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Die Neupositionierung und -ausrichtung des Sommertourismus ist gegenwärtig ein grosses Thema im Schweizer Tourismus. Im Folgenden wird zunächst in Kürze ein Überblick der Geschichte sowie der treibenden Faktoren im Schweizer Sommertourismus gegeben. Danach folgt eine Evaluation der seit Beginn der 1970er-Jahre erreichten Reifephase. Abschliessend werden die Stärken und Schwächen sowie die Chancen und Risiken abgeleitet.

Geschichte des Schweizer 
Sommertourismus

In der Geschichte des Schweizer Sommertourismus können 5 Phasen identifiziert werden (siehe Grafik 1). Auf die Entdeckungszeit folgte Ende des 19. Jahrhunderts die Belle Epoque, in der vor allem der alpine Tourismus und die Schweizer Hotellerie ihre Glanzzeit erlebten. Bereits 1910 wurden mehr als 22 Mio. Hotelübernachtungen registriert. Allerdings fand diese Phase mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nur kurze Zeit später ihr jähes Ende. In der Zwischenkriegszeit wurden die Voraussetzungen für den modernen Tourismus geschaffen. Als Beispiele hierfür können das langsame Wachstum der Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten, die Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit sowie die Einführung des gesetzlichen Ferienanspruchs und des freien Samstags genannt werden. Die Entwicklung hin zum Massentourismus setzte in der Nachkriegszeit ein und brachte sowohl einen fundamentalen quantitativen als auch qualitativen Wandel mit sich. Vor allem in Folge des gestiegenen internationalen Wettbewerbs hat der Schweizer Tourismus nach einem kräftigen Wachstum in den 1950er- und 1960er-Jahren seit den 1970er-Jahren eine Reifephase erreicht.

Triebkräfte im Schweizer 
Sommertourismus

Die oben beschriebenen Veränderungen kamen keinesfalls zufällig zustande. Die touristische Entwicklung wurde von einem Zusammenspiel vieler verschiedener Trends vorangetrieben. Sie lassen sich in verschiedene Triebkräfte kategorisieren:

  • wirtschaftliche (Wohlstandsentwicklung, Freizeit, wirtschaftliche Globalisierung);
  • soziodemografische und gesellschaftliche (Demografie, Verstädterung, Modephänomene);
  • technologische (Mobilität, Informations- und Kommunikationstechnologien);
  • ökologische (Umwelt und deren Wahrnehmung);
  • politische (Rahmenbedingungen, Sicherheit, Kriege).

Bei diesen zentralen Treibern der Entwicklung des Sommertourismus handelt es sich durchgehend um exogene Faktoren. Es zeigt sich somit, dass die Tourismusbranche eher auf die beschriebenen Entwicklungen reagiert, als dass sie Trends selber mitbestimmt.

Entwicklung und Bedeutung des Schweizer Sommertourismus in der Reifephase

  • Der Schweizer Sommertourismus leidet an einer ausgesprochenen Wachstumsschwäche: 1971 verzeichnete die Schweizer Hotellerie ihr bisheriges Sommer-Rekordergebnis. In den letzten 40 Jahren konnte dieses Niveau nie mehr erreicht werden. Die Nachfrageentwicklung zeigt seither im Sommertourismus einen leicht negativen Trend mit gelegentlichen Schwankungen.
  • In den alpinen Ferienregionen der Schweiz ist die Wachstumskrise der Sommersaison am stärksten ausgeprägt: Ein innerschweizerischer Vergleich der Nachfrageentwicklung im Sommer zeigt, dass in den letzten 20 Jahren vor allem die alpinen Ferienregionen in der Wachstumskrise steckten. Während die Zahl der Hotelübernachtungen zwischen dem Sommer 1993 und 2011 in den grossstädtischen Ferienregionen um rund 40% zulegte, ging sie in den alpinen Ferienregionen um rund 10% zurück.
  • Bei der Entwicklung der Nachfrage nach Herkunftsmärkten zeigt sich eine Dreiteilung: Betrachtet man die Entwicklung der Sommernachfrage nach verschiedenen Herkunftsmärkten, so ergibt sich eine Aufteilung in rückläufige traditionelle (v.a. westeuropäische) Herkunftsmärkte, in eine mehr oder weniger stagnierende Binnennachfrage und in eine stark ansteigende Nachfrage aus neuen Märkten (insbesondere Osteuropa und Asien).
  • Die Auslastung der Kapazitäten ist in den alpinen Ferienregionen vor allem in den Nebensaisonmonaten relativ tief: Ein innerschweizerischer Vergleich der Zimmerauslastung zeigt, dass diese speziell in den alpinen Ferienregionen gering ausfällt. Zudem zeigen sich im Alpenraum grosse saisonale Schwankungen mit tiefen Auslastungen in den Nebensaisonmonaten.
  • Der Sommertourismus ist in den alpinen ­Ferienregionen ertragsschwach: Die Schwei‑
zer Hoteliers können im Durchschnitt im Winter höhere Preise durchsetzen als im Sommer. Dies gilt vor allem für die ­alpinen Ferienregionen.
  • Der Schweizer Sommertourismus ist volumenmässig noch immer bedeutender als der Winter: Die relative Bedeutung des Sommertourismus hat in der Schweiz seit Mitte der 1950er-Jahre stetig abgenommen. 1955 wurden noch mehr als zwei Drittel aller Hotelübernachtungen im Sommer generiert. Vor allem bis Mitte der 1970er-Jahre ging dieser Anteil dann deutlich zurück, was jedoch nicht auf eine rückläufige Nachfrage in der Sommersaison zurückzuführen war, sondern auf den stark aufkommenden Wintertourismus. Doch auch heute noch ist der Sommer in der Schweiz volumenmässig die wichtigere Saison: Rund 56% aller Hotelübernachtungen wurden 2011 im Sommer registriert.

Stärken und Schwächen im Schweizer Sommertourismus

Eine ausgewiesene Stärke des Schweizer Sommertourismus liegt in den naturräumlichen Voraussetzungen und den daraus abgeleiteten Angeboten. Die nationale Befragung der Schweizer Sommergäste von Schweiz Tourismus zeigte, dass Natur, Landschaft und Berge im Schweizer Sommertourismus als herausragende Stärken beurteilt werden. Auch bezüglich der daraus abgeleiteten Angebote – wie Wander- und Fusswege sowie Velo- und Mountainbike-Routen – ist die Zufriedenheit der Gäste sehr hoch.Als weitere Stärke im Schweizer Sommertourismus kann die Erreichbarkeit ausgemacht werden. Dies ist insbesondere deshalb von Bedeutung, weil die Tourismusnachfrage der Schweiz im Sommer internationaler ist als im Winter. Die gute Erreichbarkeit verdankt die Schweiz der guten Erschliessung, aber auch der zentralen Lage in Europa.Ein internationaler Vergleich des Humankapitals der Tourismuswirtschaft offenbart eine weitere Stärke des Schweizer Sommertourismus: Das Schweizer Gastgewerbe weist ein spürbar höheres Qualifikationsniveau auf als die umliegenden europäischen Länder. Als Besonderheit gibt es in der Schweiz neben den staatlich geförderten Aus- und Weiterbildungseinrichtungen auch eine Vielzahl von privaten Fachschulen mit internationalem Renommee.Weitere Vorteile für den Schweizer Sommer­tourismus können bezüglich der Rahmenbedingungen ausgemacht werden. Neben einem liberalen Arbeits- und Produktmarkt hat zusätzlich eine vergleichsweise geringe Besteuerung der Betriebe positive Auswirkungen auf die Schweizer Tourismuswirtschaft. Weiterhin sind die Sicherheit und Sauberkeit in der Schweiz als Stärke 
zu nennen. Die Auswertungen zu den Stärken und Schwächen aus der Gästeoptik zeigten eindeutig, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis im Schweizer Sommertourismus eine ausgewiesene Schwäche darstellt. Mehr als 30% der Gäste sind mit dem Preis-Leistungsverhältnis unzufrieden; bei den ausländischen Gästen ist dieser Prozentsatz sogar noch deutlich höher. Dass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Tourismuswirtschaft angeschlagen ist, bestätigt auch ein internationaler Vergleich der relativen Konsumentenpreise in der Tourismuswirtschaft. Die Preise in der Tourismuswirtschaft der umliegenden Länder (EU4) lagen 2010 um durchschnittlich 20% unter denjenigen der Schweiz. Diese Situation hat sich im Zuge der Frankenstärke noch weiter verschärft. Die deutlich höheren Preise in der Schweizer Tourismuswirtschaft sind zu einem gewichtigen Teil auf höhere Arbeits- und Vorleistungskosten zurückzuführen. Die Kostenfalle (hohe Kosten auf dem Binnenmarkt, aber internationaler Preiswettbewerb), in welcher der Schweizer Tourismus steckt, beeinträchtigt den Sommer aufgrund der Ertragsschwäche noch stärker als den Winter.Für die Schweizer Beherbergungsindustrie muss zusammenfassend festgehalten werden, dass einige strukturelle Defizite bestehen: Die durchschnittliche Betriebsgrösse in der Hotellerie fällt relativ gering aus, so dass es schwierig ist, Grössenersparnisse zu erzielen. Zudem deutet die Tatsache, dass sich nur jeder zweite Hotelbetrieb einem Qualifizierungsprogramm stellt, insgesamt auf ein mangelndes Qualitätsbewusstsein hin. Die vergleichsweise geringen Bauinvestitionen in Hotels und Restaurants in den vergangenen Jahren sprechen ausserdem für ein Investitionsdefizit. Aber auch ausserhalb der Hotellerie kann die Schweizer Beherbergungsstruktur nicht glänzen, denn der Schweizer Alpenraum leidet unter einer grossen Zahl an «kalten Betten». Im Jahr 2010 wurde mehr als jedes zweite Gästebett im Schweizer Alpenraum nicht bewirtschaftet. Gerade im Vergleich mit dem Hauptkonkurrenten Österreich ist diese Struktur nicht vorteilhaft für den Schweizer Sommertourismus.

