Die Volkswirtschaft

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Das Thema Potenzialwachstum ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend komplexer geworden. In einer geschlossenen Volkswirtschaft vom Solow-Typ wurde das Potenzialwachstum, welches gleichzeitig auch das Trendwachstum darstellte, durch die träge natürliche Demografie und den exogenen technischen Fortschritt bestimmt. Vieles wird heute aber durch Gesellschaft und Politik veranlasst: Je nach Immigrations-, Bildungs- und Forschungspolitik, aber auch je nach Branchenportefeuille ergeben sich unterschiedliche Potenzialpfade. Entsprechend stellt sich die Frage: Was ist ein politisch und wirtschaftlich nachhaltiges BIP-Wachstum?

Heutzutage ist es wohl unbestritten, dass der Schweizer Arbeitsmarkt primär durch Wanderungen bestimmt wird und dass der technische Fortschritt – soweit dieser Terminus in einer allmählich postindustrialisierten Wirtschaft noch adäquat – endogen ist. Damit wird das Potenzialwachstum schwer fassbar, weil technisch gesehen eine Vielzahl verschiedener Potenzialwachstumspfade möglich ist. Vor diesem Hintergrund erscheint es zweckmässig, die Schar der technisch möglichen Potenzialpfade auf diejenigen (oder denjenigen) einzuschränken, die auch gesellschaftspolitisch, finanzpolitisch und ökologisch akzeptabel sind. Während in vielen anderen Ländern die lädierten Staatsfinanzen die Bildungs- und Forschungsmöglichkeiten restringieren, bildet in der Schweiz die Ausländerpolitik die Pièce de Résistance.

Potenzialwachstum und Langfristprognose identisch?

Diese Überlegungen zeigen aber auch, dass Potenzialwachstum und Langfristprognosen eng verwandt sind. Sofern der Startpunkt einer Langfristperiode nicht eine konjunkturelle Extremsituation darstellt, also eine starke Rezession wie 2009 oder eine Überhitzung wie 2007, braucht es gute Gründe, weshalb die Langfristprognose vom Potenzialwachstum abweichen sollte. So macht sich auch BAK Basel Economics regelmässig Gedanken zur längerfristigen Entwicklung: 2010 ist diesbezüglich nahe an einem Normaljahr, so dass die beiden Grössen in etwa identisch sind. Zur numerischen Beurteilung der Phase 2000-2010 ist eine tautologische Zerlegung des Bruttoinlandprodukts (BIP) zweckmässig:BIP = BIP/Beschäftigung * Beschäftigung/Bevölkerung * BevölkerungDemnach setzt sich das BIP aus der Arbeitsproduktivität, der Partizipationsrate und der Bevölkerung zusammen. Grafik 1 zeigt, dass das Wachstum der Dekade 2000-2010 in der Schweiz von durchschnittlich 1,7% zur Hälfte vom Bevölkerungswachstum (POP) getragen wurde. Dieses ist grossteils auf die starke Immigration der Jahre 2004-2008 in die Schweiz zurückzuführen. Demgegenüber hat das Produktivitätswachstum (X/N) nur einen Drittel zum BIP-Wachstum beigetragen, die Partizipationsrate (N/POP) gar nur unbedeutend. In der Eurozone waren alle drei Komponenten etwas geringer, insbesondere aber der Beitrag des Bevölkerungswachstums, so dass die Eurozone in dieser Dekade nur ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 1,1% erreichte.Für die Periode 2010–2020 liegt das Potenzialwachstum der Schweiz mit geschätzten 1,9% pro Jahr leicht höher als in der vergangenen Dekade. Dies liegt insbesondere daran, dass für diese Periode keine Rezessionen „eingeplant“ sind. Da Rezessionen Produktivitätsvernichter sind, liefert das erwartete Produktivitätswachstum mit einem Wert von 1,5% den grössten Beitrag zum Potenzialwachstum. Die Partizipationsrate wird aufgrund der anhaltenden Überalterung leicht sinken, die Bevölkerung weiter ansteigen, wenn auch ein wenig langsamer als in den letzten Jahren.Die grössten Unsicherheiten liegen in unterschiedlichen Immigrationszahlen. Auch extreme Entwicklungen des Wertes des Schweizer Frankens können über unterschiedliche Investitionspfade zu unterschiedlichen Potenzialpfaden führen.

Grafik 1: «Wachstumszerlegung»

Direktor und Chefökonom, BAK Basel Economics

Direktor und Chefökonom, BAK Basel Economics