Die Volkswirtschaft

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Das Inkrafttreten der bilateralen Abkommen im Jahr 2002 und die gute Konjunktur zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben eine neue Zuwanderungswelle in die Schweiz ausgelöst. Der Wanderungssaldo erreicht gar die Rekordwerte der Nachkriegszeit bis zur Ölkrise 1973. Allerdings unterscheidet sich die sozioprofessionelle Zusammensetzung dieser neuen Zuwanderung stark von derjenigen früherer Perioden: Sie besteht vor allem aus hoch qualifizierten Personen, die sich in den grossen Zentren und deren Agglomerationen konzentrieren. Die sich daraus ergebenden neuen Wohnbedürfnisse und -verhaltensweisen stellen die Integrationspolitik vor neue Herausforderungen.

Migrationsströme und deren Zusammensetzung

Mit der Einführung der bilateralen Abkommen über den freien Personenverkehr zwischen der Schweiz und der Europäischen Union (EU) im Juni 2002, aber auch mit der günstigen Wirtschaftsentwicklung haben die Migrationsströme seit Anfang des 21. Jahrhunderts stark zugenommen, und zwar in Richtung Schweiz wie auch von der Schweiz ins Ausland. Einer wachsende Zahl von Einwanderern
Wo nicht explizit anders vermerkt, sind mit der männlichen Form jeweils beide Geschlechter gemeint. stehen immer mehr Einheimische gegenüber, welche ihren Lebensmittelpunkt für immer oder zeitweise ins Ausland verlagern. Zusätzlich zu dieser Beschleunigung der Migration haben wir es mit einer neuen Zuwanderung aus dem EU/Efta-Raum zu tun. Bis 2002 entwickelte sich die Zuwanderung aus den EU27/Efta-Staaten in einem ähnlichen Rhythmus wie diejenige aus den Drittstatten. Letztere hat sich seither um rund einen Fünftel reduziert und bei rund 43 000 Neuankömmlingen pro Jahr eingependelt. Demgegenüber hat sich die Zuwanderung aus dem EU27/Efta-Raum mehr als verdoppelt und erreichte 2008 fast 120 000, bis die Finanzkrise das Wachstum unterbrochen hat (siehe Grafik 1). Die schweizerische Volkswirtschaft profitierte von den bilateralen Abkommen, indem sie die benötigten Arbeitskräfte für die vielen neu geschaffenen Arbeitsplätze importieren konnte – insbesondere in den Branchen mit grossem Bedarf an hoch qualifiziertem Personal, aber auch im Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen und im Baugewerbe. Die erhöhte Migration ist somit die Antwort auf ein grösseres Arbeitsplatzangebot. Die Arbeitslosenquote hat in dieser Phase denn auch 4% nie überschritten. Dies bestätigt, dass gesamthaft gesehen kein grösserer Verdrängungseffekt der schweizerischer Arbeitskräfte durch ausländische stattgefunden hat, wie es von gewissen Kreisen im Vorfeld des Inkrafttretens der bilateralen Abkommen befürchtet worden war.Die Netto-Einwanderung (Differenz zwischen Einwanderern und Auswanderern) der deutschen Staatsangehörigen war bis 2001 relativ tief (+2600 im Durchschnitt der 1990er-Jahre). Seither hat sie stark zugenommen und 2007 sowie 2008 sogar den Wert von +30 000 überschritten, was mehr ist als der kumulierte Migrationssaldo aller Nationalitäten von 1996 bis 2000!Mit einem durchschnittlichen jährlichen Migrationssaldo von +18 000 zwischen 2002 und 2009 liegen die Zuwanderer aus Deutschland deutlich vor den portugiesischen (+8400) und französischen (+4500) Staatsangehörigen. Auch die Zuwanderung aus Italien nimmt seit 2006 wieder zu (2008: +5000), nachdem der Saldo aufgrund von Rückwanderungen zuvor negativ gewesen ist. Bei den spanischen Staatsangehörigen stoppte die in den 1990er-Jahren zu beobachtende Abwanderung ebenfalls. Ende 2010 machten die deutschen, französischen und italienischen Staatsangehörigen zusammen 43% der ausländischen Bevölkerung der Schweiz aus, gegenüber 38% zehn Jahre zuvor.Die neue Zuwanderung ist somit durch eine geografische und kulturelle Nähe charakterisiert. Die Migrationsströme, die am Ende des 20. Jahrhunderts an Schwung verloren hatten, sind neu erstarkt, dies aufgrund des Abbaus administrativer Hürden, eines fortbestehenden wirtschaftlichen und lohnmässigen Gefälles zwischen der Schweiz und dem EU/Efta-Raum sowie sicherlich auch aufgrund der Limitierung der Zuwanderung aus den Drittstaaten. Das Phänomen beschränkt sich jedoch nicht nur auf ein Wiedererstarken der bestehenden Migrationsströme, sondern ist von einem fundamentalen Wandel geprägt: Die Zuwanderer, welche von 1950 bis 1980 vor allem aus Südeuropa stammten und niedrig qualifiziert waren, wurden mehr und mehr von hoch qualifizierten Migranten abgelöst.

Profil der Migrationsbevölkerung

Rund zwei Drittel der seit 2002 in die Schweiz eingewanderten Personen waren zwischen 20 und 39 Jahre alt. Je nach Herkunft ist dieser Anteil jedoch unterschiedlich: Er variiert zwischen 46% (Nordamerika) und 76% (EU8). Der Anteil der Männer an den Zugewanderten hat kontinuierlich zugenommen, von einer ausgeglichenen Geschlechterverteilung (100 Männer pro 100 Frauen) im Jahr 2003 auf 119 Männer pro 100 Frauen 2008. Wiederum spielt die geopolitische Herkunft eine Rolle bei der Geschlechterzusammensetzung: Während aus Lateinamerika vor allem Frauen einwandern (55 Männer pro 100 Frauen), sind es im Fall der EU17-Länder mehrheitlich Männer (138 Männer pro 100 Frauen). Ein weiteres Merkmal der neuen Zuwanderung ist, dass sie vermehrt aus Gründen der beruflichen Aktivität stattfindet, während der Familiennachzug stagniert.
Statistiken des Bundesamtes für Migration (BFM). Im Jahr 2002 waren noch 42% der Eintritte in die Schweiz durch Familiennachzug motiviert und nur 30% wegen der Ausübung einer Erwerbsarbeit (kontingentiert oder nicht). Sechs Jahre Später hat sich dieses Verhältnis umgekehrt: 31% der Zuwanderer kamen aus Gründen des Familiennachzugs in die Schweiz und rund die Hälfte zur Ausübung einer Erwerbsarbeit.Das sozioökonomische Profil der nach 2002 in die Schweiz Eingewanderten kann anhand der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) 2008 untersucht werden. Die Migranten – definiert anhand des Geburtsortes – können nach ihrem Zuzugsjahr unterschieden werden. Von den nach 2002 zugewanderten 25- bis 65-jährigen Männern bzw. 25- bis 64-jährigen Frauen sind mehr als drei Viertel erwerbstätig. Allerdings sind Unterschiede je nach Herkunft festzustellen: Bei den Zugewanderten aus EU15-Ländern beträgt die Erwerbstätigenquote 86%; bei asiatischen oder afrikanischen Staatsangehörigen sind es weniger als 60%.Die Mehrheit der nach 2002 Zugewanderten – genau: 53% – verfügen über ein tertiäres Ausbildungsniveau. Das sind bedeutend mehr als in der bereits länger ansässigen Bevölkerung, wo der entsprechende Anteil bei 34% für Schweizer und bei 23% für die vor 2002 zugewanderten Ausländer liegt. Diese Werte zeigen eindrücklich, wie sich das Bildungsniveau der neuen Zuwanderung gewandelt hat.Innerhalb der Gruppe der hoch qualifizierten Zuwanderer (d.h. Personen, die einen tertiären Bildungsabschluss haben oder einen als hoch qualifiziert eingestuften Beruf ausüben) sind grosse Unterschiede je nach Herkunftsländern festzustellen. So werden hoch qualifizierte Arbeitskräfte hauptsächlich in asiatischen oder EU27/Efta-Ländern rekrutiert. Personen aus dem Vereinigten Königreich sind dabei am häufigsten vertreten, gefolgt von Deutschen und Franzosen. Die Zuwanderung von hoch qualifizierten Personen überschneidet sich indes mit jener von mittel qualifizierten Personen, die im Dienstleistungssektor (inkl. personenbezogene Dienstleistungen) sowie im Baugewerbe, in der Hotellerie und im Gastgewerbe – insbesondere in den touristischen Regionen, allen voran der Genferseeregion – tätig sind. Zu den hauptsächlichen Herkunftsländern der niedrig oder mittel qualifizierten Zuwanderer gehört Portugal. Gemäss Sake sind die Universitätsstädte und die Regionen, welche multinationale Konzerne beherbergen (Basel-Stadt, Zürich, Arc Lémanique und Bern), die Hauptanziehungspunkte für hoch qualifizierte Zuwanderer. Auf der anderen Seite sind Luzern und Tessin die Kantone mit dem höchsten Anteil an Zuwanderern, die kein tertiäres Bildungsniveau aufweisen und nicht in hoch qualifizierten Berufen tätig sind. Ausserdem sind in jeder Region spezifische Schwerpunkte auszumachen: St. Gallen zieht in erster Linie Studierende an, Genf Diplomaten und internationale Funktionäre und Zug Leitende Angestellte von Unternehmen.

Lokale Differenzierung der neuen Zuwanderung

Die Zuwanderung widerspiegelt die regionale Spezialisierung, welche in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz festzustellen war, und verstärkt sie gleichzeitig. Die grossen Agglomeration ziehen multinationale Unternehmen, Fachhochschulen sowie private Bildungsinstitute und Finanzinstitute an, die als Motoren der hoch qualifizierten Zuwanderung gelten. Demgegenüber ist in den peripheren Regionen die Migration in traditionelle Sektoren – wie Tourismus, Industrie oder Baugewerbe – bestimmend. Nicht alle Regionen und Kantone haben in gleich grossem Ausmass von der Zuwanderung profitiert. Der relative Wanderungssaldo (Anzahl Zuzüge minus Anzahl Wegzüge pro 1000 Einwohner) dient als Indikator für die Ausprägung der Migration einer Region (siehe Grafik 2). Gemäss diesem Indikator weisen die Kantone Waadt und Basel-Stadt 2009 eine hohe Netto-Einwanderung (+16‰) auf, gefolgt von Genf (14‰) und Zürich (12‰). Am Schluss dieser Rangliste figurieren die peripheren Kantone Nidwalden, Jura und Appenzell-Innerrhoden.Diese Unterschiede sind mit der wirtschaftlichen Dynamik von Zürich, Basel und der Genferseeregion erklärbar. Dabei kann man sich zum Beispiel am Standortqualitätsindikator (SQI) der Credit Suisse orientieren,
Vgl. Sara Carnazzi Weber et al., Standortqualität: Welche Region ist die attraktivste? Swiss Issues Regionen, Credit Suisse, 2009. der seit 2004 vorliegt. Dieser Indikator umfasst fünf Faktoren: Die steuerliche Belastung der natürlichen Personen, jene der juristischen Personen, das Bildungsniveau der Bevölkerung, das Angebot an hoch qualifizierten Arbeitskräften und die verkehrstechnische Erreichbarkeit. Die Resultate für 2009 zeigen, dass es die Regionen mit der höchsten Sandortqualität sind, welche die grösste Zuwanderung zu verzeichnen haben. Die positive Korrelation zwischen SQI und Migrationssaldo lässt darauf schliessen, dass die neue Zuwanderung von der Suche nach besseren Erwerbsmöglichkeiten in den wirtschaftlich attraktivsten Regionen bestimmt wird.

Wirtschaftliche und soziale Folgen

Das Inkrafttreten des bilateralen Abkommens über die Personenfreizügigkeit mit der EU hat die Migrationsströme verändert. Sie sind seither von hoch qualifizierten Arbeitskräften bestimmt, deren Anziehungspunkte die Finanzzentren, die Institutionen der Forschung und Entwicklung (F&E), die grossen Ausbildungsinstitutionen, die multinationalen Unternehmen und die internationalen Organisationen sind. Diese Zuwanderung hat die Ungleichheiten in der demografischen und wirtschaftlichen Dynamik zwischen den zentralen und peripheren Regionen weiter verstärkt. Sie hat überdies die Nachfrage nach Wohnraum in den wirtschaftlich höher eingestuften Räumen stimuliert, was zu Spannungen auf den Immobilienmärkten geführt hat. Zudem hat sie der Verdichtung der Städte Vorschub geleistet und die Pendlerströme verstärkt; beides schafft grosse Herausforderungen im Bereich der Infrastruktur. Der Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen auf Schiene und Strasse sowie des Wohnangebots kann kaum mit dem migrationsbedingt sehr schnellen demografischen Wachstum der attraktivsten Regionen der Schweiz Schritt halten. Somit besteht ein langfristiger Planungsbedarf in diesen Bereichen. Diese Diskrepanz verstärkt zusätzlich die Spannungen zwischen der einheimischen und der zugewanderten Bevölkerung, was wiederum den sozialen Zusammenhalt negativ beeinflusst. Solches war kürzlich auf dem Zürcher Arbeitsmarkt zu beobachten, wo die starke Zuwanderung von Deutschen kritisch kommentiert wurde (der Anteil der Deutschen an der ständigen Wohnbevölkerung in Zürich hat sich seit 2002 von 2,7% auf 5% im Jahr 2008 erhöht). Auch im Genferseeraum war ähnliches zu beobachten.Auf der anderen Seite konnten die peripheren Regionen der Zentralschweiz, Appenzell und der Jura die Migration nicht zur Ankurbelung ihres wirtschaftlichen oder demografischen Wachstums nutzen. Das widerspiegelt sich auch in tieferen Steuererträgen.Angesichts der fortschreitenden Globalisierung und Spezialisierung der lokalen Märkte deutet nichts darauf hin, dass sich die Migration in den nächsten Jahrzehnten abschwächen wird. Mit den raschen Veränderungen in der Zusammensetzung von Herkunft und Kompetenzen der Zugewanderten dürfte die Integrations- und Migrationspolitik auch in den kommenden Jahrzehnten zu den wichtigsten Herausforderungen zählen.

Grafik 1: «Entwicklung der Anzahl Einwanderer in die Schweiz nach Herkunftsregion, 1991-2009»

Grafik 2: «Relativer Wanderungssaldo (für 1000 Einwohner) nach Kantonen, 2009»

Institut d’études démographiques et du parcours de vie I-Démo, Universität Genf

Ordinarius, Institut d’études démographiques et du parcours de vie I-Démo, Universität Genf

Institut d’études démographiques et du parcours de vie I-Démo, Universität Genf

Ordinarius, Institut d’études démographiques et du parcours de vie I-Démo, Universität Genf