Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Der Bundesrat hat am 27. Juni 2012 den Bericht «Risikokapital in der Schweiz» verabschiedet. Der Bericht liefert die erste Gesamtschau des Bundes über den Schweizer Risikokapitalmarkt und kommt zum Schluss, dass dieser Markt grundsätzlich gut funktioniert. Der Fokus der Politik des Bundesrates auf die ständige Verbesserung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen hat sich grundsätzlich auch für diesen Bereich bewährt. Weitere Verbesserungen sind beispielsweise bei den steuerlichen Rahmenbedingungen oder im Aktienrecht geplant.

Die neu gegründeten Unternehmen in den wachstumsstarken Sektoren haben einen bedeutenden Anteil an den neu geschaffenen Arbeitsplätzen und tragen zur Erneuerung der Wirtschaftsstrukturen bei. Die neuen Unternehmen schaffen in ihrem Gründungsjahr jährlich über 20 000 Arbeitsstellen. Schätzungen gehen davon aus, dass über 350 000 der heutigen Arbeitsplätze durch Jungunternehmen in den letzten zehn Jahren geschaffen wurden. Dies ist der Hauptgrund dafür, dass Bund, Kantone und Gemeinden dieser Kategorie von Unternehmen besondere Aufmerksamkeit schenken. Wenn junge Unternehmen gute Rahmenbedingungen vorfinden, so sind dies beste Voraussetzungen zur Stärkung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft.

Die Schweiz im internationalen Vergleich

Verschiedene internationale Vergleiche zeigen regelmässig: Die Schweiz ist eines der innovativsten und wettbewerbsfähigsten Länder. Die Stärken der Schweiz liegen – neben guten Rahmenbedingungen – vor allem im Generieren von Ideen und Forschungsresultaten. Die Schweiz gehört zu den führenden Forschungsnationen. Gemessen an der Anzahl Patentanmeldungen pro Einwohner ist die Schweiz das aktivste Land der OECD. Die hohe Zahl der Patentanmeldungen hängt auch mit der Schweiz als Konzernstandort zusammen. Ein grosser Teil der Patente wird von Grossunternehmen angemeldet.Eine grosse Herausforderung liegt darin, diese zahlreichen Ideen zur Marktreife zu bringen. Die im Vergleich beispielsweise mit den USA zurückhaltende Unternehmer- und Risikokultur in der Schweiz wirkt dabei eher hemmend.Innovationsfähigkeit sowie Unternehmertum und Rahmenbedingungen für Risikokapital müssen ständig weiter verbessert werden. Mit einer Wirtschaft, die immer stärker im globalen Wettbewerb steht, ist es für die verhältnismässig kleine Schweiz nicht von Vorteil, dass die kritische Höhe von Investitionstransaktionen eine grosse Bedeutung hat. Die Schweiz muss deshalb bessere Rahmenbedingungen anbieten als andere Länder, um ihre führende Position im Bereich Innovation zu behalten.Im Gegensatz zur Schweiz kennen viele Staaten direkte Förderbeiträge für Jungunternehmen. Die Schweiz unterstützt Unternehmensgründungen mit professioneller Beratung – ein aus Unternehmersicht kritischer Erfolgsfaktor – sowie mit Hilfestellung bei der Suche nach geeigneten Partnern. Das gewerbeorientierte Bürgschaftswesen kann einem Teil der Neugründungen zu Bankkrediten verhelfen.Aktuelle Zahlen der European Private Equity and Venture Capital Association (EVCA) zeigen, dass die Schweiz zu den Ländern mit einem stärker entwickelten Venture Capital-Markt gehört. Die Schweiz belegte 2011 beim prozentualen Anteil Investitionen in Venture Capital
Die EVCA definiert Venture Capital als Unterkategorie von Private Equity, die Eigenkapital-Investitionen in die Einführung, die frühe Entwicklung oder die Erweiterung einer Unternehmensaktivität umfasst (Seed, Start-up und Later Stage Capital). am BIP hinter Schweden, Dänemark, Grossbritannien und Finnland den fünften Platz (siehe Grafik 1). Die gute Position der Schweiz wird auch durch den Global Venture Capital and Private Equity Country Attractiveness Index 2011 bestätigt. Die Schweiz nimmt in diesem internationalen Vergleich ebenfalls den fünften Platz hinter den USA, Grossbritannien, Kanada und Singapur ein.

