Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Der wachsende Konkurrenzdruck unter den Wirtschaftsplätzen sowie die Herausforderungen im Bereich der Wirtschaftsentwicklung zwingen die Wirtschaftsförderung des Kantons Genf dazu, ihre Mittel gezielt einzusetzen. Folgende Grundsätze kommen dabei zur Anwendung: Qualität vor Quantität sowie Einhaltung bestimmter Grundwerte, dies sowohl bei den Aktivitäten im Inland wie auch im Ausland. Zudem gilt es Innovation zu fördern, ohne dabei die traditionelle Wirtschaft zu vernachlässigen. Damit eine für die unterschiedlichen Wirtschaftsbranchen geeignete Wirtschaftspolitik möglich ist, braucht es eine Vielzahl von Netzwerken und Kommunikationskanälen, die laufend unterhalten und weiterentwickelt werden.

Der Auftrag der Wirtschaftsförderung des Kantons Genf, des Service de la promotion économique du canton de Genève (Speg), ist im Rahmen des kantonalen Gesetzes, des Loi en faveur du développement de l’économie et de l’emploi (I 1 36), definiert. Ziel ist die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung des Kantons im Hinblick auf die Bewahrung der vorhandenen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Dieses Ziel soll mit der Förderung von Unternehmensgründungen, der Entwicklung der bestehenden Unternehmen sowie mit der Ansiedlung von Unternehmen im Kanton erreicht werden. Die Aktivitäten des Speg umfassen nicht nur die exogene Wirtschaftsförderung (d.h. das Anziehen von Unternehmen und Investitionen), sondern auch die Unterstützung der regionalen Wirtschaft, indem die ansässigen Unternehmen in ihrer Entwicklung und Innovationsfähigkeit gefördert werden (endogene Wirtschaftsförderung). Um eine kohärente Entwicklung sicherzustellen, muss die exogene Wirtschaftsförderung mit dem lokalen Wirtschaftsgefüge abgestimmt sein.

Exogene Wirtschaftsförderung

Als sichtbarster Teil der Wirtschaftsförderung sind die Aktivitäten in diesem Rahmen darauf ausgerichtet, Unternehmen zu Investitionen in unserer Region zu bewegen, aber auch, dass diese Investitionen mit dem vorhanden Wirtschaftsumfeld verträglich sind. Es ist die Aufgabe des Speg sicherzustellen, dass sie sich in die spezifische Wirtschaftsstruktur des Kantons Genf einfügen. Die Aktivitäten der Wirtschaftsförderung konzentrieren sich auf die wertschöpfungsstarken Branchen, da sie unsere Wirtschaft langfristig voranbringen können.Eine nur auf die steuerliche Attraktivität ausgerichtete Strategie ist kein langfristig gangbarer Weg. Wichtig ist, dass mit der Ansiedlung neuer Unternehmen auf Genfer Territorium die Perspektive einer gegenseitigen Entwicklung einhergeht, damit sich eine Win-Win-Situation ergeben kann. Das bedeutet einerseits, dass das Unternehmen die nötigen Voraussetzungen für sein Wachstum vorfindet, wie etwa kompetentes Personal und attraktive Rahmenbedingungen. Andererseits soll die lokale Wirtschaft vom Know-how des Neuankömmlings aus dem Ausland profitieren können. Zu diesem Zweck organisiert der Speg regelmässig Anlässe in der Schweiz und im Ausland, um den Austausch zu fördern sowie die Bindung zwischen der lokalen Wirtschaft und den multinationalen Unternehmen zu festigen.

Innovationsförderung

Die Schuldenkrise in der Europäischen Union (EU) und den USA ist begleitet von einer starken Aufwertung des Schweizer Frankens. Damit hat die Ansiedlung von exportorientierten Unternehmen einen Teil seiner Attraktivität eingebüsst, während die Verlagerung der Aktivitäten in den Euro- oder Dollarraum für die Aktionäre interessanter geworden ist. Deshalb ist es heute umso wichtiger, die Innovationsfähigkeit von Schweizer Unternehmen noch intensiver zu fördern. Das gilt vor allem für Branchen, in denen sie über ein grosses Know-how verfügen, wie etwa die Produktion von sehr kleinen, komplizierten oder präzisen Apparaten (Uhrmacherei, Biotechnologie, Medizinaltechnik usw.). Zu diesem Zweck wurde ein Unterstützungsdispositiv eingerichtet, das Coaching und Finanzierung sowie Austauschplattformen umfasst.Dieses Dispositiv ist darauf ausgerichtet, die Firmengründer bei der Entwicklung und Finanzierung ihres Unternehmens zu begleiten. Dabei geht es einerseits darum, den Kontakt mit Forschungsinstitutionen zu ermöglichen, welche die Unternehmen bei der Realisierung ihres Produkts unterstützen können. Andererseits soll die Verbindung zu potenziellen Kunden sowie möglichen Investoren hergestellt werden. Auch bestehende Unternehmen, die einen neuen Prozess oder ein neues Produkt einführen wollen, können von dieser Unterstützung profitieren. Trotz seiner Wirksamkeit ist das Dispositiv nicht ausreichend, um Innovation zu fördern. Dazu braucht es entsprechende Anreize für die Wirtschaftsakteure. Dies kann mit thematischen Plattformen zur Erleichterung des Austauschs erreicht werden. Dank dem Austausch zwischen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), Start-ups, Forschungseinrichtungen und multinationalen Unternehmen können sich neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben. In der Westschweiz gibt es eine grosse Zahl von Start-ups im Hightech-Bereich, welche vor dem Durchbruch stehen. Auf der anderen Seite sind multinationale Konzerne ständig auf der Suche nach disruptiven Innovationen, und diese können ihre internationalen Netzwerke ausspielen. Die Strategie besteht somit darin, eine Brücke zwischen den multinationalen Unternehmen und den lokalen KMU zu bauen, um die Entwicklung neuer Produkte zu fördern.Das kantonale Unterstützungsdispositiv besteht aus Begleitorganen – wie dem Office de la promotion de l’industrie et des technologies (OPI), der Fondation genevoise pour l’innovation technologique (Fongit), Genilem und Eclosion – sowie einer Finanzierungseinrichtung, der Fondation financer autrement les entreprises (FAE), welche subsidiär zu Banken und traditionellen Kreditinstituten fungiert. Das Dispositiv ist in eine regionale Struktur zur Innovationsförderung im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) eingebettet, welche die Initiativen Platinn und Alliance sowie die thematischen Plattformen Alp ICT, Bioalps, Cleantechalps und Micronarc umfasst.

Audit der Aktivitäten der Wirtschaftsförderung

Alljährlich werden die Resultate des Speg vom Office cantonal des statistiques (Ocstat) einem Audit unterzogen. Ziel ist es zu analysieren, welche Leistungen erbracht wurden und welche Unternehmen die Wirtschaftsförderung des Kantons Genf in Anspruch genommen haben. Auf der Basis dieser Untersuchungen der Jahre 2005–2010 lässt sich feststellen, dass 444 Unternehmen mit insgesamt 26 514 Beschäftigten mit den Organen der Genfer Wirtschaftsförderung in Kontakt getreten sind. Von diesen Unternehmen sind 352 lokale Firmen (191 etablierte und 161 in der Gründungsphase stehende Unternehmen). 92 ausserhalb des Kantons ansässige Unternehmen wurden bei ihrer Ansiedlung unterstützt. 58% der Unternehmen mit Kontakt zu einem Organ der Wirtschaftsförderung sind Kleinstunternehmen, 5% Grossunternehmen. Betrachtet man jedoch die Anzahl der Beschäftigten, ist das Verhältnis umgekehrt: Die Grossunternehmen stellen über 65% der Arbeitsplätze.Aus den Daten von 2005–2010 geht hervor, dass vier Fünftel der von der Wirtschaftsförderung unterstützten Unternehmen im dritten Sektor tätig sind, und zwar hauptsächlich in spezialisierten, wissenschaftlichen oder technischen Bereichen. Zudem üben 66% der Beschäftigten von unterstützten Unternehmen hoch qualifizierte Tätigkeiten aus (17,2% in der Spitzentechnologie und höherwertigen Industrien sowie 48,7% in den wissensintensiven Dienstleistungen).

Einfluss von Unternehmen mit Kontakt zur Wirtschaftsförderung auf die Genfer Wirtschaft

Die Audits von Ocstat werden einmal pro Legislatur mit einer umfassenden Evaluation der Wirtschaftsförderung ergänzt. Die Evaluation wird vom Créa-Institut auf der Basis eines Mandats der Direction générale des affaires économiques durchgeführt, welche dem Departement für regionale Angelegenheiten, Wirtschaft und Gesundheit untersteht. Dabei werden die Ziele der Wirtschaftsförderung sowie die Wirkungen ihrer Aktivitäten auf den Wirtschaftsplatz Genf untersucht. Die letzte Evaluation, die sich auf die Periode 2005–2009 bezieht, kommt zum Schluss, dass die wesentlichen strategischen Ziele des Regierungsrates für die abgelaufene Legislatur grösstenteils erreicht wurden.
Vgl. Délia Nilles, Tourane Corbière und Aurélien Piller: Évaluation générale de la politique de promotion économique de la République et Canton de Genève, Institut Créa de macroéconomie appliquée, Universität Lausanne.Die Strategie umfasste insbesondere folgende Zielsetzungen: Anregung und Unterstützung von Unternehmensgründungen, Erleichterung der Geschäftstätigkeit in Genf, Bildung neuer und Entwicklung der bestehenden Cluster sowie Verbesserung des Zugangs der Bürgerinnen und Bürger zu den staatlichen Leistungen. Generell haben die Massnahmen des Departements eine positive Wirkung erzeugt und überzeugende Resultate geliefert. Sie haben zur Dynamisierung und Diversifizierung der Genfer Wirtschaftsstruktur beigetragen.Bezüglich der Bildung neuer Cluster sind speziell die Anstrengungen zur Förderung des Cleantech-Bereichs zu betonen. Die Bildung dieses Clusters ist auf ein strukturiertes Vorgehen zurückzuführen: In einem ersten Schritt ging es darum, ein Inventar der im Kanton vorhandenen Kompetenzen in diesem Bereich zu erstellen. Anschliessend wurden die Kontakte zwischen den verschiedenen Akteuren – wie NGO, multinationale Unternehmen, Finanzinstitute, Forschungsinstitute, Verwaltungseinheiten und lokale KMU – erleichtert. Ein weiterer Schritt bestand schliesslich in der Gründung eines speziell auf diese Technologien ausgerichteten Inkubators, der nicht nur Start-ups beherbergt, sondern auch als Treffpunkt und Plattform zur Unterstützung von Cleantech-Projekten fungiert. Ein solches Beispiel ist das Projekt Tosa zur Entwicklung eines Elektrobusses ohne Kontaktdraht, der sich jeweils an den Haltestellen auflädt: Es vereint den Ausrüster ABB, die Transports Public Genevois (TPG), die Services Industriels de Genève (SIG) sowie das OPI.Mit der Schaffung einer Webseite zur Unternehmensgründung wurde auch der Zugang der Bevölkerung zu den Dienstleistungen der Speg vereinfacht. Diese enthält unter anderem detaillierte Informationen zu den reglementierten Berufen und Tätigkeiten.Der Evaluationsbericht hat schliesslich analysiert, welche Wirkung auf die Genfer Wirtschaft von den Unternehmen ausging, die mit einem Organ der Wirtschaftsförderung Kontakt hatten. Die Wirkung wurde insbesondere anhand der Anzahl Unternehmen und Arbeitsplätze sowie der Branchenzugehörigkeit gemessen. Daraus geht hervor, dass Unternehmen mit entsprechenden Kontakten zwar nur 2% der auf dem Genfer Staatsgebiet Territorium ansässigen Unternehmen ausmachen, jedoch 10% aller Arbeitsplätze repräsentieren. Der Anteil am kantonalen BIP dieser Unternehmen hat sich von 4,6% Ende 2005 auf 13,7% Ende 2009 vergrössert.Ausserdem hat die Studie den Wandel in der Ausrichtung der Wirtschaftsförderung hin zu produktiveren und wissensintensiveren Branchen aufgezeigt. Dies unterstreicht, dass das Ziel einer vermehrt auf wertschöpfungsstarke Branchen ausgerichteten Wirtschaftsförderung erreicht worden ist und nun Früchte trägt.

Fazit

Die unterschiedlichen Analysen zeigen, dass ein langfristiger Ansatz der Wirtschaftsförderung mit einer Ausrichtung auf wertschöpfungsstarke Branchen eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur fördern und beibehalten sowie ein ausgeglichenes und widerstandsfähiges Wirtschaftswachstum garantieren kann. Immer wichtiger wird die Innovationsförderung, da sie das zur Herausbildung von Clustern notwendige Know-how schafft.

Grafik 1: «Genfer Unternehmen mit Kontakt zu einem Organ der Wirtschaftsförderung: Relative Anzahl und Beschäftigte, nach Unternehmensgrösse»

Grafik 2: «Genfer Unternehmen mit Kontakt zu einem Organ der Wirtschaftsförderung – relative Anzahl und Beschäftigung nach Tägigkeitsgebiet»

Directeur du Service de la promotion économique du canton de Genève

Directeur du Service de la promotion économique du canton de Genève