Die Volkswirtschaft

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Die Entwicklung der Unternehmenskonzentration dokumentiert als einer von vielen Indikatoren den Strukturwandel der Schweizer Wirtschaft in der vergangenen Dekade. Insgesamt hat die Unternehmenskonzentration zwischen 1998 und 2008 leicht abgenommen, und die Unterschiede zwischen den Branchen sind kleiner geworden. Liberalisierungsschritte haben entscheidend dazu beigetragen, die Konzentration in ehemals stark regulierten Branchen zu verringern. Trotzdem sind Branchen mit hohen Markteintrittshürden und grossem staatlichem Einfluss nach wie vor deutlich stärker konzentriert als wettbewerbsintensive Branchen mit tiefen Markteintrittshürden.

Gestärkt aus der Krise

Aller schweizerischen Bescheidenheit zum Trotz: Mittlerweile betonen Politiker jeglicher Couleur, dass die Schweiz als eine der wenigen entwickelten Volkswirtschaften die Krise gut überstanden hat, ja sogar gestärkt aus ihr hervorgeht. Die seit den späten 1990er-Jahren verschriebene Dosierung der staatlichen Medizin in Form von Liberalisierungen, gezielten Reformen und vorausschauender Geldpolitik hat gewirkt. Die Wirtschaft selbst hat sich zudem einer heilenden Kur unterzogen; die Unternehmen haben ihre Abläufe gestrafft, ihre Aktivitäten fokussiert und sich gegenüber der Welt geöffnet. In den Jahren 2005 bis 2008 erlebte die Schweiz sogar einen regelrechten Wirtschaftsboom, der mit dem Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise sein jähes Ende fand und in einer Rezession mündete.

Erhebliche strukturelle Veränderungen in der letzten Dekade

Aus der hier vorgestellten Studie
Credit Suisse Economic Research: Swiss Issues Branchen – Die Struktur der Schweizer Wirtschaft 1998–2020 (vgl. Kasten 1)., welche die Strukturdaten zur Schweizer Wirtschaft von den späten 1990er-Jahren bis heute analysiert, geht hervor, dass die Schweizer Wirtschaft in der letzten Dekade erheblichen strukturellen Veränderungen unterworfen war (siehe Kasten 1

Die Struktur der Schweizer Wirtschaft 1998–2020

Die Studie des Economic Research der Credit Suisse, welche in diesem Artikel vorgestellt wird, befasst sich mit den Trends, welche dem Wandel der Schweizer Wirtschaft und ihrer Branchen 1998–2008 zugrunde liegen. Auf Basis der eidgenössischen Betriebszählung betrachten wir in dieser Studie sechs ausgewählte Indikatoren respektive Trends, welche selten im Rampenlicht der öffentlichen Diskussion stehen und helfen, den Strukturwandel der Schweizer Wirtschaft besser zu verstehen. Neben der Unternehmenskonzentration, welche im vorliegenden Artikel im Zentrum steht, beleuchten wir in der Studie Tertiarisierung, Outsourcing, Produktivität, regionale Verteilung (vgl. Kasten 3) und Filialisierung. Zudem entwerfen wir ein Szenario für das Jahr 2020, welches zeigt, dass die Schweiz das Potenzial hat, aus dem internationalen Wettbewerb langfristig als Gewinnerin hervorzugehen. Die Studie ist auf dem Internet verfügbar unter www.credit-suisse.com/research, Schweizer Wirtschaft, Branchen.

). Anhand von sechs ausgewählten Indikatoren respektive Trends – Tertiarisierung, Outsourcing, Produktivität, Unternehmenskonzentration, regionale Verteilung und Filialisierung – wird eine Standortbestimmung der Schweizer Wirtschaft vorgenommen. Zudem wird ein mögliches Szenario für die Branchenstruktur im Jahr 2020 entworfen. Dieses zeigt, dass sich der Schweiz heute eine einmalige Chance eröffnet, sich im internationalen Wettbewerb langfristig als Zukunftsmodell mit Vorbildcharakter zu positionieren. Im vorliegenden Artikel steht mit der Unternehmenskonzentration ein Indikator im Mittelpunkt, der selten aus einer branchenübergreifenden Perspektive untersucht worden ist.

