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Missbräuchlicher Alkoholkonsum verursacht Kosten in Milliardenhöhe

Missbräuchlicher Alkoholkonsum belastet nicht nur Betroffene, sondern die ganze Gesellschaft: 4,2 Mrd. Franken kostete der ­Alkoholmissbrauch die Schweizer Öffentlichkeit im Referenzjahr 2010. Zu diesem Schluss kommt die vom BAG in Auftrag gegebene Studie «Alkoholbedingte Kosten in der Schweiz», die seit März 2014 vorliegt. Neben Ausgaben im Gesundheitswesen oder bei der Polizei fallen die mit 3,4 Mrd. Franken bezifferten Ausfälle an Produktivität in der Wirtschaft am meisten ins Gewicht. Die ­Prävention von Alkoholmissbrauch bringt auch einen wirtschaftlichen Nutzen und kommt der ganzen Gesellschaft zugute.

Gemäss der Weltgesundheitsorganisation verursacht Alkohol über 60 Krankheiten und ist an weiteren rund 200 Krankheitsbildern beteiligt. (Bild: Keystone)

Ein Glas Wein zum Essen, ein Bier am Feierabend, ein Cocktail zu speziellen Anlässen – die meisten Menschen in der Schweiz trinken Alkohol, der in den meisten Teilen der Gesellschaft ein breit akzeptiertes Genussmittel ist. 80% der Schweizerinnen und Schweizer trinken risikoarm. Rund ein Fünftel übertreibt es aber – gelegentlich oder immer wieder. So entstehen Kosten zulasten der Wirtschaft und der Unternehmen, im Gesundheitswesen und für die Krankenkassen, bei Polizei und Justiz und somit letztlich für die Steuerzahlerinnen und -zahler.

Prävention kann helfen, ­Kosten zu ­senken

Im Bericht «Gesundheit 2020» zu den gesundheitspolitischen Prioritäten hält der Bundesrat fest, dass Gesundheitsförderung und Krankheitsvorbeugung intensiviert werden sollen.[1] Damit können auch die volkswirtschaftlichen Kosten reduziert werden, die durch unausgewogene Ernährung und mangelnde Bewegung, übermässigen Alkoholkonsum oder Tabak verursacht werden. Das Nationale Programm Alkohol, welches vom Bundesrat 2008 beschlossen wurde und unter der Federführung des BAG umgesetzt wird, nennt eine Verringerung der negativen sozialen Kosten durch Alkoholmissbrauch als eines der Oberziele. Die aktuelle Studie «Alkoholbedingte Kosten in der Schweiz» sensibilisiert die breite Öffentlichkeit für das Thema und stärkt sie im ­Bewusstsein, dass die Gesellschaft als Ganzes in der kollektiven Verantwortung steht. Schliesslich ist es die Allgemeinheit, welche die in der vorliegenden Studie berechneten Kosten begleicht. Und Prävention kann ­helfen, diese zu senken.

Das Bewusstsein für das Problem von missbräuchlichem Alkoholkonsum steigt, wenn die Kosten monetär beziffert werden können. Die Studie kommt zum Schluss, dass die Gesellschaft 4,2 Mrd. Franken Kosten trägt, welche durch Alkoholmissbrauch im Referenzjahr 2010 verursacht wurden. Davon hat die Wirtschaft 3,4 Mrd. Franken oder 80% zu tragen. Direkte Kosten im Gesundheitswesen und in der Strafverfolgung stehen mit 0,8 Mrd. Franken zu Buche. Die Gesamtkosten machen 0,7% des BIP aus. Die ausgewiesenen Zahlen belasten explizit die gesamte Gesellschaft, weil keine privaten Kosten – wie beispielsweise persönlicher Verlust an Lebensqualität oder die private Pflege eines alkoholkranken Angehörigen – mit einberechnet wurden. Jede Schweizerin und jeder Schweizer ab 15 Jahren zahlt pro Jahr durchschnittlich 613 Franken an den ­Alkoholmissbrauch.

Wegen Kater zu wenig produktiv bei der Arbeit

Die Wirtschaft kostet der Alkoholkonsum also rund 3,4 Mrd. Franken. Diese fallen indirekt an, sprich in Form von Produktivitätsverlusten. Wie kommt dieser Betrag zu­stande? Zum einen sind dies direkte Produktivitätsverluste in Höhe von 1,2 Mrd. Franken, zum anderen indirekte Produktivitätsverluste in Höhe von 2,2 Mrd. Franken. Die direkten Produktivitätsverluste fallen ­einerseits an, wenn Arbeitnehmende beispielsweise aufgrund eines Katers verminderte Leistung erbringen (Präsentismus). Andererseits können diese auch kurzfristig ausfallen (Absentismus), etwa wenn sie nach einer durchzechten Nacht zu spät zur Arbeit erscheinen und beispielsweise ihre Schicht nicht vollständig absolvieren.

Zur Berechnung dieser Produktivitätsverluste wurde eine Befragung von Personalverantwortlichen beigezogen, welche bereits 2010 für die BAG-Studie «Alkoholbedingte Kosten am Arbeitsplatz»[2] als Datengrundlage diente. Diese hatte ergeben, dass rund 2% der Beschäftigten einen problematischen Alkoholkonsum aufweisen, aus diesem Grund vier Stunden mehr pro Monat fehlen als die übrigen Arbeitnehmenden und deshalb rund 15% weniger produktiv waren. Die am meisten betroffenen Branchen waren das Gast- und das Baugewerbe, welche zu 5,1% bzw. 3,9% Angestellte mit problematischem Alkoholkonsum beschäftigen. Von den befragten ­Unternehmen gaben 14% an, ein Präventionsprogramm zu betreiben. Davon wiederum zogen 70% eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz.

Hohe Kosten durch Arbeitsunfähigkeit

Neben den direkten Produktivitätsverlusten über 1,2 Mrd. Franken gehen der ­Wirtschaft zudem 2,2 Mrd. Franken durch indirekte Produktivitätsverluste verloren (siehe Tabelle 1). Hintergrund dieser Berechnung ist die Tatsache, dass Alkoholkonsum gemäss der WHO über 60 Krankheiten verursacht und an weiteren rund 200 Krankheitsbildern beteiligt ist.[3] In der medizinischen Forschung herrscht Einigkeit, dass Alkohol auf beinahe das gesamte Organsystem negative Wirkungen aufweist. Hinzu kommen Verletzungen nach Unfällen. Daraus folgt, dass der Volkswirtschaft durch frühzeitige Todesfälle (Mortalität) sowie frühzeitige Pensionierung und Absenzen wegen Krankheit und Unfällen (Morbidität) Ressourcen und damit Wohlstand verloren geht. Die Studie verwendet methodisch den Humankapitalansatz, wie es die WHO empfiehlt und wie es in der Literatur der Gesundheitsökonomie üblich ist. Demnach wird mit einberechnet, dass durch Mortalität und Morbidität Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt fallen, was zu geringerem Wohlstand führt und somit eine Kostenwirkung zur Folge hat. So kommen die 2,2 Mrd. Franken zustande. Aus frühzeitigen Todesfällen fallen 1,4 Mrd. Franken an Einbussen an. Die Kosten der Morbidität über 0,8 Mrd. Franken werden hälftig auf frühzeitige Pensionierung sowie Absenzen infolge Krankheit aufgeteilt.

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Betroffene sind Arbeitnehmende, die aufgrund von Alkoholismus und dessen Folgekrankheiten – wie z.B. neuropsychiatrische Störungen – aus dem Arbeitsmarkt fallen und zu IV-Bezügern werden. Ein weiteres Beispiel wäre ein Verkehrsunfall, der wegen Trunkenheit am Steuer verursacht wurde und zur Folge hat, dass das Opfer wegen derVerletzungen arbeitsunfähig wird. Ausserdem gilt es zu erwähnen, dass die Studie die Nettokosten berechnete: Der positive Effekt von mässigem Alkoholkonsum bei Herz-Kreislauf-Krankheiten wurde berücksichtigt.

