Die Volkswirtschaft

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Bei der Bekämpfung von Armut sind die Entwicklungsländer heute mit neuen, globalen Herausforderungen konfrontiert: Wasserknappheit, Klimawandel, Ernährungssicherheit oder Migrationsströme. Die Globalisierung hat diese Probleme zusätzlich verschärft. Gerade die armen Länder sind gefährdet und leiden unter den Folgen. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ist sich der Problematik bewusst und hat deshalb ihre Anstrengungen verstärkt, namentlich mit der Einführung von thematischen Globalprogrammen.

Die rasante Globalisierung der letzten zwei Jahrzehnte verschaffte zahlreichen Entwicklungsländern neue Möglichkeiten. Dies führte zu hohen durchschnittlichen Wachstumsraten, beträchtlichen Fortschritten bei der Armutsbekämpfung und der Herausbildung einer unternehmerischen, dynamischen Mittelklasse. Mehrere ehemalige Schwellenländer sind heute aufstrebende Wachstums- und Innovationszentren. Doch trotz dieses Fortschritts bestehen weiterhin grosse Disparitäten. So bleiben Länder, die von Konflikten oder Unruhen betroffen sind, in ihrer Entwicklung zurück. Die meisten von ihnen werden die Millenniumsentwicklungsziele – wie die Halbierung des Anteils der Menschen, die weniger als den Gegenwert von eineinhalb US-Dollar pro Tag zum Leben haben – bis 2015 nicht erreichen. Die Ungleichheiten haben sich auch dadurch verschärft, dass die Ökosysteme beeinträchtigt werden und dass die Ärmsten oft keinen Zugang zu natürlichen Ressourcen und Grundversorgung haben. Bei der Armutsbekämpfung bleibt vieles zu tun: Noch immer leiden 870 Mio. Menschen jeden Tag Hunger; jeder sechste Mensch lebt in extremer Armut; und 1,6 Mrd. Menschen haben keinen Zugang zu Elektrizität.

Gefahrenherd Globalisierung

Die Globalisierung ist also kein Allheilmittel für eine schnelle, nachhaltige und gerechte Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen. Um eine sozial und ökologisch verantwortungsvolle Entwicklung zu ermöglichen, muss sie vielmehr in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Aus Sicht der Entwicklungsländer birgt die Globalisierung auch neue Risiken: Pandemien, die beschleunigte Ausweitung von Krisen zwischen eng vernetzten Volkswirtschaften, die Folgen des Klimawandels oder der ungerechte Zugang zu Wasser und Strom – um nur einige Beispiele zu nennen (siehe Kasten 1

Ausmass der globalen ­Herausforderungen

). Zahlreiche aktuelle Studien belegen, wie stark die Einwohner dieser Länder solchen Risiken ausgesetzt sind. Diese Herausforderungen machen natürlich nicht an nationalen Grenzen Halt. Gefragt sind gemeinsame, international abgestimmte Massnahmen, denn ein einzelnes Land hätte bei weitem nicht die erforderlichen Kapazitäten und Ressourcen.Für die internationale Zusammenarbeit ergeben sich vor diesem Hintergrund drei Anforderungen.

  • Erstens muss sich das System der Vereinten Nationen als zentrale Struktur zur Konzeption globaler öffentlicher Politik­ansätze entschlossen der Herausforderung stellen und die multilateralen Verhandlungen vorantreiben.
  • Zweitens müssen sich die Entwicklungsländer angesichts der Folgen globaler Risiken bezüglich ihrer nationalen Strategien der wirtschaftlichen Entwicklung und der Armutsbekämpfung positionieren. Ziel ist es, ein Gleichgewicht zu finden zwischen den dringenden Bedürfnissen der armen Bevölkerung und den notwendigen Investitionen in eine nachhaltige Entwicklung.
  • Drittens müssen die multilateralen und bilateralen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit ihre Ansätze, Instrumente und Methoden anpassen, um einen wirksamen und glaubwürdigen Beitrag zu leisten. Die klassischen Formen der Zusammenarbeit reichen nicht mehr aus.

