Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Hinweis: Für eine vollständige und korrekte Darstellung des Beitrags im PDF-Format hier klicken.

Sicherheit der Energieversorgung – eine Selbstverständlichkeit?

Ja, es stimmt: Wir leben – mindestens energetisch betrachtet – in einer fossilen Welt, beträgt doch der Anteil der drei fossilen «Schwestern» Erdöl, Erdgas und Kohle zwischen 85% und 90% am Primärenergieverbrauch der Welt. Die Wasserkraft folgt auf Platz 4, die Kernkraft auf Platz 5. Sehr klein ist hingegen der Anteil der neuen erneuerbaren Energieträger (Sonne, Wind, Gezeiten, kommerziell genutzte Biomasse, Geothermie etc.) am Primärenergieträger-Mix. Er steht in diametralem Gegensatz zur Aufmerksamkeit, die ihnen in der politischen Diskussion – auch hierzulande – zukommt. Man muss kein Prophet sein, um festzustellen, dass angesichts dieser Ausgangslage viel Zeit ins Land gehen wird, bis der globale Energiemix sich spürbar verändert haben wird.

 

Was die Schweiz betrifft: Erdöl und Erdgas decken zusammen rund 55% des Primärenergieverbrauchs der Schweiz ab. Zusammen mit Uran, das in den fünf Schweizer Kernkraftwerken eingesetzt wird, hat dieser Mix zur Folge, dass unsere Energieversorgung zu vier Fünftel auf Importen nicht-erneuerbarer Energieträger beruht.

Historisch funktionstüchtige Energieversorgung der Schweiz

Die Auslandabhängigkeit der Schweiz wird in den energiepolitisch bewegten Zeiten, die wir jetzt einmal mehr erleben, von Politikern und Lobbys zum Anlass genommen, Energie-Autarkie einzufordern, somit eine Landesversorgung, die weitgehend auf einheimischen (= erneuerbaren) Energieträgern basieren soll. Abgesehen davon, dass ein neuer Energiemix keinesfalls «subito» zu haben ist, blenden diese Forderungen die Tatsache aus, dass die Energieversorgung – bis heute jedenfalls – das Prädikat «sicher» uneingeschränkt verdient, immer im Bewusstsein, dass es in keinen Lebensbereichen je eine 100%ige Sicherheit geben kann. Physische, lang dauernde und mit schweren Nachteilen für unser Land verbundene Versorgungsunterbrüche gab es – abgesehen von der Zeit des Zweiten Weltkrieges − nicht. Selbst in der ersten Erdölkrise (1973/74) war die physische Versorgung der Schweiz mit Erdöl stets gewährleistet, allerdings zu für die damalige Zeit hohen Preisen. Zu diesem Erfolg trugen drei Faktoren bei: die fundamentalen Interessen der Energielieferanten, die Struktur unserer Energieversorgung und die flankierenden Massnahmen der öffentlichen Hand im Bereich der Versorgungssicherheit.

Lieferstreik der Öl- und Gasproduzenten − ein Schreckgespenst

Mehrere Jahrzehnte funktionierende Öl- und Gasversorgung zeigen, dass die «Öl- und Gaswaffe» der Produzenten ein ziemlich stumpfes Ding ist, das bestenfalls geeignet ist, für kurze Zeit Angst und Schrecken bei den westlichen Konsumenten zu verbreiten. Richtig ist zwar, dass diverse Produzenten in der Vergangenheit die Keule des Lieferboykotts immer wieder mal geschwungen haben. Solche Ankündigungen waren indes meistens innert Stunden − und höchstens innert Tagen − Schnee von gestern, weil es um andere Ziele ging, als uns im Westen den «Hahn abzudrehen». Trotz zeitweise heftiger – auch anti-westlicher – Rhetorik gab es in der Vergangenheit keine Warteschlangen an den Tankstellen, und auch unsere Stuben blieben immer warm. Woran liegt das?Erstens herrscht auch auf der Lieferantenseite Wettbewerb: Der Lieferausfall des einen ist immer die Chance des anderen − sei es um kurzfristig fehlendes Öl zu ersetzen (so in der Schweiz erlebt, als das in der diplomatischen Krise zwischen der Schweiz und Libyen wegfallende libysche Rohöl durch Lieferungen aus Zentralasien ersetzt wurde), sei es langfristig durch den Wechsel auf andere Energieträger. Nur ein Monopolist kann sich völlig nach eigenem Gusto gebärden. Nicht einmal die im Westen oft argwöhnisch beobachtete Opec verfügt über wirkliche Kartellmacht, ihre Mitglieder missachten chronisch die getroffenen Abmachungen.Zweitens ticken die Produzenten von Öl, Gas und Uran gleich wie die Hersteller von Schuhen, Flugzeugen oder Mineralwasser: Sie wollen den maximalen Preis für ihr Produkt erzielen – zu möglichst minimalen Kosten. Die Rohstoffe unter dem Boden zu behalten, ist für sie angesichts der anhaltenden, ja steigenden Energienachfrage eine unattraktive Option. Erst mit Förderung und Verkauf auf den Weltmärkten erhalten Öl und Gas einen konkreten Wert. Kommt hinzu, dass die meisten der Öl- und Gasproduzentenländer − insbesondere die Opec-Staaten, Russland sowie einige der zentralasiatischen Länder − in typischerweise sehr hohem Ausmass auf die Einkünfte aus den Öl- und Gasverkäufen angewiesen sind. Nicht für uns, sondern vielmehr für sie ist das fossile Geschäft ein Klumpenrisiko, das innenpolitische Unwägbarkeiten relativ grossen Ausmasses in sich birgt. So wird in einigen Staaten ein grosser Teil der Öl- und Gaserlöse mittels Subventionen direkt oder indirekt an das Volk verteilt, wovon sich die herrschende politische Elite Stabilität verspricht. Weshalb sollten also die rohstoffreichen Länder − vor allem in Zeiten hoher Rohstoffpreise − ohne Not darauf verzichten, uns Konsumenten zu beliefern?

Der Mittlere Osten im Fokus der Öl- und Gasversorgung

Am grundsätzlichen Willen der rohstoffreichen Länder zum Business as usual mit uns Konsumenten ist somit nicht zu zweifeln, egal welches politische System − ob demokratisch oder autokratisch − oder welche Personen am Ruder sind. Für sie alle gilt die oben beschriebene grundsätzliche Interessenlage. Doch gibt es auch hier eine Art force majeure, dann nämlich, wenn aus innen- oder regionalpolitischen Gründen, die nichts mit uns Konsumenten zu tun haben, die Rohstoffproduktion beeinträchtigt wird. In diesem regionalen Kontext – und dies im Gegensatz zum oben beschriebenen internationalen Kontext – ist die Herrschaft über die Öl- und Gasproduktion sehr wohl ein unter Umständen entscheidender Machtfaktor, wie die Invasion Kuwaits durch den Irak im Jahre 1990 eindrücklich aufgezeigt hat. Ein Öl- und Gaslieferausfall ist ferner dieses Jahr in Libyen wegen des Bürgerkriegs eingetreten: Die von dort fehlenden rund 1,6 Mio. Fass/Tag konnten andere Produzenten zwar ersetzen, doch hat dieser Vorgang seine Spuren im Ölpreis hinterlassen. Vorstellbar und – je nach Sichtweise mehr oder weniger wahrscheinlich – sind ferner politische Verwerfungen auf der arabischen Halbinsel bzw. rund um den Persischen Golf. Kurzfristig erhebliche Störungen in der Öl- und Gasförderung sowie entlang der Transportwege wären im Falle ernsteren Krisen-Szenarien plausibel: Der Mittlere Osten deckt rund einen Drittel der globalen Ölnachfrage, mit Saudi-Arabien als Nummer 1; und durch die Strasse von Hormuz passiert täglich ein Fünftel des weltweiten Ölbedarfs. Tatsächliche Lieferstörungen hätten deshalb rasch Auswirkungen auf die physische Versorgung der ganzen Welt − egal für wen das fehlende Öl ursprünglich bestimmt war, und ganz abgesehen von dem in einer solchen Situation zu erwartenden massiven Preisanstieg.

Diversifikation der Energieversorgung – immer noch aktuell

In diesem System kommunizierender Röhren, das der globalen Ölversorgung eigen ist, spielt die Schweiz mit einem Verbrauchsanteil von 0,2% eine bescheidene Rolle. Trotzdem sind wir gut beraten, bei der Energieversorgung nicht alle Eier in denselben Korb zu legen und unser Versorgungssystem flexibel zu betreiben. Für die Ölversorgung der Schweiz bedeutet dies konkret, dass wir– sowohl Fertigprodukte als auch Rohöl importieren, das wir im Inland verarbeiten;– auf eine breite Basis von Anbietern zurückgreifen, wie das heute der Fall ist; – aus allen Himmelsrichtungen mit allen zur Verfügung stehenden Transportmitteln das Öl in die Schweiz bringen;- genügende Lagerkapazitäten im Inland vorhalten;– und last but not least eine genügende und einexerzierte Pflichtlagerorganisation betreiben, die heute einen Bedarf von viereinhalb Monaten für Heizöl, Dieselöl und Benzin sowie von drei Monaten für Flugpetrol garantiert.

Keine voreiligen energiepolitischen Schlüsse ziehen

Die Schweiz hat trotz ihrer Rohstoffarmut bisher keine Engpässe in der Energieversorgung, insbesondere mit Erdöl, erlebt. Die Marktmechanismen, verstärkt durch die staatlich vorgegebene Pflichtlagerhaltung, haben auch in Krisenzeiten gut funktioniert. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Versorgungsstörungen kurzfristiger Natur bleiben. An der langfristigen Lieferbereitschaft der Opec-Staaten ist nicht zu zweifeln. Es gibt derzeit keinen Anlass, wegen der aktuellen Situation im arabischen Raum unser Versorgungsdispositiv fundamental zu ändern.

Geschäftsführer Erdöl-Vereinigung, Zürich

Geschäftsführer Erdöl-Vereinigung, Zürich