Herausforderungen im Schweizer 
Sommertourismus

Kostenproblematik und Ertragsschwäche

Die hohen Vorleistungs- und Arbeits­kosten stellen die im internationalen Wettbewerb stehende Tourismuswirtschaft gene-
rell vor grosse Herausforderungen. Hinzu kommt im Sommer die Problematik, dass aufgrund der schwierigeren Konkurrenzsituation der Preissetzungsspielraum gering ausfällt. Die ungünstige Ertragslage kann aber nicht alleine auf die erhöhte Konkurrenz, sondern auch auf Schwächen in der Leistungskomponente zurückgeführt werden. Insbesondere in der Beherbergungsindustrie offenbaren sich – wie oben ausgeführt – strukturelle Defizite.

Globalisierung

Im Sommertourismus zeigen sich die Auswirkungen der Globalisierung schon heute stärker als im Winter. Dies drückt sich einerseits in einem deutlich höheren Nachfrageanteil der Fernmärkte und andererseits in der höheren internationalen Konkurrenz aus. Die Auswirkungen der Globalisierung sind vielfältig. Zugespitzt lässt sich jedoch sagen, dass hauptsächlich neue Konkurrenten und neue Märkte resultieren. Die Konkurrenzsituation dürfte sich für den Schweizer Sommertourismus weiter verstärken: Neben die Konkurrenz innerhalb des Alpenraums und die starke Konkurrenz aus dem Mittelmeerraum treten neue Konkurrenten aus anderen Erdteilen hinzu.Grosse Chancen ergeben sich hingegen durch neue Märkte. In vielen Schwellenländern verläuft die wirtschaftliche Entwicklung derart rasant, dass dort schon bald eine neue Mittelschicht entsteht, die sich Reisen in die Schweiz leisten können. Wenn die Schweizer Tourismuswirtschaft sich auf die spezifischen Bedürfnisse der Gäste dieser neuen Märkte richtig einstellt, kann ein riesiges Potenzial erschlossen werden. Die alleinige Fokussierung auf die neuen Fernmärkte bietet für den Schweizer Tourismus aber keine Lösung; der Heim- und Nahmarkt bleibt wichtig.

Demografie

Soziodemografische Triebkräfte haben die vergangene touristische Entwicklung stark geprägt und werden als fortlaufender Prozess die Tourismuswirtschaft auch noch in Zukunft beeinflussen. Auf der einen Seite modifizieren sich die demografischen globalen Gleichgewichte, indem das Bevölkerungswachstum sich nicht gleichmässig über die Welt verteilen wird. Die Bevölkerung der traditionellen Herkunftsmärkte des Schweizer Tourismus dürfte zurückgehen, während diese in den neuen Märkten voraussichtlich weiterhin sehr deutlich ansteigt. Auf der anderen Seite wird die demografische Entwicklung in den nächsten Jahren weiterhin durch eine spürbare Veränderung der Altersstruktur in der Bevölkerung geprägt sein: Vor allem in den reifen Volkswirtschaften wird der Anteil der älteren Generationen deutlich ansteigen. Die Generation 50+ wird zu einer enorm wichtigen Kundengruppe. Sie verfügt über drei Eigenschaften, die dem Schweizer Tourismus entgegenkommen dürften: überdurchschnittlich viel Einkommen, Zeit und Reiselust. Eine Herausforderung für den Schweizer Tourismus besteht darin, sich auf die Bedürfnisse der «Best Agers» optimal einzustellen.

Technologischer Fortschritt

Der technologische Fortschritt fordert den Schweizer Sommertourismus vor allem bezüglich der Mobilitäts-, Informations- und Kommunikationstechnologien heraus. Der Fortschritt bei den Mobilitätstechnologien war der eigentliche Antriebsmotor der Tourismusentwicklung. Das Aufkommen von Dampfschiff, Eisenbahn, Auto und Flugzeug hat die Mobilität erleichtert, die Wahrnehmung der Distanzen radikal verändert und somit die Reisebereitschaft gefördert. Obwohl solche revolutionäre Entwicklungen im Mobilitätsbereich kurzfristig voraussichtlich nicht zu erwarten sind, wird die Erreichbarkeit ein entscheidender Erfolgsfaktor einer touristischen Destination bleiben.Gleichzeitig nimmt der Fortschritt der Informations- und Kommunikationstechnologien eine immer prominentere Rolle ein. In wenigen Jahren haben sich die Kommunikation und der Informationsaustausch radikal verändert, die Möglichkeiten für Weiterentwicklungen scheinen nahezu grenzenlos zu sein. Diese optimal zu nutzen ist die Herausforderung für den Schweizer Sommertourismus.

Umwelt und Klimawandel

Die natürlichen Eigenschaften der Schweizer Landschaft gelten als eigentlicher Auslöser des Tourismus in der Schweiz. Natur, Umwelt und Landschaft sind die Grundlage für die touristischen Aktivitäten und werden von den Schweizer Sommergästen als wichtigstes Reisemotiv genannt. In Zukunft dürften die umweltbezogenen touristischen Triebkräfte voraussichtlich weiter zunehmen. Der Prozess der Verstädterung und die zunehmende Überbauung werden das Bedürfnis nach unberührter Natur weiter erhöhen. Dabei ergibt sich jedoch ein Spannungsfeld, da auch der Tourismus die knappe Ressource Natur (be)nutzt. Zudem wird der Klimawandel zu weitreichenden Konsequenzen führen.

Reiseverhalten

Das Reiseverhalten befindet sich im steten Wandel. Dabei spiegeln die meisten Veränderungen Entwicklungen im gesellschaftlichen, technologischen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Bereich wieder. Das zu erwartende Reiseverhalten kann mit den Attributen individueller, spontaner, häufiger, kürzer, billiger, bequemer, sicherer, exotischer, erholsamer und erlebnisreicher beschrieben werden. Die Herausforderung wird sein, den Schweizer Sommertourismus mit diesen Attributen in Verbindung zu bringen.

Fazit

Damit der Schweizer Sommertourismus auf die Erfolgsspur zurückkehren kann, müssen die Chancen der beschriebenen Herausforderungen genutzt bzw. die resultierenden Risiken minimiert werden. Dazu müssen verschiedene Hausaufgaben innerhalb der Tourismusbranche erledigt werden und Verbesserungen bei den Rahmenbedingungen herbeigeführt werden.

Grafik 1: «Historische Entwicklung der Anzahl Übernachtungen, 1780-2011»

Grafik 2: «Entwicklung der Hotelnachfrage nach Saisons, 1934-2011»

Grafik 3: «Schwächen aus Sicht der Gäste aus Übersee-Märkten»

Economist, BAKBASEL

Economist, BAKBASEL