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Obwohl die asiatische Wirtschaft faktisch zusammenwächst, verfolgen die asiatischen Staaten gegenwärtig keine gemeinsame Initiative zur Schaffung eines integrierten asiatischen Marktes. Vielmehr haben sich asiatische Staatengruppen auf regionaler Ebene das Ziel gesetzt, nationale Märkte zusammenzuführen – allerdings mit unterschiedlichen Resultaten und zuweilen im Kontrast zum beschränkten regionalen Fokus der Wirtschaft.

Eine Studie der asiatischen Entwicklungsbank vom Juli 2012
Asian Development Bank, Asian Economic Integration Monitor – July 2012, Mandaluyoung City, 2012 (im Folgenden: ADB Monitor 2012). zeigt die immer dichtere wirtschaftliche Vernetzung in Asien: Handel, Direktinvestitionen, Kapitalflüsse und Tourismus innerhalb Asiens nehmen gegenwärtig stärker zu als zwischen Asien und anderen Weltregionen.
Asien wird hier wie folgt definiert: Ostasien (China, Hong Kong, Japan, Mongolei, Südkorea, Taiwan), Südasien (Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Indien, Malediven, Nepal, Pakistan, Sri Lanka), Südostasien (Brunei Darussalam, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam) und dem Pazifik (Australien, Cookinseln, Fidschi, Kiribati, Marshallinseln, Mikronesien, Nauru, Neuseeland, Palau, Papua Neu Guinea, Samoa, Salomonen, Timor-Leste, Tonga, Tuvalu, Vanuatu). Der intra-asiatische Warenhandel lag im Jahr 2010 mit über 59% nur wenige Prozentpunkte hinter jenem der EU27 (64%) zurück. Eine Erklärung dafür sind die immer fragmentierteren Produktionsketten und ein dementsprechend florierender Handel mit Halbfabrikaten, insbesondere im Raum Süd- und Südostasien.
ADB Monitor 2012, S. 17. Nichtsdestotrotz unterscheiden sich der Grad der wirtschaftlichen Vernetzung und die Intensität zwischenstaatlicher wirtschaftlicher Integrationsbestrebungen innerhalb und zwischen einzelnen asiatischen Regionen markant. Der folgende Artikel skizziert solche Unterschiede (siehe Kasten 1

Bilaterale Initiativen

Neben den hier besprochenen Abkommen zwischen mehreren beteiligten Partnern haben asiatische Staaten auch diverse bilaterale Handelsabkommen untereinander abgeschlossen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Asian Noodle Bowl. In der Datenbank des Regional Integration Centres der Asiatischen Entwicklungsbank werden 43 zwischen zwei asiatischen Staaten abgeschlossene oder gegenwärtig verhandelte bilaterale Handelsabkommen aufgeführt.

).

Südostasien (Asean)

In Südostasien hat der Warenhandel in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich zugenommen (siehe Grafik 1). Er entspricht gegenwärtig jedoch lediglich 26% des gesamten südostasiatischen Handelsvolumens. Direktinvestitionen werden noch spärlicher innerhalb der eigenen Region getätigt. 2008 bis 2010 waren es im Schnitt 17%
ADB Monitor 2012, SS. 19-20. (EU: 56% im Jahr 2010
Eurostat, Statistic in Focus 3/2012, European Union, 2012.). Mit 31% der gesamten südostasiatischen legalen Migration sind die Migrationsströme innerhalb Südostasiens im asiatischen Vergleich hoch, wenn auch deutlich tiefer als etwa in der EU (53%) oder in Nordamerika (86%).
ADB Monitor 2012, S. 32.Dennoch ist die wirtschaftliche Integration zwischen den südostasiatischen Staaten im Rahmen der Association of Southeast Asian Nations (Asean) fortgeschritten. Die Asean wurde bereits 1967 gegründet und zählt heute Brunei Darussalam, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, die Philippinnen, Singapur, Thailand und Vietnam zu ihren Mitgliedern. Im Wirtschaftsbereich haben sich die zehn Asean-Mitglieder das Ziel gesetzt, bis 2015 eine Economic Community – eine Wirtschaftsgemeinschaft – zu bilden. Angestrebt werden insbesondere freier Verkehr von Gütern, Dienstleistungen, Investitionen und qualifizierten Arbeitskräften sowie ein freierer Kapitalverkehr. Mit dem Güterhandelsabkommen, dem Dienstleistungs-Rahmenabkommen und dem Investitionsabkommen sowie mit diversen weiteren Initiativen zur Zusammenarbeit – wie etwa in den Bereichen geistiges Eigentum, Konsumentenschutz oder Wettbewerbspolitik – wurden Etappenziele erreicht. Gleichzeitig hat das Asean-Sekretariat vor kurzem die Mitgliedstaaten zu einer verbesserten Umsetzung laufender Integrationsinitiativen aufgerufen.
Asean Secretariat, Asean Economic Community Scorecard, Jakarta, 2012, S. 17. Ob die Asean ihr sehr ambitioniertes Ziel einer Wirtschaftsgemeinschaft bis 2015 erreichen wird, ist fraglich.

Über Südostasien hinausgehende Initiativen

Da sich der Wirtschaftsraum Südostasien stärker gegen aussen als gegen innen orientiert – der Warenhandel mit China, Japan und Südkorea übertrifft denjenigen unter den Asean-Staaten –, überrascht es kaum, dass die Organisation intensive Beziehungen mit asiatischen Partnern pflegt. Ein Blick auf das Programm im Anschluss an das 19. Asean Gipfeltreffen vom 17. November 2011 in Bali zeigt dies beispielhaft auf: Unmittelbar nach dem Gipfel fanden Treffen mit China, Japan und Südkorea (sog. Asean+3) sowie mit Australien, Indien, Neuseeland, Russland und den USA (East Asia Summit oder sog. Asean +8) statt. Die seit Jahren gepflegten Dialoge mit einzelnen Staaten und Staatengruppen haben auch die wirtschaftliche Integration zwischen diesen Partnern gefördert. Mit China, Indien, Japan und Südkorea sowie Australien und Neuseeland hat die Asean Handelsabkommen abgeschlossen und die Zusammenarbeit auch in weiteren Wirtschaftsbereichen vertieft (siehe Kasten 2

Regionaler Reservemechanismus

Ein Beispiel der Zusammenarbeit im Finanzbereich ist die Chiang Mai Initiative. Sie wurde nach der Asienkrise von 1997 und 1998 im Jahr 2000 von der Asean zusammen mit China, Japan und Südkorea lanciert. Zunächst wurde das bestehende Netz bilateraler Swap-Vereinbarungen ausgeweitet. Heute regelt ein einziger multilateraler Vertrag den inzwischen mit 240 Mrd. US-Dollar bestückten Reservemechanismus zur Verhinderung von Liquiditätsengpässen.

). Ein nächster Schritt wäre die Konsolidierung dieser Prozesse in einem Abkommen zwischen der Asean und mehreren Partnerstaaten. Diesbezügliche Ideen sind auf dem Tisch: Im Rahmen eines Asean+3-Treffens wurde die Idee einer East Asia Free Trade Area formuliert, und anlässlich eines East Asia Summit wurde eine Comprehensive Economic Partnership for East Asia vorgeschlagen. Beide Vorschläge werden im Rahmen dieser Foren weiterverfolgt.
Chairman’s Statement on the 4th East Asia Summit, Cha-am Hua Hin, Thailand, 25 October 2009, Paragraph 19; Chairman’s Statement of the 12th Asean Plus Three Summit, Cha-am Hua Hin, Thailand, 24 October 2009, Paragraph 13.

Ostasien (China-Japan-Korea)

Die Idee eines Abkommens der Asean mit China, Japan und Südkorea (Asean+3) hat im Mai 2012 indirekt Auftrieb erhalten. Während des fünften jährlichen trilateralen Gipfeltreffens zwischen China, Japan und Südkorea haben die drei Staaten nicht nur ein trilaterales Investitionsabkommen abgeschlossen, sondern gleichzeitig die Aufnahme von Verhandlungen über ein trilaterales Freihandelsabkommen noch im laufenden Jahr angekündigt.
The Fifth Trilateral Summit Meeting among The People’s Republic of China, the Republic of Korea and Japan, Joint Declaration on the Enhancement of Trilateral Comprehensive Cooperation Partnership, 13 May 2012, Beijing, China, Paragraph 12.Angesichts des intensiven Austauschs zwischen den ostasiatischen Volkswirtschaften überrascht die Initiative kaum: Der intraregionale Handel ist deutlich höher als in Süd- und Südostasien. Japanische und südkoreanische Import- und Exportstatistiken führen China jeweils an erster Stelle auf. Japan wiederum ist der wichtigste Beschaffungsmarkt Chinas. Auch der Anteil der intraregionalen Migration liegt mit 31% auf einem für asiatische Verhältnisse hohen Niveau.
ADB Monitor 2012, S. 32. Die Transportinfrastruktur ist in Ostasien von einer im asiatischen Vergleich hohen Qualität.
ADB Monitor 2012, SS. 37–38. Dies begünstigt wesentlich den wirtschaftlichen Austausch – auch in der eigenen Region.

Südasien (Saarc)

Ein ganz anderes Bild gibt Südasien ab. Südasiatische Volkswirtschaften handeln deutlich stärker mit anderen asiatischen Regionen
ADB Monitor 2012, S. 17. als innerhalb der eigenen Region (4%). Die legale Migration innerhalb Südasiens ist nicht wesentlich tiefer als in Ostasien; doch deutlich mehr Südasiaten migrieren in eine andere Region, nämlich in den Mittleren Osten (41%).
ADB Monitor 2012, S. 32.Auf staatlicher Ebene wurde hingegen bereits 1985 die South Asian Association for Regional Cooperation (Saarc) gegründet. Mitglieder der Saarc sind heute Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Indien, die Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka. Anfang der 1990er-Jahre haben die Saarc-Staaten ein Zollpräferenzabkommen abgeschlossen, welches den Weg für das umfassendere Abkommen South Asian Free Trade Area und das Dienstleistungshandelsabkommen ebnete. Weitere Initiativen fokussieren z.B. auf die Harmonisierung von Standards oder Zollverfahren. Im Rahmen der Saarc wurde auch schon das Ziel einer Wirtschaftsunion erwähnt;
Declaration to the Seventeenth SAARC Summit in Addu, Maldives, of 10–11 November 2011, Paragraph 16. doch die südasiatischen Staaten sind noch weit davon entfernt.

Südasien-Südostasien (Bimstec)

Noch weniger weit fortgeschritten dürften die Initiativen der Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation (Bimstec) mit den Mitgliedern Bangladesch, Bhutan, Indien, Myanmar, Nepal, Sri Lanka und Thailand sein. Der Grundstein der Bimstec wurde 1997 gelegt, doch der Name wird erst seit 2004 verwendet. Im gleichen Jahr wurde das Bimstec Free Trade Area Framework Agreement unterzeichnet, welches einen Rahmen für die Aushandlung von Abkommen über die Liberalisierung des Waren- und Dienstleistungshandels und der Investitionsregimes bilden soll.

Südasien-Ostasien

Bereits 1975 haben einige asiatische Staaten ein Zollpräferenzabkommen abgeschlossen (Bangkok Agreement), dessen Name im Jahr 2005 in Asia-Pacific Trade Agreement (Apta) geändert wurde. Heute sind Bangladesch, China, Indien, Laos, Sri Lanka und Südkorea Mitglieder des Apta, dem einzigen regionalen Handelsabkommen, das die immensen Wachstumsmärkte China und Indien verbindet. Gemäss der UN Economic and Social Commission for Asia dürften weitere asiatische Staaten dem Abkommen beitreten (siehe Kasten 3

Asien vs. Pazifik

Wegen der potenziellen gesamtasiatischen Tragweite sollten die Asean- und die Apta-Prozesse auch mit dem wirtschaftlichen Integrationsprozess rund um den Pazifik in Verbindung gebracht werden. Die Mitgliedstaaten der 2006 in Kraft getretenen, umfassenden Trans-Pacific Strategic Economic Partnership (Brunei Darussalam, Chile, Neuseeland und Singapur) führen im Moment Verhandlungen mit Australien, Kanada, Malaysia, Mexiko, Peru, den USA und Vietnam über ein Trans Pacific Partnership Agreement (TPP). Oft wird in Zusammenhang mit dem TPP der Begriff High-Quality, Comprehensive 21st Century Free Trade Agreement verwendet. Staaten wie Japan oder die Philippinen äusserten Interesse am TPP. Welche Resultate der Asean- und der TPP-Prozess hervorbringen und welche Staaten sich an welchen Prozessen beteiligen werden, wird die Zukunft zeigen.

). Basierend auf den kürzlich abgeschlossenen drei Rahmenabkommen über Investitionen, über die Erleichterung des Güterhandels und über den Handel mit Dienstleistungen könnte die wirtschaftliche Integration zwischen den Apta-Mitgliedstaaten in Zukunft auch in qualitativer Hinsicht zulegen.

Ozeanien und Pazifik (Pacific Islands Forum)

In Ozeanien und im Pazifik unterstützt das Pacific Islands Forum die wirtschaftliche Integration zwischen Australien, Neuseeland und den pazifischen Inseln. Bereits 1980 wurde das South Pacific Regional Trade and Economic Cooperation Agreement abgeschlossen, mit dem Australien und Neuseeland den übrigen Parteien einen präferenziellen Marktzugang gewährleisten. 2001 haben die Inselstaaten als Rahmen für eine weitergehende wirtschaftliche Integration das Pacific Agreement on Closer Economic Relations und gleichzeitig das Pacific Island Countries Trade Agreement unterzeichnet. Verhandlungen über ein Dienstleistungsabkommen sind gegenwärtig im Gang. Parallel dazu verhandeln die Inselstaaten zusammen mit Australien und Neuseeland über ein Pacific Agreement on Closer Economic Relations Plus. Dieses Abkommen soll umfassender sein und neben dem Waren- und dem Dienstleistungshandel sowie Investitionen auch wirtschaftliche Zusammenarbeit und weitere Themen abdecken.

Fazit

Selbst nach kurzer Analyse kann gesagt werden, dass innerhalb Asiens die Region Ostasien wirtschaftlich besonders dicht verflochten ist – auch mit Südostasien. Gleichzeitig haben die südostasiatischen Staaten bei der Zusammenführung ihrer und angrenzender Märkte die bedeutendsten Fortschritte erzielt. Die Integrationsprozesse rund um die Asean und das Apta könnten sich in Zukunft vielleicht über weitere asiatische Regionen ausdehnen. Insgesamt erreicht keine der hier aufgeführten Initiativen die Intensität des Integrationsprozesses innerhalb der EU, wo die Mitgliedstaaten Kompetenzen an eine supranationale Organisation abgegeben haben. Viele asiatische Initiativen teilen aber mit der EU das Ziel, über die wirtschaftliche Integration hinaus auch den Frieden und die Sicherheit in der Region fördern zu wollen.

Grafik 1: «Intraregionaler Warenhandel in Asien 1990–2010»

Tabelle 1: «Ausgewählte Eckdaten zur wirtschaftlichen Integration und Vernetzung in Asien»

Kasten 1: Bilaterale Initiativen

Bilaterale Initiativen

Neben den hier besprochenen Abkommen zwischen mehreren beteiligten Partnern haben asiatische Staaten auch diverse bilaterale Handelsabkommen untereinander abgeschlossen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Asian Noodle Bowl. In der Datenbank des Regional Integration Centres der Asiatischen Entwicklungsbank werden 43 zwischen zwei asiatischen Staaten abgeschlossene oder gegenwärtig verhandelte bilaterale Handelsabkommen aufgeführt.

Kasten 2: Regionaler Reservemechanismus

Regionaler Reservemechanismus

Ein Beispiel der Zusammenarbeit im Finanzbereich ist die Chiang Mai Initiative. Sie wurde nach der Asienkrise von 1997 und 1998 im Jahr 2000 von der Asean zusammen mit China, Japan und Südkorea lanciert. Zunächst wurde das bestehende Netz bilateraler Swap-Vereinbarungen ausgeweitet. Heute regelt ein einziger multilateraler Vertrag den inzwischen mit 240 Mrd. US-Dollar bestückten Reservemechanismus zur Verhinderung von Liquiditätsengpässen.

Kasten 3: Asien vs. Pazifik

Asien vs. Pazifik

Wegen der potenziellen gesamtasiatischen Tragweite sollten die Asean- und die Apta-Prozesse auch mit dem wirtschaftlichen Integrationsprozess rund um den Pazifik in Verbindung gebracht werden. Die Mitgliedstaaten der 2006 in Kraft getretenen, umfassenden Trans-Pacific Strategic Economic Partnership (Brunei Darussalam, Chile, Neuseeland und Singapur) führen im Moment Verhandlungen mit Australien, Kanada, Malaysia, Mexiko, Peru, den USA und Vietnam über ein Trans Pacific Partnership Agreement (TPP). Oft wird in Zusammenhang mit dem TPP der Begriff High-Quality, Comprehensive 21st Century Free Trade Agreement verwendet. Staaten wie Japan oder die Philippinen äusserten Interesse am TPP. Welche Resultate der Asean- und der TPP-Prozess hervorbringen und welche Staaten sich an welchen Prozessen beteiligen werden, wird die Zukunft zeigen.

Dr. iur., Leiter Corporate Responsibility und Nachhaltigkeit, Raiffeisen Schweiz, St. Gallen

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