtung Grossraumflugzeuge. Eine weitere Senkung der Distanzkosten ist trotz steigender Energiepreise wahrscheinlich. Hierfür spricht die zunehmende Ressourceneffizienz (vgl. Kasten 2

Ressourceneffizienz: Ressourceneffizienz besagt, dass mit dem geringstmöglichen Input an Ressourcen (Kapital, Arbeit, Boden, Umwelt, Wissen) ein gegebener Output erreicht oder mit den gegebenen Ressourcen der bestmögliche Output angestrebt werden soll.Öffentliche Güter: Öffentliche Güter werden gemeinsam genutzt. Der Konsum ist nicht rivalisierend und der Ausschluss vom Konsum ist unmöglich oder sehr aufwändig. Das Tourismusimage der Schweiz ist ein Beispiel für ein öffentliches Gut.

).Grössere technische Veränderungen werden in der Distribution erwartet. Die Tourismuswirtschaft wird die neuen technischen Möglichkeiten im Bereich des Mobile Computing und der Informationsvisualisierung systematisch nutzen. Die Online-Vermarktung senkt die Markteintritts- und Marktaustrittsbarrieren und intensiviert den Wettbewerb. Auf Basis massgeschneiderter Ferien (Dynamic Packaging) können die Gäste die gesamte Reise zusammenstellen und zu tagesaktuellen Preisen buchen. Diese Entwicklungen erhöhen den Innovationsdruck im Schweizer Tourismus.

Klimawandel und Umweltgefährdung

Der Klimawandel ist für den Schweizer Tourismus eine schleichende Herausforderung und wird die Destinationen dauerhaft verändern. Dabei wird es Gewinner und Verlierer geben. Während die Mittelmeerregionen in den Sommermonaten vermehrt Hitzewellen erleben werden, leiden tief gelegene Alpenregionen zunehmend unter verminderter Schneesicherheit. Die steigende Schneesicherheitsgrenze ist die im Alpenraum am häufigsten im Zusammenhang mit dem Tourismus diskutierte Konsequenz einer Klimaveränderung. Die Schweizer Tourismuswirtschaft muss sich anpassen und ihr Angebot diversifizieren. Das heisst der Diversifikationsdruck wird zunehmen.Aber auch der Nachhaltigkeitsdruck wird steigen: Zu den Herausforderungen gehören die Erhaltung der Landschaftsqualität und eine geordnete Siedlungsentwicklung in touristischen Gebieten, insbesondere beim Bau von Zweitwohnungen. Tourismus- und Raumentwicklung sind so aufeinander abzustimmen, dass die Ressourceneffizienz des Tourismus steigt.

Strukturelle Defizite

Die Destinationsstrukturen in der Schweiz sind historisch gewachsen und entsprechen nur teilweise den Anforderungen der globalisierten Märkte. Auf Destinationsebene besteht die Herausforderung primär darin, marktwirtschaftliche Prozesse und öffentliche Strukturen in Übereinstimmung zu bringen. Die Destination ist in vielen Belangen ein öffentliches Gut (vgl. Kasten 2

Ressourceneffizienz: Ressourceneffizienz besagt, dass mit dem geringstmöglichen Input an Ressourcen (Kapital, Arbeit, Boden, Umwelt, Wissen) ein gegebener Output erreicht oder mit den gegebenen Ressourcen der bestmögliche Output angestrebt werden soll.Öffentliche Güter: Öffentliche Güter werden gemeinsam genutzt. Der Konsum ist nicht rivalisierend und der Ausschluss vom Konsum ist unmöglich oder sehr aufwändig. Das Tourismusimage der Schweiz ist ein Beispiel für ein öffentliches Gut.