Wie lässt sich Unternehmenskonzentration messen?

Durch Meldungen über expandierende Global Player, Fusionen oder Übernahmen kann der Eindruck entstehen, dass sich die Unternehmenslandschaft in der Schweiz immer stärker konzentriert. Allerdings fallen Neugründungen von Unternehmen sowie Marktanteilsverschiebungen meist durch das Netz der medialen Berichterstattung. Um etwas Licht in diesen Themenkreis zu bringen, wurde das Ausmass der Unternehmenskonzentration branchenübergreifend untersucht und insbesondere auf die Veränderung über die letzten zehn Jahre fokussiert. Doch wie lässt sich Unternehmenskonzentration überhaupt messen? Klassischerweise wird sie als Ausmass der Marktmacht der Unternehmen in einem bestimmten Markt definiert und findet deshalb besonders in der Wettbewerbspolitik Beachtung. Als Indikator wird dabei typischerweise auf den Marktanteil der Unternehmen am Gesamtumsatz einer Branche oder eines Marktes zurückgegriffen. Solche Zahlen liegen leider meist nur für die grössten Unternehmen eines Marktes vor. Die vorliegende Analyse wählt deshalb einen anderen Blickwinkel und misst die Unternehmenskonzentration in 11 Branchenaggregaten anhand der Beschäftigten pro Unternehmen.
Für eine Definition der Branchenaggregate siehe Kapitel 6.1 (S. 37) im Anhang der Studie. Hierfür liegen dank der jüngsten Betriebszählung des Bundesamts für Statistik (BFS) aus dem Jahr 2008 – eine Vollerhebung der Schweizer Unternehmenslandschaft – detaillierte Zahlen vor. Besonders in binnenorientierten Branchen kann die Verteilung der Beschäftigung auf die Unternehmen als Indikator für deren Marktmacht interpretiert werden.

Finanzbranche: 76% der Beschäftigten in 3% der Unternehmen

Weil eine hohe Unternehmenskonzentration mit einer ungleichen Beschäftigungsverteilung einhergeht, versuchen wir in einem ersten Schritt, das Niveau der Konzentration mittels Lorenzkurven zu visualisieren. Grafik 1 zeigt die Kurven für ausgewählte Branchenaggregate, wobei auf der Vertikalen die kumulierten Beschäftigungsanteile der nach Grösse geordneten Unternehmen abgetragen sind. In der Finanzbranche, mit den beiden Grossbanken und den Versicherungen auf der einen und vielen kleineren Vermögensverwaltern auf der anderen Seite, herrscht eine stark ungleiche Beschäftigungsverteilung: Die 3% grössten Unternehmen stellen 76% der Beschäftigten der Branche; in der Gesamtwirtschaft sind es nur 59%. Eine ebenfalls ungleiche Beschäftigungsverteilung weisen die Verkehrs- und die Postbranche auf. Im Mittelfeld positionieren sich die Industrie und der Handel. Dass der Handel über den ganzen Bereich der Lorenzkurve eine leicht ausgewogenere Verteilung aufweist als der Durchschnitt der Gesamtwirtschaft, ist erstaunlich. Das Ergebnis ist auf den Grosshandel zurückzuführen, bei dem es relativ wenige Grossunternehmen gibt. Der Detailhandel ist mit den wenigen grossen und vielen kleinen lokalen Anbietern deutlich konzentrierter.
Bei Laden- und Restaurantketten im Franchisingsystem werden die Franchisenehmer als eigenständige Unternehmen erfasst. Dadurch wird die Marktmacht der wichtigsten Ketten und damit die Branchenkonzentration in unseren Berechnungen etwas unterschätzt. Am gleichmässigsten sind die Beschäftigten im Bau und im Gastgewerbe verteilt; auf die 3% grössten Unternehmen fallen «nur» 37% bzw. 38% der Beschäftigten. Beide Branchen zeichnen sich durch eine kleinbetriebliche Struktur, tiefe Markteintrittshürden und eine entsprechend hohe Unternehmensdynamik aus. Zudem sind die wenigen Grossunternehmen im Vergleich mit anderen Branchen relativ klein.

Messung der Konzentration unter Berücksichtigung der Unternehmenszahl

Lorenzkurven sind zwar sehr anschaulich, haben aber einen entscheidenden Nachteil: Sie zeigen ausschliesslich Unterschiede in der Beschäftigungsverteilung, berücksichtigen aber nicht die Zahl der Unternehmen pro Branche. So liegen beispielsweise die Lorenzkurven der traditionellen Industrie und der Energieversorgung eng beieinander. Weil sich aber die Beschäftigten in der traditionellen Industrie 2008 auf über 28 000 Unternehmen verteilen, in der Energieversorgung aber lediglich auf gut 500, ist die Unternehmenskonzentration in der Energiebranche deutlich höher zu werten. Deshalb greifen wir zur Quantifizierung der Konzentration auf den sogenannten Herfindahl-Hirschmann-Index (HHI) zurück, welcher die Zahl der Unternehmen berücksichtigt und es uns zudem ermöglicht, die Veränderung der Unternehmenskonzentration in der Dekade zwischen 1998 und 2008 in eine Zahl zu fassen (siehe Kasten 2

Berechnungsmethode des Herfindahl-Hirschmann-Index

Der HHI für ein bestimmtes Branchenaggregat berechnet sich aus der Summe der quadrierten Beschäftigungsanteile: (für Formeln siehe PDF) wobei bi die Beschäftigung des Unternehmens i und N die Gesamtzahl der Unternehmen des Branchenaggregats kennzeichnet. Logarithmiert man den HHI, dann lässt sich die Veränderung des HHI summarisch in zwei Effekte zerlegen:a Der erste Effekt (1) ergibt sich aus der Veränderung der Zahl der Unternehmen N. Der zweite Effekt (2) stammt aus einer sich ändernden Verteilung der Beschäftigungsanteile, gemessen anhand des Variationskoeffizienten VK:(für Formeln siehe PDF)Die Idee der Zerlegung ist einfach: Eine steigende Unternehmenskonzentration, also ein höherer HHI in t+1, kann auf einer sinkenden Zahl von Unternehmen (Term 1) oder einer ungleicheren Beschäftigungsverteilung – sprich einem höheren Variationskoeffizienten in t+1 (Term 2) – beruhen.

a Für technische Details siehe Kapitel 6.2 (S. 38) im Anhang der Studie.).
Neben dem weit verbreiteten HHI werden in der Literatur unzählige alternative Messindizes für die Konzentrationsmessung aufgeführt. Für eine Übersicht siehe beispielsweise Stephen Davies (1979), Choosing Between Concentration Indices: The Iso-Concentration Curve, Economica 46, S. 67–75.Grafik 2 zeigt die Veränderung der Konzentration im Zeitraum 1998 bis 2008 und zerlegt die Veränderung in einen Effekt der Anzahl Unternehmen und einen Verteilungseffekt. Es zeigt sich, dass – entgegen einer verbreiteten Annahme – die Konzentration der Schweizer Unternehmenslandschaft insgesamt leicht abgenommen hat. Die Abnahme geht ausschliesslich auf einen Verteilungseffekt zurück, denn die Zahl der Unternehmen hat im Untersuchungszeitraum sogar leicht abgenommen. Wenn man die Entwicklung nach Branchenaggregaten auffächert, so zeigen sich allerdings deutliche Unterschiede.

Liberalisierung von Monopolbranchen reduziert Unternehmenskonzentration

Die eindrücklichste Erkenntnis ist, dass Liberalisierungsbemühungen der Politik von Erfolg gekrönt waren. So bewegten sich die stark konzentrierten Branchen Post und Telekom nach dem (teilweisen) Knacken der staatlichen Monopole in der Dekade zwischen 1998 und 2008 allmählich hin zu einer etwas ausgewogeneren Verteilung der Beschäftigung. Die Telekommunikation, wo die Liberalisierung am umfassendsten ausfiel, erfuhr von allen Branchen die stärkste Abnahme in der Unternehmenskonzentration. Diese wurde hauptsächlich von einer gleichmässigeren Beschäftigungsverteilung («Verteilungseffekt») getrieben. Die Post hingegen geniesst dank dem Monopol auf Briefe unter 50 g weiterhin einen gewichtigen staatlichen Schutz. Bei der Paketpost haben sich die Konkurrenten zwar in Stellung gebracht, vereinen aber noch zu wenig Schlagkraft, um der Post ernsthaft zuzusetzen. Es erstaunt deshalb kaum, dass die Branche Verkehrs- und Postleistungen sowohl 1998 wie auch 2008 – trotz fallender Tendenz – den Spitzenplatz bei der Unternehmenskonzentration belegte.

Energieversorgung: Schwacher Wettbewerb, hohe Konzentration

In der Energieversorgung, welche hauptsächlich Elektrizitätsunternehmen umfasst, und wie die Post oder Telekommunikation ein klassischer Netzsektor ist, veränderte sich die Unternehmenskonzentration zwischen 1998 und 2008 nicht. Dies ist angesichts des regulatorischen Umfeldes auch keine Überraschung. Nach der Ablehnung des Elektrizitätsmarktgesetzes 2002 verharrte der Markt in den regionalen Monopolen der Energieversorger. Die Zahl der Unternehmen nahm zwar unter dem Strich zu; der Effekt wurde allerdings von einer ungleicheren Beschäftigungsverteilung kompensiert. Die zentrale Frage wird sein, wie sich die neue Marktordnung mit dem Anfang 2008 in Kraft getretenen Stromversorgungsgesetz auswirken wirkt. Im Vorfeld der Liberalisierung hat es mit der Grossfusion von Atel und EOS zur Alpiq eher eine Bündelung der Kräfte gegeben. Zurzeit deutet wenig darauf hin, dass sich an der aktuellen Situation etwas ändern wird. Wie in allen Netzsektoren sind die Hürden eines Markteintritts aufgrund der hohen Fixkosten bedeutend. Zudem zeigt sich der neue Wettbewerb bisher flügellahm und setzt damit wenig Anreize für ausländische Unternehmen, in den Schweizer Markt einzutreten. Selbst wenn der Wettbewerb an Fahrt gewinnen würde, dürfen wir aufgrund der Grössenvorteile nicht damit rechnen, dass in diesem Sektor die Unternehmenskonzentration wesentlich zurückgeht.

Finanzbranche: Stark konzentriert, aber mit abnehmender Tendenz

Die Finanzbranche war 2008 die am zweitstärksten konzentrierte Branche. Die Versicherungsgesellschaften sowie die Gross-, Kantonal-, Raiffeisen- und Regionalbanken stellen einen Grossteil der Branchenbeschäftigung und verzeichnen relativ stabile Beschäftigungsanteile. Weil gleichzeitig die Zahl der Unternehmen im Betrachtungszeitraum um 37% angestiegen ist, hat dies in der Summe aber zu einer Abnahme der Konzentration geführt. Besonders im Bereich der unabhängigen Vermögensverwalter traten viele neue Unternehmen auf den Plan. Zwischen 1998 und 2008 stieg deren Zahl von 1250 auf 2250, während sich die Beschäftigung auf 10 200 verdoppelte.

Bau und Handel: Trend zu höherer Konzentration

In den wettbewerbsintensiven und eher schwach konzentrierten Branchen Gastgewerbe, Handel und Bau erhöhte sich die Konzentration zwischen 1998 und 2008. Am stärksten war die Bewegung im Bau. Die Zahl der Unternehmen nahm in dieser Periode zwar um 6% zu, was sich dämpfend auf die Konzentration auswirkte. Gleichzeitig fand besonders bei den grossen Baufirmen eine Bündelung der Kräfte statt, um international an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen; der Verteilungseffekt ist stark positiv. Im Handel widerspiegelt sich die gefühlte Zunahme der Konzentration auch in den Zahlen. Die Skaleneffekte im Handel setzen einen gewichtigen Anreiz für die Akteure, mittels Übernahmen und Zusammenschlüssen Marktmacht zu erlangen. Im Handel ging die Zahl der Unternehmen zwischen 1998 und 2008 um insgesamt 11% zurück – ein Rekord unter allen Branchenaggregaten.