Risikokapital in der Schweiz

Abgesehen von einem Rückgang der Totalinvestitionen während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 hat sich das investierte Risikokapital in der Schweiz in den letzten Jahren positiv entwickelt. Risikokapital wird vermehrt in einer späteren Phase eingesetzt, wo das Risiko kleiner und die Aussichten auf einen minimalen finanziellen Ertrag grösser sind. Der Zufluss von Risikokapital aus dem Ausland übersteigt den Abfluss von einheimischem Kapital regelmässig; das heisst es ist ein Netto-Zufluss von Risikokapital in die Schweiz festzustellen (siehe Tabelle 1).Die Konsolidierung der Risikokapitalflüsse zeigt, dass der Schweizer Markt offen ist und zu einem grossen Teil durch Mittel aus dem Ausland versorgt wird. Ausländische Investitionen wurden besonders bei Unternehmensübernahmen angezogen. Daraus lässt sich schliessen, dass der Schweizer Markt im Allgemeinen ausreichend mit Risikokapital versorgt ist, was die bedeutenden Operationen und Firmenrückkäufe betrifft. Dasselbe gilt aber nicht notwendigerweise für die frühen Phasen des Unternehmenszyklus; in diesem Segment werden ausländische Fonds nur selten tätig.Die Statistiken der EVCA bestätigen, dass die Investitionen vor allem in späteren Phasen getätigt werden (siehe Tabelle 2). Das investierte Kapital in der frühen (Seed und Start-up), in der späteren (Later) sowie in der Wachstumsphase (Growth) ist in den letzten fünf Jahren dramatisch um etwa zwei Drittel zurückgegangen. Gemäss KTI-Tätigkeitsbericht 2011 liegt die Schweiz damit weit hinter anderen Ländern Europas zurück, die im Schnitt sogar einen Zuwachs an investiertem Kapital verzeichnen. Dabei haben insbesondere Geschäftsideen zu kämpfen, die noch ganz am Anfang stehen.

Potenzielle Lücken im Risikokapitalmarkt

Als Innovation-Gap – oder Innovationslücke – wird die Lücke zwischen dem bezeichnet, was die Forschung an Wissen produziert, und dem, was in der Wirtschaft gebraucht wird, um daraus Gewinn zu schlagen. Idealerweise können innovative Konzepte immer zum kommerziellen Erfolg geführt werden. In der Realität ist dies aber kaum der Fall. Ursache für eine Innovation Gap können u.a. die Risikoaversion der Unternehmen oder mangelhafte Vernetzung zwischen Forschung und Wirtschaft sein.Als möglicher Indikator für das Erkennen einer Innovation-Gap kann der Global Innovation Index (GII)
Vgl. http://www.globalinnovationindex.org. der Insead
Insead (früher «Institut Européen d’Administration des Affaires») ist eine Business School mit verschiedenen Standorten auf der ganzen Welt. herangezogen werden. Die Schweiz belegt 2012 in diesem Vergleich den ersten Platz. Während andere Indikatoren zur Innovation den Input – wie z.B. Forschungsausgaben, Anzahl Publikationen etc. – messen und vergleichen, versucht der GII auch den Output einzubeziehen, um Aussagen über die Qualität und Marktfähigkeit der Innovationen zu machen.Eine Information Gap – oder Informationslücke – existiert, wenn die Marktteilnehmer nicht über genügend Informationen verfügen: Investoren müssen von Innovationsprojekten und die jungen Unternehmen von möglichen Finanzierungsquellen Kenntnis haben. Gerade für junge Unternehmen, die noch nicht über ein grosses Netzwerk verfügen, kann die Suche nach potenziellen Investoren mit relativ hohen Transaktionskosten verbunden sein. Verschiedene private Initiativen versuchen deshalb, junge Unternehmen und potenzielle Investoren über Vermittlungsplattformen zusammenzubringen.Bei einer Funding Gap – oder Finanzierungslücke – sind nicht genügend finanzielle Mittel verfügbar, um die vorhandenen Produktideen zur Marktreife und zum Erfolg zu bringen. Eine Finanzierungslücke kann in verschiedenen Phasen des Lebenszyklus eines Unternehmens entstehen. Eine Befragung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zur Finanzierung der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hat gezeigt, dass 68% der KMU über keinen Bankkredit verfügen und ausschliesslich mit Eigenmitteln arbeiten oder auf eine andere externe Finanzierung – wie zum Beispiel Darlehen von Dritten – zurückgreifen.
M.I.S. Trend (2009/2010): Studie zur Finanzierung der KMU in der Schweiz, Untersuchung im Auftrag des Seco, http://www.seco.admin.ch, Aktuell, Medienmitteilung vom 1. Juni 2010: «Die Finanzierung der KMU bleibt gut». Bei jungen Unternehmen dürfte dieser Prozentsatz noch höher liegen. Einlagen der Besitzer und Aktionäre bilden somit eines der wesentlichen Finanzierungsinstrumente. Das Eigenkapital muss die höchsten Risiken tragen und ist daher für den Unternehmer auch kostspielig. In Fällen, wo sich die Produkte noch im Ideenstadium befinden und der Absatz noch nicht gewährleistet ist, sind die Risiken derart hoch, dass oft nur eine Finanzierung mittels Eigenkapital in Frage kommt. Deshalb müssen die Problemstellungen zusätzlich im Kontext der verschiedenen Lebensphasen der Unternehmen unterschieden werden. Die Finanzierung ist in einer frühen Phase sehr viel schwieriger, als wenn sich das Unternehmen bereits etabliert hat.