), namentlich deren Marke, welche durch das Destinationsmarketing aufgebaut wird. Die wichtigen Fragen im Destinationsmanagement sind die richtige Aufgabenteilung, die Finanzierung sowie die Gestaltung einer für die Besucher attraktiven Atmosphäre. – Aufgabenteilung: Trotz grossen Bemühungen sind die historisch gewachsenen Destinationsstrukturen in der Schweiz nach wie vor zu fragmentiert, zu vielschichtig und zu kompliziert. Die zahlreichen öffentlichen und gemischtwirtschaftlichen Tourismusorganisationen sollten zu Organisationen angemessener Grösse zusammengefasst werden. – Finanzierung: Zur Finanzierung des Destinationsmanagements und insbesondere des Tourismusmarketings existieren heute im Schweizer Tourismus verschiedene Modelle und Ansätze. Neben Kurtaxen und Tourismusförderungsabgaben werden insbesondere auch allgemeine Steuermittel eingesetzt. Die Finanzierungssysteme sind häufig schwerfällig und im Vollzug mit einem hohen administrativen Aufwand verbunden.– Gesamtatmosphäre: Viele der historisch gewachsenen Schweizer Destinationen weisen grosse atmosphärische Defizite wegen Mängel in der Erlebnisinszenierung auf. Handlungsbedarf besteht bezüglich der Dichte an Attraktionen, der Gestaltung der Szenerie oder der Besucherlenkung. – Einzelbetriebliches Angebot: Auch auf einzelbetrieblicher Ebene ist das Angebot zu fragmentiert. Die Beherbergungswirtschaft hat vor allem zwei Strukturprobleme: Zum einen ist der Anteil der kleinen Betriebe noch immer sehr hoch. Zum andern belastet das partielle Überangebot an Zweitwohnungen die Beherbergungsstruktur. Je intensiver und professioneller die Gästebetten bewirtschaftet werden, desto besser werden auch die übrigen touristischen Kapazitäten ausgelastet. In vielen Schweizer Regionen ist der Zweitwohnungsanteil ausgesprochen hoch: Er macht vielerorts mehr als 50% des Gesamtwohnungsbestandes aus. In den Regionen Wallis, Tessin und in den Waadtländer Alpen ist nur rund jedes zehnte Gästebett ein Hotelbett.

Fazit

Im Schweizer Tourismus müssen Produktivität und Rentabilität erhöht werden. Im internationalen Wettbewerb führen die vorhandenen strukturellen Defizite zu einem andauernden Wandlungsdruck. Das Potenzial, das im Schweizer Tourismus steckt, muss noch besser genutzt werden. Basis für eine erfolgreiche Entwicklung des Schweizer Tourismus ist die neue Wachstumsstrategie.

Grafik 1: «Entwicklung der Anzahl Hotelübernachtungen in der Schweiz und den umliegenden Ländern, 2000–2008»

Grafik 2: «Wichtigste Herausforderung für den Schweizer Tourismus»

Kasten 1: Was ist eine Destination?

Angebotsseitige Definition: Eine Destination ist eine Konzentration mehrerer touristischer Branchen an einem Ort bzw. in einem Raum. Sie kann auch als eine touristische Agglomeration bezeichnet werden, in der touristische Einzelleistungen in Form von Wertschöpfungssystemen zu Aufenthalts-, Reise- und Ferienerlebnissen verschmelzen. Touristische Agglomerationen können auf unterschiedlichen geografischen Massstabsebenen definiert werden. Sowohl ein Ort, eine Region als auch ein Land können eine touristische Agglomeration bzw. eine Destination darstellen. Die angebotsseitige Definition des Destinationsbegriffs legt den Fokus auf die touristischen Unternehmen und Branchen sowie deren Interaktion. Neben der angebotsseitigen Definition existiert auch eine nachfrageseitige Definition des Destinationsbegriffs, welcher insbesondere für das Tourismusmarketing wichtig ist.Nachfrageseitige Definition: Eine Destination wird nachfrageseitig definiert als geografischer Raum, den der jeweilige Gast als Reiseziel auswählt. Sie enthält sämtliche für den Aufenthalt notwendigen Einrichtungen für Beherbergung, Verpflegung und Unterhaltung. Der durch den Nachfrager wahrgenommene Raum stellt ein Leistungsbündel dar, nicht notwendigerweise einen Ort. Die Destination kann für den Gast entsprechend seiner Wahrnehmung ein Ort, eine Region oder ein Land sein.

Kasten 2: Weitere Definitionen

Ressourceneffizienz: Ressourceneffizienz besagt, dass mit dem geringstmöglichen Input an Ressourcen (Kapital, Arbeit, Boden, Umwelt, Wissen) ein gegebener Output erreicht oder mit den gegebenen Ressourcen der bestmögliche Output angestrebt werden soll.Öffentliche Güter: Öffentliche Güter werden gemeinsam genutzt. Der Konsum ist nicht rivalisierend und der Ausschluss vom Konsum ist unmöglich oder sehr aufwändig. Das Tourismusimage der Schweiz ist ein Beispiel für ein öffentliches Gut.

Section d'état-major Analyse de la réglementation, Secrétariat d'État à l'économie SECO, Berne

Stv. Leiter Ressort Tourismus, Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Section d'état-major Analyse de la réglementation, Secrétariat d'État à l'économie SECO, Berne

Stv. Leiter Ressort Tourismus, Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern