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Die Schweiz war im Jahr 1970 laut Angus Maddison
Angus Maddison (2009): Statistics on World Population, GDP and Per Capita GDP, 1-2008 AD. noch das reichste OECD Land.
Das Pro-Kopf-Einkommen (Gemessen in «1990 International Geary-Khamis Dollars») betrug in der Schweiz 16 904 US-Dollar gegenüber 15 030 US-Dollar der USA. Im Jahr 2008 hatte sich der Vorsprung der Schweiz gegenüber den USA in einen deutlichen Rückstand verwandelt.
2008 betrug das Pro-Kopf-Einkommen der Schweiz Die Wachstumsrate 1970-2008 betrug nur 1,04%, in den USA jedoch 1,61%. Der Wachstumsbericht (2008) des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt, dass sich das erhöhte Wachstum vor der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 hauptsächlich auf eine Beschäftigungszunahme stützt, während die Zuwachsraten der Arbeitsproduktivität auf niedrigem Niveau verharren.
Der Autor möchte Sandro Favre für seine Anregungen und Kommentare danken.

Wird die Schweiz ihre Wachstumsschwäche überwinden? Folgende drei Punkte werden in den nächsten Jahren (und darüber hinaus) von Bedeutung sein: die Finanzierung der öffentlichen Hand, die demographische Entwicklung und Immigration sowie die Verteilung von Einkommen und Vermögen.

Finanzierung der öffentlichen Haushalte

Im Grossteil der anderen Länder hat die Wirtschafts- und Finanzkrise gewaltige Lücken in die öffentlichen Haushalte gerissen. Die Staatsschuldenquote beträgt Ende 2011 im Euro-Raum voraussichtlich 94,8%, in Grossbritannien 88,7%, in den USA 98,5% und in Japan 204,2%.
OECD (2011): Economic Outlook, Paris. Alle Prognosen deuten darauf hin, dass diese Defizite in den nächsten Jahren weiter steigen werden. Die Staatsschulden nehmen damit Grössenordnungen an, die bisher in Friedenszeiten unbekannt waren. In fast allen OECD-Ländern wird die Sanierung der Staatshaushalte das dominierende Thema der Wirtschaftspolitik der nächsten Jahre sein. Die Schweiz dagegen kann sich anderen Aufgaben widmen. Die Schuldenquote nimmt sich mit 41,1% im Jahr 2011 vergleichsweise gering aus. In 2009 konnte man als einziges OECD-Land sogar einen Budgetüberschuss verzeichnen. Die Belastung durch direkte Steuern hat sich in den letzten Jahren nicht erhöht, sondern ist sogar leicht zurückgegangen. Gelingt es, die damit verbundenen finanziellen Spielräume zu nutzen – und nachhaltige Weichenstellung im Bereich der Bildung, Gesundheit, Umwelt und Energie zu setzen –, wird die Schweiz mittelfristig einen Teil des in den 1990er-Jahren verlorenen Terrains wiedergutmachen.

Demografische Entwicklung und Immigration

Die Schweiz weist seit langer Zeit eine sehr niedrige Geburtenrate auf. Bereits seit Mitte der 1970er-Jahre verharrt die totale Fertilitätsrate bei 1,5. Die Konsequenz ist nicht nur ein stark zunehmendes Verhältnis von Rentenbezügern zu Erwerbstätigen, sondern auch eine Alterung der erwerbstätigen Bevölkerung. Eine grosse Herausforderung für Wirtschaft und Arbeitsmarktpolitik wird darin bestehen, diesen Teil des Arbeitskräftepotenzials durch adäquate Weiterbildungs- und Umschulungsmassnahmen produktiv einzusetzen. Noch bedeutsamer ist die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte. Wie die übrigen OECD Ländern setzt die Schweiz auf die Immigration hochqualifizierter Arbeitskräfte – und dies mit Erfolg: Mitte der 1990er-Jahre waren nur 10% der Neuzuwanderer sehr gut qualifiziert; heute sind es mehr als 30%.
Schweizerische Lohnerhebung (BFS). Als Land mit hoher Lebensqualität, attraktiven Wirtschaftsstandorten und hohen Löhnen wird es der Schweiz auch in Zukunft gelingen, hochqualifizierte Arbeitskräfte zu attrahieren. Der Engpass besteht in der sozialen Integration von Immigranten. Die Schweiz wird verstärkte Anstrengungen unternehmen und kreative Ansätze finden müssen, um sozialen Spannungen vorzubeugen.

Verteilung von Einkommen und Vermögen

Die Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts (BIP) und des Pro-Kopf-Einkommens sind wichtige Indikatoren der Wirtschaftskraft und des Wohlstandes. Sie geben allerdings keine Auskunft darüber, wer von den Früchten des Wachstums profitiert. Das seit den 1970er-Jahren hohe Wachstum der USA wurde von einer starken Zunahme der Ungleichheit begleitet. In den letzten Jahren gipfelte die soziale Ungleichheit sogar in eine Polarisierung, die durch starke Zuwächse an den Rändern der Einkommensverteilung und einem Wegbrechen der Mittelschicht geprägt ist. Die Verteilung der Schweiz war lange relativ stabil; doch in den letzten Jahren tut sich auch hier die Lohnschere auf. Die höchsten Zuwächse haben Spitzenverdiener, die mittleren Einkommen wachsen weniger. In einer solchen Situation tut die Wirtschaftspolitik gut daran, dem Ziel einer gerechten Einkommensverteilung verstärktes Augenmerk zu widmen. Eine von der Bevölkerung als gerecht empfundene Einkommensverteilung ist die Basis für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, hohe gesellschaftliche Kohäsion und sozialen Frieden.

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich