Die Volkswirtschaft

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Der nachfolgende Artikel diskutiert in einem historischen Kontext grundsätzliche Fragen rund um die Globalisierung. Es zeigt sich, dass überregionale Wirtschaftsbeziehungen schon lange vor dem Zeitalter der Globalisierung bestanden haben, aber auch, dass ein Rückzug auf nationale Wirtschaften dramatische Folgen haben kann. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 hat die Gewichtsverschiebungen in der Weltwirtschaft hin zu den Schwellen- und Entwicklungsländern beschleunigt. Die grosse Herausforderung für die traditionellen Industrieländer besteht darin, trotz drohendem Verlust an Einfluss und Wohlstand am Kurs der wirtschaftlichen Öffnung festzuhalten.

Globalisierung ist zum Alltagsbegriff geworden und aus der öffentlichen Debatte nicht mehr wegzudenken. Der Begriff ist vielschichtig, ambivalent und politisch umstritten. Dennoch lassen sich damit Gegenwartsprobleme erklären oder zumindest umschreiben. Allerdings besteht keine Einigkeit darüber, was darunter zu verstehen ist. Wir halten uns an den Begriff von Dieter
Dieter Heribert (2003): Chancen und Risiken für Entwicklungsländer. In: Informationen zur politischen Bildung, Nr. 280, S. 34–38., der Globalisierung als einen Prozess der ausserordentlichen Zunahme von Interaktionen in einer transnationalen Dimension bezeichnet. Darunter versteht er die Zunahme von Volumen und Frequenzen des Austausches von Menschen, Gütern, Kapital und Ideen über die Grenzen von Nationalstaaten hinweg. Diese zunehmende weltweite Verflechtung umfasst alle Bereiche wie etwa Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt und Kommunikation; sie erfolgt zudem auf allen Ebenen (Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten). Als wesentliche Ursachen der Globalisierung gelten der technische Fortschritt – insbesondere in den Kommunikations- und Transporttechniken – sowie die politischen Entscheidungen zur Liberalisierung des Welthandels. Die Internationalisierung gilt als Vorstufe zur Globalisierung. Globalisierung ist eine weitergehende und komplexere Form der Internationalisierung im Sinne einer gesteigerten Verflechtung in allen Bereichen.

Vorgeschichte der Globalisierung

Die Anfänge der Internationalisierung in Form eines überregionalen wirtschaftlichen Austausches liegen weit vor Christi Geburt zurück.
Für eine Übersicht siehe: Michael Kutschker und Stefan Schmid (2008): Internationalisierung der Wirtschaft als historisches Phänomen. In: Internationales Management, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München. Die Assyrer, Ägypter, Griechen und Römer sind bekannt für Handelsaktivitäten.
Auch medizinisches Wissen breitete sich entlang der Handelsrouten aus. In der Antike beeinflussten sich indische, persische und griechische Medizin gegenseitig. Die Einführung von Gold, Silber und Münzen ermöglichte das «Ware-gegen-Geld-Geschäft» und löste den Tauschhandel ab. Nach dem Zerfall des Römischen Reichs schwächten sich die Handelsgeschäfte deutlich ab. In Europa kam es erst ab dem 12. Jahrhundert wieder zu einer Belebung des überregionalen Handels, was unter anderem zur Entstehung der Hanse führte. Gesamteuropäische Handelstätigkeiten gingen im 16. Jahrhundert etwa von den Fuggern aus, die mit Tuch, Kupfer oder Juwelen handelten. Sie waren auch im Bergbau in verschiedenen europäischen Ländern aktiv. Dabei handelte es sich um eine frühe Form ausländischer Direktinvestitionen. Bekannt sind auch die Medici in Italien, wo Bankendynastien den Aufschwung des Handels begleiteten. Spätestens mit den Entdeckungsreisen ab dem 15. Jahrhundert und der Kolonialzeit institutionalisierte sich der internationale Handel mit den sogenannten Überseegesellschaften, wie der zu Beginn des 17. Jahrhundert gegründeten British East-India Company.

