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Die Mindestlohn-Initiative wirft sehr direkt die Frage nach der gerechten Lohnverteilung auf. Obwohl die Schweiz keinen nationalen Mindestlohn kennt und die Abdeckung mit Gesamtarbeitsverträgen im internationalen Vergleich durchschnittlich ist, weist unser Land eine sehr ausgewogene Lohnverteilung und einen niedrigen Tieflohnanteil aus. An dieser Konstellation hat sich in den letzten Jahren auch mit der Öffnung des Arbeitsmarktes gegenüber der EU kaum etwas verändert.

Es ist ein prägendes Merkmal der schweizerischen Arbeitsmarktpolitik, dass sich der Staat aus der Lohnbildungspolitik weitgehend zurückhält. Arbeitsbedingungen und Löhne werden grundsätzlich von den Sozialpartnern auf Branchen- oder Firmenebene sowie durch die Arbeitnehmenden individuell mit den Unternehmen ausgehandelt. Dieser gemischte Ansatz hat den Vorzug, dass die Lohnabschlüsse die wirtschaftliche Realität und Entwicklung in verschiedenen Branchen, Regionen und Unternehmen berücksichtigen können.Gesamtarbeitsverträge (GAV) können unter anderem Mindestlöhne festlegen und damit eine ausgleichende Wirkung auf die Lohnverteilung entfalten. Allerdings werden Mindestlöhne in GAV sehr oft nach Anforderung der Tätigkeit, nach Qualifikation, Betriebszugehörigkeit oder nach Region differenziert. Sie nehmen so auf die Besonderheit der Branchen und Unternehmen Rücksicht. Je nach Ausgangslage haben sich die Sozialpartner in GAV auch schon auf tiefere Mindestlöhne als die von der Mindestlohn-Initiative geforderten 22 Franken geeinigt. Ein hoher GAV-Abdeckungsgrad geht somit nicht automatisch mit einem niedrigen Tieflohnanteil einher. In der Schweiz haben die Löhne in der Vergangenheit der makroökonomischen Entwicklung und den Produktivitätsunterschieden zwischen den Branchen gut Rechnung getragen. Dies zeigt sich nicht zuletzt im hohen Beschäftigungsniveau wie auch in der tiefen Arbeitslosenquote, welche den Schweizer Arbeitsmarkt seit vielen Jahrzehnten auszeichnen. In kaum einem Land gelingt zudem die Arbeitsmarktintegration auch von weniger gut qualifizierten Personen so gut wie in der Schweiz. Doch wie positioniert sich die Schweiz international bezüglich der Lohnverteilung? Ist die moderate staatliche Lohnregulierung allenfalls mit einer besonders ausgeprägten Lohnungleichheit verbunden? Wie gross ist der Anteil tiefer Löhne in der Schweiz im Quervergleich, und welche Personengruppen und Wirtschaftszweige sind häufiger davon betroffen? Was wäre bei Einführung eines nationalen Mindestlohnes zu erwarten? Und wie würde die wirtschaftliche Situation von Haushalten mit niedrigen Einkommen davon beeinflusst?

