Die Volkswirtschaft

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Die aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften bildeten in den letzten Jahren die wichtigste Stütze der krisengeplagten Weltkonjunktur. Auch wenn sich abzeichnet, dass die Länder der Region – namentlich China – den Wachstumszenit überschritten haben, wird ihre Bedeutung als Exportmarkt im globalen Massstab weiter zunehmen. Die Schweizer Wirtschaft konnte hiervon bislang überdurchschnittlich stark profitieren.

Die aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens
Zu dieser Ländergruppe zählen sowohl die sogenannten Newly Industrialized Asian Economies Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan als auch die Schwellenländer China, Indien, Indonesien, Malaysia, Philippinen, Thailand, hingegen nicht Japan. – oft auch als Emerging Asia bezeichnet – sind seit Jahren die wirtschaftlich am stärksten wachsende Weltregion. Besonders heraus ragt China, dessen Wirtschaft über die vergangenen zehn Jahre durchschnittlich um gut 10% pro Jahr expandierte. Dahinter folgte Indien mit durchschnittlichen BIP-Zuwächsen von 7%–8% pro Jahr. Die übrigen Länder der Region lagen wachstumsmässig im Bereich von 4%–6% pro Jahr. Infolge der überdurchschnittlichen Wachstumsdynamik haben die asiatischen Länder stark an Gewicht gewonnen. Ihr Anteil am Welt-BIP (zu Kaufkraftparitäts-Wechselkursen) hat sich von 13% 1990 auf 27,5% 2011 mehr als verdoppelt – hauptsächlich wegen China, dessen Anteil von 4% auf knapp 15% zunahm. Die grosse Bedeutung dieser Volkswirtschaften rührt dabei nicht nur von deren Wachstumsdynamik, sondern auch von der immensen Bevölkerungszahl: Auf China und Indien allein entfallen rund 37% der Weltbevölkerung.

Asiatische Emerging Markets Hauptstütze der Weltkonjunktur

Dank ihrer Grösse und Wachstumsstärke spielen die aufstrebenden asiatischen Länder eine immer wichtigere Rolle für die Weltkonjunktur. Dies veranschaulichen die Beiträge der verschiedenen Regionen zum weltwirtschaftlichen BIP-Wachstum (siehe Grafik 1). Vor allem der Beitrag Chinas hat seit den 1990er-Jahren kontinuierlich zugenommen, und jener der übrigen asiatischen Emerging Markets war – mit Ausnahme der Asienkrise 1998 – stets deutlich positiv. Besonders bedeutsam war die stützende Rolle Asiens in den internationalen Finanz- und Wirtschaftskrisen der letzten Jahre. Der weltwirtschaftliche Konjunktureinbruch des Jahres 2009 (erstmaliger Rückgang des weltwirtschaftlichen BIP seit dem zweiten Weltkrieg um 0,6%) wurde in erheblichem Masse durch positive Wachstumsraten in Asien gemildert. Diese waren hauptsächlich den Schwergewichten China und Indien zu verdanken, welche den kurzen aber heftigen Einbruch in den kleineren, stark vom internationalen Handel getriebenen Volkswirtschaften der Region überdeckten. Auch die anschliessende weltwirtschaftliche Erholung im Jahr 2010 wurde wesentlich durch den asiatischen Raum getragen: Rund die Hälfte des Welt-BIP-Wachstums war dabei den asiatischen Emerging Markets zuzuschreiben.