Die erste Globalisierung

Die Globalisierung im Sinne von relativ hohen Kapitalbewegungen, starker Migration und relativ hohem Aussenhandel ist bereits in den 1870er-Jahren vorhanden.
Siehe Paul J. J. Welfens (2008) Grundlagen der Wirtschaftspolitik, Institutionen – Makroökonomik – Politikkonzepte. Springer-Verlag, Berlin und Heidelberg. 1860 war im Cobden-Chevalier-Vertrag der Handel zwischen England und Frankreich liberalisiert worden, worauf andere Länder dem Freihandel folgten. Grossbritannien war um 1900 die global führende Wirtschaftsmacht mit einem international führenden Bankenzentrum und einer Zentralbank. In den 1870er-Jahren traten mit Deutschland und den USA zwei wichtige Länder dem Goldstandard bei. Die Länder des Goldstandards banden die Ausgabe der Währung an vorhandene Goldbestände, wobei bilaterale Zahlungsbilanzungleichgewichte – z.B. Land A führt wertmässig mehr Waren aus als es importiert – durch Goldzahlungen des Defizit- an das Überschussland zu kompensieren waren. Die Goldbindung machte Inflationspolitik fast unmöglich, was zu einem grossen Vertrauen der Kapitalanleger in alle Goldstandard-Länder beitrug. Grosse internationale Kapitalbewegungen kurzfristiger und langfristiger Art wurden dadurch begünstigt. Direktinvestitionen erfolgten Ende des 19. Jahrhunderts bis 1914 − im Gegensatz zu heute − zu über der Hälfte im Rohstoffsektor. Geschätzte 30% aller weltweiten Direktinvestitionen wurden im Dienstleistungsbereich getätigt, hingegen nur etwa 15% im Produktionsbereich.
Zahlen zu Direktinvestitionen aus Kutschker und Schmid. Der weltweite Handel nahm trotz der Tendenz zu vermehrten Direktinvestitionen keineswegs ab. Zwischen 1870 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird von einer durchschnittlichen Zunahme des Welthandelsvolumens von 3,5% pro Jahr ausgegangen. Insbesondere die Aussicht auf ein besseres Leben in der Neuen Welt führte − neben weiteren Faktoren − dazu, dass in den rund 50 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg fast 60 Mio. Europäer emigrierten. Für die Zeit zwischen etwa 1850 und 1914 hat sich die Bezeichnung «erste Globalisierung» eingebürgert. Allerdings gab es selbst im späten 19. Jahrhundert Widerstände und Gegentendenzen zur Globalisierung. Ein solches Beispiel ist der Agrarprotektionismus des Wilhelminischen Kaiserreiches.

Globalisierungskrise nach 1914

Der Erste Weltkrieg unterbrach eine lange Expansionsphase der Weltwirtschaft. Der Goldstandard brach zusammen, da die europäischen Länder zu einer inflationären Kriegsfinanzierung übergingen. Die stabilitätsfördernde Bindung der Geldemission an die Goldbestände wurde aufgegeben. Die Zwischenkriegszeit war dann von Protektionismus und Abwertungswettläufen geprägt. So fiel die Exportquote Grossbritanniens deutlich. Erst in den 1970er-Jahren wurden in vielen europäischen Ländern wieder ähnlich hohe Exportquoten wie in der frühen Globalisierung erreicht. Auf den Ersten Weltkrieg folgte ein kurzer Nachkriegsboom, die Weltwirtschaftskrise von 1921/22 und ein neuer Aufschwung, der bis 1929 anhielt. Für die ungewöhnliche Schärfe und Dauer der Weltwirtschaftskrise von 1929–1939 spielte unter anderem der Zusammenbruch des Welthandels eine wichtige Rolle. Bei den ersten Anzeichen eines Konjunkturumschwungs versuchten viele Regierungen, Produktion und Beschäftigung durch eine aktive Aussenwirtschaftspolitik mit Importrestriktionen und Exportförderung zu stabilisieren. Eine allgemeine Tendenz zu Zollerhöhungen und kompetitiven Währungsabwertungen war die Folge. Protektionismus in Verbindung mit konjunkturellen Faktoren führten zum Zusammenbruch des Welthandels. Ein weiterer Faktor war die Schuldenkrise. In den 1920er-Jahren waren die amerikanischen Kapitalexporte zu einem Stabilitätsanker des internationalen Währungssystems geworden, ähnlich wie die britischen Kapitalexporte des 19. Jahrhunderts. Umfangreiche Kapitalimporte aus den USA ermöglichten es dem Deutschen Reich, Reparationen zu zahlen. Die Reparationsgläubiger finanzierten mit diesen Transfereinnahmen ihre eigenen Kriegsschulden gegenüber den USA. Steigende Zinsen in den USA, die durch den Börsenboom bedingt waren, und der Börsenkrach von 1929 brachten die amerikanischen Kapitalexporte völlig zum Erliegen. Die Folgen waren eine allgemeine Schuldenkrise, Bankenkrisen, Zahlungsbilanzkrisen und ein Rückgang des Aussenhandels. Die Auflösung des internationalen Wirtschaftssystems brachte einen Zerfall des internationalen politischen Systems mit sich. Dies förderte nationalistische Bewegungen, Autarkiebestrebungen und Aggression. Trotz allen Krisen und Rückschlägen konnten aber auch in der Zwischenkriegszeit weltweite Integrationsprozesse beobachtet werden: von der Entstehung einer globalen Medienindustrie bis hin zu den Versuchen, mit Hilfe des Völkerbundes eine multipolare Weltordnung zu erreichen, die auf friedlicher Kooperation und wirtschaftlichem Austausch beruhte. Welfens kommt zum Schluss, dass es eine klare Lehre aus den internationalen Wirtschaftsbeziehungen der Zeit von 1860–2000 gibt: nämlich die Einsicht, dass die Zwischenkriegszeit mit ihrer Mischung aus Protektionismus, Abwertungswettläufen und Nationalismus – und dem Fehlen global aktiver internationaler Organisationen – zu Not und Elend geführt sowie am Ende zum Zweiten Weltkrieg beigetragen haben.

Globalisierung und Globalisierungskrise heute

Die zeitliche Dimension der ersten Globalisierungskrise war ganz anders als heute. Wenn wir heute von einer Globalisierungskrise sprechen, so meinen wir keine kompakte langandauernde Krise, sondern eine Sequenz von ineinander übergreifenden wirtschaftlichen Krisen und Destabilisierungen in verschiedenen Regionen der Welt, mit wechselnder Intensität und mit wechselnden Schauplätzen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 hat bis jetzt geografisch die grösste Ausbreitung erreicht und die Gewichtsverschiebungen in der Weltwirtschaft beschleunigt. Einerseits haben Schwellen- und einige Entwicklungsländer weiterhin hohe Wachstumsraten und hohe Devisenreserven. Andererseits sind die Industriestaaten zwar immer noch die grössten Geldgeber − z.B. beim Internationalen Währungsfonds (IWF) oder bei der Weltbank. Aber in vielen Industriestaaten schrumpft die Wirtschaftsleistung, und die Devisenreserven sind – verglichen mit China, Brasilien oder Indien – klein. Das ist auch auf Wachstumsraten zurückzuführen, die schon vor der Krise tief waren. Die Haushaltslage in verschiedenen Industriestaaten ist zudem ungleich schlechter als in den aufstrebenden Schwellenländern. Dank des Wachstums in Schwellen- und Entwicklungsländern kann dort die Armut reduziert werden. Industrieländer müssen in Zukunft mit einem Bedeutungs- und Wohlstandsverlust rechnen, was nicht zuletzt in protektionistische Abwehrreaktionen münden könnte. Unzählige Herausforderungen harren einer Lösung, die für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft und das Wohlergehen gerade auch in Industrieländern zentral sind: Die Problematik des Nebeneinanders von flexiblen und festen Wechselkursen in einer offenen Weltwirtschaft, die sich abzeichnende Wachstumsschwäche in den USA, Probleme im Euro-Verbund, Haushaltsprobleme, die starke Alterung und damit verbunden die ungewisse Finanzierung der Sozialwerke, reformbedürftige Gesundheitswesen, um nur einige zu nennen. Der Fall Japan zeigt, dass die Politik des billigen Geldes (Deficit Spending) auch über 20 Jahre hinweg das Land nicht aus dem Wachstumstief herausheben konnte. Nur mit tief greifenden Strukturreformen können die Industriestaaten den drohenden Bedeutungs- und Wohlstandsverlust abwenden.

Was wäre ohne die Globalisierung?

Das Ausmass der Globalisierung ist viel grösser als je zuvor. Nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation oder Essgewohnheiten sind betroffen. Das muss aber nicht heissen, dass das Globale das Lokale verdrängt. Eine Studie zur Popmusik zeigt, dass der internationale Musikhandel – insbesondere amerikanische Titel – weder die lokale Musikproduktion noch den Konsum lokaler Musik verdrängt haben. Kleinere Länder wie z.B. Schweden profitieren im Gegenteil überproportional vom Musikhandel.
Fernando Ferreira und Joel Waldfogel (2010): Pop Internationalism: Has A Half a Century of World Music Trade Displaced Local Culture? NBER Working Papers 15964, Mai. Schulmedizinische Konzepte werden je nach Land höchst unterschiedlich aufgefasst und so den lokalen Gegebenheiten angepasst. Die chinesische Gesundheitspolitik, die sich einer Integration von traditioneller chinesischer Medizin und westlicher Schulmedizin verschreibt, oder die veränderte Strategie der Weltgesundheitsorganisation zur Nutzung indigener Medizin sprechen gegen eine globale medizinische Einheitskultur.
Robert Frank (2004): Globalisierung «alternativer» Medizin. Homöopathie und Ayurveda in Deutschland und Indien. Transcript Verlag, 307 Seiten. Die Rolle der Informationstechnologie sticht in der derzeitigen Globalisierungswelle besonders hervor (Internet, Handy, Abwickeln verschiedenster Dienstleistungen auf elektronischem Weg etc.). Globalisierung ist allerdings nicht irreversibel. Vielmehr ist sie eine Wahl der einzelnen Länder. Es gibt Beispiele von Ländern, die sich bewusst abschotten (z.B. Myanmar). Die Folgen für die Bevölkerung bleiben nicht aus: Autarke Volkswirtschaften sind oft auch Mangelwirtschaften, tiefe Einkommen beschränken die Reisetätigkeit, der Zugang zu globalen Medien wie dem Internet wird oft ebenfalls eingeschränkt. Veraltete Technologien oder Umweltverschmutzung können die Volksgesundheit beeinträchtigen. Das heisst aber nicht, dass Länder, die der Globalisierung offen gegenüberstehen, auch erfolgreich sind, und die Bevölkerung bis in die Peripherie hin von der Globalisierung profitiert. Es gibt verschiedene Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit die Globalisierung gelingt. Der Artikel von Abdulai und Dithmer in dieser Ausgabe geht auf die Rahmenbedingungen einer erfolgreichen Globalisierung ein. Auch Hauser
Heinz Hauser (2010): Aussenhandel: Unabhängigkeit als Marktvorteil. In: Souveränität im Härtetest, Avenir Suisse. weist darauf hin, dass die Globalisierung und die damit verbundene Mobilität von Unternehmensfunktionen, Kapital und qualifiziertem Personal die Bedeutung einer guten nationalen Wirtschaftspolitik für die zukünftige Entwicklung erhöht und nicht reduziert. Machen die Nationalstaaten ihre Hausaufgaben, gewinnen sie mit der Globalisierung noch an Bedeutung. Wichtig dabei ist das Abstellen auf den Wettbewerb um mobile Faktoren. Können Industriestaaten ihre Hausaufgaben nicht lösen, droht der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Das wäre wohl nicht das Ende der Globalisierung in diesen Ländern. Ein Abgleiten in eine Situation wie in der grossen Depression − mit einem ökonomischen und politischen Kollaps − ist fast nicht vorstellbar. Die Welthandelsorganisation (WTO) trägt dazu bei, dass sich der Protektionismus nicht flächendeckend ausbreitet. Die Europäische Gemeinschaft wurde mit dem Vertrag von Maastricht zur Europäischen Union ausgebaut, die sich laufend erweitert. Freihandelsabkommen – wie das North American Free Trade Agreement (Nafta), die Europäische Freihandelszone (Efta) – sowie die Vereinten Nationen tragen dazu bei, dass das wirtschaftliche und politische internationale «Gerüst» robuster geworden ist. In diesem Sinne droht vor allem ein Verlust an Wohlstand, wenn die Industrieländer die oben angetönten Probleme nicht bewältigen können. Ein grundsätzlicher Verlust bisheriger Errungenschaften ist wenig wahrscheinlich, sofern die Länder weiterhin der Öffnung verpflichtet bleiben. Eine Welt ohne Kaffee oder Kakao zum Frühstück, ohne die in Fernost gefertigten Computer, Handys und Textilien, ohne Exportmöglichkeiten für unsere Uhren oder pharmazeutischen Produkte, ohne internationale Bank- und Transportdienstleistungen, ohne ausländisches Personal in unseren Spitälern ist nicht vorstellbar – oder?

Dr. sc. tech., Leiterin Bereich Nachhaltige Wirkung, Zentrum für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit (CCRS) an der Universität Zürich

Dr. sc. tech., Leiterin Bereich Nachhaltige Wirkung, Zentrum für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit (CCRS) an der Universität Zürich