Niedriger und zeitlich konstanter Tieflohnanteil

Es gibt verschiedene Masse, um die Lohnverteilung international zu vergleichen. Zur Analyse tiefer Löhne wird international häufig ein sogenannter Tieflohnanteil berechnet. Dieser bezeichnet den Anteil der Stellen, welche die Schwelle von zwei Dritteln des Medianlohnes
Der Medianlohn teilt die Grundgesamtheit der Lohnbezüger in zwei gleich grosse Gruppen: Für die Hälfte der Arbeitsstellen liegt der standardisierte Lohn über, für die andere dagegen unter diesem Wert. unterschreitet.Im internationalen Vergleich zeichnet sich die Schweiz durch einen geringen Anteil an Tieflohn-Stellen aus (siehe Grafik 1). Im Jahr 2010 wiesen gemäss OECD einzig Belgien, Finnland und Portugal einen noch niedrigeren Tieflohnanteil auf als die Schweiz. Deutlich höher als in der Schweiz liegt dieser Anteil dagegen in angelsächsischen Ländern, aber auch in Deutschland oder Österreich.Auch andere Masszahlen bestätigen, dass die Lohnverteilung in der Schweiz im unteren Bereich relativ ausgewogen ist. Der Lohn, welchen 10% der Arbeitnehmenden untertreffen (1. Dezil der Lohnverteilung), lag 2010 in der Schweiz nach Berechnung der OECD bei 68% des Brutto-Medianlohnes. Nur in Belgien und Schweden lag dieser Wert mit knapp über 70% spürbar darüber. In den angelsächsischen Ländern, aber auch in Deutschland und Österreich verdienten die 10% am tiefsten entlöhnten Arbeitnehmenden dagegen lediglich 60% des Medianlohnes oder teilweise noch deutlich weniger. In der Schweiz verharrte der Anteil an Tieflohnstellen in der Privatwirtschaft und beim Bund zwischen 1996 und 2010 auf praktisch konstantem Niveau.
Gemäss Berechnungen des Seco auf der Basis der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamts für Statistik (BFS). In dieser Zeitspanne fielen im Durchschnitt 11,9% aller Stellen unter die Tieflohnschwelle. 2010 waren es mit 12,3% nur leicht mehr. Ausgedrückt in vollzeitäquivalenten bzw. Arbeitsvolumen lag der Tieflohnanteil im Zeitraum 1996–2010 bei durchschnittlich 10,7% (2010: 10,6%).Hinter der zeitlichen Konstanz des Anteils an Tieflohnstellen stehen zwei gegenläufige Tendenzen. Während der Tieflohnanteil bei Männern zwischen 1996 und 2010 von 5,2% auf 5,9% leicht zunahm, verringerte sich der entsprechende Anteil bei Frauen von 23,0% auf 18,4%.

Was bewirken Mindestlöhne von 22 Franken pro Stunde?

Die Mindestlohn-Initiative des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), über die aktuell das Parlament berät, fordert einen nationalen Mindestlohn in der Höhe von 22 Franken.
Informationen zur eidgenössischen Volksinitiative «Für den Schutz fairer Löhne (Mindestlohninitiative)» sind auf der Homepage der Bundeskanzlei zu finden: http://www.bk.admin.ch, Themen, Politische Rechte, Volksinitiativen. Gemessen an den Lohndaten der LSE 2010 liegt dieser Wert nur leicht unterhalb der klassischen Tieflohnschwelle von zwei Dritteln des Medianlohnes. Im zweiten und dritten Sektor (ohne Hauswirtschaft) erzielten 2010 rund 8,2% der Arbeitnehmenden weniger als 22 Franken Stundenlohn. Unter Einbezug von Land- und Hauswirtschaft waren es rund 9% oder 329 000 Arbeitnehmende. Diese Auswertungen zeigen, dass die Mindestlohnforderung der SGB-Initiative spürbare Lohnanpassungen bei tiefen Löhnen erfordern würde, weshalb mit erheblichen Rückwirkungen auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen wäre (siehe Kasten 1

Mögliche Folgen eines Mindestlohnes von 22 Franken pro Stunde

Der in der Initiative verlangte Mindestlohn von 22 Franken in der Stunde liegt im internationalen Quervergleich ausgesprochen hoch. Bereinigt um Kaufkraftunterschiede und ausgedrückt in US-Dollar käme er gemäss Daten der OECD bei 14,10 US-Dollar zu liegen. Damit läge er um 36% höher als in Luxemburg ($10,40), welches im OECD-Raum vor Frankreich ($10,20) den höchsten nationalen Mindestlohn aufweist. Gegenüber den Niederlanden ($9,20) läge der Mindestlohn um mehr als 50% und gegenüber Österreich ($6,50) sogar um mehr als 100% höher.

Die Mehrzahl der empirischen Literatur über die Wirkung von Mindestlöhnen beruht auf Erfahrungen von Ländern mit vergleichsweise tiefen Mindestlöhnen wie etwa den USA, wo der nationale Mindestlohn 2012 kaufkraftbereinigt bei 7,10 US-Dollar lag. Eine Übertragung empirischer Befunde auf die Einführung eines rund doppelt so hohen Mindestlohnes wäre daher gefährlich.

Die Einführung eines generellen Mindestlohnes von 22 Franken pro Stunde würde Lohnanpassungen für einen bedeutenden Teil der Arbeitnehmenden erzwingen. Vor allem unqualifizierte Tätigkeiten würden durch einen Mindestlohn in der Schweiz relativ verteuert, sodass mit Rationalisierungsmassnahmen der Unternehmen zu rechnen wäre. Mit negativen Beschäftigungseffekten wäre vor allem im Detailhandel, im Gast- und Beherbergungsgewerbe (Tourismus), im Reinigungsgewerbe, in der Hauswirtschaft, in der Landwirtschaft sowie bei persönlichen Dienstleistungen zu rechnen. In regionaler Hinsicht wären solche vor allem im Tessin sowie in ländlichen bzw. touristisch ausgerichteten Regionen zu erwarten.

Darüber hinaus würde der Einstieg von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt erschwert, was sich langfristig negativ auf ihre Erwerbslaufbahn auswirken könnte. Insgesamt würde die Integration einiger heute bereits benachteiligter Personenkategorien (Jugendliche ohne Berufserfahrung, Niedrigqualifizierte) zusätzlich erschwert. Die Konkurrenz um Arbeitsstellen mit niedrigen Qualifikationserfordernissen könnte sogar noch zunehmen, weil von einem erhöhten Mindestlohn ein zusätzlicher Anreiz zur Einwanderung in die Schweiz ausgehen dürfte.

).

Der Lohn widerspiegelt die Produktivität der Arbeitskraft

Auf einem wettbewerblich organisierten Arbeitsmarkt werden Arbeitskräfte – vereinfacht ausgedrückt – entsprechend ihrer Produktivität entlöhnt. Dieser Zusammenhang manifestiert sich besonders deutlich in den Lohnunterschieden zwischen Arbeitnehmenden verschiedener Ausbildungsniveaus sowie zwischen Personen mit unterschiedlich langer Berufserfahrung und Betriebszugehörigkeit. Die entsprechenden Unterschiede im mittleren Lohnniveau zeigen sich auch in verschieden hohen Tieflohnanteilen.
Die folgenden Berechnungen beziehen sich auf den Schwellenwert von 22 Franken pro Stunde statt auf eine klassische Tieflohnschwelle. Damit wird ein Bezug zur Mindestlohn-Initiative des SGB hergestellt.Während im Jahr 2010 rund 21% der Arbeitnehmenden ohne Berufsausbildung einen Stundenlohn unter 22 Franken erzielten, lag dieser Anteil bei Arbeitnehmenden mit Ausbildung auf Sekundarstufe II (Berufsausbildung oder Matura) bei 7%. Klammert man davon Arbeitnehmende aus, die eine einfache und repetitive Tätigkeit ausüben, reduziert sich der Anteil auf 5,5%. Noch tiefer lag der Anteil mit 2% bei Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss.

Tiefe Löhne sind häufig ein vorübergehendes Einstiegsproblem

23% der Jugendlichen unter 25 Jahren verdienten 2010 weniger als 22 Franken. Bei den 25- bis 34-Jährigen lag der Tieflohnanteil bei 9% und bei den 45- bis 54-Jährigen und älteren Personen bei 6%. Dieses ausgeprägte Altersprofil deutet darauf hin, dass tiefe Löhne häufiger zu Beginn der Berufslaufbahn erzielt werden, wenn die Produktivität der Arbeitskraft noch relativ gering ist. Dieses Phänomen zeigt sich auch darin, dass der Anteil an Tieflohnbezügern mit fortschreitender Dauer der Betriebszugehörigkeit sinkt. Ein Viertel aller Arbeitnehmenden, die 2010 weniger als 22 Franken pro Stunde verdienten, waren weniger als ein Jahr im betreffenden Betrieb, und mehr als die Hälfte (55%) waren dort höchstens seit zwei Jahren tätig.

Unterschiede nach Geschlecht, Nationalität und Beschäftigungsgrad…

12% der Frauen erzielten im Jahr 2010 einen Stundenlohn von unter 22 Franken. Damit waren sie häufig davon betroffen wie die Männer mit 5%. Das gleiche gilt für Ausländerinnen und Ausländer: Während 6% der Schweizerinnen und Schweizer einen Stundenlohn unter 22 Franken erzielten, waren es bei Ausländerinnen und Ausländern 14%. In den erhöhten Tieflohnanteilen beider Gruppen widerspiegelt sich einerseits deren im Durchschnitt niedrigeres Qualifikationsniveau sowie eine starke Präsenz in den Bereichen Beherbergung, Reinigung oder persönliche Dienstleistungen, die vergleichsweise tief entlohnt werden. Ein Drittel aller Stellen mit weniger als 22 Franken Stundenlohn sind zudem Teilzeitstellen mit einem Beschäftigungsgrad von weniger als 50%. Dies dürfte die überdurchschnittliche Betroffenheit der Frauen mit erklären.

… nach Branchen …

Je nach Branche fallen die Tieflohnanteile sehr unterschiedlich aus, was sich primär mit der unterschiedlichen Nachfrage nach wenig qualifizierten Arbeitskräften erklärt. Am höchsten lag der Anteil 2010 mit 51% bei den sonstigen persönlichen Dienstleistungen wie Coiffeur- und Kosmetiksalons, Wäschereien und chemische Reinigung. In der Herstellung von Bekleidung, in der Hauswirtschaft und im Reinigungsgewerbe war er mit 41%-45% ebenfalls deutlich erhöht. Über 30% betrug der Anteil ferner in der Beherbergungswirtschaft, in der Landwirtschaft, in der Gastronomie sowie in der Herstellung von Leder, Lederwaren und Schuhen. Im Detailhandel, welcher in absoluten Zahlen am meisten Stellen mit einem Stundenlohn unter 22 Franken aufwies, machen diese Stellen 14% des Totals aus. Im Durchschnitt über alle Branchen lag der Anteil bei 9%.

… und nach Regionen.

Mit 19% verdienten im Kanton Tessin mehr als doppelt so viele Arbeitnehmende weniger als 22 Franken in der Stunde als in den übrigen Grossregionen (Anteile zwischen 7% und 9%). Im hohen Tieflohnanteil des Kantons Tessin widerspiegelt sich ein im Vergleich zur restlichen Schweiz generell tieferes Lohnniveau, welches sich u.a. durch eine unterschiedliche Ausprägung der Wirtschaftsstruktur erklärt. Aus den gleichen Gründen variiert der Tieflohnanteil nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Grossregionen. Gegenüber dem Schweizer Durchschnitt war dieser etwa in touristischen Gemeinden mit rund 20% stark erhöht und in agrarischen und agrargemischten Gemeinden mit 10%-11% leicht erhöht. Deutlich tiefer lag der Anteil dagegen in einkommensstarken Gemeinden mit 5%.

Kontraproduktive Eingriffe in die Lohnbildungspolitik

Die Analyse der Tieflohnsituation in der Schweiz zeigt, dass die Lohnverteilung in der Schweiz im internationalen Vergleich im unteren Bereich der Lohnverteilung sehr ausgewogen und über die Zeit trotz Öffnung des Arbeitsmarktes gegenüber der EU stabil geblieben ist. Gleichzeitig weist die Schweiz – unter anderem dank einer flexiblen und regional differenzierten Lohnbildungspolitik – ein hohes Lohn- und Beschäftigungsniveau sowie eine tiefe Arbeitslosigkeit auf. Direkte staatliche Eingriffe in die Lohnbildungspolitik, wie sie etwa die Mindestlohn-Initiative fordert, laufen dem erfolgreichen Grundsatz der sozialpartnerschaftlichen Lohnbildung entgegen. Unterschiedliche Situationen in den Branchen und Regionen könnten nicht mehr im erforderlichen Mass berücksichtigt werden, womit zahlreiche Arbeitsplätze vor allem in Bereichen mit erhöhten Tieflohnanteilen gefährdet würden. Bezogen auf das Ziel der Armutsbekämpfung dürfte ein Mindestlohn kontraproduktiv sein (siehe Kasten 2

Zusammenhang zwischen Tieflohn und Armut

Ob ein Lohn zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreicht, kann mit den beschriebenen Tieflohnkonzepten nicht beantwortet werden. Die wirtschaftliche Situation von Individuen hängt letztlich vom verfügbaren Haushaltseinkommen und von der Zusammensetzung des Haushaltes ab. Die Höhe des erzielten Stundenlohnes der einzelnen Haushaltsmitglieder ist zwar ein relevanter aber nicht der wichtigste Bestimmungsfaktor ihrer wirtschaftlichen Situation.

Wie eine Studie des Bundesamt für Statistik (BFS) gezeigt hat, besteht ein relativ loser Zusammenhang zwischen dem Bezug eines Tieflohnes (weniger als zwei Drittel des Medianlohnes) und der individuellen Wahrscheinlichkeit, in einem armen Haushalt zu leben.a Nur rund 13% der Arbeitnehmenden, die 2006 einen Tieflohn erzielten, gehörten auch zu den Working Poor. Bei den übrigen 87% überstieg das verfügbare Haushaltseinkommen die Armutsschwelle, etwa auf Grund weiterer Einkommen anderer Haushaltsmitglieder oder dank gezielten Sozialtransfers.

Umgekehrt gehörte lediglich ein Drittel der Working Poor zu den Arbeitnehmenden mit Tieflohn. Zwei Drittel der Working Poor erzielten also einen Stundenlohn über der Tieflohnschwelle. Sie gehörten folglich eher auf Grund der Haushaltszusammensetzung (Mehrpersonenhaushalte, allenfalls mit Kindern) oder wegen eines Teilzeit-Arbeitspensums zu den Working Poor.

Die aktuellsten Zahlen des BFS zur Armutsproblematik bestätigen, dass Personen in Haushalten mit hoher Erwerbspartizipation generell die tiefsten Armutsquoten aufweisen.b Dies lässt darauf schliessen, dass eine Erwerbstätigkeit der beste Schutz gegen Armut ist. Auch Einkommen aus einer vergleichsweise tief entlohnten Arbeit können wesentlich zur Verringerung von Armut beitragen, wenn die Erwerbseinkommen durch Sozialtransfers gezielt ergänzt werden oder wenn weitere Haushaltseinkommen dazu kommen.

Dass letzteres häufig der Fall ist, lässt sich anhand einer Auswertung der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) bestätigen. 2012 erzielten 9,0% der Arbeitnehmenden einen Stundenlohn von unter 22 Franken. 80% davon lebten in einem Haushalt, in dem mindestens ein weiteres Haushaltsmitglied ein zusätzliches Erwerbseinkommen erzielte. 7% lebten alleine im Haushalt, und 13% lebten in einem Mehrpersonenhaushalt, in dem zum Zeitpunkt der Befragung kein weiteres Lohneinkommen erzielt wurde. Von allen Personen, die 2012 einen Stundenlohn unter 22 Franken erzielten, lebten 2012 insgesamt 35% noch im Elternhaus. Letzteres illustriert nochmals die hohe Verbreitung von vergleichsweise tiefen Löhnen bei Jugendlichen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn.

). Besonders wenig qualifizierte Arbeitskräfte, Jugendliche und Berufs-(wieder)einsteiger hätten voraussichtlich mit Erschwernissen bei der Arbeitsmarktintegration und einer Erhöhung des Arbeitslosenrisikos zu rechnen.

Grafik 1: «Tieflohnanteil im internationalen Vergleich, 2010»

Kasten 1: Mögliche Folgen eines Mindestlohnes von 22 Franken pro Stunde

Mögliche Folgen eines Mindestlohnes von 22 Franken pro Stunde

Der in der Initiative verlangte Mindestlohn von 22 Franken in der Stunde liegt im internationalen Quervergleich ausgesprochen hoch. Bereinigt um Kaufkraftunterschiede und ausgedrückt in US-Dollar käme er gemäss Daten der OECD bei 14,10 US-Dollar zu liegen. Damit läge er um 36% höher als in Luxemburg ($10,40), welches im OECD-Raum vor Frankreich ($10,20) den höchsten nationalen Mindestlohn aufweist. Gegenüber den Niederlanden ($9,20) läge der Mindestlohn um mehr als 50% und gegenüber Österreich ($6,50) sogar um mehr als 100% höher.

Die Mehrzahl der empirischen Literatur über die Wirkung von Mindestlöhnen beruht auf Erfahrungen von Ländern mit vergleichsweise tiefen Mindestlöhnen wie etwa den USA, wo der nationale Mindestlohn 2012 kaufkraftbereinigt bei 7,10 US-Dollar lag. Eine Übertragung empirischer Befunde auf die Einführung eines rund doppelt so hohen Mindestlohnes wäre daher gefährlich.

Die Einführung eines generellen Mindestlohnes von 22 Franken pro Stunde würde Lohnanpassungen für einen bedeutenden Teil der Arbeitnehmenden erzwingen. Vor allem unqualifizierte Tätigkeiten würden durch einen Mindestlohn in der Schweiz relativ verteuert, sodass mit Rationalisierungsmassnahmen der Unternehmen zu rechnen wäre. Mit negativen Beschäftigungseffekten wäre vor allem im Detailhandel, im Gast- und Beherbergungsgewerbe (Tourismus), im Reinigungsgewerbe, in der Hauswirtschaft, in der Landwirtschaft sowie bei persönlichen Dienstleistungen zu rechnen. In regionaler Hinsicht wären solche vor allem im Tessin sowie in ländlichen bzw. touristisch ausgerichteten Regionen zu erwarten.

Darüber hinaus würde der Einstieg von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt erschwert, was sich langfristig negativ auf ihre Erwerbslaufbahn auswirken könnte. Insgesamt würde die Integration einiger heute bereits benachteiligter Personenkategorien (Jugendliche ohne Berufserfahrung, Niedrigqualifizierte) zusätzlich erschwert. Die Konkurrenz um Arbeitsstellen mit niedrigen Qualifikationserfordernissen könnte sogar noch zunehmen, weil von einem erhöhten Mindestlohn ein zusätzlicher Anreiz zur Einwanderung in die Schweiz ausgehen dürfte.

Kasten 2: Zusammenhang zwischen Tieflohn und Armut

Zusammenhang zwischen Tieflohn und Armut

Ob ein Lohn zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreicht, kann mit den beschriebenen Tieflohnkonzepten nicht beantwortet werden. Die wirtschaftliche Situation von Individuen hängt letztlich vom verfügbaren Haushaltseinkommen und von der Zusammensetzung des Haushaltes ab. Die Höhe des erzielten Stundenlohnes der einzelnen Haushaltsmitglieder ist zwar ein relevanter aber nicht der wichtigste Bestimmungsfaktor ihrer wirtschaftlichen Situation.

Wie eine Studie des Bundesamt für Statistik (BFS) gezeigt hat, besteht ein relativ loser Zusammenhang zwischen dem Bezug eines Tieflohnes (weniger als zwei Drittel des Medianlohnes) und der individuellen Wahrscheinlichkeit, in einem armen Haushalt zu leben.a Nur rund 13% der Arbeitnehmenden, die 2006 einen Tieflohn erzielten, gehörten auch zu den Working Poor. Bei den übrigen 87% überstieg das verfügbare Haushaltseinkommen die Armutsschwelle, etwa auf Grund weiterer Einkommen anderer Haushaltsmitglieder oder dank gezielten Sozialtransfers.

Umgekehrt gehörte lediglich ein Drittel der Working Poor zu den Arbeitnehmenden mit Tieflohn. Zwei Drittel der Working Poor erzielten also einen Stundenlohn über der Tieflohnschwelle. Sie gehörten folglich eher auf Grund der Haushaltszusammensetzung (Mehrpersonenhaushalte, allenfalls mit Kindern) oder wegen eines Teilzeit-Arbeitspensums zu den Working Poor.

Die aktuellsten Zahlen des BFS zur Armutsproblematik bestätigen, dass Personen in Haushalten mit hoher Erwerbspartizipation generell die tiefsten Armutsquoten aufweisen.b Dies lässt darauf schliessen, dass eine Erwerbstätigkeit der beste Schutz gegen Armut ist. Auch Einkommen aus einer vergleichsweise tief entlohnten Arbeit können wesentlich zur Verringerung von Armut beitragen, wenn die Erwerbseinkommen durch Sozialtransfers gezielt ergänzt werden oder wenn weitere Haushaltseinkommen dazu kommen.

Dass letzteres häufig der Fall ist, lässt sich anhand einer Auswertung der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) bestätigen. 2012 erzielten 9,0% der Arbeitnehmenden einen Stundenlohn von unter 22 Franken. 80% davon lebten in einem Haushalt, in dem mindestens ein weiteres Haushaltsmitglied ein zusätzliches Erwerbseinkommen erzielte. 7% lebten alleine im Haushalt, und 13% lebten in einem Mehrpersonenhaushalt, in dem zum Zeitpunkt der Befragung kein weiteres Lohneinkommen erzielt wurde. Von allen Personen, die 2012 einen Stundenlohn unter 22 Franken erzielten, lebten 2012 insgesamt 35% noch im Elternhaus. Letzteres illustriert nochmals die hohe Verbreitung von vergleichsweise tiefen Löhnen bei Jugendlichen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Arbeitsmarktaufsicht, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Arbeitsmarktaufsicht, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern