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Welche beruflichen Aussichten haben Industriebeschäftigte in der Schweiz, die im Rahmen einer Betriebsschliessung entlassen werden? Eine Erhebung der Universität Lausanne zeigt, dass zwei Jahre nach der Entlassung über zwei Drittel der Betroffenen wieder eine Stelle gefunden haben. Insbesondere ältere Arbeitnehmende hatten im Nachgang von Betriebsschliessungen grosse Mühe, eine Stelle zu finden. Nach Betriebsschliessungen stellt ein fortgeschrittenes Alter offenbar einen grösseren Nachteil dar als eine fehlende Ausbildung.

Foto: Keystone

Die Ankündigungen von Betriebsschliessungen sorgen in der Öffentlichkeit regelmässig für grosse Betroffenheit. Traditionsreiche Betriebe verschwinden, ganze Belegschaften werden über Nacht arbeitslos, und viele Leute sehen sich einer unsicheren Zukunft ausgesetzt. Was sind die Auswirkungen von Betriebsschliessungen im Schweizer Industriesektor auf die betroffenen Arbeitnehmenden? In einer Erhebung der Universität Lausanne wurden ehemalige Beschäftigte von fünf mittelgrossen Industriebetrieben befragt, die in den Jahren 2009 oder 2010 geschlossen wurden und ihre gesamte Belegschaft entlassen hatten. Von den insgesamt 1203 ehemaligen Beschäftigten nahmen 748 Personen an der Erhebung teil.

Zwei Drittel sind wieder erwerbstätig

Zum Zeitpunkt unserer Erhebung, also 1,5 bis 2,5 Jahre nach der Betriebsschliessung, hatten 69% der Befragten wieder eine Stelle gefunden. Für eine Mehrheit der entlassenen Industriearbeitenden scheinen somit die Beschäftigungsperspektiven durchaus intakt zu sein. Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass die grosse Mehrheit (86%) der Personen, die wieder eine Stelle gefunden haben, mit einem unbefristeten Vertrag ausgestattet sind. 17% der Befragten waren weiterhin oder – in über einem Drittel dieser Fälle – wieder arbeitslos. 8% liessen sich frühpensionieren, und 3% hatten das reguläre Pensionsalter erreicht. Weitere 3% hatten sich aus anderen Gründen aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen. Die vergleichsweise hohe Wiederbeschäftigungsrate muss in den Kontext einer relativ guten Arbeitsmarktlage gestellt werden. Im Zeitraum, welcher die Studie abdeckt, lag die offizielle Arbeitslosenquote in der Schweiz trotz Finanzkrise auf einem moderaten Niveau zwischen 3,7% (2009) und 2,8% (2011).

Geringe Unterschiede zwischen Ausbildungsstufen und Berufsgruppen

Welche Merkmale beeinflussen die Wiederbeschäftigung? Wir finden keine signifikanten Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Auch zwischen den Ausbildungsstufen sind die Differenzen geringer als erwartet. 72% der Personen mit einem Universitätsabschluss, einem Fachhochschulabschluss oder einer höheren Berufsbildung und 70% der Personen mit einer Berufslehre haben wieder eine Stelle gefunden. Bei Personen ohne post-obligatorischen Schulabschluss sind es nur geringfügig weniger (66%). Der Unterschied ist etwas grösser, wenn man statt den Wiederbeschäftigungsquoten die Arbeitslosenquoten vergleicht: Diese liegt bei 22% für Personen ohne post-obligatorischen Bildungsabschluss, bei 18% für Personen mit Lehre und bei 13% für Personen mit einem Tertiärabschluss.

Alter als Handicap für die Wiederbeschäftigung

Deutliche Unterschiede sind in Bezug auf das Alter sichtbar. Bei Personen unter 55 Jahren haben über 80% wieder eine Stelle gefunden. In der Altersgruppe zwischen 55 und 59 Jahren fällt dieser Wert jedoch auf 53%; bei den 60- bis 64-Jährigen sind es gar nur 13%. Spiegelbildlich verhält es sich mit der Arbeitslosenquote: 30% in der Altersgruppe von 55 bis 59 Jahren sowie 36% in derjenigen von 60 bis 64 Jahren waren zum Zeitpunkt unserer Erhebung arbeitslos. Zur gleichen Zeit waren weniger als 10% der Personen unter 40 Jahren von Arbeitslosigkeit betroffen. Ältere Arbeitnehmende scheinen bei einer Betriebsschliessung besonders exponiert zu sein. Im Gegensatz dazu hat die grosse Mehrheit der unter 40-Jährigen den Übergang in eine neue Stelle problemlos gemeistert.

Ein Drittel rasch wiederbeschäftigt, ein Drittel langzeitarbeitslos

Eine Analyse der Dauer der Stellensuche deutet darauf hin, dass die von einer Betriebsschliessung betroffenen Arbeitnehmenden zumeist entweder rasch wieder eine Stelle gefunden haben oder aber sehr lange arbeitslos bleiben. Ein Drittel der Personen, die aktiv eine Arbeit suchten, waren nach zwei Monaten Stellensuche bereits wieder erwerbstätig. Im Gegensatz dazu benötigte ein anderes Drittel der Befragten entweder länger als ein Jahr, um eine Stelle zu finden, oder war weiterhin arbeitslos. Im Schnitt dauerte der Suchprozess etwas länger für Frauen und Personen ohne post-obligatorische Ausbildung. Am stärksten wirken jedoch wiederum die Altersdifferenzen. Die Wahrscheinlichkeit, länger als ein Jahr auf Stellensuche zu sein, steigt mit dem Alter progressiv an: 40- bis 49-Jährige haben eine um 13% höhere Wahrscheinlichkeit, langzeitarbeitslos zu werden als die Unter-30-Jährigen. Bei 55- bis 59-Jährigen liegt diese Wahrscheinlichkeit um 30% höher.

Rückgang beim Lohn

Eine Betriebsschliessung kann die weitere Beschäftigung negativ beeinflussen oder sich nachteilig auf den Lohn auswirken. Wenn wir den Bruttomedianlohn aller Befragten in der ehemaligen Stelle mit jenem in der neuen Stelle vergleichen, beobachten wir einen Rückgang von 6294 auf 6148 Franken. Zugleich ist der Anteil der Löhne von monatlich unter 4000 Franken pro Monat von 4% vor der Entlassung auf 6% nach der Entlassung gestiegen.
Alle Angaben standardisiert für eine 40-Stundenwoche und inklusive eines allfälligen 13. Monatslohnes. Eine Analyse der Lohnveränderung für die Wiederbeschäftigten zeigt, dass der Anteil der Lohnverlierer jenen der Lohngewinner übertrifft: 55% der Wiederbeschäftigten mussten einen Lohnverlust hinnehmen, gegenüber 40%, die einen Lohngewinn verzeichnen konnten. Dabei waren die Einbussen für 28% der Wiederbeschäftigten mit über 10% erheblich, während 20% Lohnfortschritte von über 10% erzielten.

Starke Lohnverluste für ältere Arbeitnehmende

Für wen hat sich die Lohnsituation verbessert und für wen verschlechtert? Für Frauen hat sich der Lohn zwischen der ehemaligen und der neuen Stelle im Schnitt nicht verändert. Demgegenüber mussten Männer eine durchschnittliche Einbusse von 3% hinnehmen. Von den drei Ausbildungskategorien konnten einzig die Beschäftigten mit einem Tertiärabschluss ihr Lohnniveau halten. Ungelernte und Beschäftigte mit Lehre mussten hingegen einen Lohnrückgang von 4% verkraften. Die grössten Unterschiede finden wir wiederum zwischen den Alterskategorien (siehe Grafik 2). Für die jüngste Kategorie der unter 29-Jährigen hat sich der Lohn in der neuen gegenüber der ehemaligen Stelle um 8% erhöht. Dies ist nicht erstaunlich, denn diese Beschäftigten sind am Beginn ihrer Erwerbslaufbahn und profitieren von einer steil ansteigenden Lohnkurve. Die zwei mittleren Alterskategorien von 30–39 Jahren und 40–49 Jahren konnten ihren Lohn nach der Entlassung halten. Für die zwei ältesten Kohorten ist der Lohn jedoch deutlich gefallen: um 8% für die 55- bis 59-Jährigen und gar um 17% für die 60- bis 64-Jährigen. Folglich arbeiten die zwei ältesten Alterskategorien in ihrer neuen Stelle einen bis zwei Monate länger, um dasselbe Jahreseinkommen wie in der ehemaligen Stelle zu erzielen.

Bilanz: Schwererer Stand für ältere als für ungelernte Arbeitslose

Rund zwei Jahre nach der Betriebsschliessung haben zwei von drei Betroffenen wieder eine Stelle gefunden. Einer von sechs Befragten ist weiterhin arbeitslos und einer von neun ging (frühzeitig) in Pension. Das Alter scheint die Chancen, eine Stelle zu einem ähnlichen Lohn zu finden, wesentlich stärker beeinflusst zu haben als das Geschlecht, die Berufsgruppe oder die Ausbildung. Während für die Alterskohorten unter 40 Jahren der Übergang in eine neue Stelle meist problemlos ablief, hatten Erwerbstätige über 54 Jahren grosse Mühe, eine Arbeit zu finden – und mussten im Fall einer Wiederbeschäftigung meist erhebliche Lohnverluste hinnehmen.

Grafik 1: «Vorausgesagte Wahrscheinlichkeit der Wiederbeschäftigung für einen Mann mit Berufslehre nach Alter»

Grafik 2: «Veränderung des Lohnes in der neuen Stelle gegenüber der Stelle vor Massenentlassung, nach Alter»

Tabelle 1: «Erwerbssituation und Lohnveränderung nach Geschlecht, Alter und Ausbildung»

Kasten 1: Datengrundlage und regionale Unterschiede

Datengrundlage und regionale Unterschiede

Die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (Sake) ermöglicht es nicht, arbeitslose Personen zu identifizieren, die ihre Stelle aufgrund einer Betriebsschliessung verloren haben. Daher haben wir eine eigene Datenerhebung bei fünf Industrieunternehmen durchgeführt. Vier Unternehmen waren in der Grossregion Espace Mittelland angesiedelt und ein Unternehmen im Kanton Genf. Die Massenentlassungen fanden zwischen 2009 und 2010 statt. Die Erhebung fand 1,5 bis 2,5 Jahre später bei einer Stichprobe von 1203 entlassenen Personen per Post, Internet und Telefon statt. 748 Personen nahmen daran teil, was einem Rücklauf von 62% entspricht. Dieser Wert liegt deutlich über einer früheren Studie zu Massenentlassungen in der Schweiz. a Für einen Teil der Teilnehmenden wurden die Umfragedaten mit administrativen Daten der Arbeitslosenversicherung sowie der Unternehmen ergänzt.

Unsere Studie zeigt grosse Unterschiede zwischen den Regionen. Die Wiederbeschäftigungsrate für das Unternehmen in Genf liegt nur halb so hoch wie bei den vier Unternehmen aus der Region Espace Mittelland. Zudem sind auch die Lohneinbussen etwas höher für jene Befragten des Genfer Unternehmens, die wieder eine Stelle gefunden haben. Diese Differenzen erklären sich zum Teil durch die höhere Arbeitslosenquote im Kanton Genf. Zudem waren rund die Hälfte der ehemaligen Beschäftigten des Genfer Unternehmens französische Grenzgänger – und diese hatten besonders grosse Mühe, wieder eine Stelle zu finden. b

a Vgl. Weder und Wyss (2010).

b Vgl. Baumann und Oesch (2013).

Kasten 2: Veränderung des subjektiven Wohlbefindens

Veränderung des subjektiven Wohlbefindens

Wie hat sich die Betriebsschliessung auf das subjektive Wohlbefinden ausgewirkt? Unsere Umfrage befragt die Teilnehmenden nach ihrer Lebenszufriedenheit vor der Entlassung und 1,5 bis 2,5 Jahre danach. Zwei Ergebnisse sind bemerkenswert: Erstens scheinen pensionierte Personen deutlich zufriedener zu sein als Wiederbeschäftigte. Obwohl drei Viertel der Pensionierten frühpensioniert wurden und folglich weiterhin erwerbstätig sein könnten, ist ihr subjektives Wohlbefinden besser als jenes der Erwerbstätigen. Zweitens hat die Zufriedenheit der Arbeitslosen und Inaktiven stark – um einen Drittel – abgenommen. Das subjektive Wohlbefinden dieser zwei Gruppen liegt deutlich unter jenem der Erwerbstätigen. Beim Gros der Arbeitslosen handelt es sich offensichtlich nicht um freiwillige Arbeitslosigkeit. Ebenso hat sich die Mehrheit der Inaktiven nicht freiwillig vom Arbeitsmarkt verabschiedet. Rückmeldungen der Studienteilnehmenden deuten denn auch darauf hin, dass die Entlassung für einen Teil der Betroffenen schwerwiegende psychosoziale Folgen hatte.

Kasten 3: Bibliografie

Bibliografie

  • Baumann, I. und Oesch, D. (2013): Wiederbeschäftigung nach Betriebsschliessungen im Industriesektor der Schweiz, SECO-Publikation Arbeitsmarktpolitik Nr. 38.
  • Weder, R. und Wyss, S. (2010): Arbeitslosigkeit unter niedrig Qualifizierten: Die Rolle der Globalisierung. SECO-Publikation Arbeitsmarktpolitik Nr. 29.
  • OECD (2009). How Do Industry, Firm and Worker Characteristics Shape Job and Worker Flows?, in: OECD Employment Outlook. Paris, S. 117–63.
  • Oesch, D. (2013): Occupational Change in Europe. How Technology and Education Transform the Job Structure, Oxford University Press.

Assistentin am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lausanne

Professor für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lausanne

Assistentin am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lausanne

Professor für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lausanne