Konjunkturperspektiven trotz Risiken relativ freundlich

Bei der neuerlichen, durch die Euro-Schuldenkrise ausgelösten weltwirtschaftlichen Verlangsamung seit 2011 erwies sich insbesondere China vorerst noch als robuster Stützpfeiler, während die übrigen asiatischen Länder an Schwung verloren. Insgesamt machen sich deutliche Bremseffekte vom internationalen Handel auf die asiatischen Exporte bemerkbar. Jedoch wird nicht mit einem ausgeprägten Abschwung gerechnet, im Gegenteil: Für die Zeit ab 2013 wird – unter der Voraussetzung einer Stabilisierung des globalen Konjunkturumfelds – wieder eine allmähliche konjunkturelle Beschleunigung in der Region prognostiziert. Zur konjunkturellen Widerstandsfähigkeit trägt bei, dass die meisten asiatischen Länder eine komfortable Verschuldungsposition aufweisen. Von der Ausnahme Indien abgesehen, zeichnen sich die asiatischen Emerging Markets durch eine disziplinierte Finanzpolitik und staatliche Schuldenquoten von deutlich unter 60% aus. Auch die Verschuldung des Privatsektors bewegt sich meist in moderatem Rahmen. Die deutlichen Ertragsbilanzüberschüsse in den Ländern (auch hier wieder mit der Ausnahme Indien) verringern die Abhängigkeit von internationalen Kapitalzuflüssen. Auch freiere Wechselkurse, diversifizierte Exporte und robuste Binnensektoren lassen die asiatischen Volkswirtschaften heute robuster erscheinen als noch vor einigen Jahren. Ein weiterer Pluspunkt der Region liegt darin, dass für den Fall eines doch stärkeren Abschwungs erheblicher geld- und fiskalpolitischer Spielraum zum Gegensteuern vorhanden wäre.Gleichwohl bleiben die asiatischen Länder wegen ihrer hohen Exportabhängigkeit verwundbar gegenüber einer starken weltwirtschaftlichen Verschlechterung. Dies hat die Krise 2008/09 klar gezeigt, als einbrechende Exportmärkte sowie die Kreditverknappung im Bereich der Handelsfinanzierung in vielen asiatischen Volkswirtschaften einen heftigen, wenn auch nur kurzen Konjunkturrückgang verursachten. Vor diesem Hintergrund wird eine Eskalation der Euro-Schuldenkrise zu einer internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise als potenziell gefährlichstes Konjunkturrisiko für Asien angesehen. Daneben besteht ein – gewissermassen hausgemachtes – Risiko im asiatischen Raum in einem starken Abschwung der Wachstumslokomotive China (siehe Kasten 1

Droht China ein konjunkturelles Hard Landing?

In China zeigen die Konjunkturdaten der letzten Monate eine deutliche Verlangsamung an. Dies weckt Ängste, dass nunmehr auch der bislang stabilste Stützpfeiler der fragilen Weltkonjunktur brüchig werden könnte. Eine gewisse Abkühlung der hohen Wachstumsraten ist jedoch wirtschaftspolitisch durchaus erwünscht, um Übertreibungen entgegenzuwirken. So liegt das offizielle Wachstumsziel der Regierung bei 7,5% und damit mehr oder weniger noch im Einklang mit der aktuellen Situation. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Abschwächung weiter verstärkt und in einen ausgeprägten Abschwung mündet, mit spürbaren Bremseffekten auf den Rest der Welt. Risiken für ein derartiges wirtschaftliches Hard Landing in China werden insbesondere für den Fall einer schweren Immobilienkrise mit einem Übergreifen auf den Bankensektor gesehen. Am Immobilienmarkt hat nach mehrjährigem Boom seit 2011 eine Korrektur eingesetzt. In der Folge sind die Hauspreise in den grossen Städten gegenüber dem Höchststand um rund 15% gefallen. Diese Entwicklung stellt aber noch keinen Crash dar, sondern entspricht eher einer geordneten Korrektur. Gegen eine ausufernde Immobilienkrise spricht ausserdem, dass die hohen Eigenmittelquoten der Käufer die Verlustrisiken für die Banken begrenzen und der Zustrom von Arbeitern in die Städte noch immer hoch ist. Der chinesische Bankensektor unterliegt generell starker politischer Einflussnahme (z.B. Fehlen von marktgerechten Zinsen, staatlicher Zwang zur Kreditvergabe, Beschränkung der Anlagemöglichkeiten), was informelle Kreditmärkte begünstigt. Die zur Abfederung der globalen Krise 2008/09 lancierten Kreditvergünstigungen hatten einen sprungartigen Anstieg der Verschuldung der Lokalregierungen zur Folge, wobei ein Grossteil der Mittel in unrentable Infrastrukturprojekte oder Immobilieninvestitionen floss. Es dürfte in erheblichem Ausmass zu einem Ausfall notleidender Kredite kommen, was bislang von den Banken jedoch hinausgezögert wird. Gegen eine verstärkte konjunkturelle Abkühlung in den kommenden Quartalen spricht in erster Linie, dass die chinesische Politik den Willen und die finanziellen Ressourcen hat, die Banken, den Immobilienmarkt und die Konjunktur zu stabilisieren. So hat sie bereits Projekte vorgezogen und die Genehmigung beschleunigt. Daneben hat die Notenbank die Leitzinsen in den letzten Monaten mehrmals gesenkt. Somit dürfte ein Hard Landing kurzfristig vermieden werden können.Problematisch ist dabei allerdings, dass die konjunkturpolitischen Impulse die strukturellen Schwächen des chinesischen Wirtschaftsmodells noch verstärken. Die Investitionen sind als Folge der staatlichen Investitionslenkung überdimensioniert (Investitionsquote von fast 50% des BIP) und führen zu Überkapazitäten und Fehlallokationen wie z.B. unrentablen Prestigeprojekten. Durch neue Infrastrukturprogramme wird der notwendige Umbau vom heutigen investitions- und exportlastigen zu einem stärker konsumgetriebenen Wirtschaftsmodell eher gebremst als gefördert.