Weitere direkte Kosten im Gesundheitswesen und im Strafvollzug

Neben den Produktivitätsverlusten in der Wirtschaft verursacht Alkoholkonsum auch
direkte Kosten in der Strafverfolgung und im Gesundheitswesen. Bei Letzterem beläuft
sich der Gesamtbetrag auf 613 Mio. Franken. Das sind Ausgaben für die Behandlung von
alkoholbedingten Krankheiten, Unfällen und Verletzungen. Stationäre Behandlungsmethoden
(405 Mio. Fr.) wie Akutsomatik oder Psychiatrie verursachen fast doppelt so hohe Kosten wie die ambulanten (208 Mio. Fr.). Besonders teuer ist die kostenintensive Behandlung von neuropsychiatrischen Störungen wie dem Alkoholentzugssyndrom oder Verhaltensstörungen, die durch Alkoholmissbrauch ausgelöst wurden. Diese Störungen machen zusammen mit den Kosten infolge von Unfällen bzw. Verletzungen rund drei Viertel der alkoholbedingten Kosten im  Gesundheitswesen aus.

Übermässiger Alkoholkonsum begünstigt zudem das Begehen von Straftaten wie Gewalthandlungen oder Trunkenheit am Steuer. Dies belastet die öffentliche Hand in den Bereichen Polizei, Justiz und im Strafvollzug mit 251 Mio. Franken. Fast die Hälfte dieser Kosten fällt bei der Polizei an (113 Mio. Franken). Die wegen alkoholbedingter Straftaten verurteilten Gefängnisinsassen kosten 75 Mio. Franken. Die Justiz hat einen gesellschaftlichen Kostenanteil (64 Mio. Franken), weil hier nur die ungelösten Fälle Ausgaben verursachen. Die überführten Straftäter tragen in der Regel die Verwaltungsaufwendungen selbst. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass in der Strafverfolgung die Kosten in Tat und Wahrheit noch höher sind. So sind erhöhte Polizeiaufgebote bei Grossveranstaltungen oder Fussball- und Eishockeyspielen ebenso wenig berücksichtigt wie Verkehrskontrollen durch die Polizei. Wie hoch genau der alkoholbedingte Anteil ist, kann aber aufgrund der Datenlage nicht herausgefiltert werden.

Wer bezahlt die alkoholbedingten ­Kosten?

Wo Kosten entstehen, müssen diese auch beglichen werden. In der Wirtschaft fallen 3,4 Mrd. Franken an, wobei je 1,7 Mrd. zulasten der Volkswirtschaft im Allgemeinen sowie der Unternehmen gehen (siehe Tabelle 2). Die Kosten für die Volkswirtschaft fallen ausnahmslos durch indirekte Produktivitätsverluste infolge von Morbidität und Mortalität an. 0,5 Mrd. der total 2,2 Mrd. indirekten Produktivitätsverluste fallen zulasten der Unternehmen an, welche Arbeitskräfte wegen Krankheit, frühzeitiger Todesfälle oder Pensionierungen ersetzen müssen. Mehr ins Gewicht fallen für die Unternehmen die direkten Produktionsverluste in der Höhe von 1,2 Mrd. Franken, welche vollumfänglich ­ihnen anhaften.

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Die öffentliche Hand – und somit der Steuerzahler und die Steuerzahlerin – tragen Kosten in Höhe von 387 Mio. Franken. Diese setzen sich zusammen aus den kompletten Ausgaben bei der Strafverfolgung sowie einem Teil der Kosten im Gesundheitswesen. In der Strafverfolgung sind es die Steuerzahler, welche die Kantonspolizei, Gefängnisse oder Gerichte finanzieren. Im Gesundheitswesen kommen neben dem Staat auch die Krankenkassen für die Kosten auf. Zwei mögliche Beispiele für die Kosten im Staatswesen: Ein Opfer eines Unfalls, welcher durch Trunkenheit am Steuer verursacht wurde, muss in die Notaufnahme eines öffentlichen Spitals eingeliefert werden. Oder eine alkoholabhängige Person muss wegen ihrer Krankheit Pflege von der öffentlich finanzierten Spitex in vergleichsweise jungem Alter in Anspruch nehmen.

Mehr noch als die öffentliche Hand begleichen die Sozialversicherungen die direkten Kosten im Gesundheitswesen. Sie sind mit 298 Mio. Franken der grösste Kostenträger. Hier tauchen auch private Kosten in Form von Krankenkassenfranchisen und -selbstbehalten in Höhe von 179 Mio. Franken auf, welche aus Gründen der Methode und der Datenlage nicht abgezogen worden sind. Ansonsten sind die privaten Kosten wie beispielsweise die Pflege eines oder einer ­alkoholkranken Angehörigen nicht inbegriffen. Auch die immateriellen oder die intangiblen Kosten – wie persönliches Leid, Schmerz oder der Verlust an Lebensqualität – sind private Lasten, die nicht berücksichtigt wurden und zudem schwer zu berechnen wären.

Fundierte Aussagen zur Kostenentwicklung sind nicht möglich. Zwar existiert eine Studie zu den alkoholbedingten sozialen Kosten in der Schweiz.[4] Eine Vergleichbarkeit ist jedoch sehr schwierig, da zum einen die wissenschaftlichen Methoden den internationalen Standards entsprechend aktualisiert wurden. So sind zum Beispiel – im Unterschied zur Studie von 2003 – in der aktuellen Untersuchung die immateriellen Kosten nicht berücksichtigt. Zum anderen wurden divergierende Datengrundlagen verwendet. Dank der Umfrage sind erstmals überhaupt Daten von Personalverantwortlichen der Unternehmen vorhanden, mit denen sich die direkten Produktivitätsverluste errechnen lassen.

  1. Ziel 1.3. []
  2. Telser et al. (2010). Alkoholbedingte Kosten am Arbeitsplatz. Studie im Auftrag des BAG. Polynomics. []
  3. WHO (2011): Global Status Report on Alcohol and Health. []
  4. Jeanrenaud et al. (2003). []

Sektion Alkohol, Bundesamt für Gesundheit BAG

Die negativen Folgen des Alkoholmissbrauchs

Im Rahmen des Nationalen Programms Alkohol (NPA) unterstützt das BAG zusammen mit einer breit abgestützten Allianz zahlreiche Projekte. Diese sollen helfen, die gesellschaftlichen Kosten des Alkoholmissbrauchs zu reduzieren. Die Studie zeigt auf, dass gerade für Unternehmen sehr hohe Kosten durch missbräuchlichen Alkoholkonsum entstehen. Dank Präventionsprogrammen können Kosten reduziert werden. Die Plattform www.alkohol­amarbeitsplatz.ch bietet unter anderem Informationen und Unterstützungsmassnahmen für Präventionsprogramme in Unternehmen.

Im Gesundheitswesen laufen ein Projekt zur Stärkung der Selbsthilfe sowie ein Förderungsprogramm zur Kurzintervention von Hausärzten, welche beide die Verminderung von alkoholbedingten Problemen zum Ziel
haben. Zudem wird ein Modellprojekt für Spitaleinweisungen bei Alkoholintoxikationen entwickelt. Damit soll die Zusammenarbeit zwischen Experten aus Medizin und Suchtberatung sowie Alkoholpräventionsfachleuten, Betroffenen und deren Eltern systematisiert werden. Heute wird der Prozess bis zur Entlassung von Spital zu Spital unterschiedlich gehandhabt. Das Modell basiert auf wissenschaftlicher Evidenz und soll die Effektivität steigern, womit auch eine Kostenwirkung zu erwarten ist. Weiter wurden Grundlagen zum Thema Alkohol und Gewalt sowie Jugendschutzkonzepte für bewilligungspflichtige Anlässe erarbeitet. Dank der Ausweitung von Testkäufen und Schulungen des Verkaufspersonals soll der Vollzug des ­gesetzlichen Abgabealters verbessert werden. Zahlreiche Projekte widmen sich der Sensibilisierung der Bevölkerung für die Gefahren des Alkoholmissbrauchs. All diese Massnahmen zeigen: Die Prävention ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, die letztlich sowohl den Betroffenen wie auch der ganzen Gesellschaft zugutekommt.

Sektion Alkohol, Bundesamt für Gesundheit BAG