Die Volkswirtschaft

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Die Aktualität des Themas dieses Heftes ergibt sich aus der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise. Es wäre interessant zu wissen, ob nach der Krise das trendmässige Wachstum mit der gleichen Rate wie vorher weitergehen kann und ob dies auf dem gleichen Wachstumspfad oder auf einem nach unten versetzten Wachstumspfad geschehen wird. Das trendmässige Wachstum in der Schweiz setzt sich dabei nach der Fortsetzung dieses Trends seit längerer Zeit aus einem jährlichen Produktivitätszuwachs von 1% und aus einem ungewisseren, da stark von der Migration beeinflussten Beschäftigungswachstum von 0,5% bis 1% pro Jahr zusammen. Die historische Distanz zur Beantwortung der Frage fehlt heute zwar noch. Faktoren, die eine erste Einschätzung der Lage zulassen, können aber benannt werden.

Ein Blick in die letzten Jahrzehnte der Schweizer Wirtschaftsgeschichte zeigt die Relevanz der Fragestellung, ob nach der Krise das trendmässige Wachstum mit der gleichen Rate wie vorher weitergehen kann: Denn zweimal blieb die rasche Rückkehr zum vorher beobachteten Trendwachstum nach einer Rezession aus. Nach dem markanten konjunkturellen Einbruch von 1975 verharrte die Zuwachsrate des Trend-Bruttoinlandprodukts (BIP) auf einem niedrigen Niveau: Erholte sich das Trendwachstum erst am Ende der Dekade nach tiefgreifenden Reformen, oder gab es keinen Trendbruch, sondern nur Mitte der 1990er-Jahre und damit rascher als üblich schon wieder einen konjunkturellen Rückschlag? Hält man sich allerdings die damaligen Ursachen vor Augen, fehlt es an klaren Gründen für die Befürchtung, dass sich die Wirtschaftsentwicklung der Schweiz nach der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise auf einem tieferen Niveau mit gedämpfter Zuwachsrate abspielen wird (siehe Grafik 1).

Trend und Zyklus: Wie unabhängig sind sie voneinander?

Die Vorstellung, dass nach einer Rezession eine Rückkehr auf den Trendwachstumspfad erfolgt, setzt implizit voraus, dass man Konjunkturzyklus und Trendwachstum in der BIP-Entwicklung trennen kann. In der Tat ist es die gängige Auffassung der Volkswirtschaftslehre, dass die trendmässige Entwicklung der Wirtschaftsleistung durch den Einsatz von mehr und besser qualifizierter Arbeit und durch die Nutzung von mehr Kapitalgütern erklärt wird, zuzüglich des technischen Fortschritts; die zyklische Entwicklung wird hingegen durch Schwankungen bei der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen erklärt, die vorübergehender Natur sind. Angebot und Nachfrage sind indes grundsätzlich miteinander verknüpft, indem der Erlös, der den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital aus den verkauften Gütern und erbrachten Dienstleistungen zufliesst, das Einkommen ergibt. Dieses Einkommen kann dann in der nächsten Periode ausgegeben werden und sorgt somit für eine neuerliche Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Wenn so das Angebot die Nachfrage schafft und vice versa, warum sollten Trend und Zyklus auseinanderlaufen? Verschiedene Schocks können der Grund sein, dass in einer bestimmten Periode überdurchschnittlich viele Wirtschaftsteilnehmer ein Motiv haben, mehr oder weniger auszugeben als durch ihr Erwerbseinkommen und ihre Kapitalerträge gerechtfertigt. Solche Faktoren können in der Geldpolitik liegen, in Angebotsstörungen oder in Verwerfungen an den Finanzmärkten. Drei Risiken scheinen geeignet, dass sich ein konjunktureller Rückschlag auch in der weiteren BIP-Entwicklung niederschlägt: Erstens kann eine Rezession so schwerwiegend sein, dass sie Gefahr läuft, in eine Deflation umzuschlagen, was ständig sinkende Preise und sinkendes Einkommen bedeutet (was beispielsweise in den 1930er-Jahren geschehen ist). Zweitens kann eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsapparates vorliegen, die möglicherweise durch ständige Stimulierungen mit den Instrumenten der Nachfragesteuerung eine Zeitlang übertüncht worden war, bis eine unhaltbare Verschuldungssituation gegenüber dem Ausland eine Zäsur erzwingt (siehe z.B. Griechenland). Drittens können schwer haltbare Verschuldungssituationen bei Banken und Staat dazu führen, dass die eingehenden Mittel für die Bewältigung von Altlasten eingesetzt werden müssen, statt dass Neues in Angriff genommen werden kann (Japan ist ein Beispiel dafür). Die Frage ist, wieweit potenziell dauerhaften Wirkungen von solchen Störungen gegebenenfalls mit den Instrumenten der Wirtschaftspolitik entgegengetreten werden kann.

Outputlücke als Steuerungsinstrument der Geld- und Finanzpolitik

Das Umschlagen einer Rezession in eine Deflation wird heute als Versagen der Geld- und Finanzpolitik qualifiziert. Denn nach vorherrschender Auffassung der Volkswirtschaftslehre besteht in der Situation nach Eintritt eines Schocks ein Potenzial, mit den Instrumenten der Geldpolitik die Wirtschaft rascher wieder auf den gleichgewichtigen Wachstumpfad zurückzuführen, der durch trendmässige Entwicklung bei Arbeitsangebot und Kapitalgüterbestand erklärt wird. Um mit der Geldpolitik nicht zu sehr zu stimulieren, sollte man allerdings den Grad der konjunkturellen Unterauslastung kennen. Sind die Zinsen schon bei Null, wird eine deflationäre Spirale zwischen Mindernachfrage, Minderbeschäftigung, Mindereinkommen und Mindernachfrage mit den Mitteln einer expansiven Ausgabenpolitik der öffentlichen Haushalte durchbrochen werden. Die konjunkturelle Unterauslastung als Indikator für nötiges konjunkturpolitisches Eingreifen zu brauchen, ist allerdings nur die sekundäre Funktion der sogenannte Outputlücke in der Finanzpolitik. Mit den Angaben über die Grösse der Outputlücke können die Staatseinnahmen um die Effekte der konjunkturellen Über- und Unterauslastung bereinigt werden. Damit kann erreicht werden, dass in Phasen gewohnter Schwankungen des BIP nicht auf konjunkturbedingte Mindereinnahmen mit Minderausgaben reagiert und die Amplitude des Zyklus so verstärkt wird, dass sich die Wirtschaft einer Deflation nähert. Folglich besteht sowohl ein Interesse der Geldpolitik wie der Finanzpolitik, möglichst treffgenau zwischen Trend und Zyklus zu unterscheiden. Da sich der Trend nicht direkt beobachten lässt, sind, um diese Unterscheidung vorzunehmen, allerdings fortgeschrittene statistische und ökonometrische Methoden erforderlich. Zudem braucht es ein tiefes ökonomisches Verständnis, um im Rahmen der Nutzung dieser Information für die Politikgestaltung zu vermeiden, dass die Konjunkturpolitik auf ihre eigenen vergangenen Impulse zu reagieren beginnt. Die Artikel von Barbara Rudolf und Mathias Zurlinden sowie von Carsten Colombier und Alain Geier in dieser Ausgabe befassen sich mit dieser Thematik.

Trendwachstumsrate für Nachhaltigkeit entscheidend

Die Wirtschaftspolitik ist indes nicht nur an der Produktionslücke, sondern auch am Trend selber interessiert (siehe Grafik 2). Das Motiv, das durchschnittliche Wachstum des BIP über einen Konjunkturzyklus hinaus zu kennen, gründet im Anliegen der Nachhaltigkeit. Dabei geht es nicht nur um die verfassungsmässig verankerten Dimensionen der ökonomischen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit, sondern auch um die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen. Letztere würde bedeuten, im Rahmen der staatlichen Altersvorsorgesysteme nur Leistungsversprechen zu machen, die sich aus der absehbaren Wirtschaftsleistung in 20 oder 40 Jahren auch finanzieren lassen. Bei der Nachhaltigkeit in ihrer ökologischen Dimension geht es darum abzuschätzen, wie stark erschöpfbare Ressourcen durch das weitere Wirtschaftswachstum beansprucht werden und ob sich damit eventuell ein Ausstoss von Treibhausgasen verbindet, der im schlimmsten Fall die Lebensgrundlagen − und damit natürlich auch die Wirtschaftsleistung selbst − in Frage stellt. Letzteres ist Gegenstand der Stellungnahme von Lukas Bretschger in dieser Ausgabe, während sich der Artikel von Marc Surchat mit der Frage auseinandersetzt, wie man Szenarien einer trendmässigen BIP-Entwicklung auf 20 oder 40 Jahre hinaus entwickeln kann. Der Artikel von Oliver Adler und Marcel Thieliant beschlägt schliesslich das Thema, ob die in der jüngsten Krise aufgebauten Staatsschulden das weitere Wirtschaftswachstum beeinträchtigen werden. Er gilt daher der eingangs formulierten Fragestellung, wie unabhängig das Trendwachstum von Krisen und deren Folgen für den Staat ist.

Trend und Krise: Historische Erfahrungen in der Schweiz und Lehren

Anknüpfend an der Thematik des letztgenannten Artikels soll nachstehend mittels qualitativen Überlegungen ausgelotet werden, ob der jüngste Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität das Potenzial hat, zu einem schleppenderen Wachstum auf tieferem Niveau zu führen. Die Bruchstelle von 1975 sowie die Stagnationsphase der 1990er-Jahre in der BIP-Entwicklung der Schweiz sind Ausgangspunkt unserer Überlegungen: Diesen Wendepunkten beim trendmässigen Wachstum waren lange Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs vorangegangen, die – verbunden mit Fehlern in der Geldpolitik – zu einer hartnäckigen Kernteuerung und einer Immobilienblase geführt hatten. Dass heute eine überschüssige Liquiditätsversorgung fortbesteht, kann nicht ausgeschlossen werden, nachdem das nötige Einschreiten gegen die Bankenkrise die Zentralbank in noch fremde Gewässer geführt hat; zudem wird − wenn auch nur regional beschränkt − von überhitzten Immobilienmärkten gesprochen. Da jedoch beim Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 in der Schweiz weder eine Teuerung noch ein überhitzter Immobilienmarkt vorlagen, besteht die begründete Aussicht, dass sich die weitere zyklische Entwicklung des BIP im Umfang gewohnter Konjunkturschwankungen halten wird. Diese positive Einschätzung bezüglich Fortsetzung der bisherigen trendmässigen Entwicklung des BIP wird verstärkt durch einen Blick auf die volkswirtschaftliche Angebotsseite. Im Rückblick wird man den Frankenkurs von 2007 zwar als zu tief einschätzen. Die Unterbewertung des Frankens hatte in unserer Einschätzung allerdings nicht lange genug angehalten, um Strukturen aufzubauen, die bei einem härteren Schweizer Franken nicht mehr Bestand haben können. Anders war dies in der Periode 1973–1975, als der Franken nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems auf einen neuen, höheren Gleichgewichtskurs anstieg und wohl grössere Teile des damals in der Schweiz implementierten Kapitalstocks nicht mehr rentabel zu betreiben und stillzulegen waren. Dass an der Wettbewerbsfähigkeit des schweizerischen Produktionsapparates wenig Zweifel bestehen, ist eine späte, aber positive Nachwirkung der Krise der 1990er-Jahre. Deren Überwindung war nur durch eine Neuausrichtung der schweizerischen Industrie auf andere Güter und Märkte möglich.Der Staat hatte − wie im Bereich der Telekom − Reformen bei sektoralen Wettbewerbsordnungen einzuleiten, welche die Schweiz in allen Sektoren international konkurrenzfähiger machten. Aus dem damals geschaffenen Wachstumspotenzial – siehe den zweiten Wendepunkt in der trendmässigen BIP-Entwicklung um das Jahr 1998 – kann noch heute Nutzen gezogen werden, wenn man etwa an die vergleichsweise gute Situation der Maschinenindustrie nach der letzten Rezession denkt. Und wie steht es mit der Verschuldung der Banken oder des Staates, welche die Schweiz in eine langjährige Stagnationsphase führen könnte? Bei der Frage, ob der Einbruch aufgrund der jüngsten Finanzkrise auch einen Trendbruch bei der Wachstumsrate bedeutet, werden gerne die gegenteiligen Entwicklungen in Japan und Skandinavien ab den 1990er-Jahren angeführt. Während Schweden und Finnland die Banken konsequent rekapitalisierten und mit etwas Glück auch der Staat am Schluss ohne grosse Verluste dastand, wollte Japan das offizielle Eingeständnis der Pleite von Banken vermeiden und kennt heute nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation am Rande der Deflation den höchsten Staatsschuldenbestand in der OECD. Vor entsprechenden Risiken nicht gefeit ist auch die Schweiz (Pleiten von Kantonalbanken im Zeichen der Immobilienkrise der 1990er-Jahre). Nur Mut und glückliche Fügung bei der Rettung der UBS haben die Schweiz vor einem schmerzhaften Anpassungsprozess bewahrt.

Erweiterte Bestimmungsfaktoren des BIP-Trends in einer globalisierten Welt

Beim Trendwachstum kann man nicht einfach darauf abstellen, wie die einheimische Bevölkerung – namentlich jene im erwerbsfähigen Alter – wächst und wie hoch die Sparquote ist, um mit den so finanzierten Investitionen den Kapitalgüterbestand zu äufnen. Es gilt auch, der Globalisierung der Wirtschaft Rechnung zu tragen. Dabei spielen namentlich die wachsende Mobilität der Produktionsfaktoren Arbeitskräfte, Kapital und Wissen eine immer wichtigere Rolle. Im Fall der Schweiz wurden die Demografieszenarien immer wieder von der tatsächlichen Entwicklung überrollt; zwischen Migration und Gang der Wirtschaft besteht eine ausgesprochene Interdependenz. In einem Land mit einem Finanzplatz von globaler Bedeutung, wie in der Schweiz, gilt es auch beim Produktionsfaktor Kapital der Globalisierung Rechnung zu tragen: Nationale Ersparnis und Investitionstätigkeit im Inland können weit auseinandergehen. Neben der Mobilität der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital ist aber auch der globale Transfer von Wissen stark gewachsen und verlangt, bei der Projektion von Wachstumsraten berücksichtigt zu werden.Für den Fall offener Volkswirtschaften wie der Schweiz tendiert die Wachstumstheorie zum Ergebnis, dass sich die wirtschaftlich erfolgreichsten Länder wegen der Faktorwanderung − ganz besonders wegen des Wissenstransfers − im Niveau, aber nicht in der Wachstumsrate, vom trendmässigen Zuwachs des BIP/Kopf in der Gruppe der Industrieländer absetzen können. Wie die Stagnationsphase der 1990er-Jahre mit ihrem Reformstau lehrt, ist dabei nicht gesichert, dass ein erworbener, relativer Einkommensvorsprung gewahrt werden kann. Voraussetzung für ein ungebrochenes Wachstum auf einem Trendpfad leicht über jenem des Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukts anderer industrialisierter Länder ist, dass die Wirtschaft global genug ausgerichtet und in ihrer regionalen Ausrichtung und branchenmässigen Spezialisierung auch genügend flexibel bleibt. Die gute Anbindung unserer Wirtschaft an die aufstrebenden Volkswirtschaften − insbesondere im fernöstlichen Raum – spielt sicherlich eine wichtige Rolle, wenn angesichts der schwierigen Lage zahlreicher Handelspartner unter den Industrieländern dennoch die Fortsetzung des trendmässigen Wachstums im bisherigen Umfang möglich sein soll. Aber nur bei fortgesetzten Strukturreformen, die vor allem die Inlandwirtschaft betreffen, kann davon ausgegangen werden, dass weiterhin die wertschöpfungsstärksten Aktivitäten innerhalb unserer Landesgrenzen angesiedelt werden und der Arbeitsproduktivitätszuwachs gehalten werden kann.

Grafik 1: «BIP-Entwicklung der Schweiz, 1966–2011»

Grafik 2: «Beiträge zum Potenzialwachstum in der Eurozone»

Leiter Ressort Wachstum und WettbewerbspolitikStaatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

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