). Dies würde angesichts der stark gestiegenen Verflechtung der Handelsströme innerhalb Asiens die ganze Region in schwere Mitleidenschaft ziehen.

Langfristige Anpassung des asiatischen Wachstumsmodells

Eine wichtige Herausforderung der kommenden Jahre besteht für die asiatischen Volkswirtschaften darin, die hohe Abhängigkeit vom Export zu reduzieren und dafür die inländischen Wachstumskräfte zu stärken. Die durch die Schuldenprobleme in vielen OECD-Ländern gedämpfte Auslandsnachfrage erhöht die Dringlichkeit für ein solches Rebalancing. Eine Stärkung der inländischen Wachstumskräfte bedingt jedoch strukturelle Reformen, die je nach Situation von Land zu Land differieren; dazu gehören etwa Produktivitätssteigerungen durch Öffnung von Märkten und Stärkung der Privatsektoren, Reformen der Unternehmens-, Arbeits- und Finanzpolitik, Stärkung der rechtsstaatlichen Institutionen, öffentliche Investitionen in Infrastruktur und Bildung sowie teilweise – namentlich in China – auch der Ausbau der sozialen Netze. Damit verbunden ist auf längere Sicht eine Abschwächung der hohen Wachstumsraten. Mit steigendem Entwicklungsniveau muss ein Wachstumsmodell, das auf der Mobilisierung billiger Arbeitskräfte im Exportsektor basiert, zunehmend abgelöst werden durch ein auf Innovationen basierendes Produktivitätswachstum. Empirische Studien zeigen, dass eine erste signifikante Wachstumsabschwächung ab einem Pro-Kopf-Einkommensniveau von rund 15 000 US-Dollar (umgerechnet zu Kaufkraftparitäten) zu erwarten ist, welches China bereits in den nächsten drei bis vier Jahren erreichen könnte.
Vgl. etwa Eichengreen, Park & Shin, 2011. Hinzu kommt, dass eine ungünstige demografische Entwicklung (steigender Altersquotient, sinkendes Arbeitskräftepotenzial), ein unterbewerteter Wechselkurs und eine tiefe Konsumquote eine starke Abschwächung in China besonders wahrscheinlich erscheinen lassen. So geht etwa die Weltbank davon aus, dass sich das Wachstumspotenzial der chinesischen Volkswirtschaft im Zeitraum 2010–2020 auf rund 7% verlangsamen wird (gegenüber fast 10% 2000–2010).
Worldbank: China Quarterly Update, Juni 2010. Diese Relationen verdeutlichen, dass Asien auch mit langsamerer Gangart im globalen Massstab ein überdurchschnittlich wachsender Markt bleiben wird. Allerdings geht ein Strukturwandel, wie ihn die chinesische Volkswirtschaft zu bewältigen hat, mit erheblichen Umbrüchen einher, so dass auch eine grössere Rezession nicht ausgeschlossen werden kann.

Aussenhandel mit Asien stützt Schweizer Konjunktur

Die schweizerische Exportwirtschaft konnte über die letzten Jahre überdurchschnittlich stark von der asiatischen Wachstumsdynamik profitieren. War der Anstieg der schweizerischen Warenexporte in den asiatischen Raum (ohne Japan) zu Beginn des letzten Jahrzehnts noch vergleichsweise unspektakulär, kam es seit 2005 zu einer starken Beschleunigung mit annähernder Verdoppelung der Ausfuhren (siehe Grafik 2). Einzig während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise wurde dieser starke Aufwärtstrend kurzzeitig unterbrochen. Die Exporte erholten sich aber in der Folge deutlich stärker als die Ausfuhren in alle anderen Regionen. Infolge dieser starken Zuwächse hat sich der Exportanteil Asiens (ohne Japan) an den schweizerischen Exporten in den letzten zehn Jahren von 7% auf über 13% annähernd verdoppelt, der Anteil Chinas sogar vervierfacht (von 1,1 auf 4,3%). Spiegelbildlich dazu ist der Anteil der Exporte in den EU-Raum von 64% auf 57% gefallen, während der Anteil der US-Exporte mehr oder weniger stabil bei rund 10% blieb.Obwohl die asiatischen Märkte somit anteilsmässig zwar noch deutlich hinter den europäischen Märkten zurückliegen, spielten sie in den letzten Jahren eine herausragende Rolle für das Schweizer Exportwachstum. So zeichneten sich in den Jahren 2010 und 2011 die Exporte nach Asien für rund die Hälfte des schweizerischen Exportwachstums verantwortlich. Damit konnte der asiatische Raum die darbenden Exporte in die EU teilweise kompensieren. Zu dieser Entwicklung beigetragen hat – neben der unterschiedlichen Zunahme der Nachfrage in diesen Regionen – auch die Entwicklung der Wechselkurse (siehe Grafik 3). Während der handelsgewichtete Wechselkurs des Schweizer Frankens gegenüber Europa auch nach Festlegung einer Untergrenze gegenüber dem Euro noch immer deutlich über dem Niveau der Vorkrisenjahre liegt, ist jener gegenüber Asien in etwa auf dem gleichen Niveau geblieben. Gegenüber China hat sich das Austauschverhältnis gar deutlich verbessert.

Die Schweiz mit einem substanziellen Exportüberschuss nach Asien

Nicht nur konjunkturell, sondern auch strukturell ist die Schweiz in einer guten Ausgangslage, um von der wachsenden Bedeutung des aufstrebenden Asiens zu profitieren. Besonders auffällig ist der Vergleich mit den westeuropäischen Ländern. Während viele europäische Länder im Zuge der EU-Osterweiterung vor allem die Handelsbeziehungen mit den osteuropäischen Schwellenländern intensivierten, haben die Schweizer Exporteure ihre Ausrichtung auf den asiatischen Markt verstärkt. Entsprechend ist der Anteil der Exporte der Schweiz, die in die asiatischen Emerging Markets ausgeführt werden, mit über 13% mehr als doppelt so gross wie jener der westeuropäischen Länder. Folge davon ist ein im internationalen Vergleich auffallend hoher Überschuss im Warenhandel mit Asien (siehe Grafik 4). Selbst im Vergleich zu klassischen Exportländern wie Deutschland oder Japan, die ebenfalls mit hohen Exportquoten überdurchschnittlich vom Aufschwung in Asien profitierten, ist der Schweizer Handelsüberschuss aussergewöhnlich. Im Gegensatz zum überdurchschnittlichen Exportanteil liegt der Anteil der Importe aus Asien etwa im Rahmen vergleichbarer Länder. Dieses Bild bleibt selbst dann bestehen, wenn berücksichtigt wird, dass mit dem Wechsel vom Erzeugungs- zum Ursprungslandprinzip in der Schweizerischen Importstatistik die Importe aus China neu deutlich höher ausfallen (siehe Kasten 2

Wechsel zum Ursprungslandprinzip lässt Überschuss im Handel mit China verschwinden