Verstärktes Engagement der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit

Mit der Verabschiedung der Botschaft über die Rahmenkredite 2013–2016 für die internationale Zusammenarbeit durch das Parlament im September 2012 ist der Begriff der «globalen Herausforderungen» nun zum ersten Mal ausdrücklich in der Strategie der Schweiz zur Entwicklungszusammenarbeit verankert. Der Auftrag ist klar: Durch verstärktes Handeln auf bilateraler und multilateraler Ebene soll ein Beitrag zur Verringerung der Folgen dieser Risiken auf die armen Länder geleistet werden. Zu diesem Zweck hat die Deza ihre Anstrengungen verstärkt und ausgeweitet, namentlich durch die Einführung thematischer Globalprogramme. Ausserdem hat sie weitere Massnahmen eingeleitet:

  • systematische Berücksichtigung der globalen Herausforderungen bei der Kontext­analyse jeder neuen länderspezi­fischen Kooperationsstrategie;
  • Dezentralisierung thematischer Kompetenzen in die Botschaften und Koopera­tionsbüros;
  • Stärkung der thematischen Netzwerke;
  • Einführung thematischer Laufbahnmöglichkeiten;
  • Fokus auf eine ergebnis- und wirkungsorientierte Führung sowie Kommunika­tion.

Globalprogramme – eine neue Form der Zusammenarbeit

Das traditionelle Modell der Entwicklungszusammenarbeit, das sich auf mittelfristige Länderstrategien abstützt, bleibt das zentrale Element im Dialog zwischen der Deza und ihren Partnerländern. Dieser länderspezifische Ansatz stösst jedoch beim effizienten Umgang mit grenzüberschreitenden und globalen Problemen an seine Grenzen. Aus diesem Grund hat die Deza ihren Interventionsbereich erweitert und vier Globalprogramme geschaffen:

Wasser

Durch Bevölkerungswachstum und steigende Nachfrage nimmt der Druck auf dieses öffentliche Gut zu, was zu Fehl- oder Übernutzung, Verteilungskonflikten und sozialen Spannungen führt. Dadurch ist der Zugang für die Ärmsten zu Trinkwasser erschwert.

Klimawandel

Die Anpassungsmassnahmen zu dessen Bewältigung sind eine grosse Herausforderung und enorm kostenintensiv. Sie sind jedoch notwendig, um die Programme zur Bekämpfung von Armut und Hunger nicht zu gefährden und eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen.

Ernährungssicherheit

Voraussetzungen dafür sind eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen, ein gerechter Zugang zu Land und Wasser für die Armen, die Entwicklung von klimaresistentem Saatgut und die Stärkung kleinbäuerischer Organisationen.

Migration

Zu den Hauptgründen der Migration gehören Armut, wirtschaftliche Not, Konflikte und Folgen des Klimawandels. Globalisierung bedeutet – neben beträchtlichen Entwicklungsmöglichkeiten – auch intensivere und komplexere Migrationsbewegungen.

Die Erfahrung der Deza nutzen

Die Globalprogramme bauen auf der langen Tradition und dem Erfahrungsschatz der Deza in diesen Bereichen auf. Das Programm Ernährungssicherheit macht sich beispielsweise das umfassende, über fünfzigjährige Engagement der Deza im Agrarbereich zunutze. Das Programm Migration stützt sich auf den jährlichen Beitrag der Deza von rund 200 Mio. Franken im Rahmen humanitärer Aktionen (Vertreibung wegen Konflikten oder Naturkatastrophen) sowie für Projekte zur Berufsbildung oder zur Bekämpfung des Menschenhandels. In die Globalprogramme fliessen aber auch die vorhandenen Fähigkeiten und Ressourcen anderer Bundesbehörden, der Zivilgesellschaft, des Privatsektors sowie von Universitäts- und Forschungseinrichtungen ein. Die Mobilisierung und Nutzung von möglichst viel Schweizer Know-how sowie die Bildung von Allianzen dient dazu, die Debatte über die globalen Herausforderungen der Entwicklungsländer breiter zu streuen und die Entwicklung von Lösungsansätzen zu erleichtern. Die Globalprogramme der Deza werden von vier Organisationseinheiten innerhalb des Bereichs Globale Zusammenarbeit umgesetzt und verfügen für das Jahr 2013 über ein Gesamtbudget von 130 Mio. Franken. Es wird alles daran gesetzt, ein isoliertes ­Silodenken zu vermeiden, denn das würde den Erwartungen überhaupt nicht gerecht. Die Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zwischen den vier globalen Themen müssen vielmehr genau analysiert und begriffen ­werden, um sie anschliessend bei der Festlegung von Leitlinien und Aktivitäten gebührend zu berücksichtigen. Die Verantwortlichen der vier Sektionen stehen folglich in einem regelmässigen und intensiven Austausch untereinander, aber auch mit anderen Organisationseinheiten. Indirekt tragen die Globalprogramme dazu bei, den Dialog, die Transparenz und die Zusammenarbeit innerhalb der Deza zu stärken.

Was ist der Mehrwert der Global­programme?

Der Mehrwert der Globalprogramme ergibt sich auf drei Ebenen:

  • Erstens nehmen sie auf internationaler, regionaler und nationaler Ebene Einfluss auf die Strategien für eine nachhaltige Entwicklung. Konkret heisst das, dass sich die Deza die Mittel gibt, ihre Erfahrung in Taten umzusetzen und Initiative zu ergreifen. Damit bekommt die Stimme der Schweiz ein grösseres Gewicht, wenn es darum geht, um den Entwicklungsaspekt bei den Schlüsseldossiers stärker zu gewichten. Dazu gehört auch der Austausch mit dem Privatsektor und den Nichtregierungsorganisationen (NGO).
  • Zweitens fördern die Globalprogramme die Entwicklung innovativer Lösungsansätze mit Skaleneffekten in Ländern oder innerhalb wichtiger Organisationen, bei denen die Wirkung voraussichtlich am stärksten ist. Sie können auch über die Schwerpunktländer der Deza hinaus zum Tragen kommen.
  • Drittens tragen sie zu Wissensmanagement und -verbreitung bei, so dass im Zusammenhang mit globalen Risiken fundierte Entscheidungen gefällt werden können.

Der Auftrag ist ambitioniert, aber realistisch und berechtigt. Die Aktivitäten im Rahmen der Globalprogramme gehören zu den Kernkompetenzen der Deza, bei denen sie nicht nur über eine umfassende Erfahrung, sondern auch über ein solides Partnernetzwerk verfügt. Bei allen vier Globalprogrammen spielen die spezifischen Themennetzwerke, welche die Experten (in der Zentrale und im Feld) mit den wichtigsten externen Partnern verbinden, eine entscheidende Rolle. Die bisherigen Erfahrungen sind durchaus ermutigend (siehe Kasten 2

Beispiele politischer Einflussnahme

und Kasten 3

Beispiele innovativer Projekte

).
Weitere Informationen sind zu finden unter http://www.deza.admin.ch Eine externe Evaluation der Programme ist in zwei Jahren vorgesehen.

Beständiges und fortschrittliches 
Engagement der Schweiz

Dank der Globalprogramme kann sich die Schweiz gegenüber den Entwicklungsländern als engagierter und glaubwürdiger Partner beim Umgang mit globalen öffentlichen Gütern und deren Bedeutung für arme Länder positionieren. Während sich die internationale Debatte allzu oft auf Absichtserklärungen beschränkt, denen kaum Taten folgen, verfolgt die Schweiz einen innovativen Ansatz und ist bereit, Risiken einzugehen. Die Globalprogramme ergänzen die vom Parlament beschlossene Erhöhung der öffentlichen Entwicklungshilfe auf 0,5% des Bruttoinlandprodukts bis 2015 und die aktive Beteiligung der Schweiz an den multilateralen Verhandlungen. Sie unterstützen damit arme Länder bei der Bewältigung einiger der grössten globalen Herausforderungen unserer Zeit. Den Beschlüssen von Rio 2012 und der aktuellen Diskussion über die Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsziele der Post-2015-Agenda folgend, unterstreicht die Schweiz mit den Globalprogrammen, dass angesichts der Dringlichkeit der globalen Herausforderungen ein rasches Handeln angezeigt ist. Gerade weil internationale Abkommen und Standards viel Zeit beanspruchen und die Diskussionen über die Finanzierung der globalen öffentlichen Politiken nur schleppend vorankommen, wäre eine abwartende Haltung fatal. Die Glaubwürdigkeit und die Wirkung internationaler Bemühungen zur Armutsreduktion in der Welt und zur Förderung der nachhaltigen Entwicklung würden dadurch massiv in Frage gestellt. Die Globalprogramme zeigen, dass die Deza und auch die anderen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit den Herausforderungen nicht gleichgültig und tatenlos gegenüberstehen. Sie wollen ihre Verantwortung ernst nehmen und sich aktiv engagieren. m