Industrie, Unternehmensdienstleister, Staat und Soziales: Relativ hohe Stabilität in der Unternehmenslandschaft

In der traditionellen und in der Spitzenindustrie, bei den Unternehmensdienstleistungen sowie bei den Staats-, Sozial- und Gesundheitsdienstleistungen herrscht in der Unternehmenslandschaft eine relativ hohe Stabilität. Die Zahl der Unternehmen änderte sich nur geringfügig – mit Ausnahme der Unternehmensdienstleister, die insgesamt ein Plus von 25% verzeichneten. Diese Branchen reihen sich bei der Konzentration im Mittelfeld ein und erfuhren in der letzten Dekade – bis auf den Staats-, Gesundheits- und Sozialsektor sowie die Unternehmensdienstleister – eine leichte Zunahme der Konzentration.

Grenzen der Analyse

Bei der Interpretation der Konzentrationsmessung muss man sich folgender Grenzen bewusst sein. Unsere Analyse lässt keine Aussage zu, inwiefern ein gewisses Niveau der Unternehmenskonzentration problematisch ist. Denn eine hohe Konzentration in der Schweiz ist aus Wettbewerbssicht nur dann kritisch, wenn es sich um binnenorientierte Branchen handelt. In Branchen mit geöffneten Märkten ist die Unternehmenskonzentration im relevanten Markt entscheidend, welcher sich in gewissen Branchen auf Europa oder die ganze Welt ausdehnt. So gehört die Luftfahrt – wenig überraschend – zu den am stärksten konzentrierten Branchen der Schweiz, was angesichts der globalen Ausrichtung und des harten Wettbewerbs im relevanten Markt kein Problem darstellt. Im binnenorientierten, schwächer konzentrierten Telekomsektor verbot die Wettbewerbskommission hingegen die geplante Fusion von Orange und Sunrise, weil sie eine zu starke Ballung von Marktmacht befürchtete.

Fazit: Liberalisierung setzt Energien frei

Unsere Analyse zeigt auf, dass in stark regulierten Branchen mit (ehemals) staatlichen Monopolen sowie Branchen mit hohen Markteintrittshürden die Unternehmenskonzentration besonders hoch ist. Am niedrigsten fällt diese in den wettbewerbsintensiven Branchen mit tiefen Markteintrittshürden aus. Allerdings hat es in den vergangenen zehn Jahren eine gewisse Nivellierung der Konzentration zwischen den verschiedenen Branchen gegeben, welche von zwei gegensätzlichen Grundkräften getrieben wurde: In konzentrierten Branchen mit marktmächtigen Unternehmen – wie etwa der Post oder der Telekom – drängten neue Akteure auf den Markt, um die Grossen herauszufordern oder von diesen vernachlässigte Nischen zu besetzen. In stark regulierten Branchen hatten Liberalisierungen dabei wesentliche Energien freigesetzt. Der harte Wettbewerb in Branchen mit einer «atomisierten» Branchenstruktur – wie zum Beispiel dem Bau – trieb (und treibt) viele Unternehmen dazu, sich durch Zusammenschlüsse und Übernahmen in eine vorteilhafte, marktmächtigere Stellung zu bringen. Steigende Skalenerträge spielen dabei als Triebfeder eine wichtige Rolle. Über die gesamte Schweizer Wirtschaft betrachtet wirkten aber die Tätigkeit der Wettbewerbsbehörden, Liberalisierungsbemühungen der Politik und die überaus dynamische Unternehmensdemografie in der Schweiz dieser Konzentrationstendenz wirkungsvoll entgegen.

Grafik 1: «Lorenzkurven der Beschäftigungsverteilung in ausgewählten Branchen»

Grafik 2: «Veränderung der Unternehmenskonzentration (HHI) nach Branchen, 1998–2008»

Kasten 1: Die Struktur der Schweizer Wirtschaft 1998–2020

Die Struktur der Schweizer Wirtschaft 1998–2020

Die Studie des Economic Research der Credit Suisse, welche in diesem Artikel vorgestellt wird, befasst sich mit den Trends, welche dem Wandel der Schweizer Wirtschaft und ihrer Branchen 1998–2008 zugrunde liegen. Auf Basis der eidgenössischen Betriebszählung betrachten wir in dieser Studie sechs ausgewählte Indikatoren respektive Trends, welche selten im Rampenlicht der öffentlichen Diskussion stehen und helfen, den Strukturwandel der Schweizer Wirtschaft besser zu verstehen. Neben der Unternehmenskonzentration, welche im vorliegenden Artikel im Zentrum steht, beleuchten wir in der Studie Tertiarisierung, Outsourcing, Produktivität, regionale Verteilung (vgl. Kasten 3) und Filialisierung. Zudem entwerfen wir ein Szenario für das Jahr 2020, welches zeigt, dass die Schweiz das Potenzial hat, aus dem internationalen Wettbewerb langfristig als Gewinnerin hervorzugehen. Die Studie ist auf dem Internet verfügbar unter www.credit-suisse.com/research, Schweizer Wirtschaft, Branchen.

Kasten 2: Berechnungsmethode des Herfindahl-Hirschmann-Index

Berechnungsmethode des Herfindahl-Hirschmann-Index

Der HHI für ein bestimmtes Branchenaggregat berechnet sich aus der Summe der quadrierten Beschäftigungsanteile:(für Formeln siehe PDF)wobei bi die Beschäftigung des Unternehmens i und N die Gesamtzahl der Unternehmen des Branchenaggregats kennzeichnet. Logarithmiert man den HHI, dann lässt sich die Veränderung des HHI summarisch in zwei Effekte zerlegen:a Der erste Effekt (1) ergibt sich aus der Veränderung der Zahl der Unternehmen N. Der zweite Effekt (2) stammt aus einer sich ändernden Verteilung der Beschäftigungsanteile, gemessen anhand des Variationskoeffizienten VK:(für Formeln siehe PDF)Die Idee der Zerlegung ist einfach: Eine steigende Unternehmenskonzentration, also ein höherer HHI in t+1, kann auf einer sinkenden Zahl von Unternehmen (Term 1) oder einer ungleicheren Beschäftigungsverteilung – sprich einem höheren Variationskoeffizienten in t+1 (Term 2) – beruhen.

a Für technische Details siehe Kapitel 6.2 (S. 38) im Anhang der Studie.
Kasten 3: Agglomerationsboom in praktisch allen Branchen

Agglomerationsboom in praktisch allen Branchen

Ein besonderes Augenmerk unserer Studie liegt auf der regionalen Branchenentwicklung. Der sogenannte Lokationskoeffizient gibt an, ob sich der Beschäftigungsanteil einer bestimmten Branche in einer bestimmten Region über oder unter dem entsprechenden gesamtschweizerischen Durchschnitt befindet. Diese Betrachtung wird durch eine sogenannte Shift-Share-Analyse erweitert, welche aufzeigt, ob die Veränderung der Beschäftigung in einer Region durch das allgemeine Wirtschaftswachstum (Konjunktureffekt), die Branchenentwicklung (Brancheneffekt) oder regionalspezifische Faktoren (Residuum) erklärt werden kann. Der augenfälligste regionale Trend der Jahre 1998 bis 2008 ist demnach ein regelrechter Agglomerationsboom. Mit Ausnahme der traditionellen Industrie verzeichneten sämtliche Branchen einen Anstieg der Beschäftigung in Agglomerationsgebieten. Vor allem Branchen mit Filialcharakter (Finanzdienstleister, Verkehr, Post und Telekom) trugen zum Beschäftigungswachstum der Agglomerationen bei und verringerten ihre Präsenz in den Städten. Der Trend zur Verlagerung von Arbeitsplätzen aus den Städten war bei insgesamt knapp zwei Dritteln aller Branchen zu beobachten und zeigte sich besonders ausgeprägt bei der Spitzenindustrie, wo eine eigentliche Flucht aus der Stadt hinaus aufs Land festzustellen war.

Leiterin Branchenanalysen, Credit Suisse Economic Research

Economist Branchenanalysen, Credit Suisse Economic Research

Leiterin Branchenanalysen, Credit Suisse Economic Research

Economist Branchenanalysen, Credit Suisse Economic Research