Die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) ist per Jahresbeginn 2012 dazu übergegangen die geografische Herkunft der Waren dem Ursprungs- und nicht mehr dem Erzeugungsland zuzurechnen. Neu wird eine Ware, die vor der Einfuhr in die Schweiz in einem anderen Land veranlagt (verzollt) wurde, nicht mehr diesem als Erzeugungsland zugeschlagen. Stattdessen wird die Herkunft dem Ursprungsland, in dem die Ware entweder vollständig hergestellt oder überwiegend verarbeitet wurde, angerechnet. Mit dieser Umstellung ändert sich insbesondere die Statistik des Warenaustauschs mit China. Nach alter Berechnungsmethode war die Schweiz eines der wenigen nicht-rohstoffexportierenden Länder mit einem Überschuss im Handel mit China (dazu zählen einige der entwickelten Länder Asiens, die sich auf den Export von Vorleistungsgütern nach China spezialisiert haben, sowie Finnland und Grönland, welche allerdings nur einen geringen Überschuss aufweisen). Dieser Überschuss war nicht wie oft vermutet primär auf die hohen Exporte zurückzuführen. Etliche Länder – darunter Deutschland, Finnland oder die USA – haben einen deutlich höheren Ausfuhranteil nach China. Dagegen war der Importanteil chinesischer Waren in der Schweiz mit 3,6% im internationalen Vergleich aussergewöhnlich tief (OECD-Durchschnitt ohne Asien bei über 11%).Mit dem Wechsel zur Ursprungsprinzip liegen die Importe aus China nun um rund 3,4 Mrd. Franken höher. Der Anteil an den Gesamtimporten steigt auf 5,6%; die Handelsbilanz mit China wechselt von einem Überschuss von 2,2 Mrd. Franken im Jahr 2011 in ein geschätztes Defizit von 1,2 Mrd. Franken. Fasst man China und Hongkong zusammen, ergibt sich nach wie vor ein hoher Exportüberschuss, jedoch keine besonders tiefe Importquote. Allerdings ist die korrekte Zurechnung der Handelsdestinationen im internationalen Kontext nach wie vor ein Problem;a auffällig bleibt etwa der hohe Exportüberschuss der Schweiz mit der Handelsdrehscheibe Hongkong.

a Vergleiche dazu auch Wang, Gehlhar & Yao, 2010.). So zeigt die gestrichelte Linie in Grafik 4 den geschätzten Wert für den Exportüberschuss mit Asien für das Jahr 2011, wenn die Importe gemäss dem Ursprungslandprinzip berechnet werden.
Gemäss dieser Berechnung liegt der Anteil der asiatischen Importe bei rund 9% und damit etwa gleich hoch wie im Durchschnitt der Länder Westeuropas; im Vergleich zum Durchschnitt der OECD (14%) ist er sogar deutlich tiefer.

Vorteilhafte Exportstruktur im Handel mit Asien

Die drei grossen Exportbranchen der Schweiz, Chemie/Pharma, Maschinen und Präzisionsinstrumente/Uhren, die zusammen gut drei Viertel der gesamten Warenexporte ausmachen, dominieren auch die Exporte der Schweiz nach Asien. Einige interessante Abweichungen sind dabei jedoch auszumachen. Vergleicht man die Exporte nach Asien mit den Gesamtexporten der Schweiz (siehe Grafik 5), so sticht insbesondere der hohe Anteil an Uhren und Präzisionsinstrumenten (dabei vor allem die Uhren) ins Auge: Während diese bei den Ausfuhren nach Asien über 40% ausmachen, beträgt deren Exportanteil in den Rest der Welt nur rund 17%. Der Handel läuft dabei insbesondere über Hongkong; die Schweizer Exporte dorthin bestehen zu rund vier Fünfteln aus dieser Exportkategorie. Dagegen verzeichnet der Handel mit Asien einen stark unterdurchschnittlichen Anteil an chemisch-pharmazeutischen Erzeugnissen. Die Schweizer Exportwirtschaft hat mit der Ausrichtung auf Maschinen, Präzisionsinstrumente und Luxusuhren eine breite Produktpalette aufzuweisen, die der Nachfrage in Asien gut entspricht. Zur starken Stellung der Schweizer Exportwirtschaft in Asien trägt überdies wesentlich die Ausrichtung auf hochwertige Nischenprodukte bei. Die Schweiz konnte sich – insbesondere im Vergleich mit den europäischen Konkurrenten – auf Produkte spezialisieren, die dem höheren Preis- und Qualitätssegment (gemessen etwa an sogenannten Unit Values) zuzuordnen sind.
Vgl. Busch (2010) sowie Brändle Schlegel & Gachet (2012). Diese Güter reagieren tendenziell weniger stark auf preisliche Veränderungen. Zumindest in der kurzen Frist sind qualitativ höherwertige Nischenprodukte schwieriger zu substituieren als relativ homogene Güter. Die Ausrichtung auf hochspezialisierte Produkte dürfte daher zusammen mit der hohen Nachfrage aus Asien dazu beigetragen haben, dass die Schweizer Exporte relativ glimpflich durch die Krisen der vergangenen Jahren gekommen sind.
Vgl. Indergand & Mahlstein (2010).

China und Hongkong dominieren die asiatische Nachfrage nach Schweizer Gütern

Insgesamt ist der Handel mit Asien stark geprägt durch die Exporte nach China und Hongkong (Anteil von über 50%). Vom starken Wachstum in China und dem damit verbundenen Investitionsbedarf konnte in absoluten Beträgen vor allem die Maschinen-industrie profitieren. Anteilsmässig haben sich die übrigen Branchen allerdings deutlich besser entwickelt. Während die Maschinenexporte nach China seit Ende der 1980er-Jahre «nur» um rund 800% zunahmen, stiegen die Gesamtausfuhren um fast 1400%. Entsprechend sank der Anteil der Maschinenexporte von 70% auf 40%. Damit partizipieren heute wesentlich mehr Branchen am Aufschwung in China als noch in den 1990er-Jahren. Dieser Nachfrageverlauf der relativen Verschiebung von Investitions- zu Konsumgütern ist typisch für das Muster sich entwickelnder Volkswirtschaften wie etwa China. Es ist daher zu erwarten, dass der Anteil der Maschinenausfuhren weiter abnehmen wird; für die Exporte ins restliche Asien ohne China liegt dieser beispielsweise bereits unter 20%. Profitieren dürfte dagegen vor allem die pharmazeutische Exportbranche wie auch die Konsumgüterbranche allgemein – nicht nur von der steigenden Kaufkraft der chinesischen Mittelschicht, sondern auch davon, dass die chinesische Bevölkerung rasch altert.

Wirtschaftlicher Abschwung in Asien würde die Schweiz stark in Mitleidenschaft ziehen

Was lässt sich abschliessend aus all dem für die zukünftigen Exportperspektiven der Schweiz nach Asien ableiten? Grundsätzlich erscheinen die Chancen gut, dass die Schweizer Exporte angesichts der zu erwartenden Wachstumsstärke der asiatischen Märkte auch weiterhin überdurchschnittliche Zuwachsraten in diese Region erzielen können. Allerdings darf man sich trotz der starken Positionierung nicht in trügerischer Sicherheit wiegen und mögliche Risiken ausblenden. Falls es – entgegen den Erwartungen – doch zu einem ausgeprägten und vor allem länger andauernden Wirtschaftsabschwung im asiatischen Raum käme, könnte die Schweizer Exportwirtschaft sogar überproportional in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn die Schweizer Exporte nach Asien basieren in erheblichem Masse auf stark zyklisch reagierenden Produkten. Dies sind Güter, deren Nachfrage besonders stark auf Veränderungen der ausländischen Wirtschaftsentwicklung reagiert (z.B. Luxusprodukte oder Investitionsgüter).
Vgl. Indergand & Mahlstein (2010). Diese Bedenken gelten insbesondere für die Ausfuhren von Uhren, welche die Abhängigkeit von den asiatischen Märkten stark erhöht haben; mittlerweile werden rund 40% der Schweizer Uhren in den asiatischen Schwellenländern abgesetzt. Hieraus lässt sich folgern, dass sich bei einem ungünstigen Wirtschaftsverlauf in Asien die für die Schweizer Exportwirtschaft vorteilhafte Branchenstruktur der letzten Jahre – Investitionsgüter und (Luxus-)Uhren – durchaus ins Gegenteil verkehren könnte.

Grafik 1: «Beiträge der Regionen zum Weltwirtschaftswachstum, 1991–2011»

Grafik 2: «Schweizer Warenexporte nach Regionen, 2000–2011»

Grafik 3: «Reale handelsgewichtete Wechselkursindizes des Frankens, Januar 2003–Juni 2012»

Grafik 4: «Handelsbilanzen mit Emerging Asia, 1980–2011»

Grafik 5: «Exportanteile der Branchen – Vergleich des Handels mit Emerging Asia mit dem übrigen Aussenhandel der Schweiz, 2011»

Kasten 1: Droht China ein konjunkturelles Hard Landing?

Droht China ein konjunkturelles Hard Landing?

In China zeigen die Konjunkturdaten der letzten Monate eine deutliche Verlangsamung an. Dies weckt Ängste, dass nunmehr auch der bislang stabilste Stützpfeiler der fragilen Weltkonjunktur brüchig werden könnte. Eine gewisse Abkühlung der hohen Wachstumsraten ist jedoch wirtschaftspolitisch durchaus erwünscht, um Übertreibungen entgegenzuwirken. So liegt das offizielle Wachstumsziel der Regierung bei 7,5% und damit mehr oder weniger noch im Einklang mit der aktuellen Situation. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Abschwächung weiter verstärkt und in einen ausgeprägten Abschwung mündet, mit spürbaren Bremseffekten auf den Rest der Welt. Risiken für ein derartiges wirtschaftliches Hard Landing in China werden insbesondere für den Fall einer schweren Immobilienkrise mit einem Übergreifen auf den Bankensektor gesehen. Am Immobilienmarkt hat nach mehrjährigem Boom seit 2011 eine Korrektur eingesetzt. In der Folge sind die Hauspreise in den grossen Städten gegenüber dem Höchststand um rund 15% gefallen. Diese Entwicklung stellt aber noch keinen Crash dar, sondern entspricht eher einer geordneten Korrektur. Gegen eine ausufernde Immobilienkrise spricht ausserdem, dass die hohen Eigenmittelquoten der Käufer die Verlustrisiken für die Banken begrenzen und der Zustrom von Arbeitern in die Städte noch immer hoch ist. Der chinesische Bankensektor unterliegt generell starker politischer Einflussnahme (z.B. Fehlen von marktgerechten Zinsen, staatlicher Zwang zur Kreditvergabe, Beschränkung der Anlagemöglichkeiten), was informelle Kreditmärkte begünstigt. Die zur Abfederung der globalen Krise 2008/09 lancierten Kreditvergünstigungen hatten einen sprungartigen Anstieg der Verschuldung der Lokalregierungen zur Folge, wobei ein Grossteil der Mittel in unrentable Infrastrukturprojekte oder Immobilieninvestitionen floss. Es dürfte in erheblichem Ausmass zu einem Ausfall notleidender Kredite kommen, was bislang von den Banken jedoch hinausgezögert wird. Gegen eine verstärkte konjunkturelle Abkühlung in den kommenden Quartalen spricht in erster Linie, dass die chinesische Politik den Willen und die finanziellen Ressourcen hat, die Banken, den Immobilienmarkt und die Konjunktur zu stabilisieren. So hat sie bereits Projekte vorgezogen und die Genehmigung beschleunigt. Daneben hat die Notenbank die Leitzinsen in den letzten Monaten mehrmals gesenkt. Somit dürfte ein Hard Landing kurzfristig vermieden werden können.Problematisch ist dabei allerdings, dass die konjunkturpolitischen Impulse die strukturellen Schwächen des chinesischen Wirtschaftsmodells noch verstärken. Die Investitionen sind als Folge der staatlichen Investitionslenkung überdimensioniert (Investitionsquote von fast 50% des BIP) und führen zu Überkapazitäten und Fehlallokationen wie z.B. unrentablen Prestigeprojekten. Durch neue Infrastrukturprogramme wird der notwendige Umbau vom heutigen investitions- und exportlastigen zu einem stärker konsumgetriebenen Wirtschaftsmodell eher gebremst als gefördert.

Kasten 2: Wechsel zum Ursprungslandprinzip lässt Überschuss im Handel mit China verschwinden

Wechsel zum Ursprungslandprinzip lässt Überschuss im Handel mit China verschwinden

Die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) ist per Jahresbeginn 2012 dazu übergegangen die geografische Herkunft der Waren dem Ursprungs- und nicht mehr dem Erzeugungsland zuzurechnen. Neu wird eine Ware, die vor der Einfuhr in die Schweiz in einem anderen Land veranlagt (verzollt) wurde, nicht mehr diesem als Erzeugungsland zugeschlagen. Stattdessen wird die Herkunft dem Ursprungsland, in dem die Ware entweder vollständig hergestellt oder überwiegend verarbeitet wurde, angerechnet. Mit dieser Umstellung ändert sich insbesondere die Statistik des Warenaustauschs mit China. Nach alter Berechnungsmethode war die Schweiz eines der wenigen nicht-rohstoffexportierenden Länder mit einem Überschuss im Handel mit China (dazu zählen einige der entwickelten Länder Asiens, die sich auf den Export von Vorleistungsgütern nach China spezialisiert haben, sowie Finnland und Grönland, welche allerdings nur einen geringen Überschuss aufweisen). Dieser Überschuss war nicht wie oft vermutet primär auf die hohen Exporte zurückzuführen. Etliche Länder – darunter Deutschland, Finnland oder die USA – haben einen deutlich höheren Ausfuhranteil nach China. Dagegen war der Importanteil chinesischer Waren in der Schweiz mit 3,6% im internationalen Vergleich aussergewöhnlich tief (OECD-Durchschnitt ohne Asien bei über 11%).Mit dem Wechsel zur Ursprungsprinzip liegen die Importe aus China nun um rund 3,4 Mrd. Franken höher. Der Anteil an den Gesamtimporten steigt auf 5,6%; die Handelsbilanz mit China wechselt von einem Überschuss von 2,2 Mrd. Franken im Jahr 2011 in ein geschätztes Defizit von 1,2 Mrd. Franken. Fasst man China und Hongkong zusammen, ergibt sich nach wie vor ein hoher Exportüberschuss, jedoch keine besonders tiefe Importquote. Allerdings ist die korrekte Zurechnung der Handelsdestinationen im internationalen Kontext nach wie vor ein Problem;a auffällig bleibt etwa der hohe Exportüberschuss der Schweiz mit der Handelsdrehscheibe Hongkong.

a Vergleiche dazu auch Wang, Gehlhar & Yao, 2010.
Kasten 3: Literatur

Literatur

– Barry Eichengreen, Donghyun Park & Kwanho Shin (2011): When Fast Growing Economies Slow Down: International Evidence and Implications for China, NBER Working Papers 16919.– Nicole Brändle Schlegel & Emilie Gachet (2012): Die Wachstumstreiber der Schweizer Industrie, in: Die Volkswirtschaft 5-2012, S. 10–13. – Christian Busch (2010): Die Struktur des Schweizer Aussenhandels mit China – eine vergleichende Analyse, KOF Analysen, Frühjahr 2010.– IMF World Economic Outlook, April 2012.– IMF Regional Economic Outlook Asia and Pacific, April 2012.– Ronald Indergand & Kornel Mahlstein (2012): Schweizer Warenexporte im Zeichen der Frankenstärke, in: Die Volkswirtschaft 1/2-2012, S. 8–12.– SECO (2010): Joint Feasibility Study on a China-Switzerland Free Trade Agreement.– Zhi Wang, Mark Gehlhar & Shunli Yao (2010): A Globally Consistent Framework for Reliability-Based Trade Statistics Reconciliation in the Presence of an Entrepôt, in: China Economic Review, vol. 21(1), S. 161–189.

Dr. rer. publ., wissenschaftlicher Berater, Ressort Innovation, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), Bern

Stv. Ressortleiter Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. publ., wissenschaftlicher Berater, Ressort Innovation, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), Bern

Stv. Ressortleiter Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern