Die Volkswirtschaft

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Schweizer und Norweger haben ein relativ hohes Bruttoeinkommen. Vergleicht man hingegen ihre wirtschaftliche Situation mit jener der Einwohner anderer fortgeschrittener, kleiner Volkswirtschaften in Europa, lässt das allgemeine Preisniveau den Vorsprung schmelzen. Um diese Situation zu ändern, müssten innere Reformen – und damit verbundene Produktivitätsgewinne – in Sektoren wie dem Gesundheitswesen oder dem Bau die Voraussetzungen für eine gemässigte Preis- und Lohndynamik schaffen. Um diesen Prozess anzustossen und zu unterstützen, sollte parallel dazu die zentrale Lage auf dem Kontinent besser genutzt werden, um in den Sektoren mit interna­tional handelbaren Waren und Dienstleistungen zu einem günstigeren Preisniveau zu kommen.

Die Schweiz als Ganzes gesehen spielt in der Liga der globalen Wirtschaftszentren. Ihre wirtschaftliche Attraktivität geht aber einher mit knappem Boden und hohen Mieten. Sie ist auch mit gesuchten Arbeitskräften und hohen Löhnen verbunden. Löhne und Kapitalerträge (wie Mieten) ergeben zusammen das Bruttoinlandprodukt (BIP). Es ist deshalb zu erwarten, dass die Schweiz sich auch gemessen am Preisniveau des BIP als teurer Produktionsstandort erweist, analog anderen globalen Zentren. Wie die Zahlen von Eurostat zeigen, liegt das Preisniveau der Schweiz mit 144,7 Indexpunkten (2011) denn auch deutlich über dem Mittel der EU15. Es bewegt sich aber auch – wie Grafik 1 zeigt – markant über dem Mittelwert anderer fortgeschrittener, kleiner und offener Volkswirtschaften in Europa.In diesem Kontext stellen sich folgende Fragen:

  • Liegt das hohe Preisniveau in der Schweiz wirklich ausschliesslich daran, dass es 
international nicht mobile Produktions­faktoren gibt, die nicht durch Zuzug 
vermehrbar oder durch Importe substituierbar sind, und somit letztlich an ihrer hohen Standortattraktivität?
  • Muss die hohe Attraktivität eines Standorts nicht auch in einer hohen Produktivität der am fraglichen Standort erzeugten wirtschaftlichen Leistungen gründen? Und damit verbunden die Frage: Müssen sich nicht aus hohen Löhnen dank hoher Produktivität Endverkaufspreise ergeben, die den Standort im internationalen Wettbewerb preislich wettbewerbsfähig halten?