Funktionierender Risikokapitalmarkt

Eine durch mangelnde Ideen oder Forschungsergebnisse begründete Innovation Gap lässt sich für die Schweiz in den letzten Jahren nicht nachweisen. Die Schweiz ist gemäss internationalen Vergleichen eines der innovativsten Länder, das zahlreiche neue Produkte hervorbringt. Eine ungenügende kommerzielle Nutzung der Forschungs- und Entwicklungsergebnisse kann zwar vermutet, aber empirisch gegenwärtig nicht nachgewiesen werden. Die Feststellung von ungenutztem Potenzial aus Forschungs- und Entwicklungsergebnissen ist jedoch in Expertenkreisen weit verbreitet. Wichtig ist, dass die jungen Unternehmen an die nötige Finanzierung kommen. Dazu ist Transparenz und ein guter Informationsaustausch wichtig. Bereits heute tragen verschiedene staatliche Massnahmen dazu bei, eine allfällige Innovationslücke zu vermindern. Die KTI stellt entsprechende Angebote im Rahmen des Coachings von Jungunternehmen zur Verfügung. Der Bundesrat ist grundsätzlich der Meinung, dass die bestehenden Angebote auf staatlicher und privater Seite hinsichtlich der Innovationsförderung ausreichen.Auch im Bereich des Informationsaustausches konnte in den letzten Jahren keine Lücke im Sinne eines Marktversagens festgestellt werden. Während der Informationsaustausch innerhalb des Kreises, der sich intensiv mit der Thematik Risikokapital auseinander setzt, gut funktioniert, besteht aber ein gewisser Bedarf, auch ausserhalb dieses Kreises weitere Interessengruppen anzusprechen und zusätzliche potenzielle Investoren zu gewinnen. In der Schweiz bestehen verschiedene private Initiativen, deren Ziel insbesondere das Zusammenbringen von jungen Unternehmen und interessierten Investoren ist. Selbstverständlich kann und soll dieser Informationsaustausch ständig verbessert werden. Gerade die Tätigkeit von Business Angels – d.h. vermögenden Privatpersonen, welche sich am Unternehmen finanziell beteiligen und die Jungunternehmen auch mit Expertise und Kontakten unterstützen – könnte stärker publik gemacht werden, damit sich junge Unternehmen und Investoren noch besser finden. Der Bundesrat ist der Meinung, dass diese Aufgabe hauptsächlich der Wirtschaft zufällt (z.B. Capital proximité).Schliesslich stellt sich die Frage, ob genügend Risikokapital verfügbar ist oder ob eine Lücke im Sinne einer Funding Gap besteht. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der Schweizer Risikokapitalmarkt gemäss der Konsolidierung der Risikokapitalflüsse offen ist und zu einem grossen Teil durch Mittel aus dem Ausland versorgt wird.Die Verfügbarkeit von Kapital muss grundsätzlich nach Phasen des Unternehmenszyklus unterschieden werden. Während Banken, aber auch Venture-Capital-Fonds vorzugsweise bei Vorliegen eines fertigen Produkts oder in der Wachstums- und Expansionsphase investieren, wird vor allem in einer frühen Phase (Seed Stage für Forschung und Entwicklung oder die Erarbeitung eines Businessplans) eine gewisse Finanzierungslücke ausgemacht. Der Anteil der Investitionen im Seed-Bereich liegt bei allen Ländern unter 10%. Die Schweiz liegt hier mit rund 3% sogar unter dem europäischen Durchschnitt. In dieser Phase ist das Risiko noch deutlich erhöht, so dass Eigenmittel oder Kapital von Familie, Freunden bzw. philanthropischen Stiftungen oder allenfalls Business Angels praktisch die einzige Möglichkeit der Finanzierung sind. Zusätzlich zeigt sich, dass die Finanzierung während der Seed-Phase eine stärkere konjunkturelle Sensitivität aufweist.In der verstärkten Kommerzialisierung von Forschungsresultaten besteht noch weiteres Potenzial. Das in einer frühen Phase naturgemäss höhere Risiko führt zu einer Zurückhaltung bei den Investoren. Diese Zurückhaltung hängt auch mit der Einstellung der Investoren zum Risiko zusammen. Aufgrund ihrer kulturellen Einstellung scheinen europäische Investoren zurückhaltender als beispielsweise amerikanische Kapitalgeber, was die Hürden für Jungunternehmen noch vergrössert. Die Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem Jungunternehmertum spielt deshalb ebenfalls eine zentrale Rolle. Veränderungen bei diesen weichen Faktoren – wie die Steigerung des Unternehmergeistes – nehmen jedoch viel Zeit in Anspruch und können etwa mittels schulischen Angeboten vermehrt gefördert werden.

Weitere Massnahmen geplant

Der Fokus auf die ständige Verbesserung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen hat sich auch für den Risikokapitalmarkt grundsätzlich bewährt. In den letzten Jahren wurden verschiedene Massnahmen zur Stärkung der Unternehmen umgesetzt. Ein Beispiel ist die vom Volk beschlossene Unternehmenssteuerreform II, bei der mit Anpassungen der Dividendenbesteuerung oder des Beteiligungsabzugs die steuerliche Begünstigung der Selbstfinanzierung gemildert wurde.Um die Rahmenbedingungen für den Risikokapitalmarkt weiter zu verbessern, sind folgende Massnahmen geplant:− Heute besteht eine gewisse Unsicherheit, ab wann Kapitalgewinne als privat und somit steuerfrei gelten, und wann die Grenze zum gewerbemässigen Wertschriftenhandel überschritten wird (Quasi-Wertschriftenhandel). Dies ist insbesondere relevant für Business Angels. Damit die Rechtssicherheit in diesem Bereich gestärkt wird, sieht die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) vor, das bestehende Kreisschreiben, das die Auslegung bestehender rechtlicher Grundlagen präzisiert, im Laufe des Jahres 2012 anzupassen.− Im Rahmen der Unternehmenssteuerreform III plant der Bundesrat die Abschaffung der Emissionsabgabe auf Eigenkapital sowie Verbesserungen beim System des Beteiligungsabzugs für juristische Personen. Davon sollen u.a. junge Unternehmen profitieren.− Die zurzeit noch im Parlament hängige Aktienrechtsrevision sieht als neues Instrument zur Kapitalerhöhung bzw. -herabsetzung das Kapitalband vor: Die Generalversammlung kann den Verwaltungsrat ermächtigen, das Aktienkapital während einer bestimmten Dauer innerhalb einer bestimmten Bandbreite herauf- und herabzusetzen. Gerade junge Unternehmen erhalten dadurch mehr Flexibilität und sparen sich Notariatsgebühren, die sonst bei Kapitaländerungen anfallen.Neben den bestehenden und den geplanten staatlichen Massnahmen existieren eine Vielzahl von wertvollen privaten Initiativen zur Förderung von jungen Unternehmerinnen und Unternehmern. Der Bundesrat verfolgt die Entwicklung des Risikokapitalmarkts und sieht die Prüfung möglicher Verbesserungen der Rahmenbedingungen oder anderer geeigneter Massnahmen als Daueraufgabe. Die Schweiz muss auch in Zukunft ihre gute Stellung im internationalen Vergleich halten und ständig ausbauen.

Grafik 1: «Anteil Investitionen in Venture Capital am BIP, 2011»

Tabelle 1: «Investitionen in Private Equity in der Schweiz nach geografischer Herkunft und Destination, 2004–2011»

Tabelle 2: «Investitionen nach Phasen»

Stv. Leiter Ressort KMU-Politik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Leiter Ressort KMU-Politik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern