Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Der Arbeitsmarkt ist seit der Einführung der Personenfreizügigkeit stärker in den Vordergrund gerückt. Gleich mehrere Volksinitiativen stellen für die Direktion für Arbeit mit ihren 315 Mitarbeitenden eine Herausforderung dar. Entsprechend steil ist der Einstieg für den neuen Direktor Boris Zürcher in seinem Amt.

Foto: Hannes Saxer

«Es sind ziemlich grosse Brocken, die uns da erwarten.» Angesprochen auf die grössten Herausforderungen spricht der neue Direktor für Arbeit Klartext. Der 49-jährige Boris Zürcher leitet die grösste Direktion innerhalb des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) seit Anfang August. In erster Linie sei die Direktion mit dem Vollzug – beispielsweise der Arbeitslosenversicherung – beschäftigt. Das sei eine Daueraufgabe, bei der die möglichst effiziente Dienstleistungserbringung im Vordergrund stehe, sagt Zürcher in seinem Büro an der Effingerstrasse.Während es bei der Arbeitslosenversicherung zur Zeit keine grossen Baustellen gibt, stehen jedoch einige politische Herausforderungen an – angefangen etwa mit der Referendumsabstimmung über die «Öffnungszeiten der Tankstellenshops» im September. Dabei handelt es sich um eine Änderung des Arbeitsgesetzes. Abgestimmt wird darüber, ob die Arbeitnehmenden in den Shops rund um die Uhr das gesamte Sortiment verkaufen können sollen oder nicht. Und: «Über die Mindestlohninitiative wird die Bevölkerung voraussichtlich im kommenden Jahr abstimmen», sagt Zürcher. Die Direktion verfasste kürzlich zuhanden der ständerätlichen Kommission WAK einen Bericht über die Tieflohnbranchen (vgl. S. 53 ff.). Er dient dazu, die Diskussion über die Mindestlohninitiative weiterzuführen und soll allfällige Alternativen zu einem starren Mindestlohn aufzeigen.Bei der 1:12-Initiative hat die Direktion des gebürtigen Langenthalers zwar nicht die Federführung, aber die Arbeitsmarktspezialisten bringen sich ein. Die Betreuung liegt bei der Direktion für Wirtschaftspolitik, die ebenfalls im Seco angesiedelt ist. Auch mit der Personenfreizügigkeit ist die Direktion des Ökonomen besonders gefordert. Die Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung» und die Initiative «Stopp der Überbevölkerung» sind mit dem bestehenden Freizügigkeitsabkommen nicht vereinbar. «Herausgefordert wären wir auch, wenn es ein Referendum zur Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien gäbe.»

Kehrt nicht in den «Mutterschoss» zurück

Die erste Phase seit dem Eintritt in die Direktion für Arbeit empfindet Zürcher als «Lernphase». Obwohl er bereits von 1999 bis 2002 Ressortleiter Arbeitsmarktpolitik beim Seco war und danach als wirtschaftspolitischer Berater zuerst für Bundesrat Pascal Couchepin, später für Joseph Deiss und Doris Leuthard im damaligen Volkswirtschaftsdepartement EVD arbeitete, kehre er nicht «wieder in den Mutterschoss zurück.» Vieles habe sich verändert, und er habe nun eine andere Position inne. Aber selbstverständlich profitiere er davon, was er damals gelernt und gesehen habe. Nach seinem Abgang als Direktor beim Forschungsinstitut BAK Basel im Februar hat sich Zürcher eine Auszeit genommen. Er habe viel Zeit mit seiner Familie verbracht. Sein älterer Sohn ist diesen Sommer in die Schule eingetreten, der jüngere in den Kindergarten.Zürcher sagt über sich, er sei ein politischer Mensch. Entscheide müssten fachlich gut fundiert, aber auch mit den Partnern der Arbeitsmarktpolitik abgesprochen sein, um Erfolg haben zu können. «Ich bin sehr zielgerichtet und beharrlich». Er habe eine grosse Ausdauer. Das belegt er auch mit seinem akademischen Werdegang. Der gelernte Maschinenzeichner absolvierte die Matura und das Wirtschaftsstudium bis zum Doktortitel berufsbegleitend. Ehrgeizig sei er, ja, aber er habe auch viel Glück gehabt in seiner Laufbahn.

Liberaler Arbeitsmarkt in Gefahr?

Hat man die Herausforderungen der Direktion für Arbeit vor Augen, stellt sich die Frage, ob der liberale Arbeitsmarkt der Schweiz in Gefahr ist. Zürcher betont, die politischen Initiativen seien alle legitim. Der liberale Arbeitsmarkt wäre in Gefahr, wenn grosse Teile der anstehenden Abstimmungen Erfolg hätten. «Wenn wir Mindestlöhne einführten, wäre das ein starker Verlust an Flexibilität.» Die allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsverträge sind dagegen kein Verlust an Flexibilität des Arbeitsmarktes. «Das sind ausgehandelte Löhne. Wir setzen den Stempel «eidgenössisch» nur auf etwas, das bereits existiert.»Zürcher betont, in Hinsicht auf die ökonomische Grosswetterlage gebe es trotz beachtlicher Risiken für die Schweiz keinen Grund zur Besorgnis. Im Gegenteil: Das anhaltende Beschäftigungswachstum und die relativ geringe Arbeitslosenquote im Vergleich mit dem EU-Raum sei bemerkenswert und erfreulich.

Kasten 1: Beruflicher Werdegang

Beruflicher Werdegang

Mai 2012–Februar 2013

Direktor und Chefökonom BAKBASEL Economics AG, Basel

März 2007–April 2012

Mitglied der Geschäftsleitung und Chefökonom von Avenir Suisse, Think Tank for Economic and Social Issues, Zürich

Mitte 2002–Anfang 2007

Wirtschaftspolitischer Berater der Departementsvorstehenden des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements (EVD)

Juli 1999–Anfang 2002

Chef Arbeitsmarktpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco)

Chefredaktorin, Die Volkswirtschaft

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