Preisniveau nach Produktkategorien

Die nachstehenden Betrachtungen sollen veranschaulichen, dass die vielbeklagte «Hochpreisinsel Schweiz» nicht einfach nur auf die hohen Einkommen und den knappen Boden zurückgeführt werden kann, auch wenn diese beiden Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Es werden auch international gehandelte Güter in der Schweiz relativ teuer verkauft. Und in einigen der vor internationaler Konkurrenz geschützten Sektoren steht es um die Produktivität nicht zum Besten. Beides macht die Schweiz teuer. In Grafik 2 ist dargestellt, für welche Produktgruppen auf Konsumstufe die Schweiz besonders teuer ist. Gemessen am langjährigen Mittel aufgrund von Grafik 1 enthalten sie in diesem Jahr eine durch die Frankenstärke verursachte Überhöhung von gegen 15%. Hervorzuheben sind die beiden untersten Positionen. Bei Gütern liegt der Indexwert bei 130 Punkten, während er bei Dienstleistungen bei 170 Punkten liegt. Bei den Gütern, deren internationale Handelbarkeit weit besser ist als jene von Dienstleistungen, ist die Hochpreisinsel Schweiz also weniger ausgeprägt. Deutlich wird auch der Einfluss der hohen Bodenpreise – und damit der Mieten – anhand der Position Wohnungswesen. Die Position Erziehung und Unterricht wird gemäss statistischer Konvention weitgehend durch die Löhne bestimmt, die im Bildungsbereich bezahlt werden. Angesichts der nicht nur in diesem Sektor erreichten Einkommen hat – neben dem Aspekt der Bodenknappheit – somit auch der Aspekt der hohen Löhne einen klaren Einfluss auf das relativ hohe Preisniveau in der Schweiz. Daneben wird aber auch der Agrarprotektionismus manifest, und die hohen erfassten Preise für Bekleidung und Schuhe dürften sich kaum allein mit den hohen Vertriebskosten in der Schweiz – also den Löhnen in den Kleider- und Schuhgeschäften – erklären. Denn bei dieser Position ist der Anteil der Kosten, die im Ausland anfallen, am Umsatz auf Konsumstufe einer der höchsten. Verkehr und Nachrichtenübermittlung zeigen parallel dazu, dass auch Dienstleistungen, die in bedeutendem Mass im Inland für das Inland erzeugt werden, in der Schweiz zu international durchaus konkurrenzfähigen Preisen angeboten werden können. Insgesamt ist Grafik 2 ein Plädoyer dafür, durch Reformen im Innern die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz zu verbessern.Ausgehend von den Kategorien in Grafik 2 und gestützt auf eine Auswertung der Input-Output-Tabelle für die Schweiz haben wir für die weiterführenden Analysen die Positionen Wohnungswesen, Gesundheitspflege, Erziehung und Unterricht sowie Kommunikation dem rein binnenorientierten Sektor zugeschlagen. Bei den restlichen Positionen beanspruchen die Zahlungen, die für Importe effektiv ans Ausland geleistet werden müssen, nicht nur wenige Prozente, sondern meist rund 20% des Umsatzes auf Konsumstufe. Bei Möbeln sowie Textilien und Bekleidung sind es gar noch mehr.
Vgl. Seco-Bericht zur Weitergabe von Einkaufsvorteilen aufgrund der Frankenstärke vom 8.11.2011, Abschnitt 4.1.2, http://www.seco.admin.ch, Medienmitteilung vom 9.11.2011: Frankenstärke: Weitergabe von Einkaufsvorteilen teilweise ungenügend. Diese restlichen Sektoren bilden für uns den international exponierten Sektor. Wie vergleichen sich die Preisniveaus nun in diesen beiden Teilsektoren? Grafik 3 zeigt für die Schweiz und die acht Länder der Vergleichsgruppe eine relativ hohe Korrelation zwischen dem Bruttoeinkommen der Haushalte
Vgl. Eurostat-Datenbank, «Bevölkerung und soziale Bedingungen», «Arbeitsmarkt», «Verdienste», «Nettojahreseinkommen» unter http://epp.eurostat.ec.europa.eu, Statistiken, Suche Datenbank. Wiedergegeben ist das Bruttojahreseinkommen eines Ehepaars mit zwei Einkommen, 100% und 67% des Lohns eines Durchschnittsarbeitnehmers betragend, und zwei Kindern, zu laufenden Wechselkursen gemessen am Mittel der EU15. und dem Preisniveau in den vier binnenorientierten Sektoren (linke Teilgrafik). Auffallend ist, dass in Irland das relative Einkommen das relative Niveau der Mieten noch nicht erreicht hat, und dass die Norweger – gemessen am Einkommen – 
wesentlich günstiger wohnen als die Schweizer und die Dänen. In der rechten Teilgrafik wird der Zusammenhang zwischen dem verfügbaren Einkommen (sind diese binnenorientierten Leistungen einmal bezahlt, d.h. dem disponiblen Einkommen II), und dem Preisniveau im exponierten Sektor dargestellt. Deutlich wird, dass die grundsätzlich vorhandene Handelbarkeit der meisten dieser Produkte und Dienstleistungen nicht zu einem einheitlichen Preisniveau quer durch Europa führt. Die hohen Nominaleinkommen Norwegens und der Schweiz (siehe Kasten 1

Einkommensvorsprung der Schweiz und Norwegens

Das etwas überraschende Resultat hinsichtlich des Einkommensvorsprungs der Schweiz und Norwegens rührt in hohem Mass daher, dass hier die Bruttoverdienste verwendet werden und nicht das BIP pro Kopf. Vergleicht man den Indexwert der Bruttoverdienste und den Indexwert des BIP pro Kopf (jeweils zum Mittel der EU15), so schiebt sich namentlich in Belgien, Finnland, Österreich, den Niederlanden und Schweden nur ein vergleichsweise kleiner Keil zwischen das BIP pro Kopf und die Haushalteinkommen. In Dänemark, der Schweiz, Irland und vor allem Norwegen fallen dagegen erhebliche Teile des BIP pro Kopf nicht als Bruttoeinkommen bei den Haushalten an. In diesen Ländern sind die Abschreibungen, die unverteilten Unternehmenseinkommen und/oder das Einkommen des Staates (z.B. norwegische Staatsfonds für die Erdöleinnahmen) bedeutend. In die gleiche Richtung weist auch die Relation zwischen dem Inlandverbrauch und dem BIP. Die entsprechenden Werte liegen bei 0,72% in Finnland, 0,69% in Dänemark, 0,68% in Belgien, 0,67% in Schweden, 0,65% in Österreich, 0,64% in der Schweiz, 0,62% in den Niederlanden, 0,61% in Irland und 0,55% in Norwegen.

) werden vom hohen Preisniveau auch im exponierten Sektor wettgemacht, so dass diese Länder preisbereinigt bei den Konsummöglichkeiten nur noch Dänemark und Irland hinter sich lassen, kaum mehr aber Belgien, die Niederlande, Österreich, Finnland und Schweden.Der rechte Teil von Grafik 3 legt den Schluss nahe, dass in den skandinavischen Ländern das Preisniveau höher liegt, als es aufgrund der disponiblen Einkommen zu erwarten ist. In den Benelux-Staaten und Österreich lässt sich aufgrund eines am Einkommen gemessen relativ tiefen Preisniveaus dagegen vergleichsweise viel mit dem verbliebenen Einkommen einkaufen. Die zentrale Lage auf dem Kontinent spricht dafür, dass auch in der Schweiz in den exponierten Sektoren noch ein etwas günstigeres Preisniveau möglich wäre.

Grafik 1: «Relative Preisniveauindizes, 2000–2011»

Grafik 2: «Relatives Preisniveau 2011 nach Kategorien von Gütern und Dienstleistungen»

Grafik 3: «Pro-Kopf-Einkommen und Preisniveau in der Schweiz und acht Vergleichsländern»

Kasten 1: Einkommensvorsprung der Schweiz und Norwegens

Einkommensvorsprung der Schweiz und Norwegens

Das etwas überraschende Resultat hinsichtlich des Einkommensvorsprungs der Schweiz und Norwegens rührt in hohem Mass daher, dass hier die Bruttoverdienste verwendet werden und nicht das BIP pro Kopf. Vergleicht man den Indexwert der Bruttoverdienste und den Indexwert des BIP pro Kopf (jeweils zum Mittel der EU15), so schiebt sich namentlich in Belgien, Finnland, Österreich, den Niederlanden und Schweden nur ein vergleichsweise kleiner Keil zwischen das BIP pro Kopf und die Haushalteinkommen. In Dänemark, der Schweiz, Irland und vor allem Norwegen fallen dagegen erhebliche Teile des BIP pro Kopf nicht als Bruttoeinkommen bei den Haushalten an. In diesen Ländern sind die Abschreibungen, die unverteilten Unternehmenseinkommen und/oder das Einkommen des Staates (z.B. norwegische Staatsfonds für die Erdöleinnahmen) bedeutend. In die gleiche Richtung weist auch die Relation zwischen dem Inlandverbrauch und dem BIP. Die entsprechenden Werte liegen bei 0,72% in Finnland, 0,69% in Dänemark, 0,68% in Belgien, 0,67% in Schweden, 0,65% in Österreich, 0,64% in der Schweiz, 0,62% in den Niederlanden, 0,61% in Irland und 0,55% in Norwegen.

Leiter Ressort Wachstum und WettbewerbspolitikStaatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

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