Kasten 1: Ausmass der globalen ­Herausforderungen

Ausmass der globalen ­Herausforderungen

  • Im Jahr 2030 dürfte die Weltbevölkerung 8,3 Mrd. Menschen erreichen (heute sind es 7,1 Mrd.). Drastisch zunehmen wird dadurch der Bedarf an Nahrungsmitteln (+35%), Wasser (+40%) und Energie (+50%).
  • Gelingt es nicht, die Schadstoffemissionen deutlich zu senken, ist eine Klimaerwärmung der Erde um 4 Grad vor 2100 wahrscheinlich. Als Folge wären in Küstengebieten 360 Mio. Menschen vom Ansteigen des Meeresspiegels bedroht; 44% des Kulturlandes wären von Dürre betroffen (heute sind es 15%); Wassermangel und irreversibler Verlust der Biodiversität, namentlich der Korallenriffe, würden zunehmen.
  • Von der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren am Horn von Afrika im Jahr 2011 waren 10 Mio. Menschen betroffen; 30 000 kamen ums Leben.
  • Unterernährung ist die häufigste Todesursache bei einem Drittel der 7 Mio. Kinder, die jedes Jahr vor dem fünften Lebensjahr sterben.
  • Seit 1990 verschwinden jedes Jahr rund 7 Mio. Hektar Wald.
  • Heute gibt es weltweit 1 Mrd. Migrantinnen und Migranten, wovon 20% grenzüberschreitend. Das von den Arbeitsmigranten in die Heimat überwiesene Einkommen betrug 2012 rund 400 Mio. Franken.
  • Bei ungefähr der Hälfte der 250 grenzüberschreitenden Seen und Flussgebiete besteht kein Abkommen über die Wassernutzung zwischen den Anrainerstaaten, was zu Konflikten führen kann.

Kasten 2: Beispiele politischer Einflussnahme

Beispiele politischer Einflussnahme

  • Das Globalprogramm Ernährungssicherheit und das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) führen gemeinsam die internationalen Verhandlungen über die Grundsätze verantwortungsvoller Investitionen in der Landwirtschaft. Das Landgrabbing in den armen Ländern stellt ein ernsthaftes Risiko für die Ernährungssicherheit dar. 2011 wurden rund 80 Mio. Hektar Agrarfläche von Unternehmen aufgekauft, in erster Linie für die kommerzielle Nutzung oder die Produktion von Biotreibstoffen. Nur 37% dieser Fläche stand der Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung.
  • Immer mehr Unternehmen verpflichten sich zur Nachhaltigkeit und achten auf ihren Wasserverbrauch. Der Wasserfussabdruck misst wissenschaftlich den Wasserverbrauch entlang der Produktionskette sowie dessen Verteilung über Raum und Zeit. Die Deza unterstützt die Einführung einer ISO-Norm für den Wasserfussabdruck und fördert konkrete Projekte zur Entwicklung grossflächig anwendbarer Lösungsansätze. Entsprechende Partnerschaften bestehen mit Kolumbien im Industriesektor und Vietnam im Kaffeesektor.
  • In China hat der Schadstoffausstoss sprunghaft zugenommen. Die Abgaspartikel der Dieselmotoren verursachen schwerwiegende Gesundheitsprobleme und beeinflussen das Klima negativ. Die Deza beteiligt sich zusammen mit dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) an der Überarbeitung von Luftreinhaltegesetzen, an der Ausarbeitung von Anwendungsrichtlinien sowie am Austausch von Know-how und Technologie.
  • Die Deza liefert einen Beitrag zur Errichtung der Knomad-Plattform bei der Weltbank (Wissensmanagement im Bereich Migration und Entwicklung).
  • Die Blue-Peace-Initiative kombiniert die Friedensförderung mit der Unterstützung einer nachhaltigen Wasserbewirtschaftung im Nahen Osten.

Kasten 3: Beispiele innovativer Projekte

Beispiele innovativer Projekte

  • Verwendung von Mobiltelefonen für die landwirtschaftliche Beratung und den Zugang zu Finanzierung für Kleinbauern;
  • Verbreitung von Erkenntnissen in Bezug auf Nachernteausfälle im Rahmen einer Initiative für Subsahara-Afrika;
  • Förderung der angewandten Forschung und Verbreitung kostengünstiger Technologie für einen verbesserten Zugang zu Trinkwasser (z.B. Entsalzung von Salz- und Brackwasser in kleinem Massstab mit Einsatz von Solarenergie);
  • Süd-Süd-Technologietransfer zur Herstellung von Backsteinen. Diese energieeffiziente Technologie reduziert den Kohleverbrauch spürbar und trägt zur Halbierung des CO2-Ausstosses bei;
  • Vermittlung zwischen den Parteien in den südasiatischen Ländern und den Golfstaaten bezüglich Arbeitsbedingungen und Schutz von Arbeitsmigranten;
  • Errichtung eines Netzwerks von Pflanzenkliniken in 40 Ländern bis 2016 zwecks praktischer Beratung von Kleinbauern zur Reduktion von Nachernteausfällen.

Executive Director, Weltbank-Gruppe, Washington D.C.

Executive Director, Weltbank-Gruppe, Washington D.C.