Die Volkswirtschaft

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Die Wirtschaftskrise von 2008/09 hat die exportorientierte Industrie in der Schweiz in besonderem Ausmass getroffen. Zudem werden die Schweizer Produzenten durch die aktuelle konjunkturelle Schwäche in Europa, die Frankenstärke sowie die harte internationale Konkurrenz aus Asien erneut gefordert. Im langfristigen internationalen Vergleich übertrifft das Wachstum der Industrieproduktion in der Schweiz jedoch das der meisten anderen Industriestaaten. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch starke Umstrukturierungen innerhalb der Industrie. Dominante Sektoren wie Pharma und Elektronik/Optik/Uhren haben seit den 1990er-Jahren starkes Wachstum generiert und ihren Anteil an der gesamten Industriewertschöpfung deutlich gesteigert.

Vergleich Industrieproduktion international

In den meisten Industriestaaten ist ein sinkender Anteil der Wertschöpfung im Industriesektor am gesamten Bruttoinlandprodukt (BIP) beobachtbar. Dieses Phänomen der Postindustrialization
Definition nach Weltbank. ist auf die wachsende Bedeutung des Dienstleistungssektors in den Industriestaaten zurückzuführen. In der Schweiz hat sich der Anteil der Industrie am BIP seit 1980 von 23,8% auf 18,1% in 2011 reduziert.Der Rückgang dieses Anteils bedeutet natürlich nicht, dass die Produktion im Schweizer Industriesektor absolut ebenfalls zurückgegangen ist. Im Vergleich mit den wichtigen Industrienationen – wie Deutschland, Frankreich, USA und Japan – hat sich die Industrieproduktion
Der Produktionsindex der Industrie reflektiert das Produktionsvolumen im Verarbeitenden Gewerbe, d.h. ohne Bergbau, Energie- und Wasserversorgung. Das Baugewerbe wird vom Index ebenfalls nicht erfasst. in der Schweiz sogar aussergewöhnlich stark entwickelt (siehe Grafik 1). Seit den 1990er-Jahren übertrifft das Wachstum der Schweizer Industrie dasjenige in praktisch allen anderen grossen Ländern. Verglichen mit Südeuropa und Grossbritannien erscheint das Wachstum besonders stark. Auch in den letzten Jahren zeigte die Schweizer Industrie eine solide Entwicklung. Der markante Einbruch 2008/09 konnte in der Schweiz zwar noch nicht ganz wettgemacht werden, dies im Gegensatz zur Industrieproduktion in Deutschland, welche das Niveau von vor der Krise praktisch wieder erreicht hat. Die Industriesektoren in Frankreich und Japan haben sich seit Mitte der 1990er-Jahre unterdurchschnittlich entwickelt und haben in jüngster Vergangenheit massiv unter der Finanz- und Wirtschaftskrise gelitten. Deren Produktionsindizes liegen weit unterhalb der bisher erreichten Maximalwerte. In Japan wurden die Aufholeffekte durch die Erbeben- und Tsunamikatastrophe anfangs 2011 stark getrübt.

Branchenspezifische Entwicklung 1997–2010

Die neuen vom Bundesamt für Statistik (BFS) berechneten Zahlen zur Wertschöpfung der Schweizer Industrie
Die neuen Daten des BFS beziehen sich auf die Sektorgliederung nach Noga 2008. zeigen, wo diese international starke Entwicklung der Schweizer Industrie herrührt. Die Stärken der letzten 15 Jahre sind auf einige wenige, für die Schweiz sehr bedeutende Branchen zurückzuführen, während sich die meisten mittelgrossen Industriezweige ordentlich behaupteten. Deutlich negativ entwickelten sich praktisch nur Branchen, welche 1997 an der gesamten industriellen Wertschöpfung bereits einen geringen Anteil hatten. Dies äussert sich auch im durchschnittlichen Wachstum der gesamten Industrie, das von 1997-2010 2,1% betrug, was leicht über dem durchschnittlichen Wachstum des BIP liegt.Wie Grafik 2 zeigt, entwickelten sich die grossen Sektoren Pharma, Nahrungsmittel/Tabak, Elektronik/Optik/Uhren sowie Kokerei/Mineralöl/Chemie sehr positiv. Die Pharmaindustrie verdreifachte ihre reale Wertschöpfung in dieser Zeit. Die Sektoren Maschinen sowie Metalle stagnierten hingegen. Negativ veränderten sich eher kleine Branchen wie Textilien/Bekleidung, Papier/Pappe, Druckerzeugnisse und Möbel.Erste Zahlen zum Jahr 2011 werden vom BFS Ende August 2012 veröffentlicht. Für die Gesamtwertschöpfung der Industrie weist das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) bis zum 1. Quartal 2012 aber bereits Quartalszahlen aus.
Künftig werden vom Seco auch auf Quartalsebene Zahlen zu den einzelnen Sektoren der Industrie berechnet. Demzufolge konnte die Gesamtindustrie 2011 um 3,9% im Vergleich zum Vorjahr zulegen. Trotzdem kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Stärke der Schweizer Währung an den exportorientierten Industriebranchen spurlos vorbeigeht. Bremsspuren sind denn auch im ersten Quartal 2012 bei der Wertschöpfung der Industrie sichtbar (–1,1% im Vergleich zum Vorquartal, saisonbereinigt). Aussergewöhnlich erscheint diese Entwicklung bisher aber nicht angesichts der starken konjunkturellen Abkühlung in Europa.

Fazit

Die Schweizer Industrielandschaft erfuhr über die letzten 15 Jahre einen Strukturwandel, welcher die treibende Kraft hinter dem starken Industriewachstum ist. Die Entwicklung einzelner Branchen war dermassen stark, dass die Schweiz im internationalen Vergleich zu jenen entwickelten Volkwirtschaften gehört, welche seit Mitte der 1990er-Jahre die höchsten Wachstumsraten in der Industrie verzeichnen konnten. Ob die Entwicklung in diesem Tempo weitergehen kann, ist insbesondere angesichts der harten Schweizer Währung ungewiss.

Grafik 1: «Produktionsindex der Industrie (Verarbeitendes Gewerbe), Schweiz und international, 1995–2012»

Grafik 2: «Wachstum einzelner Industriebranchen, 1997–2010»

Dr. rer. oec., Leiter Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Dr. rer. oec., Leiter Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern