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Big Data – die Schattenseite der Informationswirtschaft?

Die volkswirtschaftliche Relevanz von Big Data beginnt bei der Produktion der Daten. Dafür verantwortlich ist in erster Linie das selbst vermessende, dokumentierende und inszenierende Individuum. Zu den Gewinnern von Big Data gehört, wer die entsprechende Hard- und Software produziert. In den nächsten Jahren wird die Digitalisierung einen zusätzlichen Schub erhalten. Die Daten produzieren einen Bedarf an Verarbeitung, Analyse und der Interpretation. Neben IT-Providern ist an Statistiker, noch mehr aber an Unternehmensberater zu denken, die Konzernen bei der Aufbereitung und der Interpretation der Daten behilflich sind.

Um die Datenberge sind zahlreiche Startups entstanden, welche die Inhalte der Daten sowie deren Ästhetik vermitteln. Durch die steigende Transparenz und die Enthüllungen rund um die NSA, die nationale Sicherheitsbehörde der USA, verstärkt sich der Bedarf an Datensicherheit. Hier bietet sich eine grosse Chance für Schweizer Unternehmen, steht doch die Schweiz seit je für Sicherheit, Diskretion und Stabilität. Auch die bewusste Abgrenzung vom Digitalen wird neue Beschäftigungsfelder schaffen. Gerade im Tourismus wird es Betriebe geben, die sich damit vermarkten, dass sie keinen Zugang zum Internet bieten und keine Daten über ihre Gäste sammeln.

Big Data als Produktions- und Managementinnovation

Big Data begründet eine neue Managementphilosophie. Unternehmen glauben, durch ein datengetriebenes Management Kosten zu sparen und Innovationspotenziale zu entdecken. Big Data ist deshalb wesentlich eine Managementinnovation, die weniger etwas mit dem Was der Wertschöpfung zu tun hat, sondern etwas mit dem Wie. Auch diese branchenunabhängige Veränderung der Produktion ist volkswirtschaftlich relevant. Erstens entstehen durch die Transformation der Unternehmensführung neue Aufträge für Unternehmensberater sowie Aus- und Weiterbildungsinstitutionen.

Durch Big Data sollen die Ressourcen in Wirtschaft und Verwaltung effizienter genutzt werden: Der Versand, das Gesundheitssystem, die Abfallentsorgung und sogar das Humankapital sollen effizienter werden. Big Data wird genutzt, um unpassende Mitarbeitende auszusortieren und die übrig bleibende Arbeitskraft möglichst produktiv zu nutzen. Die Integration von Big Data in die Produktion ist also zweitens volkswirtschaftlich relevant, weil sie menschliche Wertschöpfungspotenziale zerstört.

Exponentieller Strukturwandel

Die Verfügbarkeit der Daten läutet eine neue Epoche der Wissensökonomie ein: Die Daten stellen einerseits eine neue Ressource dar und verändern anderseits im Sinne des technologischen Fortschritts die Produktionsbedingungen. Das gilt insbesondere für den dritten Sektor. Big Data führt zu einer weiteren Industrialisierung der Dienstleistungen, wobei Maschinen die Menschen auf den Arbeitsplätzen verdrängen. Im Arbeitsmarkt duellieren sich immer mehr Algorithmen mit menschlichen Arbeitskräften. Es stellt sich also die Frage, ob der exponentielle Verlauf des technologischen Fortschritts nicht zwingend eine laufende Erhöhung der strukturellen Arbeitslosigkeit mit sich bringt.

Bisher zeigt sich, dass Big Data die Transparenz im Arbeitsmarkt erhöht. Das führt zu einem «perfekteren» Arbeitsmarkt und zu einer Ökonomisierung der Arbeit. Gewinner der neuen Epoche in der Wissensökonomie sind die Hochqualifizierten, da die Produktion und die Verwertung der Daten hohe Anforderungen stellen. Weil es auch in Zukunft viele Aufgaben gibt, die von keiner Maschine erledigt werden können, ist auch die Arbeit für handwerkliche Berufe und flexible Niedrigqualifizierte gesichert. Verlierer sind Arbeitskräfte mit einem mittleren Qualifikationsniveau, die entweder über- oder unterqualifiziert sind oder – anders ausgedrückt – ihre relativen Vorteile gegenüber der Maschine verlieren.

Bessere Lebensqualität, weniger Arbeitsplätze

Um zu einer Bilanzierung von Big Data zu kommen, müsste man diese wertschaffenden und -zerstörenden Effekte bewerten. Auf den ersten Blick scheint die Schweiz durch Offline-Tourismus, Datenverschlüsselung und -speicherung sowie als Hub der Managerausbildung von Big Data profitieren zu können. Doch ist fraglich, ob auf lange Sicht die durch Managementinnovation ausgelöste volkswirtschaftliche Wertminderung tatsächlich kompensiert wird. Man kann Big Data als Schattenseite der Informationswirtschaft betrachten, führt doch der technologische Fortschritt dazu, dass unsere Organisationen quasi übereffizient werden. Das steigert zwar die Lebensqualität, ist aber nicht wirklich geeignet, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Dr. oec. HSG, Wissensfabrik, Dulliken

Literatur

  • Mc Kinsey (2011): Big Data: The Next Frontier for Innovation, Competition, and Productivity.
  • Wissensfabrik (2013): Big Data Mining im HRM.
  • Wissensfabrik (2013): Zukunft des Arbeitsmarkts.
  • Wissensfabrik (2014): Trennlinien der künftigen Arbeitswelt.

Dr. oec. HSG, Wissensfabrik, Dulliken